Im Gespräch Raffaela Raab ist auf Tiktok als „militante Veganerin“ bekannt geworden. Nicht nur Fleischesser, auch Vegetarier geraten oft in ihr Visier, so auch unser Reporter. Ein Lehrstück über radikalen Aktivismus und die Grenzen des guten Geschmacks


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Ausgabe 21/2024

Auf dem T-Shirt von Raffaela Raab steht in Großbuchstaben: „Nicht vegan sein ist nicht ok“

Auf dem T-Shirt von Raffaela Raab steht in Großbuchstaben: „Nicht vegan sein ist nicht ok“

Foto: Laura Schaeffer für der Freitag

Ein Airbnb am nördlichen Rand von Berlin, im Pool treiben Blätter. Hier hat sich die Veganismus-Influencerin Raffaela Raab während ihres Aufenthalts in der Hauptstadt eingemietet. In Videos auf Social Media streitet sie mit Menschen, die noch nicht auf vegan umgestellt haben. Oft eskaliert die Situation. So auch diesmal, als sie unserem Reporter vorwirft, sich am „Tier-Holocaust“ zu beteiligen.

der Freitag: Raffaela, du mietest dich in eine Kleingartenkolonie am Rande der Autobahn ein. Hier ist doch bestimmt jeden Abend Grillfestival, oder?

Raffaela Raab: Das habe ich wohl unterschätzt. Aber ob sie jetzt grillen oder im Kühlschrank den Käse liegen haben, ist mir eigentlich auch egal. Ich weiß eh, dass ich was zu tun habe.

