Zwei Jahre ist es jetzt her, dass Alexej Nawalny in Moskau landete, wohl wissend, dass ihm die Verhaftung drohte. Gerade erst hatte er sich von einem Mordanschlag mit dem Nervengift Nowitschok erholt. Und trotzdem: „Nicht nach Moskau zurückzufliegen, stand für ihn nicht zur Debatte“, sagt die Investigativjournalistin Maria Pevchikh. Sie leitet die Rechercheabteilung von Nawalnys Anti-Korruptions-Stiftung (FBK), ein Jahrzehnt lang arbeitete sie mit ihm zusammen. Pevchikh war bei ihm in Sibirien, als er vergiftet wurde.

„Wir waren sehr gut darauf vorbereitet“, sagt sie über Nawalnys Abwesenheit. Und zögert dann. „Der Verlust ist spürbar. Wir sind voll funktionsfähig, wahrscheinlich sogar besser denn je. Aber wir haben viel an Enthusiasmus verloren. Wir machen unsere Arbeit, weil wir wütend sind.“

Seit Nawalnys Rückkehr nach Russland hat sich viel verändert. Er ist verhaftet worden und kam ins Gefängnis. Monate später wurde die Antikorruptionsstiftung als „extremistische Organisation“ eingestuft und ihre Mitarbeiter*innen mussten das Land über Nacht verlassen. Es dauerte Wochen, bis ich Pevchikh dazu überreden konnte, mir das neue Zuhause der Organisation in Vilnius zu zeigen. Obwohl ich sie zwischenzeitlich mehrmals traf und wir gemeinsame Bekannte haben, bleibt sie misstrauisch.

Das Büro mit seinen Aufnahmestudios, Hängeregalen und Kakteen sieht aus wie ein x-beliebiges hippes Medien-Startup in Brooklyn, Shoreditch oder L.A., und in einem anderen Leben wäre Pevchikh wohl eine hochrangige Medienmanagerin an einem dieser Orte. Aber in diesem Leben sitzt ihr Chef in einer Gefängniszelle außerhalb von Moskau, und dies ist das Hauptquartier der russischen Opposition. „Wir verhalten uns so, als wären wir in Moskau. Unsere Uhren stehen auf Moskauer Standard-Zeit“, betont sie.

Nawalny verbüßt derzeit zwei getrennt voneinander verhängte Haftstrafen – zweieinhalb Jahre wegen eines Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen und neun Jahre wegen Betrugs und Beleidigung. In Kürze wird er erneut vor Gericht stehen, diesmal wegen Gründung einer extremistischen Organisation, es drohen ihm weitere 30 Jahre. Eines der Hauptziele der Stiftung ist derzeit einfach, Nawalny in den Nachrichten zu halten. In Russland geschieht das mittels einer Reihe neuer YouTube-Channels, der einzige Kanal, der in Russland noch zur Verfügung steht, um über den Krieg zu informieren. Und im Westen über den Dokumentarfilm Nawalny, der für einen Oscar nominiert wurde. „Ich wüsste nicht, wo wir ohne diesen Film stünden“, sagt Pevchikh. „Er wird bei jedem Treffen mit Minister*innen oder deren Mitarbeiter*innen erwähnt. Jeder weiß wegen des Films, wer er ist. Und wer ich bin.“

Eine Szene des Films brennt sich ein: Einige Monate nach NawalnysVergiftung besuchte der bulgarische Journalist Christo Grozev vom Investigativkollektiv Bellingcat das Haus im Schwarzwald, in dem Nawalny sich erholte. Er glaubte, Nawalnys Giftmörder identifiziert zu haben. Mehr noch, er hat ihre Telefonnummern. Der Film zeigt den elektrisierenden Moment, in dem Nawalny – unter dem Decknamen eines hochrangigen FSB-Mitarbeiters – mit einem seiner Giftmörder am Telefon spricht. „Ich hatte keine Ahnung, was gesagt wurde“, sagt der Regisseur des Films, Daniel Roher, „aber dann sah ich, wie Maria der Kiefer herunterfiel und sie sich die Hand vor den Mund schlug, und ich dachte: ‚Holy Shit‘.“ Nawalny hatte einen FSB-Agenten dazu gebracht, vor der Kamera ein Geständnis abzulegen und zu beschreiben, wie er Teil des Teams war, das alle Spuren von Nowitschok von Nawalnys Kleidung entfernen sollte. Nawalny zeigt keine Regung. „Auf welches Stück Stoff haben Sie sich konzentriert?“, fragt er. „Die Unterhosen.“ Der FSB hatte versucht, ihn mit seiner eigenen Unterhose zu töten. Die Episode wirkt wie eine Parabel auf die Brutalität und Absurdität des Putinschen Regimes.

