Ernährungsminister Özdemir plant staatliche Eingriffe in die Essens-Herstellung. Wissenschaftlich begründet und in freiwilliger Zusammenarbeit mit der Industrie wolle man die Ernährung der Deutschen verbessern, heißt es. Was kann da schon schief gehen?

von Boris T. Kaiser

„Lieber Staat, gut daß du weißt, was richtig für mich ist“, sang Farin Urlaub von der Punk-Combo „Die Ärzte“, die damals wirklich noch ein klein wenig Punk war, einst in seiner „Lobeshymne“ auf den „furchtbar fürsorglichen“ Staat, der unser aller „Leben jeden Tag lenkt“ – und ohne den wir alle nicht wüßten, was wir tun und lassen sollen. Der Berliner Musiker meinte das damals ironisch.

Heute könnte er den Song völlig unironisch auf jedem Grünen-Parteitag spielen. Und würde dies, wie die Entwicklung der ehemaligen Spaßpunker befürchten läßt, die inzwischen ihre eigenen Songs „zensieren“, vermutlich auch gänzlich bedenkenlos tun.

Soll jetzt die Staats-Pizza kommen?

Das Lied würde sich in seiner ironiefreien Version auch bestens als Werbemelodie für den neuen „Ernährungsplan“ eignen, mit dem Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir die Deutschen zu einem Volk von „Besseressern“ machen möchte. Wie genau diese kulinarische Metamorphose vonstattengehen soll, darüber herrscht derzeit noch eine gewisse Uneinigkeit.

Manche glauben – wie kommen sie wohl darauf? –, daß der grüne Minister für Ernährung eine, wie die Bild-Zeitung schrieb, „Supermarkt-Revolution“ anzetteln wolle, an deren Ende eine Art „Staats-Pizza“ stehen könnte, bei der die Politik das Rezept bestimmt. Das Ministerium bestreitet dies vehement und ließ einen Sprecher, auf Nachfrage des ZDF, klarstellen: „Die Darstellung bestimmter Medien, die Lebensmittelwirtschaft müsse künftig ihre Rezepturen für bestimmte verarbeitete Lebensmittel staatlichen Vorgaben anpassen, ist falsch.“

Das erinnert ein wenig den inzwischen legendären Internetpost, mit dem das Bundesgesundheitsministerium, am 14 März 2020, die Bevölkerung vor angeblichen „Fake News“ warnte, denen zufolge die Regierung „bald massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigen“ werde. „Das stimmt NICHT!“ schrieben die Verantwortlichen in Berlin damals, verbunden mit der Bitte an die Bürger, dabei zu helfen, die Verbreitung dieser vermeintlichen Falschmeldung zu stoppen. Am darauffolgenden Wochenenden verkündeten die Regierenden den bundesweiten Corona-Lockdown, der das öffentliche Leben in Deutschland über einen langen Zeitraum weitgehend zum Stillstand bringen sollte.

Wissenschaftlich geprüft?

Es gibt also gute Gründe mißtrauisch zu sein, wenn man in der Hauptstadt mal wieder unsere Gesundheit retten will – und dabei betont, daß die Politik dabei auf Freiwilligkeit setzen wolle. Vor allem dann, wenn dabei wie auch bei Corona von einem „gemeinsamen wissenschaftlichen Prozeß“ die Rede ist, an dem im aktuellen Fall „auch die Lebensmittelindustrie beteiligt“ sei, wie es aus dem Ministerium heißt.

Klar ist: Özdemir und seine Beamten wollen den Deutschen „helfen“ gesünder zu essen. In einer Pressemitteilung aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft heißt es dazu: „Eine gute und ausgewogene Ernährung wird schwierig, wenn in verarbeiteten Lebensmitteln viel Zucker, Salz oder Fett enthalten ist. Schlimmstenfalls trägt ein hoher Konsum solcher Produkte zu Übergewicht und Adipositas sowie anderen ernährungsmitbedingten Krankheiten wie Diabetes Typ 2 bei.“

Um das zu ändern beziehungsweise zu verhindern, arbeitet die Regierung an einer „Rezepturen-Weiterentwicklung“ für Fertiglebensmittel, um deren Zucker, Fett und Salz-Gehalt zu reduzieren. Natürlich alles ganz freiwillig und ohne, daß die Politik der Industrie irgendwelche neuen Regeln aufzwingen wolle. Nein, eher wahrscheinlich hat die Industrie selbst ein Interesse, die hergestellten Nahrungsmittel noch weiter zu verarbeiten, um dann ein Argument zu haben, um diese noch teurer zu verkaufen. Die Ampel-Koalition knüpft dabei an eine „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie“ ihrer Vorgängerregierung aus dem Jahr 2018 an. Im Zuge des Projekts hatte sich die Lebensmittelwirtschaft – selbst und völlig freiwillig! – dazu verpflichtet, bis 2025 diese Inhaltsstoffe in ihren Produkten entsprechend zu verringern.

