A

wie Andy

Eine Saga ist inzwischen die Lovestory rund um „Bettina“ und „Andy“, kreiert von Alina Bock. Mit der Schauspielerin und Komikerin werden wir Zeugen von Bettinas Auf und Ab seit der Trennung von „dem Ändy“. Für das Lokalkolorit (Würstchen von Netto, Grillparty) und den Idiolekt (Singsang) muss man das Dörfliche gut kennen, denn Bettina wirkt nur gaaanz geringfügig überzeichnet und Bock verbrachte ihre Jugend in einem NRW-Kaff namens Brachelen. Wir erleben das stark geraffte, schleichende Ende einer Beziehung (u.a. Bettinas ständiges Genörgel → Blödmann) und sodann die Trauerphasen. Die Saga ist inzwischen so berühmt, dass etliche mitfiebern. Seit ein paar Jahren lebt Bock in L.A. Ultrakomisch imitiert sie hier den Typus leicht überhebliche Amerikanerin, wenn so eine zum Beispiel das geplante TikTok-Verbot in den USA kommentiert. Ihr komisches Talent entwickelte Bock an renommierten Comedy-Theatern wie dem „Groundlings“ weiter, erzählte sie jüngst in einem Interview.

B

wie Blödmann

Instagrams unwiderstehlicher Charme ist vielleicht seine Durchlässigkeit. Profis, No-Names, Entrepreneure. Alle schwer zu unterscheiden. Egal, was Spaß bringt, kriegt Aufmerksamkeit. Dass Nico Stank ein recht bekannter Komiker, Schauspieler, Musicaldarsteller ist, aha. Aktuell ist Stank in der Influencer-Komödie Chantal im Märchenland zu sehen. Auf Insta spielt er eine Palette „pain in the ass“-Leute, also die Sorte Leute, die einem mit ihrer Art unfassbar auf den Wecker gehen. Talkaholics, also Zeitgenossen, die zwanghaft viel sprechen und andauernd kalauern müssen. Man lacht und leidet regelrecht mit den Unsichtbaren in Begleitung so einer unverbesserlichen Labertasche. Die Kunst Stanks ist, dass er diese Typen samt Alter Ego karikiert und zwischendurch eine verletzliche Seite aufscheint, sogar bei „dieser einen negativen Person in Deinem Freundeskreis“.

D

wie Deutschsein

Auf Tahsim Durgun wurde ich aufmerksam durch seine lustigen Filme mit seinem kleinen Neffen Destan (nie im Bild), der u.a. ein ungewöhnliches Faible für Steuern hat. Durch Reels, in denen er die „dumme“ Schwester Hops nimmt. Auch die Mutter, die nur gebrochen Deutsch spricht, entkommt Tahsims Spott nicht. Es geht ums Deutschsein oder warum „Ausländer“ dicke Autos fahren. Material gibt es genug, weil der Comedian noch zu Hause (→ Typisch) wohnt. Dass er seit seinen politischen Posts gegen die AfD und für das Wählen inzwischen eine Berühmtheit ist, erfuhr ich aus dem Interview meiner Kollegin Ebru Taşdemir (der Freitag 5/2024). Tahsims Markenzeichen ist das ausgesprochen gepflegte Deutsch, das er spricht. Was seine Inspirationsquelle dafür sei, lautete eine Frage, Goethe? Eher nicht, (oh doch, denkt man, denn eine Version vom Erlkönig hat Tahsimauch auf Lager). Sprachschulend wären das Ausländeramt und Lehrer gewesen, aber „es ist tatsächlich mein Naturell, dass ich so spreche und so bin“.