Pevchikh und Nawalny entlarven Putins Regierungspartei

Das letzte Büro, in das mich Pevchikh in der Stiftung führt, ist das Arbeitszimmer ihres Rechercheteams. Es ist klein, die dicht gedrängten Schreibtische sind mit einer Handvoll junger Männer besetzt, die mit einer Mischung aus Respekt, Angst und Zuneigung aufblicken, als wir eintreten. Pevchikhs Gesichtsausdruck ist, wie immer, nicht lesbar. Man würde mit ihr nicht pokern wollen.

Den Vorabend hatte ich in Vilnius damit verbracht, Pevchikh und ihr Team in Aktion zu beobachten. In einer prächtigen Wohnung aus dem 19. Jahrhundert drehten sie einen Film für YouTube über einen korrupten stellvertretenden Finanzminister, und es bestand kein Zweifel, dass Pevchikh in diesem Raum voller leicht zerzauster Männer die Chefin war. Eine ziemlich fabelhafte Chefin mit perfekt frisiertem Haar, makellos aufgetragenem rotem Lippenstift, roten Nägeln und einem unergründlichen Blick.

In Nawalnys Abwesenheit leitet sie mit ihrem Kollegen Georgi Alburow die YouTube-Ermittlungen. Die Investigativabteilung ist das Nervenzentrum der Organisation, die Nawalny 2011 gründete, um Putins Regierungspartei als „eine Partei von Gaunern und Lügnern“ zu entlarven, wie er sagte. Pevchikh und Nawalny haben etwas geschafft, was noch keinem westlichen Nachrichtensender gelang: Sie machten Ermittlungen gegen Finanzkorruption aufregend.

Nur wenige Stunden nach Nawalnys Verhaftung veröffentlichten Pevchikh und ihr Team Putins Palast, ihre bisher ehrgeizigste Recherche, einen abendfüllenden Film über Putins geheime Super-Villa am Schwarzen Meer, den 125 Millionen Menschen gesehen haben. Satelliten, Drohnen und 3D-Software kamen zum Einsatz, um die atemberaubend grotesken Innenräume der Villa inklusive Tabledance-Bar zu visualisieren. „Ein Jahr später wurden Fotos aus dem Palast veröffentlicht und sie sahen noch viel schlimmer aus als wir es uns vorgestellt hatten“, sagt Pevchikh. Ihrer Meinung nach ist Putin „einfach sehr schlicht. Er ist kein großer Denker und Stratege. Seine Interessen sind sehr oberflächlich. Er mag einfach teure Dinge.“

Sie glaubt deshalb, dass trotz allem Hoffnung besteht. „Ich habe es aufgegeben, Videoaufnahmen von ihm zu analysieren. Es ist sinnlos. Er unterliegt keiner Logik und keinem rationalen Denken. Er tut das, was ihm an dem Tag, an dem er es tut, gelegen kommt. Und es könnte ein Tag kommen, an dem es ihm gelegen kommt, Alexej freizulassen. Den dürfen wir nicht verpassen.“

„Perfekter Lebenslauf einer MI6-Spionin“

Als Maria Pevchikh ihn 2011 kennenlernte, hatte Nawalny gerade die nationale Bühne betreten und sie war Anfang 20. Sie war in Moskau aufgewachsen, und ihr Großvater habe ihr den Hass auf den FSB eingeimpft, sagt sie. Ansonsten war ihre Familie unpolitisch; ihre Mutter arbeitete bei Nissan und ihr Vater leitete eine Hotelkette. Im Alter von 15 Jahren erhielt Maria einen Studienplatz für Soziologie an der Lomonossow-Universität in Moskau. Die Bemerkung, das sei sehr jung, wehrt sie ab. „Ich war 15. Aber mein mentales Alter war 45, und ich begann zu ahnen, dass etwas nicht stimmte, unsere Fakultät war die korrupteste in der korruptesten Institution, die es je in Russland gab. Es war irre. Jeder nahm Bestechungsgelder an. Es kostete etwa 200 Dollar, eine Prüfung zu bestehen.“

