Auf 750 Milliarden US-Dollar schätzt die Ukraine die Kosten des Wiederaufbaus. Um Investitionen anzulocken, will man weg vom Image von Krieg und Korruption.

Der Krieg in der Ukraine ist noch weit von einem Ende entfernt, dennoch will sich die Führung in Kiew jetzt schon als potenzieller Hot Spot für Investitionen empfehlen. Der stellvertretende Wirtschaftsminister Oleksandr Gryban hat dazu das Ukrainische Investitionsforum in London besucht. Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Ukraine nach Ende des Krieges „zu einem der besten Länder der Welt werden wird, was die Möglichkeiten für Investoren angeht“.

Selenskyj: „Investition in globale Sicherheit und Demokratie“

In diesem Zusammenhang verwies er auf den jüngsten Auftritt des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor dem Kongress in Washington. Dabei hatte Selenskyj sich bei den USA für ihre Unterstützung bedankt und betont, deren Geld sei „kein bloßes Almosen“. Vielmehr sei es eine „Investition in die globale Sicherheit und Demokratie, mit der wir sehr verantwortungsvoll umgehen“.

Um die Ukraine zu einem attraktiven Standort machen zu können, sei aber schnelles Handeln unverzichtbar, äußert Gryban. Dabei sollten „die Erfahrung und das Fachwissen des Privatsektors im Bereich des Projektmanagements zu Hilfe kommen“.

Zehn Monate nach Beginn der russischen Militäroperation, die häufig auch Energieversorgung und Infrastruktur im Westen und der Zentralukraine ins Visier nimmt, scheint es bereits Interessenten zu geben.

Weltbank-Ableger will zwei Milliarden US-Dollar in Ukraine investieren

Dazu gehört unter anderem der Nestlé-Konzern, der 43 Millionen US-Dollar in eine Produktionsanlage in der Westukraine investieren will. Dies kündigte Südosteuropa-CEO Alessandro Zanelli Anfang des Monats in einer Erklärung an:

Dies ist ein wichtiger Schritt für Nestlé in einer für das Land sehr schwierigen Zeit.“

Bereits im November hatte die International Finance Corporation (IFC) ein Zwei-Milliarden-Dollar-Paket zur Unterstützung der Privatwirtschaft in der Ukraine in Aussicht gestellt. Bei dieser Einrichtung handelt es sich um den privaten Investitionszweig der Weltbank.

IFC-Geschäftsführer Makhtar Diop nannte die geplante Investition einen Vertrauensbeweis für eine „neue Generation visionärer Unternehmer in der Ukraine“. Diese würden „vielversprechende Unternehmen führen, die der ukrainischen Wirtschaft helfen werden, ihre Widerstandsfähigkeit zu verbessern“.

Gemeinsam mit ihren Partnern wolle die IFC insbesondere dem ukrainischen IT-Sektor dringend benötigtes Kapital zuführen. Dieses solle Innovationen fördern, Arbeitsplätze schaffen und Investoren dazu ermutigen, trotz des andauernden Krieges auf den Markt zurückzukehren.

Kein Ende der Kampfhandlungen in Sicht

Im zweiten Quartal sind die ausländischen Direktinvestitionen (ADI) in der Ukraine der dortigen Nationalbank zufolge um 439 Millionen US-Dollar angewachsen. Im vergangenen Sommer schätzte die Regierung in Kiew die voraussichtlichen Kosten für den Wiederaufbau nach dem Krieg auf 750 Milliarden US-Dollar.

Da die Kampfhandlungen andauern, dürfte sich dieser Betrag noch deutlich erhöht haben. Nach wie vor ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung ins Ausland geflohen. Raketenangriffe und Artilleriebeschuss dauern an, Ein- und Ausfuhren finden unter erschwerten Bedingungen statt. Dazu kommen anhaltende Schäden an der Infrastruktur.

Ein Waffenstillstand scheitert weiterhin an der fehlenden Bereitschaft beider Kriegsparteien, von Maximalforderungen abzurücken.

Wachstum soll auch „Nachhaltigkeitszielen“ genügen

Dennoch zeigen sich private und institutionelle westliche Investoren entschlossen, hohe Summen in die wirtschaftliche Zukunft der Ukraine zu stecken. Viele von ihnen sehen in dem Land offenbar auch ein Experimentierfeld für Prestigeprojekte, an denen man auch im Westen arbeitet.

