von Eda Luíz, Brasilien

Wenn die Menschen fragen, wer ich bin, dann sage ich: „Ich bin Großmutter, ich bin Mutter, ich habe eine sehr große Liebe für alle und alles im Universum, und ich habe immer dafür gearbeitet, Angst durch Vertrauen zu ersetzen.“

Ich war Lehrerin in einer staatlichen Schule, aber mir hat dort vieles nicht gefallen. Ich habe mich dagegen aufgelehnt und galt als Verrückte. Nach 35 Jahren als streitbare Lehrerin hat man mir gesagt, wenn ich schon etwas anders machen wolle, könnte ich in einer Favela von São Paulo eine Schule aufbauen. Es sollte eine Schule werden für Menschen, die von konventionellen Schulen ausgeschlossen worden oder nie zur Schule gegangen waren, weil sie arm, kriminell, drogenabhängig oder behindert waren oder einfach auf der Straße lebten. Es gibt viele solcher Menschen am Rande der urbanen Ballungszentren, in den Slums. Es sind nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene, und die meisten von ihnen lernen nie lesen und schreiben.

Sie dachten, das wäre jetzt das Ende meiner Laufbahn und sie seien mich los. Aber dieses Ende erwies sich in Wahrheit als Anfang. Ich nahm die Herausforderung an. Man stellte mir ein Haus und ein kleines Gelände zur Verfügung, auf dem ich als Erstes viele Bäume pflanzte. Am Eingang ließ ich ein großes Transparent aufhängen, auf dem steht: „Gut, dass du da bist.“

Ich lud das ganze Viertel ein, gemeinsam mit mir eine Schule aufzubauen. Ich fragte die Schüler, was für eine Schule sie bräuchten, um wieder einzusteigen, und sie sagten, es sollte eine Schule ohne Bankreihen sein, ohne festgelegten Lehrplan und ohne Lehrer. Wir begannen mit 800 Menschen, heute hat die Schule 1.800 Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen, von 5 bis 89. Die Schule ist von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr abends offen, und so lange bin ich auch dort. Wir servieren täglich 500 Mittagessen und 800 Abendessen, für Schüler und alle Menschen der Favela, die wollen. Wir haben 92 feste Angestellte, Lehrer, Köche, Fahrer, Putzhilfen, Verwaltungskräfte und ein Heer von Freiwilligen.

Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch lernen will. Wenn wir Schüler aufnehmen, führen wir mit ihnen ein erstes Aufnahmegespräch. Es geht uns nicht darum, zu prüfen, was sie nicht wissen. Wir wollen herausfinden, was sie bereits wissen.

Diejenigen auf einem ähnlichen Wissensstand bilden zusammen eine Gruppe. Jedes Jahr formen sich so etwa 80 Gruppen von 10 bis 20 Schülern aus verschiedenen Altersstufen und mit verschiedenen Begabungen.

Es geht immer um Vielfalt. Wir nehmen alle auf. Mit 300 Schülern haben wir von allen Schulen Brasiliens den größten Anteil an Behinderten. Es sind blinde, taube, gelähmte Menschen — alles Menschen mit besonderen Begabungen. Diese Schüler werden nicht gesondert unterrichtet, sondern sind Teil von Lerngruppen auf ihrem Wissensstand. Sie können in unserer Schule Blindenschrift oder Zeichensprache lernen. Alle sind Teil einer Gruppe, alle lernen gemeinsam.

Der Anteil an Frauen und Mädchen auf unserer Schule liegt bei fast 75 Prozent. Unsere Älteste ist 89, sie war zeitlebens eine dieser Haushälterinnen, die von ihren Arbeitgebern fast unter Sklavenbedingungen gehalten werden; ihr großer Lebenstraum war es, lesen und schreiben zu lernen. Jetzt hat sie es geschafft.

Ich fragte von Anfang an die Schüler: Was wollt ihr lernen, und wie wollt ihr es lernen? Daraus stellen wir den Lehrplan zusammen. Am Anfang eines Schuljahres gibt es eine Versammlung, wo das Hauptthema des Jahres gewählt wird. Es muss ein Thema sein, das der umliegenden Gemeinschaft hilft. Weil wir gerade eine politisch schwere Zeit in Brasilien durchlaufen, hätte ich gedacht, dass in diesem Jahr „Politik“ gewählt wird. So war es aber nicht. Die Schüler wählten „Gesundheit“.