E

wie Eltern

Eltern von Teenagern kennen ihn, den Alltag mit diesen unordentlichen, unorganisierten, unselbstständigen, unmöglichen Teenagern. @Juckiha, Vater von drei Kindern, die er alle drei parodiert, macht daraus Elterncomedy. Die hat heilsame, gleichsam pädagogische Wirkung: Es lohnt nicht, sich aufzuregen, diese Teenager sind alle so und man selbst käme mit etwas mehr Gelassenheit sehr viel weniger cringe rüber und in den Tag, woran Juckiha aber natürlich scheitert. Komm damit klar, Digga! Für die Sohn-Parodie braucht er nur ein paar Accessoires, schon sieht man den eigenen: Basecap, Hoodie, Rap-Memes(→ Deutschsein). Einmal wird es unheimlich, wie in Twilight Zone, nämlich als „die Tochter“ (kurzes Shirt, Perücke) beginnt, sich atypisch zu verhalten, aufräumt, freundlich ist. Mashallah!? Was geht ab? Die Follower haben ihre Theorien.

F

wie Freak-out

In den letzten Reels hat die Französin aureltattoo die 1980er entdeckt. Das Setting ist immer gleich, man muss ja erst in Stimmung kommen, das geht groovy schnell. Windmaschine an und schon wehen die – natürlich – toupierten Haare, die im Laufe des Abends hühnchenzerrupft aussehen. Später in der „Boite“ kommt zu der schiefen Zigarette im Mund noch ein Glas in die Hand. Genau so war’s. Tanzen war ein Auftritt, war freak-out, man „fühlte“ die Songs, obligatorisch war der Diva-Look (meine Schwester sah damals auch aus wie die „Tussi“ eines Industriemagnaten). Also breiter Gürtel, auf edel getrimmte Handtasche, große Ohrringe. Man fing schon zu Hause an zu tanzen, zum Beispiel zu Le Freak von Chic oder zu Marcia Baïla von Les Rita Mitsouko. Richtig witzig wird es bei aureltattoo, wenn die Freundinnen Nath und Chantal ihren Auftritt haben und die Dialoge von damals parodiert werden. Gelästert wird. Disco, man erinnert sich, das war großes Drama und mindestens eine war freitags die Queen.

G

wie Gag

Der Gag an Seraphina Kalzes Vorträgen von Flachwitzen ist, dass ihr Lachen ansteckend ist (→ Zugeknöpft). Ansteckend, weil die regelmäßige Fassungslosigkeit darüber, wie dermaßen flach der Witz ist, den sie jetzt trotzdem vorträgt, der eigentliche Witz ist. Dabei ist der folgende Witz „Wie heißt der humorloseste Spieler Deutschlands? Dirk No-witzki!!!“ noch harmlos. Die deutsche Witzekultur von Arztwitz bis Ehewitz, es waren derb-frivole Zeiten. Von Beruf ist die in Halle geborene Kalze Fernsehmoderatorin, seit 2015 moderiert sie das Magazin Abenteuer Leben auf Kabel eins. Mehr Fans dürfte sie inzwischen mit den Flachwitzen erreicht haben. Witzig ist die Idee, einen Protagonisten bei der Arbeit aufzusuchen, zum Beispiel den Elektriker, und diesen nach seinem „Vo-Kabel-Heft“ zu fragen. Kalze geht in diesem Jahr auf Flachwitze-Tour. Ist die Idee abendfüllend? Wer weiß.

S

wie Shanghai

Andrew Praksin lebt seit zehn Jahren in Shanghai, steht in seinem Profil, was er dort macht, unklar. Ist er ein Model? Seine Reels sind skurril, so als würde er die Rätselhaftigkeit Shanghais mit Rätseln zu übersetzen versuchen. Oder als würde man der eigenen Verlorenheit in so einer Megapolis am besten mit entrücktem Witz beikommen. Entrückt zum Beispiel die Szenen in der Tube, wenn Praksin wie ein Dandy gekleidet verloren nach draußen schaut, auf dem überschlagenen Bein ein halber Eierkarton, darin zwei gefüllte Cocktailgläser, die mit Cupdeckeln verschlossen sind, oder wenn er wie ein Gemälde von Arcimboldo in der Tube sitzt, aus der Lederjacke ein Strauß roter Blumen schaut. Ein anderes Mal trinkt er aus einem grotesk hohen Cocktailglas oder sitzt → wichtigtuerisch und mit Hosenträgern in einem vornehm holzvertäfelten Büro, wo er zur Espressomaschine schreitet, sich einen Champagner auslässt (eine Flasche steckt kopfüber da, wo sonst die Bohnen reinkommen). Extravagant, wie mit einem schelmischen Gruß von dem Regisseur Wong Kar-Wai, das ist Komik kombiniert mit Melancholie.

