Während draußen die letzten Blätter fallen und die letzten Rosen verblühen, ziehe ich mich zurück in mein Innerstes, dorthin, wo ich zu Hause bin. Die Natur kommt zur Ruhe. Pflanzen und Tiere sind im Winterschlaf. Das Leben drosselt seinen Pulsschlag und besinnt sich auf das Wesentliche. Von der reifen Frucht bleiben nur die Samen, von der sommerlichen Üppigkeit und Vielfalt ein paar kahle Äste. Auf dem Platz vor dem Haus fegt der Wind die letzten Blätter von den Platanen. Fast ist die Linde mit der herzförmigen Krone im Garten gegenüber entlaubt. Nur einige wenige Blätter noch klammern sich im Astwerk fest.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Anders als viele Menschen auf der Erde habe ich ein Dach über dem Kopf. Darunter erträgt ein Mensch einen Lebensabend, der jederzeit zur Nacht werden kann. Ich flüchte mich in Nützliches und zu Erledigendes und versuche, den Tagen eine Struktur zu geben, die den Schein von Normalität aufrechterhält und mich in der Illusion wiegt, ich hätte die Dinge einigermaßen unter Kontrolle.

Wie viele andere bereite ich mich vor auf den Moment, an dem alles sich ändert. Wie wird es sein? Werde ich zur rechten Zeit am rechten Ort sein? Wird es mich umwerfen? Werde ich es überleben? Wir wissen nicht, was auf uns zukommt und wie es sich anfühlen wird, wissen nicht, was uns dann Halt geben wird. So sehr wir auch versuchen, zu antizipieren und dem Schmerz den Stachel zu nehmen: Nichts wird ihn abmildern können, auch wenn wir noch so vorausschauend sind.

Wir können Vorsorge betreiben, Versicherungen abschließen und Sicherheitspolster horten, so viel wir wollen: Das Leben bleibt unberechenbar und wild und ist nicht zu zähmen. Jede kleinste Veränderung, jede geringste Abweichung vom klügsten aller Pläne kann alles über den Haufen werden. Es braucht nur ein Schmetterling mit den Flügeln zu schlagen, und alles kann ganz anders kommen, als wir es uns gedacht haben (1).

Wie genau wir auch die Wahrscheinlichkeiten berechnen — unsere Zukunft steht in den Sternen. Wir können Tendenzen beobachten und Potenziale freilegen, doch niemand kann mit Gewissheit sagen, was geschehen wird. Denn das große unbekannte Moment in unserer Geschichte sind wir selbst. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten werden und wie wir uns letztendlich entscheiden.

Zwischen Brücke und Wasser, so sagte ein Geistlicher über die Entscheidung eines Selbstmörders, können wir das Paradies finden. Im Bruchteil einer Sekunde können sich die Dinge grundlegend ändern. Wir wissen es nicht. Allein darauf dürfen wir vertrauen, dass das Leben nicht irrt und selbst das größte Chaos Ordnung in sich birgt. Die Ereignisse, so erschütternd sie erscheinen, haben ihre Richtigkeit. Nichts soll hiermit gerechtfertigt werden, nichts entschuldigt, nichts verharmlost. Die Frage ist, was hilft im Sturm.

Es ist, was es ist, sagt die Liebe in dem Gedicht von Erich Fried (2). Hier ist nicht allein von der Liebe zwischen zwei Menschen die Rede, sondern von der Liebe zum Leben. Liebe bedeutet, alles anzunehmen, was es auch ist.

Liebe ist ein klares, ein wirkliches, ein wahrhaftiges Ja! Dies bedeutet nicht, uns nicht zur Wehr zu setzen, wenn wir angegriffen werden, oder nicht gegen Unrecht zu protestieren und uns entsprechend in Bewegung zu setzen. Das Leben zu lieben heißt, ihm bedingungslos zu vertrauen.