Die Aufregung um seine „Rezept-Vorschläge“ haben den Minister von der grünen Partei offenbar kalt erwischt. Auf X fragt Özdemir entgeistert: „Gesündere Fertigprodukte im Supermarktregal bis 2025, wie es schon die Vorgängerregierung begonnen hat – das soll jetzt skandalös sein?“ und fügt hinzu: „Skandalös wäre es, wenn ich mich als Ernährungsminister *nicht* darum kümmern würde, daß die Bevölkerung die Möglichkeit hat, sich gut und gesund zu ernähren.“

Das kann man natürlich so sehen. Wenn es nach den Vertretern des Nanny-Staats geht, muß man es wahrscheinlich sogar so sehen. Andere wären wohl eher der Meinung, daß sich die Politik aus den privaten Ernährungsgewohnheiten der Bürger ganz einfach raushalten sollte. Aber selbst die, die glauben, daß sich eine Regierung um solche Dinge kümmern sollte, dürften ein Interesse daran haben, daß dieses Kümmern kein reiner Selbstzweck ist, sondern zumindest in dem von den Kümmerern angestrebten Sinne funktioniert. Selbst daran gibt es im Falle von Özdemirs vorgeblich wissenschaftlich fundierter Ernährungsstrategie jedoch Zweifel.

„Gute Idee, wenn Sie die Deutschen dick machen wollen“

Der us-amerikanische Kinderarzt und Ernährungswissenschaftler, Professor David Ludwig, forscht an der renommierten Harvard Universität und gehört mit seiner Arbeit zu den führenden Experten seines Fachgebiets. Insbesondere seine Veröffentlichungen zu den Ursachen der menschlichen Adiposität finden weltweit große Anerkennung. Auf die Pläne der deutschen Bundesregierung angesprochen, sagt der Mediziner: „Das könnte eine gute Strategie sein, wenn Sie die deutsche Bevölkerung dick machen wollen.“ Ludwig bezieht sich mit seiner Kritik vor allem auf die von Özdemir anvisierte Fettreduzierung. Der Experte spricht damit Forschungsergebnisse an, die – zumindest außerhalb des deutschen Ernährungsministeriums – eigentlich lange schon bekannt sind, und die man in ihrer Gesamtheit in etwa so zusammenfassen könnte: Fett macht nicht fett.

Der Professor drückt das Ganze selbstverständlich etwas wissenschaftlicher aus: „Fettarme Produkte sind fettreichen Vergleichsprodukten unterlegen. Egal, ob dieses Vergleichsprodukt nun eine mediterrane Diät mit 35 oder 40 Prozent Fett ist, ob es eine kohlenhydratarme Diät mit 50 oder 60 Prozent Fett ist, oder eine ketogene (wenig Kohlenhydrate) Diät mit 70 Prozent Fett.“

Weniger fett, bedeutet nicht gleich, daß es gesünder ist

Die Behauptung, daß eine fettarme Ernährungsweise ein adäquates Mittel im Kampf gegen Übergewicht und chronische Erkrankungen sei, sehen viele Ernährungswissenschaftler heute als ein Relikt der 1980er Jahre an. Auch für Ludwig ist klar, daß dieser Ansatz „nicht nur unwirksam, sondern auch schädlich“ gewesen sei. „Weniger Fett muß nicht zwangsläufig gut für die Ernährung sein. Zumindest in den Vereinigten Staaten wurden diese Empfehlungen vor 20 Jahren aufgegeben, weil sie sinnlos waren“, so der Harvard-Professor.

Grund für den Umschwung der Ernährungswissenschaftler in der Fettfrage, ist die Erkenntnis, daß eine weniger fettreiche Ernährung häufig zu mehr Kohlenhydraten führt. Die Folge: „Sie erhöhen den Blutzuckerspiegel, Sie erhöhen den Insulinspiegel und Sie programmieren den Körper, zumindest bei vielen Menschen, auf Gewichtszunahme und auf Krankheiten, die mit Insulinresistenz zusammenhängen“, warnt Ludwig. Die Ernährungs-Strategen im grünen Ministerium werden sich von all dem vermutlich nicht beeindrucken lassen. Im Gegensatz zu alten wissenschaftlichen Dogmen lassen sich zeitlose Ideologien von neuen Erkenntnissen eben nicht so leicht ins Wanken bringen. Deshalb, lieber Staat, laß doch besser die Finger von unserem Essen!

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Von Veritatis

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