Jahres-Charts.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster: “Nie verliebt” wird in einigen Jahren als das “XOXO” der 2020er gehandelt werden. Ja, es gibt offenkundige Unterschiede: Caspers 2011 erschienener Jahrzehnt-Klassiker war das bereits dritte Album des Rappers und als solches eine aufwändige, konzeptionelle künstlerische Häutung. Paula Hartmann dagegen hat eben erst ihr Debüt vorgelegt, das eher “klassisches” Album im Sinn einer Songsammlung ist. In einer Zeit, in der Streamingzahlen, Tiktokibilität und Features die eigentliche musikalische Währung sind, ist aber ja bereits das ein Statement. Zumal die LP (jawohl, “Nie verliebt” gibt es neben dem Stream nur als Vinyl und Kassette!) so wunderbar stimmig kuratiert ist, dass die zehn Tracks wie aus einem Guss ineinander laufen.

Dabei ist es vor allem Hartmanns schmerzvolle Straßenpoesie, die immens packt: “Klappe groß wie ‘n Frosch / Lunge voller Smog / ich leb‘ im höchsten Turm in einer Stadt / gebaut aus Schrott.” Oder: “Wir sind jung, was soll uns schon passier’n? / Vertrau‘ dir – himmelblaue Flecken als Souvenir.” Oder: “Gib mir was gegen die Angst und ich glaube kurz daran / einen Wodka lang.” Die knappen, schroffen und doch so tief sinnlichen Sprachbilder, die die Künstlerin hier mit ihrer angebrochenen Kindfrauen-Stimme irgendwo zwischen derbem Rap und lieblichem Karg-Gesang in die Welt entlässt, gehen tief unter die Haut und legen das Lebensgefühl der Generation Z in allen Schichten frei.

Das hat “XOXO”-Klasse: Lange gab es im deutschsprachigen Pop nicht so gute, treffend beschreibende und gleichzeitig so wundoffene, tiefe reichende Lyrik: Roh, direkt, verzweifelt und doch so trotzig hoffnungsvoll entreißt Paula Hartmann der dunklen Leere um sich ein unstrittiges Recht auf einen großen, naiven Lebenshunger. Die Platte ist ein permanenter Ritt auf der Klinge unserer Gesellschaft; und die ist mal rostverrottet, mal gnadenlos auf Skalpellschärfe geschliffen. Dabei findet man in fast jeder Zeile stets neu packende Bilder – “Nie verliebt” hat damit alles, was ein Instant-Klassiker benötigt: “Sollbruchstelle Herz mit ‘ner Basisfraktur”.

Dazu hat der Rapper und Produzent Biztram hat den Tracks ein bemerkenswertes Kleid geschneidert. Spartanisch und oft fast skizzenhaft, lebt dieses, und da sind wir erneut bei “XOXO”, vom Panoptikum aus gebrochenen Spiegelscherben, die die Wurzeln der Interpretin als silbrig-rissige Ausschnitte aufschimmern lassen und dabei auf den zweiten Blick geniale Detailfülle zeigen. Ob kalt angekratzte Gruftdisco-Grooves oder claphandiger Oldschool-Hip-Hop, Hyper-Rave oder nebliger Klavierschmerz – alles ist auf eigenen Sound heruntergestrippt. Und obwohl wir es klar mit einer “Großstadt-Platte” zu tun haben, hat “Nie verliebt” keine Kulisse nötig: Paula Hartmann zeigt ja ihre Bilder! Das lässt den Hörer am Ende vollkommen bei und in dieser Platte sein, die sich dabei stetig tiefer und tiefer gräbt. Ehrlich: Ich bin schockverliebt!! 

Unsere Jahrescharts wurden von den Musikkritikerinnen und -kritikern der “Freien Presse” zusammengestellt. HIER finden Sie alle bisherigen Platzierungen.


www.freiepresse.de/alben22



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Von Veritatis

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