Eine Brücke zu bauen kann ziemlich sinnlos sein, wenn darauf nur die sprichwörtlichen zwei Hammel Horn an Horn den Durchgang versperren. Anhand einer Satire von Jan Böhmermann lässt sich gut darstellen, was in unserer Debattenkultur schiefläuft.

Online-Tiraden, faktenfernes Politikergewetter oder Am-Thema-Vorbei-Talkshows: Wie malade die Debattenkultur hierzulande ist, kann man ja seit einigen Jahren an immer neuen Beispielen sehen. Und die Klagen über diesen Zustand reißen auch nicht ab: Das, da ist man sich im Kern schnell einig, dürfte nicht so sein. Da dieses “Das darf nicht sein!” aber oft auch eines der “Hauptargumente” in den meisten Streitabläufen ist und dabei seine Untauglichkeit längst bewiesen hat, lohnt sich ein Blick auf die Ursachen: Warum schaffen wir es immer seltener, gut zu debattieren?

Fehlender Respekt?

Auf den ersten Blick scheint es am fehlenden Respekt für das Gegenüber zu liegen: “Wir müssen aufhören, andere Meinungen zu hassen”, schrieb der Virologe Hendrik Streeck dazu kürzlich in einem Beitrag für die “Zeit”. Das klingt gut, ist aber zur Hälfte falsch: Natürlich geht es darum, dass man eine Meinung des Gegenübers ablehnt und widerlegen will. Genau dafür ist die Debatte ja das geeignete Werkzeug. (Dass dabei auch Emotionen im Spiel sind, macht die Sache sicher nicht leichter, muss aber eben auch immer mit gehandhabt werden.)

Das Problem ist stattdessen, dass sich immer mehr Menschen genau dieser Debatte entziehen und dabei im fruchtlosen Streit enden: Jeweils einen inhaltsunabhängigen Respekt einfordernd, stehen die Parteien dann wie zwei Hammel auf der Brücke, die zu bauen ja eine gute Idee ist, und machen sie durch die Weigerung, zu weichen, unpassierbar. Damit stellt man die Meinung über das Argument und damit letztlich über die Fakten und einen Konsens, der auf diesen beruhen könnte beziehungsweise muss, und dazu gibt es zwei todsichere Mittel: Dummstellen oder Verkomplizieren. An zwei Beispielen aus der jüngsten Zeit kann man dabei ganz gut ablesen, wie tief diese problematischen Mechanismen mittlerweile verankert sind.

Böhmermanns Plakat

Nehmen wir etwa den Skandal um das “Fahndungsplakat” von Jan Böhmermann: Der Komiker hatte auf satirische Weise unter anderem FDP-Politiker und bekannte rechtskonservative Journalisten im Stil der ikonischen RAF-Polizeiposter als “Lindner/Lehfeld-Bande” abgebildet. Es folgte eine Empörungswelle: Die Abgebildeten seien mit Terroristen gleichgesetzt worden. Dabei konnte jeder, der schon mal in der Schule ein Gedicht interpretieren musste, an sich leicht nachvollziehen, dass Böhmermann in seiner Sendung anhand dieses Plakates eigentlich eine unredliche Art von Beweisführung in aktuellen Diskussionen kritisierte, bei der vermeintliche Zusammenhänge anhand kleiner, falsch verknüpfter Schnipsel zu jedem beliebigen Ergebnis hingebogen werden. Nach dem Motto: Studenten sind oft linksradikal, Linksradikale sind oft bei Social Media aktiv – Christian Lindner war Student und nutzt sehr aktiv Social Media, also muss Lindner linksradikal sein. Das Plakat zeigte dabei die Absurdität der offensichtlich falschen Schlussfolgerung. Doch statt darüber zu debattieren, taten viele Beteiligte, darunter etliche der Abgebildeten, so, als wäre ernsthaft jemand mit der RAF verglichen worden: Menschen wie besagter Streek oder “Welt”-Journalistin Anna Schneider, denen man unterstellen muss, dass sie ein derartig simples Mittel durchsteigen. Mit “Dummstellen” kann man da jedoch aus der Debatte aussteigen und ihr Thema killen.

Sachsens Linke und die Auslegung des Feminismus

Das andere Beispiel lieferte Sachsens Linke bei einer in Connewitz. Dass die Partei aktuell arg mit sich ringt, ist bekannt – doch bei einer Diskussionsrunde zur Neuausrichtung kam es unter diversen Linkengruppen zu Gegenprotesten, bei denen es um die richtige Auslegung des Feminismus ging, was hernach in sozialen Netzwerken so ins Details getrieben wurde, dass selbst Interessierte nicht mehr folgen konnten, zumal vermeintliche Verteidiger von Frauenrechten dabei sogar Frauen angegriffen und beleidigt hatten. Dabei drosch man mit immer spitzfindigeren weiter hergeholten Argumenten aufeinander ein – ein klassischer Fall des Verkomplizierens: Wenn man nicht möchte, dass sinnvoll auf die eigenen Darlegungen eingegangen werden kann, muss man sie nur weit genug “nach oben” hängen. Schon ist die Debatte am Ende.

Das Fatale: Dummsteller und Verkomplizierer wähnen sich hernach im Recht – sie wurden ja nicht widerlegt. So kann keine Debatte gelingen. Erste Voraussetzung wäre ja, dass man sich auf das Ringen der Argumente auch einlässt und dabei das Thema wirklich klären will. Respektvolles Aushalten bedeutet schließlich auch, auszuhalten, dass es Debatten gibt, die man nicht führen will. Meint man aber, sich beteiligen zu müssen, hat man eine Verantwortung, sich gegenseitig auf den nötigen Stand zu bringen. Es gehört daher zur Diskurskultur, derart “tricksende” Teilnehmer zu benennen: Denn eine gemeinsame Debattenebene kann ja per se nie die eigene sein: Man muss sich auf neutralem Boden treffen. Und diesen zu bereiten, ist die Aufgabe aller Beteiligten! 



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Von Veritatis

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