Die absolute Mehrheit in

r im Kühlschrank den Käse liegen haben, ist mir eigentlich auch egal. Ich weiß eh, dass ich was zu tun habe.Die absolute Mehrheit in Deutschland findet es furchtbar, Tieren Leid anzutun. Dennoch gibt es nur knapp 1,6 Millionen Veganer in Deutschland.Schizophren, nicht wahr? Wir würden da wahrscheinlich nicht mitmachen, wenn wir das Leid jedes Mal sehen müssten. Die meisten finden es scheiße und sagen, das muss sich alles ändern. Und trotzdem sind alle daran beteiligt.Woran liegt das?Ich glaube, man will sich als Mensch nicht gegen die Masse stellen, weil das bedeutet, dass man seinen Freunden, seiner Familie einen Spiegel vorhält. Sophie Scholl hat gesagt, wir sind euer schlechtes Gewissen. Das ist, was Veganer heute darstellen. Man wird verlacht, wenn man vorschlägt, dass Tiere Personenrechte haben sollen. Es geht um Mitläufertum, um eine Ur-Angst des Menschen, nämlich aus seinem Rudel in der Höhle ausgeschlossen zu werden.Werden Menschen keine Veganer*innen, weil ihnen Verzicht nicht gelingt?Jedes Mal, wenn ich auf Tierprodukte verzichte, ist es für mich eine Belohnung, dass ich mich im Spiegel anschauen kann. Beim Veganismus geht es nicht um Umweltaspekte oder Lifestyle, bei dem ich dann in 20 Jahren noch immer gesund aussehe. Das sind zusätzliche Faktoren. Veganer leben gesundheitsbewusster, haben einen kleineren CO₂-Fußabdruck und verbrauchen weniger Ressourcen. Aber ich möchte das ganz entschieden trennen. Es gibt eine pflanzliche Lebensweise und Veganismus – eine ethische Überzeugung, die annimmt, dass Tiere keine Nutzobjekte sind. Wir würden einem Vater ja auch nicht sagen, dass er aufhören soll, sein Kind zu schlagen, weil es auf Dauer besser für seine Handfläche sei, sondern es ist prinzipiell falsch, ein Kind zu schlagen. Wir sollten nicht mit den Vorteilen für den Unterdrücker argumentieren. Es geht um das Recht des Tieres. Wenn man das nicht unterstützt, ist es Heuchelei. Laut Studien essen 80 Prozent der Veganer nach wenigen Jahren wieder Fleisch, weil sie sich eben für Umwelt oder Gesundheit nur pflanzlich ernähren und sich nicht mit der Tierethik identifiziert haben. Der Hauptfaktor, weswegen Menschen ihre Handlungen konsequent und langfristig ändern, ist ein schlechtes Gewissen gegenüber den Tieren selbst.Geht es bei Ernährung nicht auch um einen Kulturbegriff?Es gibt vier Gründe, warum Leute nicht vegan leben: Tradition, Geschmack, Gewohnheit und Bequemlichkeit. Und zur Tradition zählt natürlich das Elternhaus, die Kultur, mit der man aufwächst. Aber Veganer lehnen nicht Kultur oder Rituale ab, sondern die Gewalt, die dahintersteckt. Wir haben nichts gegen die deutsche Kultur, aber Kultur kann keine Rechtfertigung für Gewalt sein.Geschmack ist etwas, mit dem man früh sozialisiert wird, eine Referenz an den Käsekuchen oder den Schweinsbraten der Großmutter. Kann man mit dem Vorwurf von moralischer Inkonsistenz dagegen anarbeiten?Ob wir das jetzt moralisch inkonsistent oder Heuchelei nennen, ist Wortklauberei. Wenn einer sagt, nein, Geschmack und Tradition sind kein Grund, um zu töten, macht das aber dann jeden Tag, kann ich ihm moralische Inkonsistenz oder eben Heuchelei unterstellen. Und das werde ich auch tun. Die meisten Leute, die ein bisschen einsichtig sind, geben mir da recht. Nur ist Gewalt gegen Tiere leider normal und hat weder soziale noch rechtliche Folgen.Sich in der Fußgängerzone von Düsseldorf mit Teenagern an einen Tisch zu setzen, stelle ich mir unlustig vor. Wie befriedigend ist dein Aktivismus?Mich erfüllt mein Aktivismus, weil ich finde, ich habe eine sehr sinnvolle Aufgabe für mein Leben gefunden. Ich rede gerne, ich bilde mich gern, ich finde das ethische Thema dahinter unglaublich spannend. Und ich habe gern recht. Es kommen oft Leute, vor allem auch Jugendliche, und sagen, hey, ich habe mir den Film, den du da verlinkst, angeschaut, und jetzt bin ich auch vegan. Dazu Leute, die sogar selbst für Tierrechte aktiv werden, eigene Aktionen ins Leben rufen. Man tritt da unglaublich viel los, das finde ich befriedigend.Mir fällt in den Videos dein etwas gouvernantenhafter Ton auf. Ist das für dich eine Battle?Ich glaube, den lege ich besonders an den Tag, wenn mir jemand im Gespräch intellektuell unehrlich kommt. Eine Debatte dient zum gemeinsamen Wahrheitsgewinn. Ich muss mich von einer Position überzeugen lassen können. Ich habe mich ja auch zum Veganismus überreden lassen, diese Wandelbarkeit darf man nicht verlieren. Sollte ich erfahren, dass alle