Sie beschloss, das Institut zu verlassen, weil sie „eine echte Universitätsausbildung“ wollte, und zog nach London und besuchte die London School of Economics. Zurück in Moskau, sah sie eine Anzeige auf Nawalnys Blog. „Er suchte eine Anwältin, die für ihn Verträge über die Vergabe von Aufträgen studiert, und ich schickte ihm ziemlich anmaßend einfach eine Nachricht, in der stand: ‚Ich habe nichts, was Sie brauchen, aber hier ist trotzdem mein Lebenslauf‘. Ich war etwa 22 Jahre alt, und er antwortete mir fünf Minuten später mit dem Witz, ich hätte den perfekten Lebenslauf einer MI6-Spionin.“

Sie begann als ehrenamtliche Mitarbeiterin und recherchierte dies und das für ihn. Eine ihrer ersten Aufgaben bestand darin, das britische Grundbuch zu durchforsten, um Details über Immobilientransaktionen von Oligarchen zu finden. In London verbringt sie immer noch viel Zeit, sie hat eine Wohnung in der Stadt und eine Gruppe von Freunden von der Universität.

„In Russland gibt es diese weit verbreitete Denkweise, nichts könne sich ändern. Aber ich bin überzeugt, dass wir die Dinge ändern können.“ Das liege auch daran, dass sie alt genug sei, um ein anderes Russlan zu kennen. „Ich wuchs in den 90ern auf. Ich erlebte diesen Hauch von Freiheit. Es war eine andere Gesellschaft. Es gab t.A.T.u, diese zwei Mädchen, die vorgaben, lesbisch zu sein, und Russland beim ESC vertraten. Alle fanden es toll. Es gab nicht diese Homophobie, wie es sie heute gibt. Nichts hindert Russland daran, wohlhabend, reich und glücklich zu sein. Ich glaube nicht, dass wir ein Korruptionsgen haben.“

„Habt vor nichts Angst“

Nawalnys Vergiftung war ein entscheidender Moment, für die Stiftung und für Pevchikh selbst. Sie war mit Nawalny in der sibirischen Stadt Tomsk, als er vergiftet wurde, und es gibt eine weitere Szene im Film, in der sie in sein Zimmer geht und Gegenstände in Tüten packt, für den Fall, dass sie als Beweismittel benötigt werden. Später stellt sich heraus, dass sich auf einem Spuren von Nowitschok befanden.

„Ich weiß noch, wie ich da stand“, sagt sie jetzt. „Wir mussten warten, bevor sie den Raum für uns öffneten. Ich stand an der Tür und dachte: Ich könnte jetzt nach Hause gehen. Ich könnte nach London fliegen. Dann wäre ich aus diesem Albtraum heraus. Oder ich gehe rein? Das ist das Ende meines Lebens, so wie es jetzt ist.“ Sie ging durch die Tür.

Vera Krichevskaya, Mitbegründerin von Dozhd, dem letzten unabhängigen Fernsehsender in Russland, bis auch er ins Exil gezwungen wurde, sagt über Pevchikh: „Manchmal denke ich, sie ist kein Mensch, weil sie keine Angst hat. Ich habe sie viele Male in Europa gesehen, als sie alleine unterwegs war. Ich verstehe ihre Macht, ihren Einfluss und den Hass, den man ihr entgegenbringt. Diese Geschichte, die sie gerade über den stellvertretenden Verteidigungsminister herausgebracht hat? An ihrer Stelle würde ich danach in einem Bunker leben.

Nawalnys Hauptbotschaft lautet: „Habt vor nichts Angst“. Ihr sei das nicht in die Wiege gelegt worden, sagt Pevchikh. „Am Anfang habe ich mich mutiger verhalten, als ich mich tatsächlich fühlte. Aber mit der Zeit verinnerlicht man es.“

Als Pevchikh mir vor ein paar Wochen am Telefon von einer neuen Bellingcat-Entdeckung erzählt, fühlt es sich plötzlich so an, als seien die Risiken nur allzu real geworden: Christo Grozev hatte Beweise dafür gefunden, dass das Vergiftungsteam des FSB auch ihr Hotel in Tomsk besucht hatte. „Seine Theorie ist, dass sie mir eine Falle stellen wollten. Nawalny sollte in dem Flugzeug sterben. Und dann wäre ich verhaftet worden. Was mich wahnsinnig macht, ist, dass ich weiß, es hätte funktioniert. Selbst wenn Bellingcat bewiesen hätte, dass ich es nicht war, hätte es immer als Verschwörungstheorie existiert. Selbst meine Kollegen hätten sich Fragen gestellt.“

