Ingolfur Blühdorn prophezeit eine „andere Moderne“, die nur ein erneuter Versuch wäre, den Widersprüchen des Neoliberalismus die Spitze abzubrechen. Blüht uns ein noch stärkeres Durchregieren des Staates als bisher und eine noch rigidere Trennung zwischen Oben und Unten, Drinnen und Draußen? Ein Kommentar von Irmtraud Gutschke.

Wie grüne Utopien an der Realität scheitern, ist ja spätestens mit der Europawahl offensichtlich geworden. Mit seinem Buch „Unhaltbarkeit“ hat Ingolfur Blühdorn, Leiter des Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien, das nicht nur prognostiziert, sondern auch auf bemerkenswerte Weise die Gründe analysiert. Der Politikwissenschaftler, 1964 im Münsterland geboren, geht sogar noch weiter, indem er es für möglich hält, „dass die westliche Moderne und ihre grundlegenden Normen der Freiheit, des selbstbestimmten Subjekts, der Menschenrechte, der Demokratie, der offenen Gesellschaft etc. sich einmal überleben“ könnten. [1]

So zugespitzt formuliert klingt das schockierend, ist aber in der Gesellschaftstheorie nicht neu. Bereits 1986 hat Ulrich Beck (1944 – 2015) in seinem Buch „Risikogesellschaft“ vor dem Hintergrund grenzüberschreitender Umweltprobleme und der Globalisierung vom „Weg in eine andere Moderne“ gesprochen. [2] In Reichweite auf meinem Bücherregal steht seit 2019 auch „Das Ende der Illusionen“ von Andreas Reckwitz, der von Gewinnern und Verlierern der „Modernisierung“ sprach und Veränderungen hin zu einem „einbettenden Liberalismus“ als Reaktion auf die Krise der „Spätmoderne“ beschrieb. [3] Dabei ließ er sich nicht auf mögliche politische Akteure festnageln, so wie auch Ingolfur Blühdorn das Rechts-links-Schema meidet, nicht von Grün oder sonstigen Signalfarben spricht, sondern lieber auf der Höhe der Theorie bleibt.

Es ist kein Buch, das man nur zu überfliegen braucht, sondern eines, das vielleicht gar mehrfach gelesen sein will. Wer sich dieser Lektüre zuwendet, den wird sie nicht loslassen, gerade weil sie in einem selbst viele Fragen hinterlässt und damit eigenes gesellschaftstheoretisches Wissen aktiviert. Auch wenn man irritiert wird auf ungewohnten Gedankenbahnen, erst einmal offeriert der Autor ein großes Denkangebot, das – wie bei jeglicher Literatur – vor dem Hintergrund eigener Befindlichkeiten zu verarbeiten ist.

Auch beim Nachhaltigkeitskonzept ging es um Profit

„Das Selbstverständnis der vermeintlich fortschrittlichen Gesellschaften der Welt bröckelt. Ihr Bewusstsein der moralischen Überlegenheit und wirtschaftlich-politischen Vorherrschaft wird zunehmend unhaltbar. Der ‚freie Westen‘ und seine ‚offenen Gesellschaften‘ verlieren gegenüber autoritären Regimen zunehmend an Bedeutung beziehungsweise werden selbst zunehmend postdemokratisch.“ [4] So schön die Vorstellung wäre, eine „transformierte, sozial, militärisch und ökologisch befriedete (Welt-)Gesellschaft“ könnte sich verwirklichen lassen“, ein „gutes Leben für alle“ bleibt Utopie. [5]

Um diese Utopie geht es hier nicht. Statt ans Sollen, Wünschen, Hoffen zu appellieren, sucht dieses Buch den nüchternen Befund. Aus einer Verschränkung von Krisen trachtet das herrschende System sich irgendwie herauszuwinden. Auch beim Nachhaltigkeitskonzept ist es doch – wie immer schon – um Profit, um Stabilisierung der Machtverhältnisse und der in die Krise geratenen westlichen Moderne gegangen. Dabei gibt es Gewinner und Verlierer. Immer offensichtlicher wird zudem, wie in sich selbst widersprüchlich die grünen Forderungen sind – auf eine geradezu absurde Weise. Wie kann eine Umweltpartei zugleich Kriegspartei sein? So polemisch konkret wird Blühdorn nicht, aber jeder hat genügend eigene Erfahrungen parat. Auch was die sozialen Lasten und Verwerfungen betrifft. „Ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser “ – das Zitat aus Heinrich Heines „Deutschland, ein Wintermärchen“ passt dazu, dass vornehmlich die Kleinen und nicht die Großen zu Entbehrungen aufgerufen werden.

Und was die offene Gesellschaft betrifft, autoritäres Gehabe war und ist doch schon der Ampel-Koalition nicht fremd. Antidemokratische Tendenzen und Ausgrenzung gibt es allenthalben. Wenn Blühdorn von einer „Brutalisierung sozialer Kämpfe um Anerkennung“ [6] spricht, denkt man wohl eher an die „Blase“ der „Kreativen“. Aber weil die Individuen unter den Bedingungen des Neoliberalismus immer unbarmherziger gegeneinander gehetzt werden, ist die Konkurrenz um Teilhabe allgemein und existenziell.