Für mich ist es wie ins Wasser zu steigen, mich auf den Rücken zu legen, die Arme auszubreiten und mich tragen zu lassen. Dein Wille geschehe. Meinen Willen mache ich dem Höchsten zum Geschenk. So ist der eigentliche Ausdruck des freien Willens die Entscheidung, von wem wir uns abhängig machen (3). Uns bleibt, unser Bestes zu tun, so gut wir es in diesem Augenblick können, und uns darüber im Klaren zu sein, dass wir in unserer Begrenztheit die höheren Zusammenhänge nicht erkennen können.

Als in eine duale Welt geworfene und an die Relativität gebundene Wesen können wir das Absolute nicht erfassen. Es ist uns unmöglich, die komplexen Zusammenhänge zu durchschauen. Wir können immer nur einen Teil der Wirklichkeit wahrnehmen. Krisen, Momente, in denen alles zusammenbricht, helfen uns dabei, uns genau das ins Bewusstsein zu rufen und darauf zu vertrauen, dass das Netz des Lebens hält. Diese Hingabe ist keine Kapitulation, keine Hommage an die Ohnmacht, sondern die Erkenntnis, dass wir gleichzeitig das eine und das andere sind: klein und groß, mächtig und ohnmächtig, menschlich und göttlich im Sinne von schöpferisch: fähig, unsere Realität zu gestalten.

Damit diese Gestaltungskraft sich entfalten kann, gibt es Etappen zu überwinden und Prüfungen zu bestehen. Die Gabe, die wir erhalten haben, ist nicht mit einem Fingerschnipsen umzusetzen, mit einem Wisch oder einem Klick, wie wir es gemeinhin gewohnt sind. Um an unsere Schöpferkraft zu kommen, müssen wir den Zugang zum Wesentlichen freilegen, dem Essentiellen, der Quinta Essentia.

Als Äther nahm sie einst den ersten Platz im Periodensystem ein, bis sie von dem jungen Patentbeamten Albert Einstein daraus entfernt wurde. Für Aristoteles war die Quinta Essentia die Substanz, aus der Himmel und Gestirne hervorgegangen sind. Im Gegensatz zu den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer ist das fünfte Element unwandelbar und von göttlicher Natur. Pythagoras nahm diese Idee auf und gelangte zu der Hypothese, dass das gesamte Universum sich aus der Quinta Essentia herausgebildet hat.

Der römische Staatsmann und Philosoph Cicero brachte das fünfte Element mit der Seele in Verbindung. Der Gedanke wurde im 17. Jahrhundert von dem englischen Philosophen John Locke aufgenommen, nachdem die Alchemisten des Mittelalters versucht hatten, die Materie von allem Überflüssigen und Unreinen zu befreien und den Stein der Weisen zu finden, der Unedles in Edles verwandelt und ewiges Leben schenkt.

Um an das Wesentliche heranzukommen, müssen wir gewissermaßen durch die Hölle gehen. Doch diese Hölle ist keine unterirdische Folterstation, kein jenseitiger Ort der Qual, sondern das Verborgene in uns, ein geheimnisvoller Ort, an dem wir geborgen und aufgenommen sind. Dies ist die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes Hölle, der auf die altnordische Todesgöttin Hel zurückgeht. Sie ist verwandt mit der mächtigen Erdgöttin Holle, die erst mit unserem Kindermärchen zur Hausfrau degradiert wurde.

Wie Wasser, Erde und Luft ist Feuer als Prinzip weder gut noch schlecht. Es kann uns blenden oder uns den Weg weisen, uns verbrennen oder uns wärmen und erleuchten. Mit Feuer können wir Waffen schmieden oder eine Suppe kochen. Es liegt auch in unserer Hand, ob der durch Reibung entstandene Funke zu einem schöpferischen oder zu einem zerstörerischen Feuer wird.