Schweine reinkarnierte Nazis sind, dann werde ich vielleicht wieder Schweinefleisch essen. Menschen sagen, sie essen Tiere für den Geschmack. Dann frage ich, ob ich auch seinen Hund für den Geschmack essen darf, oder ein Kind. Ich saß mit einer Mutter am Tisch, die hat gesagt, ihr schmecke veganes Essen nicht. Ich dürfte ihren Sohn in den Pizzaofen schieben. Ich habe den angeguckt, der ist ein großer Fan von mir. Ja, bei so was werde ich dann genauso laut, wie ich es jetzt werde. Das macht mich stocksauer, dass Leute so stur sind.Der Ertrag vieler Diskussionen scheint aber schon im Voraus klar. Was lerne ich aus einer Diskussion in der Düsseldorfer Altstadt, vom Erotikmodel Micaela Schäfer oder einem Bodybuilder in voller Mallorca-Bräune?Man sieht von außen diesen Klappstuhl mit dem Bodybuilder oder einen anderen doofen Gesprächspartner. Aber es zählt nicht nur das direkte Gespräch. Bei Größen wie Micaela Schäfer oder anderen Promis weiß ich, selbst wenn sie mir recht geben, wollen sie nicht ihr Gesicht verlieren und vor der Kamera zugeben, dass sie jetzt vegan seien. Passiert nicht. Aber es gibt das Internet, die Videos werden publiziert. Das heißt, es sehen Hunderttausende, Millionen von Menschen ihr Zugeständnis, meine Argumente, die Bilder, die ich dazu einblende, weiterführende Links zu Dokumentationen über die Tiersklaverei. Heutzutage funktioniert Aktivismus auch durch diese Umwegsrentabilität.Suchst du dir auch politische Ansprechpartner?Ich setze mich auch mit Politikern hin. Veganismus verlangt eine politische Änderung, die gesetzlich durchgesetzt werden muss. Tiere müssen Personenstatus bekommen. Dafür muss sich die gesamtgesellschaftliche Moral verändern. Ich habe bei der V-Partei beim Politischen Aschermittwoch eine Rede gehalten. Es gibt auch einen großen Youtuber, der heißt Feroz Khan, er wählt die AfD und sagt, es sei ein Vorurteil, dass die Partei rassistisch ist.Was hast du denn mit einem rechten Youtuber zu tun?Tja. Er wollte ein Video gegen mich machen, um mich vorzuführen. Nachdem er aber doch recht smart ist, ist er jetzt selbst Veganer. Und ein rechter Veganer ist für alle besser, als jemand, der noch nicht einmal vegan ist. Die Linken scheuen sich teilweise vor mir, mit der Tierrechtsbeauftragten der österreichischen Grünen saß ich auf einem Podium, sie ist lesbisch und kennt die Gemeinsamkeiten zwischen Homophobie und Speziesismus. Cem Özdemir hingegen hätte ebenfalls die Macht, Dinge zu verändern. Aber er verharmlost ständig Gewalt an Tieren und spielt den tierversklavenden Bauern in die Karten. Das ist Verrat, so etwas ärgert mich maßlos!Überschätzt du das Amt eines Landwirtschaftsministers?Tierrechte sind das Mindeste. Wir leisten bei so vielen Dingen Wiedergutmachung, Entwicklungshilfe, noch nicht einmal das fordert der Veganismus. Wenn es keinen signifikanten, ethischen Unterschied zwischen Tieren und Menschen gibt, ist das, was wir mit Tieren machen, ein Verbrechen.Den gibt es aber noch. Und sprachliche Eskalation führt nicht immer zur Einsicht, oder?Gut, was führt zur Einsicht? Mein Ziel ist nicht immer direkt Einsicht in der Person, sondern eine gesamtgesellschaftliche Veränderung. Wenn man in der euphemistisch-verwaschenen Sprache der Unterdrücker bleibt, tut sich nichts, dann hat man ein beschwichtigtes Gewissen und das ist nicht in meinem Interesse. Lebst du eigentlich schon vegan?Ich bin Vegetarier.Warum?Parmigiano, guter Käse …Das ist ja furchtbar, das ist ja nicht einmal vegetarisch, Parmigiano, da ist Lab drin, für den werden junge Kälber vergewaltigt und ermordet. Du hast also auch Schuld am Tier-Holocaust …Keine glückliche Wortwahl.Unabhängig davon, was du findest, halte ich die Aussage für treffend. Menschen, die nicht vegan leben, missbrauchen Tiere. Wie die Faschisten unter anderem im Holocaust des Zweiten Weltkriegs. Wegen dir stehen auf der Autobahn Kühe in Transportern und gucken aus diesen Schlitzen. Und das Schlimmste ist, du kannst es ändern. Du kannst vegan sein, Veganismus verbreiten und dann stehen sie nicht mehr in deinem Namen dort. Wie würdest du mich nennen, wenn ich jetzt hier eine Kuh penetrieren würde, ihr Kalb stehlen, ihren Tittensaft? Für Parmigiano?Geschmacklos vermutlich.Ich würde dich Tierquäler nennen. Aber dann bleib halt in deiner angenehmen Sprache. Dann wünsche ich dir einen gesegneten veganen Nachmittag. Und gute Besserung.



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Von Veritatis

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