Andrew und Nicola Forrest haben im Vormonat über ihre Tattarang-Gruppe 500 Millionen US-Dollar für die ukrainische Green Growth Initiative bereitgestellt. Der Fonds soll auf 100 Milliarden anwachsen soll. Globale Investoren sollen auf diesem Wege den Wiederaufbau der Ukraine beschleunigen und die grundlegende Infrastruktur wiederherstellen. In diesem Zusammenhang sollen auch sogenannte Nachhaltigkeitsziele eine tragende Rolle spielen.

Zu den prominenten Fürsprechern der Initiative gehören US-Präsident Joe Biden, der UN-Sondergesandte Michael Bloomberg und der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson. Auch der Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Mathias Cormann, zählt zu den Weggefährten der Initiatoren.

Andrew Forrest sieht gar ein Potenzial der Ukraine, in ein „goldenes Zeitalter“ einzutreten. Der Westen könne helfen, dieses zu entfalten:

Indem die Wirtschaft die Ukraine unterstützt, senden wir eine Botschaft an die Welt. Ich möchte, dass jede Regierung weiß, dass, sobald die Feindseligkeiten aufhören, die globale Wirtschaft bereit sein wird, den Wiederaufbau sofort zu unterstützen.“

WEF sieht möglichen Modellstaat entstehen

Auch das Weltwirtschaftsforum (WEF) mischt unter den Aufbaupartnern in spe mit. Dort legt man ebenfalls großen Wert auf die Feststellung, dass der Wiederaufstieg des Landes nach dem Krieg „grün und integrativ“ sein müsse.

Die Ukrainer, so heißt es in einer Erklärung des WEF, würden „heldenhaft ihre Freiheit und ihre Werte verteidigen“. Währenddessen sei es „von entscheidender Bedeutung, die Vision eines neuen erfolgreichen Staates mit einer wachsenden Wirtschaft, nachhaltiger Energie und einer integrativen Infrastruktur zu schaffen“.

Die Ukraine hatte zuletzt auch selbst ein Programm aufgelegt, das ausländische Investitionen in Höhe von bis zu 400 Milliarden US-Dollar in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft anziehen sollte. Die Reichweite soll sich von sauberer Energie über Verteidigung bis hin zu natürlichen Ressourcen erstrecken. Selenskyj sprach von der „größten Chance in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“.

Korruption in der Ukraine nur Erbe des sowjetischen Einflusses?

Es gibt aber auch vorsichtige Stimmen, die vor allzu großer Euphorie hinsichtlich künftiger blühender Landschaften in der Ukraine warnen. Das Land wird unabhängig vom Kriegsende sein Image aufpolieren, das abseits der visionären Großinvestoren von Korruption, Krieg und Nationalismus geprägt ist.

Nick Fenton und Andrew Lohsen vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) warnen beispielsweise vor zu hohen Erwartungen. Sie argwöhnen, dass „Bedenken wegen Korruption den Fluss der dringend benötigten Mittel gefährden“ könnten.

Zwar habe die Ukraine in den letzten Jahren bedeutende Reformen zur Korruptionsbekämpfung durchgeführt, heißt es in einem Bericht vom November. Das Land müsse aber „noch weitere Fortschritte machen, um das Potenzial für ausländische Investitionen zu maximieren“.

Investoren könnten sich abgeschreckt fühlen durch die Aussicht, Beamte oder die Justiz durch Schmiergelder zu einem konstruktiven Miteinander motivieren zu müssen. Zwar gibt es in der Ukraine mittlerweile Stellen wie das Nationale Büro zur Korruptionsbekämpfung (NABU), die Korruptionspräventionsagentur NACP oder die ARMA. Diese soll durch Korruption erlangte Vermögenswerte einziehen und zurückführen.

Im Westen tendiert man dazu, die Macht von Oligarchen und die Bestechlichkeit von Beamten und Richtern in der Ukraine auf den russischen Einfluss im Jahr 2014 zurückzuführen. Die Jahre danach jedoch können den Verdacht, dass es solche Erscheinungen auch im Rest der Ukraine gibt, bislang nicht erschüttert.



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Von Veritatis

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