Pevchikh zeigt selten Emotionen, aber jetzt kann ich sie in ihrer Stimme hören. Wenn Bellingcats Theorie stimmt, wäre sie nicht nur in einem russischen Gefängnis gefangen, sondern auch in einer Lüge. „Habt vor nichts Angst“ – wenn Nawalnys Modell darin besteht, mit gutem Beispiel voranzugehen, scheint es erfolgreich zu sein.

an Enthusiasmus verloren. Wir machen unsere Arbeit, weil wir wütend sind.“Seit Nawalnys Rückkehr nach Russland hat sich viel verändert. Er ist verhaftet worden und kam ins Gefängnis. Monate später wurde die Antikorruptionsstiftung als „extremistische Organisation“ eingestuft und ihre Mitarbeiter*innen mussten das Land über Nacht verlassen. Es dauerte Wochen, bis ich Pevchikh dazu überreden konnte, mir das neue Zuhause der Organisation in Vilnius zu zeigen. Obwohl ich sie zwischenzeitlich mehrmals traf und wir gemeinsame Bekannte haben, bleibt sie misstrauisch.Das Büro mit seinen Aufnahmestudios, Hängeregalen und Kakteen sieht aus wie ein x-beliebiges hippes Medien-Startup in Brooklyn, Shoreditch oder L.A., und in einem anderen Leben wäre Pevchikh wohl eine hochrangige Medienmanagerin an einem dieser Orte. Aber in diesem Leben sitzt ihr Chef in einer Gefängniszelle außerhalb von Moskau, und dies ist das Hauptquartier der russischen Opposition. „Wir verhalten uns so, als wären wir in Moskau. Unsere Uhren stehen auf Moskauer Standard-Zeit“, betont sie.Nawalny verbüßt derzeit zwei getrennt voneinander verhängte Haftstrafen – zweieinhalb Jahre wegen eines Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen und neun Jahre wegen Betrugs und Beleidigung. In Kürze wird er erneut vor Gericht stehen, diesmal wegen Gründung einer extremistischen Organisation, es drohen ihm weitere 30 Jahre. Eines der Hauptziele der Stiftung ist derzeit einfach, Nawalny in den Nachrichten zu halten. In Russland geschieht das mittels einer Reihe neuer YouTube-Channels, der einzige Kanal, der in Russland noch zur Verfügung steht, um über den Krieg zu informieren. Und im Westen über den Dokumentarfilm Nawalny, der für einen Oscar nominiert wurde. „Ich wüsste nicht, wo wir ohne diesen Film stünden“, sagt Pevchikh. „Er wird bei jedem Treffen mit Minister*innen oder deren Mitarbeiter*innen erwähnt. Jeder weiß wegen des Films, wer er ist. Und wer ich bin.“Eine Szene des Films brennt sich ein: Einige Monate nach NawalnysVergiftung besuchte der bulgarische Journalist Christo Grozev vom Investigativkollektiv Bellingcat das Haus im Schwarzwald, in dem Nawalny sich erholte. Er glaubte, Nawalnys Giftmörder identifiziert zu haben. Mehr noch, er hat ihre Telefonnummern. Der Film zeigt den elektrisierenden Moment, in dem Nawalny – unter dem Decknamen eines hochrangigen FSB-Mitarbeiters – mit einem seiner Giftmörder am Telefon spricht. „Ich hatte keine Ahnung, was gesagt wurde“, sagt der Regisseur des Films, Daniel Roher, „aber dann sah ich, wie Maria der Kiefer herunterfiel und sie sich die Hand vor den Mund schlug, und ich dachte: ‚Holy Shit‘.“ Nawalny hatte einen FSB-Agenten dazu gebracht, vor der Kamera ein Geständnis abzulegen und zu beschreiben, wie er Teil des Teams war, das alle Spuren von Nowitschok von Nawalnys Kleidung entfernen sollte. Nawalny zeigt keine Regung. „Auf welches Stück Stoff haben Sie sich konzentriert?“, fragt er. „Die Unterhosen.