Nemo legte beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in Malmö einen fulminanten Auftritt hin: sang wie ein Sopran, rappte, wie es seit Eminem kein Weißbrot mehr getan hat, gewann die Herzen der Jurys und der Zuschauer*innen, und am Ende den ganzen ESC. Nemo sieht sich weder als Mann, noch als Frau, ist weder trans noch inter, sondern „nichtbinär“, will nicht in das Prokrustesbett männlicher oder weiblicher Identität gepresst werden, und weder mit männlichen, noch mit weiblichen Personalpronomen angesprochen oder beschrieben werden. Plötzlich stand ein offen nichtbinärer Mensch mitten im medialen Rampenlicht.

Menschen, die bisher kaum praktische Erfahrung damit hatten, über oder gar mit nichtbinären Menschen zu sprechen, mussten Sätze formulieren, die ohne gegenderte Pronomen auskamen. Olli Schulz und Jan Böhmermann, die den ESC für den ORF moderierten, scheiterten daran, Schulz gleich mehrfach. Mein Ehemann und ich scheiterten daran, ich gleich mehrfach: Wir „misgenderten“ Nemo und spürten sofort dieses ekelhafte Gefühl, das auftaucht, wenn wir etwas verkackt haben – wenn wir gescheitert sind.

Niemand setzt sich gerne mit seinem Scheitern auseinander. Als ich das erste Mal ein „er“ benutzte, um Nemo zu beschreiben, empfand ich sofort ein Gefühl der Scham (als aufgeklärte, theorie- und diskursfeste, linksintellektuelle Politschwuchtel sollte ich doch verdammt noch mal in der Lage sein). Versuchte, dieses Gefühl aufzulösen, indem ich mich dafür gegenüber meinem Ehemann „entschuldigte“, und misgenderte in der Entschuldigung für das misgendern Nemo gleich wieder.

Damn, did I feel stupid.

Da verstand ich die Aufregung über Nemos Erfolg beim ESC. Die Aufgeregten waren nicht sauer auf Nemo, nicht sauer darüber, dass ein nichtbinärer Mensch diesen queeren Superbowl gewonnen hatte, nicht sauer, dass wir jetzt alle versuchen sollten, Nemo nicht zu misgendern. Sie waren sauer darüber, dass sie daran scheiterten, diese irgendwie doch gar nicht so schwierige Anfrage zu erfüllen. Deswegen fühlten sie sich dumm und unzulänglich, und das machte sie aggressiv. Nicht primär aus Hass auf Queers und Nichtbinäre, sondern aus dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, aus dem wiederum ein Gefühl der Überforderung entsteht, das sich einreiht, in die allgemeine Transformationsüberforderung, die zurzeit auf dem reichen Norden lastet.

Klar, im stark gegenderten Deutschen – wo Substantive ein „Geschlecht“ haben – ist es gar nicht so leicht, konsistent Sätze ohne gegenderte Personalpronomen zu bauen. Wenn Ihr’s versucht, werdet Ihr merken: Ok, das ist intellektuelle Arbeit. Das englische „they“ geht im Deutschen nicht, die gelegentlich vorgeschlagenen Varianten „dey/dem“ rollen, ohne davor zu üben, nicht leicht von der Zunge. Ich struggle immer wieder damit, und mache immer wieder Fehler.

Und hier beweist sich Nemo ein weiteres Mal als Star: weil Nemo weiß, dass es im Deutschen eben etwas schwieriger ist, adäquate Sätze zu bauen, hilft Nemo uns: „Meine Pronomen sind they/them, und es ist für mich auch völlig ok, wenn Ihr einfach nur Nemo benutzt, vor allem im Deutschen.“

Danke Nemo, für Deine Nachsicht, und die Geduld, uns zu erklären, wie einfach es eigentlich ist, andere Menschen respektvoll zu behandeln. Und dank Dir problematisieren wir endlich das Misgendern, anstatt das Gendern.

Tadzio Müller ist Queeraktivist. Im Newsletter friedlichesabotage.netschreibt er gegen den „Normalwahnsinn“ an. Für den Freitag schreibt er abwechselnd mit Dorian Baganz, Özge İnan, Elsa Koester und Alina Saha die Kolumne „Super Safe Space“.



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Von Veritatis

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