Euro Scene.

60 Minuten Hochenergie. Auf Zehenspitzen stampfen die muskulösen Gestalten über die Bühne, formen sich zum Schwarm. Immer wieder unterbrechen individuelle Bewegungen den Gleichklang, brechen aus der kollektiven Leistungsmaschine aus. Eine unermüdliche Stunde lang setzt das pulsierende Ensemble das Publikum unter Starkstrom. Unter den treibenden Beats elektronischer Musik zeigen 17 Performer in hochpräzisen Bewegungen, wie sich Athletik und Ästhetik im Tanztheater vereinen. Keine Atempause ist den Tänzern in “Soul Chain” gegönnt, für das die israelische Choreografin Sharon Eyal viele Facetten der Liebe in ein überwältigendes Bewegungskunstwerk gegossen hat. Ihre Verkettung von Einzelseelen und -körpern ist der Höhepunkt einer spektakulären Neuauflage des Leipziger Euro-Scene-Festivals, das Kunstschaffende wie Publikum ausgiebig feierten.
Klimakatastrophe, Kriege, Kolonialismus: Die Euro-Scene hat vieles auf der Agenda und die Programmauswahl erweist sich als exquisit. Sieben der zwölf Produktionen sind erstmalig in Deutschland zu sehen, darunter drei Uraufführungen.
Es ist Intendant Christian Wattys zweite Festival-Ausgabe. Da sie 2021 pandemiebedingt nur abgespeckt stattfand – erwähnte Produktion “Soul Chain” etwa musste absagen -, ist es seine erste “richtige” Euro-Scene. Und die geballte Theaterladung ging voll auf. Sah man Watty an den sechs Tagen zwischen den Vorstellungen an den sieben Spielorten herumwuseln, wusste man nie, ob er einfach nur selbst begeistert ist oder fassungslos über die Begeisterung des Publikums. Denn dieses kannte meist kein Halten in seinen Beifallsstürmen und stehenden Ovationen. Im Schauspiel Leipzig zum Beispiel waren nach langer Zeit wieder die Ränge für zahlendes Publikum geöffnet und der große Saal mit weit über 600 Plätzen mehrfach ausverkauft.
Auf dieser großen Bühne erweist sich auch das Stück “My Land” von Bence Vági als bedrückend brillante Komposition. Der ukrainische Choreograf rief Artisten aus verschiedenen Teilen seiner Heimat zusammen, um deren Vielfalt künstlerisch abzubilden. Das war vor dem Krieg. Mit dem russischen Überfall wurde das Stück politisch: Und ein Akt des Widerstandes, denn es zeigt, was es laut Putin nicht gibt, ukrainische Kultur nämlich. Die bereits international gefeierte Mischung aus Tanz und Neuem Zirkus zeigt Leipzig eindrucksvoll, wie fruchtbar diese Verbindung ist – und wie richtig es ist, dass etwa das Freie-Szene-Theater Lofft Leipzig sie schon länger verfolgt. Neuer Zirkus fügt klassische Artistik in theatrale Formate, die sich von bloßen Nummernrevuen unterscheiden. Hier fliegen Jonglierbälle über die Bühne, wird auf Leitern und einarmig balanciert, erfolgen Radschläge ohne Einsatz der Hände. Und doch sind alle Kunststücke integriert in eine Choreografie.
Tanz trifft auch in “Ubuntu Connection” auf Artistik. Die Neukonzeption des Euro-Scene-Wettbewerbs basiert auf kollektiven Battles, also getanzten Duellen. Die 16 Teilnehmer werden nach einer Vorstellungsrunde zu Zweierteams zusammengestellt, die gegeneinander antreten. Nach jedem Gefecht dürfen sie aus dem Verliererteam eine Person in ihrer Gruppe aufnehmen. So stehen sich im Finale fünf gegen fünf gegenüber, werden Breakdance-Bewegungen gegen Rollschuhakrobatik und Diabolo-Würfe ausgespielt. Da alle Teilnehmenden das gleiche Preisgeld erhalten, ist die Konkurrenz rein künstlerisch und nicht verbissen. Die Tänzer feiern sich gegenseitig und das Publikum ist derart ausgelassen, dass man von einem Fest sprechen muss. Das kann für die Euro-Scene insgesamt gelten. Lange schon war Theaterlust in Leipzig nicht mehr so greifbar wie auf diesem Festival.



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Von Veritatis

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