“ Der FSB hatte versucht, ihn mit seiner eigenen Unterhose zu töten. Die Episode wirkt wie eine Parabel auf die Brutalität und Absurdität des Putinschen Regimes.Pevchikh und Nawalny entlarven Putins RegierungsparteiDas letzte Büro, in das mich Pevchikh in der Stiftung führt, ist das Arbeitszimmer ihres Rechercheteams. Es ist klein, die dicht gedrängten Schreibtische sind mit einer Handvoll junger Männer besetzt, die mit einer Mischung aus Respekt, Angst und Zuneigung aufblicken, als wir eintreten. Pevchikhs Gesichtsausdruck ist, wie immer, nicht lesbar. Man würde mit ihr nicht pokern wollen.Den Vorabend hatte ich in Vilnius damit verbracht, Pevchikh und ihr Team in Aktion zu beobachten. In einer prächtigen Wohnung aus dem 19. Jahrhundert drehten sie einen Film für YouTube über einen korrupten stellvertretenden Finanzminister, und es bestand kein Zweifel, dass Pevchikh in diesem Raum voller leicht zerzauster Männer die Chefin war. Eine ziemlich fabelhafte Chefin mit perfekt frisiertem Haar, makellos aufgetragenem rotem Lippenstift, roten Nägeln und einem unergründlichen Blick.In Nawalnys Abwesenheit leitet sie mit ihrem Kollegen Georgi Alburow die YouTube-Ermittlungen. Die Investigativabteilung ist das Nervenzentrum der Organisation, die Nawalny 2011 gründete, um Putins Regierungspartei als „eine Partei von Gaunern und Lügnern“ zu entlarven, wie er sagte. Pevchikh und Nawalny haben etwas geschafft, was noch keinem westlichen Nachrichtensender gelang: Sie machten Ermittlungen gegen Finanzkorruption aufregend.Nur wenige Stunden nach Nawalnys Verhaftung veröffentlichten Pevchikh und ihr Team Putins Palast, ihre bisher ehrgeizigste Recherche, einen abendfüllenden Film über Putins geheime Super-Villa am Schwarzen Meer, den 125 Millionen Menschen gesehen haben. Satelliten, Drohnen und 3D-Software kamen zum Einsatz, um die atemberaubend grotesken Innenräume der Villa inklusive Tabledance-Bar zu visualisieren. „Ein Jahr später wurden Fotos aus dem Palast veröffentlicht und sie sahen noch viel schlimmer aus als wir es uns vorgestellt hatten“, sagt Pevchikh. Ihrer Meinung nach ist Putin „einfach sehr schlicht. Er ist kein großer Denker und Stratege. Seine Interessen sind sehr oberflächlich. Er mag einfach teure Dinge.“Sie glaubt deshalb, dass trotz allem Hoffnung besteht. „Ich habe es aufgegeben, Videoaufnahmen von ihm zu analysieren. Es ist sinnlos. Er unterliegt keiner Logik und keinem rationalen Denken. Er tut das, was ihm an dem Tag, an dem er es tut, gelegen kommt. Und es könnte ein Tag kommen, an dem es ihm gelegen kommt, Alexej freizulassen. Den dürfen wir nicht verpassen.“„Perfekter Lebenslauf einer MI6-Spionin“Als Maria Pevchikh ihn 2011 kennenlernte, hatte Nawalny gerade die nationale Bühne betreten und sie war Anfang 20. Sie war in Moskau aufgewachsen, und ihr Großvater habe ihr den Hass auf den FSB eingeimpft, sagt sie. Ansonsten war ihre Familie unpolitisch; ihre Mutter arbeitete bei Nissan und ihr Vater leitete eine Hotelkette. Im Alter von 15 Jahren erhielt Maria einen Studienplatz für Soziologie an der Lomonossow-Universität in Moskau. Die Bemerkung, das sei sehr jung, wehrt sie ab. „Ich war 15. Aber mein mentales Alter war 45, und ich begann zu ahnen, dass etwas nicht stimmte, unsere Fakultät war die korrupteste in der korruptesten Institution, die es je in Russland gab. Es war irre. Jeder nahm Bestechungsgelder an. Es kostete etwa 200 Dollar, eine Prüfung zu bestehen.“Sie beschloss, das Institut zu verlassen, weil sie „eine echte Universitätsausbildung“ wollte, und zog nach London und besuchte die London School of Economics. Zurück in Moskau, sah sie eine Anzeige auf Nawalnys Blog. „Er suchte eine Anwältin, die für ihn Verträge über die Vergabe von Aufträgen studiert, und ich schickte ihm ziemlich anmaßend einfach eine Nachricht, in der stand: ‚Ich habe nichts, was Sie brauchen, aber hier ist trotzdem mein Lebenslauf‘. Ich war etwa 22 Jahre alt, und er antwortete mir fünf Minuten später mit dem Witz, ich hätte den perfekten Lebenslauf einer MI6-Spionin.