Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich.“ Diese Binse legt Albert Camus seinem Caligula in den Mund. Statt darob gepflegt zu resignieren, gerät der junge römische Kaiser in ein kaltes Fieber und beginnt das erweiterte Selbstmorden. Die heutigen Politiker sind weniger fokussiert. Sie streben in die Mitte und machen Kompromisse, die man gemeinhin abschätzig als „lau“ bezeichnet. In einer (Medien-)Welt der Ausrufezeichen und Großbuchstaben gibt es nichts für lau. Stets gilt es, total überzeugt zu tun, zweifellos, entscheidungsfreudig, alles zu geben. Die Leistungsgesellschaft duldet keine lauen Charaktere – sie will Gipfelstürmer und Elfmeterschützen. Nervenkitzel. Sieg oder Niederlage! „Erfolg“ erfordert Kälte und Härte, aber brennen soll man dabei, für den Job, fürs Engagement – und nur wer ständig kurz vorm Burnout steht, darf sich „Leistungsträger“ rühmen. Wem es dagegen „naja, ganz okay“ geht, dem ist nicht zu trauen, der leidet nicht genug, fühlt nicht genug – ist nicht genug! Kein Roman, kein Film feiert die Lauheit. Laue Lyrik liebt kein Mensch. Action braucht Hitze, nicht dieses Irgendwo-dazwischen-mal-sehen.

Doch ist es wirklich sinnvoller, sich in heiß-kalten Extremen zu verkämpfen? Hat nicht das Sowohl-als-auch, das Abgewogene, Unspontane seine Vorzüge, ja: seine Notwendigkeit? Nur wer lau ist, kann genau sein. Alles bedenken. Sich Zeit lassen. Ganz in Ruhe zu einer Entscheidung kommen. Gerade wir Deutschen haben für unsere viel belächelte Lauheit gute Gründe – wir, die Meister im Verbrennen von Büchern und Menschen, haben das Lauwarme bitter erlernt. Zwar haben wir immer noch die Romantik in den Knochen, die Sehnsucht nach der blauen Blume, das Schmachten – aber im Grunde sind wir ganz zufrieden mit der kleinen Melancholie, denn wir wissen: Sie ist in Wahrheit gestorbene Hitze.

Lakonischer Pragmatismus senkt den Blutdruck: „Wie geht’s?“ – „Muss ja.“ Denn das muss es tatsächlich! Es muss irgendwie weiter gehen. Das wachstumsheiße Höher-Schneller-Mehr führt in den Abgrund. Die Erde brennt, wir brauchen lauwarme Ideen, lauwarme Badewannen, lauwarme Konzepte. Lauheit ist das Wesen von Demokratie, widersetzt sich dem totalitären Entweder-Oder, fördert das wohltemperierte Zusammenleben. Schon den Säugling nährt lauwarme Muttermilch – das Leben als solches ist lauwarm, der Körper reguliert gewitzt jedes Extrem, das ihm zugemutet wird.

Gerade in kriegerischen Zeiten, in denen Menschen zu den Waffen rufen, lohnt sich ein wertschätzender Blick auf das Lauwarme: Anders als tote Helden kann es Leben retten. Der Mut zur Feigheit taugt nicht zum spektakulären Auftritt, aber Lauheit ist friedenstauglich, ist Wohlfühltemperatur. Wie sehr sie fehlt, merkt man erst, wenn sie fehlt. Fürsorge, Pflege, Carearbeit – alles lauwarme Tätigkeiten. Lauheit allein macht nicht glücklich, aber sie macht auch keinen Stress – ist sogar, dialektisch, die Voraussetzung für Leid und Ekstase.

Wärmen wir uns

Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise, Klimakrise: Traditionell erscheintder Freitagzum Jahresende monothematisch. In diesem Jahr haben wir uns entschieden, der gedrückten Stimmung etwas entgegenzusetzen.

Es geht dabei um die Temperatur in unserer Gesellschaft, um Armut und Liebe, um Weihnachten in der Ukraine, hitzige Debatten oder die Frage, wie der Rohstoff Holz die Weltgeschichte verändert hat.

Zur gesamten Ausgabe 51/2022

Denn natürlich gibt es Ausnahmen. Glühwein – muss heiß sein. Bier – muss kalt sein. Sex, Freundschaft, Liebe, ein Handschlag: lasch und lau taugen sie nichts. Im Sport müssen die Beine und die Fetzen fliegen, Tränen fließen, Fäuste auf Brüste schlagen. Kunst soll heiß machen! Literatur darf frösteln lassen! Auch beim Kindergeburtstag, wenn die Suche mit verbundenen Augen ganzen Einsatz verlangt, muss es heiß hergehen, sonst greift man daneben – „Kalt! Ganz kalt!“ –, ins dunkle Nichts dessen, der den Topf nicht findet und blindfischig mit dem Holzlöffel in die Gegend schlägt, bis endlich – „Lauwarm!“ – das Ziel sich nähert – „Wärmer! Heiß!“ Klong! Hurra!

Aber im Alltag, und der bestimmt nun mal die meiste Zeit, kommt man lau besser durch, denn die Menschen sterben ja nicht nur, sie leben auch, und ab und zu sind sie dabei sogar ein bisschen glücklich, sisyphotisch den Stein hochrollend, immer wieder, wissend, dass er doch runterkullert, immer wieder. Womöglich ist Camus der lauwärmste unter den Existenzialisten. Und lauwarm ist ja auch ein bisschen warm. Schließlich heißt es nicht laukalt.



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Von Veritatis

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