Technologie KI-Bildgeneratoren wie Dall-E oder Midjourney gelingt es immer besser, menschliche Kreativität zu imitieren. Ob Künstler:innen dadurch obsolet werden, hängt auch davon ab, wie sie diese Tools nutzen


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Ausgabe 02/2023

Hätte Vermeer nicht besser gekonnt

Hätte Vermeer nicht besser gekonnt

„Der Frosch ohne das Perlenohrgehänge“, DALL·E, 2023

Vor kurzem wurde das Internet von ätherischen künstlerischen Porträts geflutet. Sie waren das Werk der KI-gestützten App Lensa. Nutzer*innen luden ihre Fotos in der App hoch, die dann – gegen eine geringe Gebühr – ihre Profilbilder im Handumdrehen in eine zauberhafte Version ihrer selbst verwandelte, eine kriegerische Elfenprinzessin zu Beispiel.

2022 brachte den Durchbruch für KI-Bildgeneratoren, was Qualität, Geschwindigkeit und Erschwinglichkeit betrifft. Ihre Algorithmen werden mit Bild- und Textdaten „trainiert“, die online öffentlich verfügbar sind, und Programme wie das von Microsoft unterstützte DALL-E können kurze Texteingaben, sogenannte Prompts, in entsprechende Bilder verwandeln – zum Beispiel &

Beispiel „Ronald McDonald führt eine Operation am offenen Herzen durch“.Lange schien es, als hätte der kognitiv arbeitende Teil der Kreativbranche nichts von der Automatisierung zu befürchten. Wie könnte ein Computer jemals die Aura eines Meisterwerks von Leonardo da Vinci nachahmen oder über die spezifischen Skills verfügen, eine überzeugende visuelle Marketingkampagne für eine Luxusmarke zu entwickeln? Die ersten Bilder, die mithilfe solcher Werkzeuge entstanden, waren noch voller Fehler, die sie als maschinengemacht auswiesen. Doch seit die Ergebnisse überzeugender sind, hat sich die Debatte gedreht. In Sorge sind insbesondere Gigworker wie Grafiker und kommerzielle Illustratoren, die nach Kundenvorgaben Aufträge bearbeiten.Wer denkt, es sei reine Panikmache, dass KI kreative Berufe übernehmen könnte, sollte wissen, dass es bereits geschieht. Diesen Winter etwa nutzte das San Francisco Ballet den KI-Bildgenerator Midjourney, um die visuelle Kampagne für seine Nussknacker-Inszenierung zu erstellen (wobei ein Vertreter des Balletts betonte, dass trotz des Einsatzes von KI auch fast 30 menschliche Designer, Produzenten und Kreative an der Kampagne beteiligt waren).Die Lage der Urheberrechte bleibt unklarEine andere Bedrohung sehen Künstler in der Fähigkeit dieser Tools, Bilder „im Stil von“ zu erstellen. Diese Funktion ist lustig, wenn man damit skurrile Visionen hervorzaubert – wie sähe es aus, wenn Van Gogh Rishi Sunak gemalt hätte, wie er auf einem Einhorn in die Downing Street Nr. 10 reitet? Geht es aber um lebende Künstler, die Jahre damit verbrachten, ihren eigenen unverwechselbaren Stil zu entwickeln, wird die unheimliche Fähigkeit der KI, ohne Anerkennung oder Vergütung zu imitieren, problematisch.Der Fantasy-Künstler Greg Rutkowski fand heraus, dass sein Name zu den beliebtesten Prompts auf der KI-Plattform Stable Diffusion gehörte – noch vor Picasso oder Leonardo. „Der einzige Weg, den Algorithmus nicht weiter zu füttern, wäre es, unsere Arbeit nicht mehr ins Internet zu stellen, was in unserer Branche unmöglich ist“, sagt Rutkowski.Der Rechtsweg für Künstler, die der Meinung sind, dass diese Tools ihre Urheberrechte verletzen, ist knifflig und unklar. In der EU fechten Juristen die Rechtmäßigkeit der Verwendung urheberrechtlich geschützter Bilder für das Training von KI-Modellen an, aber Großbritannien, das eine führende Rolle in der Branche übernehmen möchte, hat bereits einen Gesetzentwurf vorgelegt, der KI-Training für kommerzielle Zwecke ohne Einschränkung erlaubt. Unterdessen bleibt unklar, ob das traditionelle Urheberrecht hier überhaupt greift, da es schwierig ist, einen visuellen Stil urheberrechtlich zu schützen.Zu den Künstlern, die diese Probleme sehr früh vorhersahen und versuchen, Lösungen zu entwickeln, gehören Mat Dryhurst und Holly Herndon, die in Berlin leben. Sie haben eine Suchfunktion entwickelt, mit der jeder überprüfen kann, ob Arbeiten von ihm für einen 150 Terabyte großen Datensatz namens LAION verwendet wurden, der zum Trainieren der meisten KI-Bildgeneratoren eingesetzt wird. Ihre Organisation Spawning entwickelt außerdem ein Tool, mit dem Künstler festlegen können sollen, wie ihr Stil von Algorithmen verwendet werden darf und ob überhaupt.Die Hand der MaschineStability AI – die Organisation hinter Stable Diffusion – hat sich ebenso wie LAION verpflichtet, mit Spawning zusammenzuarbeiten und Einverständniserklärungen zu berücksichtigen, die vor dem nächsten Training von Stable Diffusion abgegeben werden. Ein jüngstes Update lässt zudem keine Prompts mehr zu, die Künstlernamen enthalten.Die gigantischen offenen Datensätze, mit denen die Algorithmen trainiert werden, bergen weitere Schwachstellen, die ihr Potenzial einschränken. Es mangelt an Diversität und die KI übernimmt auch menschliche Vorurteile, was dazu führt, dass die KI-Modelle unbeabsichtigt mit schädlichen Stereotypen und Darstellungen kodiert sind. Einigen Nutzern fiel auf, dass Lensa übermäßig sexualisierte weibliche Avatare erzeugt und Phänotype rassistisch übertrieben darstellt. Wer genau hinsieht, stellt zudem fest, dass sich die Resultate der weit verbreiteten KI-Tools bereits wiederholen, und selbst ungeübte Augen werden bald lernen, die Hand der Maschine zu erkennen. Für Dryhurst könnten KI-Modelle „versuchen, eine blasse Version dessen zu erstellen, das wir vor Jahren gemacht haben“, aber das „umfasst nicht, was wir als Nächstes tun könnten“.Einige der interessantesten und konzeptionell anspruchsvollsten Arbeiten, die mit KI gemacht werden, stammen noch immer von Künstlern selbst, etwa von Mario Klingemann oder Anna Ridler, die Trainingsdatensätze individuell auf sich zugeschnitten haben und die Ergebnisse der Maschinen auf fantasievolle Weise kuratieren.Noch gibt es keine vollständig autonomen kreativen Roboter, die Künstler ersetzen, aber sie werden kommen. Und da KI immer allgegenwärtiger wird, werden sich Künstler, Illustratoren und Designer langfristig nicht dadurch voneinander abheben, ob sie die Technologie nutzen – sondern wie.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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