Mittlerweile sechs Jahre ist es her, da prophezeite das US-Musikmagazin Pitchfork, bekannt für seine unkonventionellen bis elitären Meinungen über Popmusik, den „Tod des Greatest-Hits-Albums“. Die These: Mit dem Aufkommen der Streaming-Dienstleister brauche es keine händisch kuratierten Veröffentlichungen mehr, vielmehr würden Playlists diesen Job in Zukunft erfüllen.

Nun haben wir 2023, und nein, ganz tot ist das Prinzip „Kompilation“ nicht, immerhin liegt da noch eine BRAVO The Hits 2022 in den letzten verbliebenen CD-Regalen der Nation, nebst anderen Untoten. Aber: Das Genre „Best of“ verschwindet tatsächlich. Für 2007 zählt die Wikipedia-Liste der Greatest-Hits-Alben mit einem eigenen Eintrag in der Online-Enzyklopädie noch 168 Titel, für 2022 sind es nur noch zwölf.

Verwunderlich ist das nicht. Einst waren „Best of“-Veröffentlichungen eine günstige Gelegenheit für große Labels, aus ihren bereits lukrativen Künstler*innen noch mehr Geld herauszupressen, indem sie bereits veröffentlichtes Material neu zusammenstellten. Das Streaming-Äquivalent dazu sind heute etwa auf Spotify die „This is“-Playlists. „This is Lady Gaga“ oder „This is Bob Dylan“ – laut Spotify handelt es sich bei den Listen um händisch kuratierte Werkschauen, die zudem laufend ergänzt werden und interessierten Hörer*innen einen Überblick verschaffen sollen. Neben dieser dynamischen Alternative sehen die vielen alten „Best of“-Veröffentlichungen, die es ja auf den meisten Plattformen nach wie vor gibt, ganz schön verloren aus.

Über Nacht zum Profi

Eins zeigen die Listen aber: Das Bedürfnis nach einem schnellen Überblick hat sich kaum verändert. Besonders für Möchtegern-Popschlaumeier*innen boten Kompilationen eine elegante Abkürzung, um über Nacht zum Profi zu werden. Niemand musste alle zwölf Studioalben der Beatles kennen, um mitreden zu können, es genügte das „Best of“ 1, das alle 27 Nummer-eins-Hits der Band vereint. Wer 1 kannte, kannte die ganze Geschichte einer gigantischen Band, von Früh- bis Spätwerk, von Love Me Do bis Get Back, komprimiert auf knapp 80 Minuten. Ironischerweise ist diese im Jahr 2000 – 30 Jahre nach der Trennung der Band – erschienene „Best of“-Veröffentlichung selbst zum Nummer-eins-Hit geworden und gilt als eines der erfolgreichsten Alben des 21. Jahrhunderts.

Kompilationen hatten Gewicht und Geschichte. In Zeiten der begrenzten Zugriffsmöglichkeiten auf Musik kannte manch einer diese oder jene Musik überhaupt nur über „Best of“-Alben. Für mich gab es etwa keinen Aerosmith-Song jenseits der Big Ones, der Greatest-Hits-Zusammenstellung von 1994. Bis heute gehören für mich die Songs der Glamrock-Band in keiner anderen Reihenfolge als dieser gespielt. Das mag an der Hitdichte, an der Varianz, vielleicht sogar an der Dramaturgie der Kompilation gelegen haben. Natürlich produziert die immer gleiche Reihenfolge aber auch die immer gleiche nostalgische Emotion: ich als Zehnjähriger, das grelle Cover der Aerosmith-CD meines Vaters und die vollständige Abwesenheit von Sorgen oder Englischkenntnissen (zum Glück). Wenn es die Big Ones nicht mehr gäbe, würde ich sie mir wieder zusammenstellen.

