Die Schüler haben die Rechtschreibung verlernt und die Journalisten das Recherchieren. Das ist meine Bilanz einer Nachricht, die aktuell durch die großen Medien kreist (Selbstkritik durchaus einbezogen). „Rechtschreibungs-Revolution: Lehrer sollen keine Fehler mehr zählen“, titelt etwa die „Bild“. Und zahlreiche andere Medien bringen Geschichten mit ähnlichem oder gleichem Tenor.

„In Schleswig-Holstein ist Schluss mit dem Fehlerzählen für Lehrer in Deutsch-Arbeiten“, schreibt Deutschlands größte Zeitung: „Das nördlichste Bundesland folgt dabei nach eigenen Angaben einer bundesweiten Vereinbarung der Kultusminister zur Vereinheitlichung von Prüfungsbedingungen.“

Weiter heißt es: „Demnach ist die bloße Anzahl von Rechtschreib-Mängeln pro Text nicht mehr entscheidend für die Note im Deutsch-Abi. Das gilt auch für Deutsch-Aufsätze in darunter liegenden Jahrgängen. Greifen soll die Regelung ab dem nächsten Schuljahr. Stattdessen sollen Jugendliche eine ‚qualitative Rückmeldung erhalten über Fehlerschwerpunkte und über die Systematik ihrer Fehler.‘“

Sodann wird Kiels Schulministerin Karin Prien, eine grüne Christdemokratin, zitiert, mit ihrer Begründung für die Neuregelung: „Basis ist ein differenzierter Analysebogen, den das Ministerium aktuell entwickelt und den Lehrkräften zum neuen Schuljahr zur Verfügung stellt. Unabhängig davon bleibt die Bewertung der Rechtschreibung und Zeichensetzung weiterhin wichtiger Bestandteil der Note.“

Aber eben mit großem Toleranzrahmen.

So weit, so schlecht.

Das Verrückte daran: Was die meisten Kollegen und offenbar auch die von der „Bild“ entweder nicht verstanden haben oder verschweigen – die Entwicklung ist nicht neu. Was Kiel jetzt umsetzt, ist in 14 von 16 Bundesländern schon bisher Standard. Nur die „Welt“ schätzt das halbwegs korrekt ein und informiert ihre Leser zumindest teilweise treffend – in einem Text mit folgender Überschrift: „Rechtschreibfehler-Zählen entfällt für Lehrer in fast allen Bundesländern“.

Auch diese Überschrift ist nur halb richtig – wie sich im weiteren Text zeigt. Da steht: „Nach Angaben des Bildungsministeriums ist Schleswig-Holstein neben Hessen aktuell ohnehin das einzige Bundesland, das überhaupt noch einen Fehlerquotienten zur Bewertung der Rechtschreibkompetenz verwendet.“ Richtig wäre es also, wenn in der Überschrift stehen würde: „Rechtschreibfehler-Zählen ist für Lehrer in fast allen Bundesländern entfallen“ – also in der Vergangenheitsform statt der Gegenwartsform.

Aber dann würde der Leser geradezu mit der Nase darauf gestoßen, dass die Journalisten hier eine Entwicklung verschlafen haben und erst mit viel Verspätung berichten. Ich natürlich auch. Aber ich habe auch keine große Redaktion – wenigstens das muss ich zu meiner Entschuldigung sagen.

Die Geschichte zeigt, wie verschlafen die großen Medien inzwischen geworden sind.

Aber wenigstens jetzt gibt es etwas Aufregung – wenn auch (zu) spät.

Die „Welt“ führt etwa an, dass Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen überhaupt Zweifel hat, ob das Lernen von Rechtschreibregeln noch wichtig sei, „wenn das Schreibprogramm alles korrigiert“. Ebenso zweifelt der Ex-Lehrer laut am Fremdsprachenunterricht: „Wenn das Handy Gespräche in fast jede Sprache der Welt in Echtzeit übersetzen kann – brauchen wir dann noch eine zweite Fremdsprache in der Schule als Pflichtfach?“

Der Verblödung sind damit Tür und Tor geöffnet.

Sachsens Bildungsministerium erklärt zu dem Thema laut „Bild“: „Den Fehlerquotienten für die Rechtschreibung gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Das System hat sich als untauglich vor allem für die Lehrer herausgestellt, die seinerzeit mühsam Wörter zählen mussten, um den Quotienten zu ermitteln. Allerdings gilt im Freistaat nach wie vor die Regel, konsequent auf die Qualität der Rechtschreibung zu achten und fehlerhafte Orthografie und Grammatik zu bewerten.“ Es gebe die Möglichkeit, bei augenscheinlichen Rechtschreibfehlern bis zu zwei Noten herunterzugehen.

Mit anderen Worten, übersetzt in Klartext: Die Rechtschreibung ist so verheerend, dass die Lehrer es einfach nicht mehr schaffen, die ganzen Fehler zu zählen. Schon 2022 hatten wir berichtet, dass Schüler der vierten Klassen immer größere Probleme beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben. In einem Grundschul-Gutachten verlangte die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) damals ein ganzes Maßnahmenbündel zur Weiterentwicklung der Grundschule.

Ob das Aufheben der Fehlerzählung Teil des „Maßnahmenbündels“ ist?

Lehrer-Präsident Stefan Düll beschwichtigt dem Bericht zufolge: „Die Streichung des Fehlerquotienten ist kein Problem, wenn weiterhin gezielt eine korrekte Rechtschreibung von klein auf gelehrt und eingefordert wird. Verstöße gegen die Sprachrichtigkeit sind daher weiterhin zu kennzeichnen und auch angemessen in die Bewertung einzubeziehen.“

Aber genau das ist nicht der Fall. Schon 2023 wurde bekannt, dass jeder dritte Drittklässler in Berlin kaum lesen und schreiben kann.

Weiß Düll das nicht? Oder will er es nicht wissen?

Viele Lehrer freuen sich offenbar, künftig weniger Arbeit zu haben. Christian Gefert, Vorsitzender der Hamburger Gymnasialschulleitervereinigung, etwa sagt: „Der richtige Schritt. Der sprachliche Ausdruck macht sich nicht allein daran fest, sich ganz ohne Fehler auszudrücken. Beispiel: Ein Zeichensetzungsfehler kann die Bedeutung eines ganzen Satzes verschieben oder aber nur schlicht ein fehlendes Komma sein. Natürlich müssen wir Fehler weiter anstreichen, aber wir müssen sie auch im Hinblick auf ihre Bedeutung gewichten.“

Nur Urgesteine wie den Unternehmer Wolfgang Grupp („Trigema“) scheint die Neuregelung zu empören: „Wir dürfen uns nicht beschweren, dass folgende Generationen keine Leistung mehr bringen wollen, wenn wir sogar schon bei der Rechtschreibung nachgeben. Wir bewerten Bewerber schon nach dem Anschreiben. Wenn da einer viele Fehler drin hat, dann fliegt er aus der Auswahl. Das ist ein Manko für den Einzelnen – da verbaut man den Kindern doch die Zukunft.“

Auf meiner Seite konnten Sie schon 2021 lesen, was damals noch als „Corona-Ketzerei“ galt – und heute selbst von den großen Medien eingestanden werden muss. Kritischer Journalismus ist wie ein Eisbrecher – er schlägt Schneisen in die Einheitsmeinung.

Dafür muss man einiges aushalten. Aber nur so bricht man das Eis. Langsam, aber sicher.

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Bild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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Von Veritatis