T

wie Typisch

„Typisch Mütter“, „Typisch deutsche Nachbarn“ heißen Kategorien bei @Tobii_fh, einem Comedian aus Dortmund. Hoher Wiedererkennungseffekt ist garantiert und: Déjà-vus. Auch den Typus Lehrer interpretiert Tobii_fh überzeugend – seinen Habitus, die gestanzten Sprüche, den Pädagogik-Sprech inklusive Ermahnung und kontrolliertem Wutanfall. Requisiten machen die Performance rund. Der Schlüsselbund in der Hand, der nie weggelegt wird, die Brille am Band, die ständig auf- und abgesetzt wird. Einmal soll „Leonie“ ihre Note einschätzen. „Leonie, du stehst bei mir zwischen zwei Noten, ich gebe dir jetzt die schlechtere (…), ich glaube nämlich, du kannst noch viel mehr, und jetzt schicke mir bitte den Justin rein, Leonie.“ Wenn es nicht repräsentativ wäre, wäre es nicht lustig. Aber, volles Verständnis: Justin, Marie und Leonie können echte Nervensägen sein.

W

wie Wichtigtuer

Zum Beispiel der Wichtigtuer mit der Siebträgermaschine, der seinem imaginierten Gegenüber einen detailreichen Vortrag hält. Leitungswasser ist natürlich ein No-Go und selbstverständlich holt er die Bohnen „persönlich in Äthiopien“ ab, prüft den Anpressdruck, es müssen ja etwa neun Bar sein. Dates mit eitlen Angebern, die im Skisportjargon schwadronieren wie im „Date mit dem Tiefschneefahrer“, sind ein weiteres Lieblingsthema des Münchner Comedians @therealmaximilianlorenz, den es nach Berlin zog, ein „freiwilliges Downgrade“ laut Selbstauskunft. Klar, das ist ein mittelalter Stadt-Gag wie auch die Klischees über Berlin und Bayern etwas Boomerhaftes haben, (der „Boomer-Kollege“ ist übrigens auch so eine Lorenz-Figur, die aber kein Denglisch wie die anderen spricht). Viele der Klischees sind wahr und bekannt und doch ist so manche Hybris aus Berlin-Mitte oder dem saturierten Milieu Münchens nicht auserzählt. Sehr nah am Original zum Beispiel, wie Lorenz die „rich kids“ imitiert. Da muss einer notorisch den Uber-Fahrer mit Smalltalk ankumpeln. Wohl aus Verlegenheit.

Z

wie Zugeknöpft

Dass Humor etwas sehr Intimes ist und die Deutschen diesbezüglich traditionell zugeknöpfter sind, weil sie Leichtfüßigkeit in Ermangelung von Vorbildern nie so richtig lernen konnten, das wusste schon die legendäre erste erfolgreiche weibliche Motivationstrainerin, Psychologin, Esoterikerin Vera F. Birkenbihl (1946 – 2011). Die charmant derben Seminare der gebürtigen Münchnerin kommen ein bisschen wie Comedy daher, jedenfalls sitzen die Pointen, sodass sogar die verstockten Deutschen (→ Deutschsein) befreit auflachen müssen. Es ist natürlich Birkenbihls Trick, ihr Publikum erst mal empfänglich zu stimmen. Highlights aus ihren Seminaren finden sich auf @mindsightology. Vom Staub der Zeit befreit, lassen sie immer noch tief blicken in deutsche Befindlichkeiten. Einmal empfiehlt Birkenbihl, einen Blumenstrauß nur zu verleihen. Haha!





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Von Veritatis

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