Pitchfork konkludierte 2016, die Playlist sei kein Ersatz für Kompilationen. Ohne offizielle Veröffentlichungen verliere sich „die Sprache, die Popmusik in all ihren Formen zu einer gemeinsamen Erfahrung“ mache. Heute hören viele Menschen viele Listen mit vielen Songs, einige „big“, einige „best“ und manche sogar „greatest“. Die Untoten aus den CD-Regalen brauchen sie für den Überblick nicht. Und ihre nostalgischen Geister erwecken sie mit ihren eigenen Zusammenstellungen manchmal sogar noch viel effektiver zum Leben, als ein Label das je vermocht hätte. Goodbye, Greatest Hits!

em eigenen Eintrag in der Online-Enzyklopädie noch 168 Titel, für 2022 sind es nur noch zwölf.Verwunderlich ist das nicht. Einst waren „Best of“-Veröffentlichungen eine günstige Gelegenheit für große Labels, aus ihren bereits lukrativen Künstler*innen noch mehr Geld herauszupressen, indem sie bereits veröffentlichtes Material neu zusammenstellten. Das Streaming-Äquivalent dazu sind heute etwa auf Spotify die „This is“-Playlists. „This is Lady Gaga“ oder „This is Bob Dylan“ – laut Spotify handelt es sich bei den Listen um händisch kuratierte Werkschauen, die zudem laufend ergänzt werden und interessierten Hörer*innen einen Überblick verschaffen sollen. Neben dieser dynamischen Alternative sehen die vielen alten „Best of“-Veröffentlichungen, die es ja auf den meisten Plattformen nach wie vor gibt, ganz schön verloren aus.Über Nacht zum ProfiEins zeigen die Listen aber: Das Bedürfnis nach einem schnellen Überblick hat sich kaum verändert. Besonders für Möchtegern-Popschlaumeier*innen boten Kompilationen eine elegante Abkürzung, um über Nacht zum Profi zu werden. Niemand musste alle zwölf Studioalben der Beatles kennen, um mitreden zu können, es genügte das „Best of“ 1, das alle 27 Nummer-eins-Hits der Band vereint. Wer 1 kannte, kannte die ganze Geschichte einer gigantischen Band, von Früh- bis Spätwerk, von Love Me Do bis Get Back, komprimiert auf knapp 80 Minuten. Ironischerweise ist diese im Jahr 2000 – 30 Jahre nach der Trennung der Band – erschienene „Best of“-Veröffentlichung selbst zum Nummer-eins-Hit geworden und gilt als eines der erfolgreichsten Alben des 21. Jahrhunderts.Kompilationen hatten Gewicht und Geschichte. In Zeiten der begrenzten Zugriffsmöglichkeiten auf Musik kannte manch einer diese oder jene Musik überhaupt nur über „Best of“-Alben. Für mich gab es etwa keinen Aerosmith-Song jenseits der Big Ones, der Greatest-Hits-Zusammenstellung von 1994. Bis heute gehören für mich die Songs der Glamrock-Band in keiner anderen Reihenfolge als dieser gespielt. Das mag an der Hitdichte, an der Varianz, vielleicht sogar an der Dramaturgie der Kompilation gelegen haben. Natürlich produziert die immer gleiche Reihenfolge aber auch die immer gleiche nostalgische Emotion: ich als Zehnjähriger, das grelle Cover der Aerosmith-CD meines Vaters und die vollständige Abwesenheit von Sorgen oder Englischkenntnissen (zum Glück). Wenn es die Big Ones nicht mehr gäbe, würde ich sie mir wieder zusammenstellen.Pitchfork konkludierte 2016, die Playlist sei kein Ersatz für Kompilationen. Ohne offizielle Veröffentlichungen verliere sich „die Sprache, die Popmusik in all ihren Formen zu einer gemeinsamen Erfahrung“ mache. Heute hören viele Menschen viele Listen mit vielen Songs, einige „big“, einige „best“ und manche sogar „greatest“. Die Untoten aus den CD-Regalen brauchen sie für den Überblick nicht. Und ihre nostalgischen Geister erwecken sie mit ihren eigenen Zusammenstellungen manchmal sogar noch viel effektiver zum Leben, als ein Label das je vermocht hätte. Goodbye, Greatest Hits!



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Von Veritatis

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