Wer den Moralismus beklagt, muss aufpassen, dass er die Moral nicht gleich mit zerstört. Deshalb scheint mir eine Vorbemerkung sehr wichtig. Es gibt tatsächlich moralische Fragestellungen, die nicht moralisiert werden können, weil sie eben bereits moralisch sind.

Eine solche Frage ist zum Beispiel „Ist Abtreibung prinzipiell erlaubt?“. Eine moralische Frage erkennen wir daran, dass wir sie nicht mit dem Verweis auf irgendjemandes Festlegungen beantworten können. Stellen wir die Frage „Ist Abtreibung prinzipiell erlaubt?“, so wollen wir kein Referat darüber hören, wo sie erlaubt oder verboten ist. Wir möchten wissen, ob man Abtreibung überhaupt irgendwo und unter welchen Umständen erlauben darf.

Unsere moralischen Überzeugungen sind die Grundlage unserer Bewertungen von Sachverhalten. Sie bilden den Maßstab, den wir an Gesetze anlegen, um zu entscheiden, ob sie gerecht oder ungerecht sind. Ohne diesen Maßstab wäre zum Beispiel gar keine Rechtsprechung möglich. Wir dürfen nicht dem Trugschluss erliegen, es gäbe gar keine wirklich moralischen, sondern nur künstlich moralisierte Fragen. Das liefe auf einen moralischen Relativismus hinaus, den ich grundsätzlich ablehne.

Schreibe ich von „Moralisierung“, so ist damit immer die zumindest unnötige, manchmal aber auch direkt sachwidrige Umdeutung einer Äußerung, einer Frage oder eines Themas in eine Angelegenheit der Moral gemeint. Unser privat wie öffentlich angstbesetztes Diskussionsklima beruht auf der starken Verbreitung des kulturellen Virus der Moralisierung. Woher das kommt, vermag ich als Philosoph nicht zu beantworten.

Ich beobachte aber, dass die grassierende, gar nicht immer absichtliche Moralisierung von Fragen schwerwiegende Folgen hat: Es ist die wesentliche Ursache für den hohen Grad zwischenmenschlicher Entfremdung, den wir in Deutschland erleben.

Moralisierung ist gewissermaßen eine Zweckentfremdung der Moral.

Man kann es in einer Analogie auch so beschreiben: Moralin ist ein kulturelles Virus, es besteht also in einer Verhaltensweise unter Menschen, die das soziale Leben so schädigt wie ein biologisches Virus den Körper; verbreitet sich diese Verhaltensweise, weiten sich auch ihre schädlichen Folgen aus. Den Wirkmechanismus (oder das Schadensprinzip) von Moralin zu kennen, ist grundlegend, um die Behandlung der Erkrankung falls nötig bei uns selbst, in unserem Umfeld und gesamtgesellschaftlich auf der richtigen Diagnose aufzubauen.

Das Kulturvirus Moralin verbreitet sich über die Äußerungen der Infizierten. Diese sind meistens mündlich oder schriftlich, können aber manchmal auch in demonstrativen, auf Konfrontation statt auf Austausch angelegten Handlungen bestehen.

Wird eine Mehrheit oder eine ausreichend große Minderheit mit diskursiver Macht mit Moralin angesteckt, so können wir auch davon sprechen, dass eine ganze Kultur infiziert ist. Schließlich sind es Menschen in Berufen mit Reichweite wie Journalisten, Politiker, Lehrer, Entertainer, Professoren, Künstler und Verbandsfunktionäre, die mit ihren Äußerungen und Aktivitäten die Kultur eines Landes maßgeblich prägen. Deutschland ist Moralin-Seuchengebiet.

Eine neue Psychologie

Geistig betrachtet besteht der Einbruch von Moralin in einer begrifflichen Operation, mit der man auf einen Schlag den Fokus (also den Inhalt) und den Modus (also die Art und Weise) der laufenden Kommunikation verändert. Im privaten Fall wird der Fokus durch Moralisierung vom Sachverhalt auf die Person verlegt, im politischen Fall der Demagogie zumeist vom Sachverhalt auf eine bestimmte Gruppe von Personen. Der Modus der Diskussion wechselt bei Moralisierung sowohl im privaten wie auch im politischen Fall immer von Anfrage auf Anklage.

Was wir hier in der Folge vor allem mit Blick auf Moralisierung sagen, gilt wirkmechanisch (oder sachlogisch) auch für gut begründete moralische Beurteilungen, die bei der Diskussion wirklich moralischer Fragen geäußert werden. Für Moralisierung wie für legitime Fälle moralischer Diskussion gilt: Sie führen schlagartig und durchschlagend eine neue Psychologie in den gerade erlebten Austausch ein.

