Jahres-Charts.

Letztes Jahr im Sommer hörte ich das erste Mal Betterov, genauer gesagt seine Single “Dussmann”. In diesem Song springt er aus der vierten Etage des gleichnamigen Kulturkaufhauses und sieht während des Fallens jede Menge Kunst und Kultur an sich vorbeiziehen. Auch um Rudolf Harbig geht es in dem Song. Dem ehemaligen Leichtathleten wird gedacht, indem man eine triste Straße voller Plattenbauten nach ihm benennt. Betterov stellt zu Recht fest, dass das irgendwie seltsam ist. Seltsam findet er auch, dass ein Quentin-Tarantino-Film einen Oscar gewinnt und später auf RTL 2 läuft. Es geht um eine eigenartige Wertschätzung, um Schnelllebigkeit und um Vergänglichkeit.

“Dussmann” traf mich mit einer solchen Wucht, dass ich gar nicht so recht wusste, wohin mit meinen Emotionen. So sehr ergriffen hatte mich Musik lang nicht mehr. Von diesem Moment an freute ich mich auf sein Debüt-Album, das im Oktober dann endlich erschien. Die Vorfreude war berechtigt, denn der Tonträger traf insbesondere durch die klugen Songtexte direkt in mein Herz. Das Album “Olympia” beginnt mit einem Intro, der Eröffnungsfeier, und endet mit einem Outro, der Siegerehrung, bei der Betterov vermutlich lediglich eine Teilnehmerurkunde überreicht bekommt, dafür, dass er sich dem täglichen Wahnsinn stellt. Betterov ist überfordert vom Alltagsleben. Fast schon kindlich naiv und extrem ehrlich verarbeitet er in jedem Song die Probleme und seltsamen Situationen, die das Leben so mit sich bringt. Dabei beschreibt er einfach, was er beobachtet. Betterov stellt Dinge resigniert, aber ohne große Emotionen fest. Die Traurigkeit kriecht mir beim Anhören ganz von selbst in den Körper. Das Album thematisiert vor allem das vielfache Gefühl, missverstanden zu werden. Und seltsame Weihnachtsfeste in Familie: “Meine Mutter hat Böller aus Polen dabei, die lassen wir gleich los hinter’m Haus.” 

Unsere Jahrescharts wurden von den Musikkritikerinnen und -kritikern der “Freien Presse” zusammengestellt. HIER finden Sie alle bisherigen Platzierungen.


www.freiepresse.de/alben22



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Von Veritatis

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