Die Gruppen erarbeiten jeweils ein spezifisches Problem und entsprechende Fragen. Die Lehrer erstellen daraus ein Curriculum, das all diese Fragestellungen behandelt. So arbeiten Schüler und Lehrer zusammen. Der Lehrer hat bei uns eher die Funktion eines Moderators, der den Lerngruppen zeigt, wie und wo sie sich das Wissen selbst erarbeiten können.

Die Lehrer nehmen sich einen Nachmittag in der Woche, wo sie sich untereinander zur Fortbildung treffen, denn auch sie müssen immer weiter lernen. In diesen Treffen behandeln wir auch Problemfälle und entscheiden uns für Lösungswege. Am gleichen Nachmittag gibt es für die Schülerinnen und Schüler viele Angebote wie Tanz, Taekwondo, Sport, Kosmetik, Capoeira, Musik, Theater und vieles mehr. Alles ist Teil ihrer Ausbildung.

In den Anfangsjahren kam die Bezirksregierung eines Tages auf die Idee, dass diese Schule nicht zweckdienlich sei und geschlossen werden solle. Ich habe daraufhin intensiv die Gesetzgebung studiert und bin dabei auf einen Paragraphen gestoßen, mit dem die Kreativität und Autonomie der Schüler gefördert werden sollte. Ich ging zu den Verantwortlichen und fragte sie: „Wissen Sie, was damit gemeint ist?“

Sie wussten es nicht. Ich glaube, die Regierung kennt ihre eigenen Gesetze nicht. Ich sagte: „Ich aber weiß es. Kreativität und Autonomie sind die wichtigsten Ressourcen unserer Schule.“

Doch der Tag der Schließung rückte näher. Sie wollten in Form einer Abstimmung darüber entscheiden. Wie so oft in solchen Situationen kam mir die Intuition zu Hilfe. Zwei Tage vor der Abstimmung bin ich in den Bezirksrat gegangen und habe jedem einzelnen der 120 Abgeordneten eine Beschreibung der Schule gegeben. Sie hatten bis dahin noch keine wirkliche Information über uns erhalten. Ich habe beschrieben, wie wir die Kreativität und Autonomie der Schüler fördern und so das Gesetz einhalten. Das hat sie begeistert, und so haben sie tatsächlich mehrheitlich für den Erhalt der Schule gestimmt.

Inzwischen ist unsere Schule die Nummer eins in Brasilien, was die Ausbildung von Schulverweigerern, Straßenkindern und Bildungsfernen angeht. Sehr viele ehemalige Drogenabhängige und Straßenkinder konnten durch unsere Schule ihr Leben verändern. Viele sind ihrerseits zu Helfern geworden. Andere machen Schulabschlüsse und gehen später zur Universität.

Mein Geheimnis ist, dass ich nie aufgegeben habe. Es war nicht immer leicht. Nur mein Kissen weiß, wie oft ich mich in den Schlaf geweint habe. Aber wenn man mit einem Problem schlafen geht und sich für die eigene Intuition öffnet, dann kommt irgendwann die Inspiration — und der folge ich, auch wenn sie verrückt erscheint. Das hat mir immer geholfen.

Ich möchte allen Menschen, ob jung oder alt, Mut machen: Hört auf die Stimme in eurem Herzen. Ich glaube, dass jeder Mensch sie kennt. Auch wenn sie am Anfang noch so leise ist, auch wenn sie noch so abwegig erscheinen mag: Folgt ihr! Lasst euch nicht davon abbringen! Tut, was sie sagt! Tut es!


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Eda Luiz (rechts) im Gespräch mit Sabine Lichtenfels aus dem Friedensforschungszentrum Tamera, Portugal

Eda Luiz, ist heute 75, und Lehrerin. Vor 20 Jahren gründete sie in einem Slum in São Paulo eine Schule für Kinder und Erwachsene, die der Staat bis dahin vergeblich zu beschulen versucht hatte. Die Schule CIEJA („Centro Integrado de Educação de Jovens e Adultos“, portugiesisch für „Integriertes Ausbildungszentrum für Jugendliche und Erwachsene“) in Campo Limpo ist heute im ganzen Land ein Vorbild für freies Lernen, Erwachsenenbildung und inklusive Pädagogik. Dona Eda ist außerdem Partnerin des Instituto Favela da Paz.


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Von Veritatis

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