Der Akt der Moralisierung verändert unverzüglich sowohl unsere Betrachtungsweise der anderen als auch unsere Haltung zur aktuellen Situation. Emotional erleben wir Moralisierung einer bisher sachbezogenen Diskussion wie einen plötzlichen Ortswechsel aus gemäßigten Breiten in große Kälte oder Hitze. In diesen neuen Gefilden, so spüren wir, gelten andere Spielregeln als vor der Moralin-Injektion; es geht schlagartig und dramatisch um mich, nicht mehr um etwas, das sich in sicherer Entfernung außerhalb befindet.

Personalisierung und Anklage, die beiden unmittelbaren Resultate jeder Moralisierung, inspirieren die Gesprächspartner zu immer weiteren Aussagen und Aktionen, die derselben Logik folgen – und dieses spalterische Handeln kann dann prinzipiell bis zur realen Spaltung, das heißt bis zum Untergang der sozialen Gemeinschaft eskalieren, in der es auftritt.

Die vernichtete Gemeinschaft muss nicht gleich die gesamte Gesellschaft sein; es ist vielmehr wahrscheinlich, dass erst Familien, Vereine, Parteien und andere Gliederungen durch Moralisierung zugrunde gerichtet werden, bevor die Gesellschaft dann als ganze auseinanderfällt. Eine Moralitis-Epidemie beginnt wie eine Influenzaepidemie mit einzelnen Übertragungen des Erregers vom einen zum anderen.

Benutzen wir zur Illustration die Alltagsbeispiele des kleinen Streits zwischen Vater und Tochter über die Erledigung des Familieneinkaufs und, für den politischen Kontext, den Fall des Parteienstreits über die Gestaltung einer Produktkennzeichnung für Zucker- und Fettgehalt. Als der Vater seine Tochter eine „Egoistin“ nennt und ihr wegen momentan mangelnder Einkaufsbereitschaft „Desinteresse an der Familie“ vorwirft, wechselt der Fokus von der Sache (dem fälligen Großeinkauf) zur Person der Tochter, und zugleich wechselt der Modus des Austausches von Anfrage („Wie und wann kann der Einkauf erledigt werden?“) auf Anklage („Du Egoist!“).

Das Modell erfasst auch das Beispiel des politischen Streits. Ein Politiker der Partei, die markige Farben zur Kennzeichnung des Zuckergehalts von Lebensmitteln vorschlägt, bezeichnet die andere Seite (sinngemäß) als „Industrielobbyisten und Gesundheitszyniker“. Der Fokus wandert von der Sachfrage zu den Personen, die die Partei vertreten oder sich mit ihr identifizieren, der Modus der Diskussion verändert sich von Anfrage („Wie finden wir eine für alle annehmbare Kennzeichnungsform?“) auf Anklage („Industrieinteressen sind euch wichtiger als die Gesundheit!“).

Es gibt auch klassische Beziehungssituationen, die sowohl ihre Giftigkeit als auch ihr komisches Potenzial aus der Logik der Moralisierung beziehen. Manchmal genügt ein Wort, ein Beiwort (Adverb) sogar, um die Moralin-Injektion gekonnt zu setzen. „Du hörst mir nie zu.“ „Nie“, das bedeutet hier: „Dein Charakter ist so geartet, dass du mir nicht zuhörst; du bist respektlos.“

Gleichartige Beispiele etwa mit den Ausdrücken „immer“, „andauernd“ oder „schon wieder“ mag jeder Leser im Geist hinzufügen. Auch ein geschickt gewähltes Tätigkeitswort kann eine Moralisierung bewerkstelligen und den Kommunikationspartner auf dem Marktplatz der Ideen auf die Anklagebank setzen: „Du verdrehst mir die Worte im Mund“, „Er verharmlost Extremisten“, „Seine Argumente verhöhnen die Opfer“.

Wir haben etwas dramatisch davon gesprochen, dass Moralisierung eine Dynamik in Gang setzen kann, die ganze Gesellschaften zerstört. Nun können wir uns das zumindest grob vorstellen: Private Moralisierung kann um sich greifen und zugleich durch öffentliche Akteure wie Journalisten und Politiker aufgegriffen, verstärkt und um andere Moralisierungsgegenstände erweitert werden.

Moralisierung, die öffentlich geschieht, ist nach unserer Definition Demagogie, in einem anderen Wort: Volksverhetzung; sie kann als Anleitung zum (privaten) Moralisieren für die Zuhörer verstanden werden. Die demagogische Moralinjektion, in der die einzelne Äußerung eines Menschen, der Schall und Rauch des Augenblicks, zu einer „entlarvenden“ Charakteroffenbarung einer bestimmten Gruppe umgedeutet (oder „hochgejazzt“) wird, kann ganze Gruppen gegeneinander aufhetzen.

Der Text ist ein überarbeiteter Auszug aus seinem am 12.02.2024 erscheinenden Buch Im Moralgefängnis. Spaltung verstehen und überwinden (Westend, 160 S., 18 €)

Michael Andrick ist Philosoph. Er schreibt als Kolumnist für die Berliner Zeitung und den Verbund Schwäbische Zeitung/Nordkurier



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Von Veritatis

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