Vor allem Familien macht es zu schaffen, wenn Arzneimittel wie Fiebersäfte derzeit in der Apotheke nicht zu haben sind. Die Regierung will Knappheiten stärker bekämpfen – mit finanziellen Anreizen.

Berlin.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die Versorgung mit Kinderarzneimitteln verbessern, indem die Krankenkassen ab sofort mehr für solche Medikamente bezahlen.

Damit soll auf die derzeitigen Lieferengpässe reagiert werden, wie der SPD-Politiker im ARD-“Morgenmagazin” erläuterte: “Wir müssen diese Arzneimittel für Kinder aus den Festbeträgen herausnehmen, so dass die auch teurer verkauft werden. Da werde ich heute auch schon reagieren, dass die Krankenkassen angewiesen werden, 50 Prozent mehr zu zahlen als diesen Festbetrag”, sagte Lauterbach.

Lauterbach: Deutscher Markt nicht attraktiv für Hersteller

Patentgeschützte Medikamente seien in Deutschland eher teuer, erklärte Lauterbach. Für Arzneimittel ohne Patentschutz würden jedoch in der Regel niedrige Einheitspreise gezahlt, sogenannte Festbeträge. Deutschland sei für Hersteller kein attraktiver Markt, was dazu führe, dass stark gefragte Mittel eher in anderen Ländern wie den Niederlanden verkauft würden. “Da müssen die Preise sofort angehoben werden, das machen wir mit heutiger Wirkung.”

Zuerst hatte die “Süddeutsche Zeitung” unter Berufung auf ein Eckpunktepapier des Gesundheitsministeriums über die Pläne berichtet. Demnach soll die bessere Vergütung nicht nur kurzfristig gelten, sondern Kindermedikamente dauerhaft wirtschaftlich attraktiver machen und damit weitere Engpässe verhindern.

Der Bundesgesundheitsminister rechnet mit schnellen Erfolgen der von ihm angestoßenen Maßnahmen zur besseren Arzneimittelversorgung für Kinder. Der SPD-Politiker zeigte sich bei einer Pressekonferenz in Berlin überzeugt, dass diese “sehr schnell wirken”.

Produktion in Europa soll hochgefahren werden

Lauterbach schilderte außerdem das Problem, dass bestimmte Arzneimittel wie Krebsmedikamente oder Antibiotika für Erwachsene nicht in ausreichender Menge hergestellt würden. “Da werden wir den Krankenkassen jetzt die Vorgabe geben, dass sie einen Teil der Arzneimittel aus China, Indien und Übersee besorgen, aber einen Teil auch aus Europa”, sagte er. Das solle dazu führen, dass die Produktion in Europa wieder hochgefahren werde.

Zur Finanzierung seiner Vorschläge sagte er: “Wir werden das in der Ressortabstimmung besprechen. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder hier einsieht, dass wir handeln müssen.” Er ziehe dabei mit Finanzminister Christian Lindner (FDP) an einem Strang.

330 Meldungen zu Lieferengpässen

Lauterbach hatte Eckpunkte für einen Gesetzentwurf angekündigt, um Lieferengpässe wie zuletzt bei Fieber- und Hustensäften sowie anderen Kindermedikamenten vorzubeugen. Auch Mittel für Erwachsene sind betroffen. Laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gibt es derzeit gut 330 Meldungen zu Lieferengpässen von Präparaten. Das Ministerium weist darauf hin, dass nicht in jedem dieser Fälle auch ein Versorgungsengpass besteht. Es können also Alternativen beschafft oder hergestellt werden, was aber mehr Aufwand für Apotheken bedeutet.

Um früh zu erkennen, bei welchen Mitteln sich Engpässe abzeichnen könnten, solle außerdem die Versorgungslage intensiver überwacht werden, berichtete die “Süddeutsche Zeitung”. Generell solle bei der Medikamentenbeschaffung nicht mehr nur der billigste Anbieter zum Zug kommen. Laut dem Eckpunktepapier werden bei wichtigen Mitteln zwei Verträge angestrebt: Neben dem günstigsten Anbieter aus dem nicht-europäischen Ausland solle immer auch der günstigste Hersteller aus der EU berücksichtigt werden. Der Auftrag werde dann geteilt.

Lauterbach: Mit der Ökonomisierung zu weit gegangen

Minister Lauterbach hatte die grundsätzliche Stoßrichtung bereits deutlich gemacht. “Wir sind auch in diesem Bereich mit der Ökonomisierung zu weit gegangen”, sagte er in der vergangenen Woche. Der Preis habe die alleinige Rolle gespielt, die Verfügbarkeit von Arzneimitteln eine zu geringe Rolle. “Das wollen wir aufheben.”

SPD-Chefin Saskia Esken begrüßte das Vorgehen. “Der Staat ist hier in der Pflicht zu handeln. Gerade die Versorgung mit lebenswichtigen Arzneimitteln in Deutschland muss von rein wirtschaftlichen Interessen losgelöst werden”, sagte Esken der Deutschen Presse-Agentur.

Die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) kritisieren hingegen die geplanten Änderungen bei Preisregeln. Für bestimmte Medikamente für Kinder oder Krebstherapien den Festbetrag pauschal um 50 Prozent zu erhöhen, sei “ein beeindruckendes Weihnachtsgeschenk für die Pharmaunternehmen”, sagte die Vorstandschefin des GKV-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer. “Ob deshalb künftig Medikamente verlässlicher in Richtung Europa geliefert oder vielleicht sogar wieder mehr produziert werden, steht in den Sternen.” Statt nur auf kurzfristige Effekte zu setzen, die Versicherte über ihre Beiträge finanzieren müssten, werde von der Politik eine strategische Herangehensweise für ganz Europa erwartet.

Lauterbach wies die Kritik der Kassen zurück: “Ich glaube das ist in erster Linie mal ein Geschenk an die Kinder.” Das Geld sei sehr gut investiert. Die Kinder hätten in der Pandemie auf viel verzichten müssen. “Da kann es nicht sein, dass wir in der Weihnachstzeit den Kindern jetzt die Medikamente nicht bieten können. Dieses Geld ist da. Und das werden wir auch zur Verfügung stellen.” Es sei mit Mehrkosten zu rechnen. “Die sind aber nicht beitragssatzrelevant.”

Die Pharmabranche begrüßte die Pläne. Das Ministerium habe endlich erkannt, dass das “Hauptsache-Billig-Prinzip” die Versorgung destabilisiert habe und zu Engpässen führe, sagte der Geschäftsführer des Verbands Pro Generika, Bork Bretthauer. Dies gehe an die Wurzel des Problems. Es sei vor allem für Kinderarzneimittel richtig, deren Herstellung für Unternehmen zuletzt unwirtschaftlich geworden sei. (dpa)



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Von Veritatis

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