“Sie begann als ehrenamtliche Mitarbeiterin und recherchierte dies und das für ihn. Eine ihrer ersten Aufgaben bestand darin, das britische Grundbuch zu durchforsten, um Details über Immobilientransaktionen von Oligarchen zu finden. In London verbringt sie immer noch viel Zeit, sie hat eine Wohnung in der Stadt und eine Gruppe von Freunden von der Universität.„In Russland gibt es diese weit verbreitete Denkweise, nichts könne sich ändern. Aber ich bin überzeugt, dass wir die Dinge ändern können.“ Das liege auch daran, dass sie alt genug sei, um ein anderes Russlan zu kennen. „Ich wuchs in den 90ern auf. Ich erlebte diesen Hauch von Freiheit. Es war eine andere Gesellschaft. Es gab t.A.T.u, diese zwei Mädchen, die vorgaben, lesbisch zu sein, und Russland beim ESC vertraten. Alle fanden es toll. Es gab nicht diese Homophobie, wie es sie heute gibt. Nichts hindert Russland daran, wohlhabend, reich und glücklich zu sein. Ich glaube nicht, dass wir ein Korruptionsgen haben.“„Habt vor nichts Angst“Nawalnys Vergiftung war ein entscheidender Moment, für die Stiftung und für Pevchikh selbst. Sie war mit Nawalny in der sibirischen Stadt Tomsk, als er vergiftet wurde, und es gibt eine weitere Szene im Film, in der sie in sein Zimmer geht und Gegenstände in Tüten packt, für den Fall, dass sie als Beweismittel benötigt werden. Später stellt sich heraus, dass sich auf einem Spuren von Nowitschok befanden.„Ich weiß noch, wie ich da stand“, sagt sie jetzt. „Wir mussten warten, bevor sie den Raum für uns öffneten. Ich stand an der Tür und dachte: Ich könnte jetzt nach Hause gehen. Ich könnte nach London fliegen. Dann wäre ich aus diesem Albtraum heraus. Oder ich gehe rein? Das ist das Ende meines Lebens, so wie es jetzt ist.“ Sie ging durch die Tür.Vera Krichevskaya, Mitbegründerin von Dozhd, dem letzten unabhängigen Fernsehsender in Russland, bis auch er ins Exil gezwungen wurde, sagt über Pevchikh: „Manchmal denke ich, sie ist kein Mensch, weil sie keine Angst hat. Ich habe sie viele Male in Europa gesehen, als sie alleine unterwegs war. Ich verstehe ihre Macht, ihren Einfluss und den Hass, den man ihr entgegenbringt. Diese Geschichte, die sie gerade über den stellvertretenden Verteidigungsminister herausgebracht hat? An ihrer Stelle würde ich danach in einem Bunker leben.Nawalnys Hauptbotschaft lautet: „Habt vor nichts Angst“. Ihr sei das nicht in die Wiege gelegt worden, sagt Pevchikh. „Am Anfang habe ich mich mutiger verhalten, als ich mich tatsächlich fühlte. Aber mit der Zeit verinnerlicht man es.“Als Pevchikh mir vor ein paar Wochen am Telefon von einer neuen Bellingcat-Entdeckung erzählt, fühlt es sich plötzlich so an, als seien die Risiken nur allzu real geworden: Christo Grozev hatte Beweise dafür gefunden, dass das Vergiftungsteam des FSB auch ihr Hotel in Tomsk besucht hatte. „Seine Theorie ist, dass sie mir eine Falle stellen wollten. Nawalny sollte in dem Flugzeug sterben. Und dann wäre ich verhaftet worden. Was mich wahnsinnig macht, ist, dass ich weiß, es hätte funktioniert. Selbst wenn Bellingcat bewiesen hätte, dass ich es nicht war, hätte es immer als Verschwörungstheorie existiert. Selbst meine Kollegen hätten sich Fragen gestellt.“Pevchikh zeigt selten Emotionen, aber jetzt kann ich sie in ihrer Stimme hören. Wenn Bellingcats Theorie stimmt, wäre sie nicht nur in einem russischen Gefängnis gefangen, sondern auch in einer Lüge. „Habt vor nichts Angst“ – wenn Nawalnys Modell darin besteht, mit gutem Beispiel voranzugehen, scheint es erfolgreich zu sein.



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Von Veritatis

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