Vivienne Westwood war ein sehr britisches Genie. Von der Queen zur Dame geadelt, war sie ebenso bodenständig wie extravagant – eine ehemalige Grundschullehrerin, die sich aufmachte, die Punkkultur maßgeblich zu prägen.

Ihre Kleidung war aufrüttelnd modern – Rips und Sicherheitsnadeln, Latex und Androgynität – aber von einer Liebe zur Geschichte durchdrungen. (Sie hatte eine besondere Vorliebe für Schottenröcke und Korsetts.) Ihre Kleidung wurde von allen getragen – von Theresa May bis Chrissie Hynde, von Prinzessin Eugenie bis Pharrell Williams.

Westwood war eine Rebellin, aber nie ohne Anliegen, und arbeitete unermüdlich daran, das Bewusstsein für die Klimakatastrophe zu schärfen, viele Jahre bevor dies in Mode kam.

Statt um Mode ging es um den Kapitalismus

Das letzte Mal, als ich vor ein paar Jahren mit Vivienne Westwood zu Mittag aß, trug sie einen schicken Seidenschal um den Hals, den sie mit einem Anstecker von Extinction Rebellion befestigt hatte. Sie war tadellos geschminkt und aß ihre Pizza mit Messer und Gabel, wobei sie sich die kleinsten Stücke in den Mund steckte, um ihren leuchtend korallenroten Lippenstift nicht zu verschmieren.

Ich sollte sie zu ihrem modischen Erbe befragen, aber sie war nicht im Geringsten daran interessiert, über Kleidung zu sprechen. Stattdessen fixierte sie mich mit einem festen, vogelhaften Blick, der keine Unterbrechung duldete, und sprach leidenschaftlich in ihrem trockenen Derbyshire-Ton über die Ungerechtigkeit des modernen Kapitalismus und die Bedrohung des Umweltschutzes durch populistische Politiker.

Westwoods Herz hatte sich im letzten Jahrzehnt ihres Lebens von der Mode gelöst. Stattdessen widmete sie sich politischen Anliegen. Und doch hat Vivienne Westwood die Liebe zur Mode nie verloren.

Vivienne Westwood widmete sie sich in den letzten Jahren ihres Lebens vor allem politischen Anliegen

Foto: Niklas Halle’n/AFP via Getty Images

Als eine der Hauptarchitektinnen des Punk stand sie – wie eine gute Fee – Patin dafür, wie sich seither jede Subkultur über Kleidung abgrenzt und definiert. Dass Streetwear die Haute Couture überholt und sich an die Spitze der globalen Modeindustrie gesetzt hat, verdankt sie einer Näherin aus Glossop, Derbyshire, die 1971 zusammen mit ihrem Freund Malcolm McLaren einen winzigen Laden in der King’s Road in London eröffnete.

Das Geschäft durchlief zunächst zwei Phasen, bevor es 1974 als „Sex“ berühmt wurde: „Let It Rock“ verkaufte Mode im Teddy-Boy-Style, während „Too Fast to Live, Too Young to Die“ sich auf eine Rocker-Ästhetik konzentrierte.

Westwood zeigte der Welt, wie Punk aussieht

Westwoods Genialität bestand darin, die Energie und den ikonischen Geist des Punk einzufangen und ihm einen visuellen Ausdruck zu verleihen. Westwoods Kleider erklärten der Welt, was Punk ist. Bondage-Hosen waren ein Gruß an die feine Gesellschaft. Sicherheitsnadeln waren ein Fest der Anarchie und des Wandels. Aufwendige historische Schnörkel waren eine Absage an die Erzählung des Establishments, der Kapitalismus sei der Weg zum Fortschritt für alle. Die Sex Pistols zeigten der Welt, wie sich Punk anhört, Westwood zeigte der Welt, wie er aussieht.

Inmitten der gequälten Seelen des Punk schlug Westwood ihren eigenen Weg ein, der voller Humor, Schönheit und Freude war. Ihre Kleidung war – wie ihre Weltanschauung – gegen das Establishment gerichtet, aber niemals nihilistisch. Sie waren absichtlich schräg – zum Teil, weil sie ihrer Zeit voraus waren –, aber immer elegant.