Im Moment zeigen uns die Elemente, die Kriege und Brände, die Stürme und steigenden Wasser, wie sehr unsere Welt in Aufruhr ist. Ob dieses Chaos Reinigung und Regeneration bringt oder Spaltung und Vernichtung, entscheidet sich daran, ob wir uns dem Great Reset anschließen, mit der sich daraus ergebenden neuen Weltordnung, oder einem erwachenden Bewusstsein, dem sich die Verdrehungen, Lügen und Manipulationen der vergangenen Jahrtausende offenbaren.

Welches Feuer schüren wir? Das Feuer der Überwachung, Verdrängung und Auslöschung des Lebendigen oder das Feuer des natürlichen, authentischen, ursprünglichen Lebens? Beide sind nicht leicht voneinander zu unterscheiden. Denn beide Seiten meinen es ja „gut“.

Eine Seite will den Planeten durch Bio- und Geoengineering und eine massive Reduktion der Bevölkerung „retten“ und zieht daraus die Legitimation ihrer grenzenlosen Selbstbereicherung. Die andere Seite erinnert sich an die Würde des Menschen, den Wert des Einzelnen und die Größe des Individuums.

Es sind zwei grundlegend unterschiedliche Prinzipien, die hier aufeinandertreffen. Die Welt- und Menschenbilder beider Seiten schließen sich praktisch gegenseitig aus. Verbindungen, das haben wir in den vergangenen Jahren gesehen, gibt es kaum. Entweder wir sind für oder gegen die Spritze, für oder gegen den Krieg. Unsere Position hängt davon ab, wie wir uns Menschen sehen. Für wen halten wir uns? Fehlkonstruktionen, die durch Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnologien und Kognitionswissenschaften künstlich hochgerüstet werden müssen, oder unersetzliche schöpferische Wesen, die in ihrer Ursprünglichkeit einzigartig sind?

Wem schenken wir unser Vertrauen? Unseren Regierungen und den globalen Playern aus Big Tech, Big Pharma, Big Food, Big Energie und Big Money, oder dem göttlichen Funken, der in jedem von uns glimmt und der, einmal entfacht, eine Welt erschaffen kann, in der wir alle gut und friedlich leben können? Welchen Gesetzen beugen wir uns: den natürlichen oder den künstlichen? Welchen Anweisungen folgen wir: denen, die von oben kommen, oder denen, die unserem Herzen entspringen?

Jetzt gilt es, sich auf unsere höchsten Werte zu besinnen. Wer soll am 24. Dezember geboren werden, was wünschen wir uns? Etwas Designtes aus dem Labor, oder ein Kind, das dem Leib einer Mutter entspringt? Um nicht weniger als diese Entscheidung geht es heute (4). Es ist die Wahl zwischen Leben und Tod. Was bringen wir auf die Welt? Eine künstliche Hölle oder ein natürliches Paradies, ein Gefängnis oder ein freies Feld, auf dem wir wieder Wälder pflanzen und die Elemente sich regenerieren lassen?

Auch wenn sie mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist: Es gibt eine Brücke aus dem Gefängnis heraus, die uns in die Freiheit führt. Wie alles Wesentliche ist sie nur mit dem Herzen erfassbar. Die Quintessenz erschließt sich nicht dem Berechnenden, sondern dem Fühlenden, Vertrauenden, Hingebungsvollen. Nur der, der aus vollem Herzen glaubt, kann Berge versetzen. Denn nur er wagt sich hinein in die Leere und vertraut darauf, gehalten zu werden. „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“, schrieb die deutsche Lyrikerin jüdischen Glaubens Hilde Domin. Advent ist eine gute Zeit, es auszuprobieren.



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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.rubikon.news/artikel/der-schmetterlingseffekt
(2) https://www.deutschelyrik.de/was-es-ist-1039.html
(3) https://www.rubikon.news/artikel/das-licht-in-der-finsternis
(4) Stefan Magnet: Transhumanismus. Krieg gegen die Menschheit. Die Spritze war nur der Anfang.



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Von Veritatis

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