Der ehemalige Bundestrainer Joachim Löw hat vor vielen Jahren einmal etwas sehr Kluges gesagt: Nach einer Weltmeisterschaft seien 31 Nationaltrainer traurige Menschen. Denn sie haben ihr Ziel verfehlt, den Titel zu gewinnen. Deswegen machen sie in der Regel Schluss, gehen in einen langen Urlaub und suchen sich dann was anderes. Glücklich ist am Ende eines Turniers nur einer: der Trainer des Champions. Dass auch dem dringend geraten sein sollte, abzutreten, das hat Joachim Löw nicht gesagt. Da kannte er auch die Versuchung noch nicht, den Gedanken, dass das doch immer so weitergehen könne mit den Erfolgen, wenn man den Schlüssel gefunden hat. Er ist weder 2014 aus bester Position noch 2018 aus der schlechtesten heraus gegangen.

Nun geht wieder eine Weltmeisterschaft zu Ende, wieder laufen Verträge aus, wegen der in den Winter verlegten WM waren sie meist auf den 31. Dezember 2022 datiert. Man wundert sich ein wenig, wie Trainer von Ländermannschaften, die ja nicht mit täglicher Arbeit auf einem Rasenplatz ausgelastet sind, nach ein paar Spielen in sich zusammensacken – und ebenso erstaunlich ist die Passivität der Verbände, die selten um jemanden kämpfen, den sie zum Heilsbringer ausgerufen haben. Dabei gelten Trainer ja als der zentrale Faktor im modernen Fußball.

Doch werfen wir mal einen Blick auf diese spezielle Spezies des Nationaltrainers. Worin besteht sein Tun, was kann er überhaupt ausrichten, wo er doch nur ein Endverwerter der Vorleistungen anderer ist? Wer in Deutschland dieses Amt annimmt, ist am besten dran, wenn er es einfach laufen lässt. Im Turnier ist der deutsche Bundestrainer ein Wohlfühl-Koordinator, der großzügige Familienbesuchszeiten einräumt. Und er muss so spielen, wie es der FC Bayern München gewohnt ist, weil von dort immer die meisten Nationalspieler kommen. Würde der Bundestrainer mal etwas ganz anderes machen wollen und darum weniger Münchner nominieren, würde in München umgehend eine Pressekonferenz zum Grundgesetz einberufen.

Aber das ist nicht überall so. Einen viel stärkeren Einfluss als Hansi Flick auf die deutsche Mannschaft hatte Luis Enrique auf die spanische. Der ehemalige Spieler von Madrid und Barcelona hat seine Vorstellung vom Spiel, die unumstößlich ist. Wenn der Ball nicht an die 1.000-mal von Spieler zu Spieler gepasst wurde, war es kein Spiel. Bei der WM 2022 erwies sich dieses Vorgehen mit jeder Partie als aussichtsloser. Zum fünften Mal in Folge, Europa- und Weltmeisterschaften zusammengenommen, sind die Spanier an ihren Ballstafetten erstickt. Nach dem torlosen Ausscheiden gegen Marokko – nicht einmal einen Elfmeter konnten sie verwandeln – gratulierte Luis Enrique seiner Mannschaft aber dazu, dass sie sich an Stil und Philosophie gehalten hatte. Wenn der Trainer in einer Ideologie gefangen ist, kann er alle mit in den Abgrund reißen. Jetzt wurde er entlassen. Zu spät.

Man sollte ruhig den Mut eines Louis van Gaal haben. Schon weil der Konflikt sein Lebenselixier ist, hat er sich mit den Kulturbewahrern in den Niederlanden angelegt. Den „Totaal Voetbal“, den van Gaal einst miterfand, hat er eingemottet, weil er zum Pragmatiker geworden ist. In seiner Mannschaft will sich deswegen keiner mit ihm anlegen, van Gaal droht sonst mit „Küssen auf den Mund“. Die Show des 71-jährigen Egomanen war wunderbar, auch wenn sie zu früh endete.

Traineraufsteiger dieser WM ist Walid Regragui, der Marokkaner. Großartiger Prediger, er versammelte Afrika und die arabische Welt hinter seiner Mannschaft. Deren Coach ist er erst seit dreieinhalb Monaten, vielleicht ist der Erfolg einfach nur Zufall. Er sollte aufhören und glücklich bleiben.



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Von Veritatis

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