Ihre Pirates-Kollektion von 1981 – die erste, die auf der Londoner Modewoche gezeigt wurde – zelebrierte eine Dandy-Ästhetik, die die glamouröse Androgynität nicht nur der New Romantics, sondern auch von Harry Styles vorwegnahm. Ein Jahrzehnt später brachte ihre Portraits-Kollektion Korsetts und Perlen zum ersten Mal seit dem 18. Jahrhundert wieder in Mode – drei Jahrzehnte später sparen Mädchen im Teenageralter immer noch auf die ikonischen gold- oder perlenbesetzten Choker von Vivienne Westwood.

Bei der Queen ohne Unterhose

In Westwoods fünf Jahrzehnte währender Karriere gab es keinen einzigen langweiligen Moment. Zweimal wurde sie in den Buckingham Palast eingeladen, um königliche Ehren zu empfangen – 1992, als sie einen britischen Orden erhielt, und 2006, als sie zur Dame ernannt wurde – und beide Male trug sie keine Unterhose. (Beim zweiten Mal lehnte sie es jedoch ab, sich für die Kameras zu drehen.) Sie sagte Reportern, dass sie es einfach vorziehe, unter einem Kleid keine Unterwäsche zu tragen. Aber der Anti-Establishment-Geist ihrer Entscheidung, ohne Unterwäsche aufzutreten, erschien als zu perfekte Inszenierung von „Kleidung als Theater“, um reiner ein Zufall zu sein.

Westwood war ein echtes Original und ließ sich nicht in eine Schublade stecken. Bei unserem letzten Mittagessen sagte sie zu mir: „Ich war schon immer eine Rebellin … Punk war ein Protest, [die Kleidung] sagte, wir akzeptieren eure Tabus nicht, wir akzeptieren euer heuchlerisches Leben nicht.“

Aber in einer Branche, in der aufregende neue Talente schneller verglühen als Streichhölzer, hat sie ein völlig unabhängiges Modelabel aufgebaut, das Konkurse und Übernahmen verhindert hat und Hunderte von Mitarbeitern beschäftigt. Und trotz ihres gegenkulturellen, trotzig anti-traditionellen Images lebte sie 30 Jahre lang das altmodischste aller Leben. Ein glücklich verheiratetes Leben, seit Westwoods Hochzeit mit dem 25 Jahre jüngeren Österreicher Andreas Kronthaler, den sie während ihrer Lehrtätigkeit an der Kunstschule in Wien kennenlernte. Das Paar war lange Zeit ein vertrauter Anblick in Clapham, wo sie mehr als 20 Jahre lang in demselben wunderschön restaurierten Queen-Anne-Haus lebten.

Andreas Kronthaler und Vivienne Westwood

Foto: Christophe Archambault/AFP via Getty Images

Vor drei Monaten fehlte Westwood bei ihrer Show auf der Pariser Modewoche. Das war auffällig. Die Kollektion wird zwar seit einigen Jahren von Kronthaler entworfen, aber Westwood blieb Aushängeschild und Muse, und jede Show endete damit, dass ihr Mann ihr einen Blumenstrauß überreichte und ihre Hand für eine gemeinsame Verbeugung ergriff.

Ihre Abwesenheit gab diesmal Anlass zur Sorge um ihre Gesundheit. Doch in der brodelnden Gerüchteküche machte die Nachricht die Runde, dass die Designerin die Pariser Modewoche ausgelassen hatte, um an einem Protestmarsch von Extinction Rebellion in London teilzunehmen. Diese Erklärung war durchaus plausibel und entsprach Westwoods Prioritäten.

In den letzten zehn Jahren wurden ihre Laufstegshows von T-Shirts mit dem Slogan „Climate Emergency“ geschmückt, zusammen mit Protesten gegen Sparpolitik, Fracking, privaten Grundbesitz und für den Schutz der Regenwälder.

Trotz ihrer scheinbaren Exzentrik hatte Westwood einen sehr klaren Blick für das, was im Leben wichtig ist – und sie wusste, dass es nicht die Kleidung war. Sie hatte sich längst von der Mode verabschiedet, aber die Modewelt wird Vivienne Westwood noch lange Zeit verbunden bleiben.



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Von Veritatis

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