Reichtum hinterm Nebelvorhang

„Wenn das Wachstum an Grenzen stößt, die Ansprüche und Erwartungen aber weiter steigen, wird die Frage virulent, wer woran weiter teilhaben darf, wo die Grenzen gezogen werden sollen, und wer oder was ausgegrenzt werden muss.“ [7] Hinter dieser kalten abstrakten Formulierung vermutet man das Thema Migration, das Blühdorn wohl so direkt nicht ansprechen wollte. Wenn die Marktwirtschaft ihren sozialen Mantel abstreift, wachsen in immer größeren Teilen der Bevölkerung Verlustängste, die dann irgendwie abreagiert werden: die Schwachen gegen die Schwächeren. Der Bereich, wo so viel vorhanden wäre, dass nicht einmal alles verteilt werden müsste, um für Humanität und Gerechtigkeit zu sorgen, ist dabei hinter einem Nebelvorhang versteckt.

Wie Jens Berger in seinem Buch „Wem gehört Deutschland?“ analysiert (jetzt in einer vollkommen überarbeiteten Neuauflage erschienen), erfassen die Behörden nämlich „keine statistischen Daten zum Reichtum“. Während die Armen „statistisch gründlich durchleuchtet werden“, weiß Deutschland „über seine Reichen so gut wie nichts“. [8] „Das Vermögen der 226 wohlhabendsten deutschen Familien ist 15-mal so groß wie das Vermögen der unteren 40 Millionen Deutschen zusammen und ungefähr so groß wie das Vermögen der unteren zwei Drittel.“ [9] Durch die Folgen von Corona und Wirtschaftskrieg geht die Schere noch weiter auseinander. „Während in der Belle Etage also trotz Corona die Champagnerkorken knallten, reichte es im Erdgeschoss nicht einmal für ein stilles Wasser.“ [10]

Den neoliberalen „Angriff auf den Wohlfahrtsstaat“ registriert Blühdorn durchaus, zugleich aber stellt er fest, dass „sich der sogenannte Spätkapitalismus als erstaunlich anpassungsfähig“ erwiesen hat. Das Buch wirkt auch deshalb so stark, weil Verstand und Gefühl beim Lesen immer wieder aneinandergeraten. Auch wenn man Blühdorns Diagnosen für plausibel hält, fühlt man sich mit ihnen oft nicht wohl. Er geht von den bestehenden Verteilungsverhältnissen aus, weil er nicht glaubt, dass Kritik daran etwas ändern würde. Mir aber wird beim Lesen bewusst, dass ich eine andere, bessere Perspektive im Herzen trage, sei sie nun realistisch oder nicht.

„Die Verteilungsfrage ist der Elefant im Raum: Sie ist übergroß und jeder sieht sie, doch niemand wagt es, dieses übergroße Problem anzusprechen oder gar anzugehen“, stellt Jens Berger fest.[11] Ingolfur Blühdorn sieht diesen „Elefanten“ zweifellos auch, versucht aber gleich gar nicht, mit ihm zu kämpfen. Stattdessen spricht er vom Eigeninteresse weiter Teile der Bevölkerung, allem zum Trotz den eigenen Lebensstandard und den gesellschaftlichen Wohlstand zu verteidigen, und verweist auf eine Überforderung des Staates, diesen Erwartungen gerecht werden zu können. (was doch wohl auch an den Kriegsausgaben liegt, mit denen es so nicht weitergehen darf) Sowieso fühlten sich immer größere Teile der Gesellschaft von den politischen Institutionen nicht mehr repräsentiert. Warum das so ist, hat aber eben sozial-ökonomische Gründe, die durch eine vernünftige Politik und mehr Verteilungsgerechtigkeit angegangen werden könnten.

Autokratisch-autoritär als unabänderliches Schicksal?

„Für die nächste Gesellschaft lässt sich entsprechend vermuten, dass sie nicht nur weiterhin kapitalistisch und gemessen an bisherigen Nachhaltigkeitsnormen weiterhin nicht-nachhaltig sein wird, sondern drittens auch autokratisch-autoritär – und zwar nicht nur, weil das von außen erzwungen wurde, sondern ebenso, weil sich von innen ein entsprechendes Verlangen herausbildet.“ [12] Dass es ein Verlangen nach Stabilität und Sicherheit wäre, sei hinzugefügt, das mit dem Gerechtigkeitsgedanken verbunden sein müsste. Andererseits käme man vom Regen in die Traufe. „Das westliche Bekenntnis zu universellen Rechten und Werten war … immer schon doppelbödig.“ [13] Die liberale repräsentative Demokratie sei nie demokratisch im Sinne der Souveränität des Volkes gewesen, sondern war immer eine Elitenherrschaft, meint Blühdorn zu Recht. Doch muss man deshalb das Kind mit dem Bade ausschütten? Wäre das (noch) vorhandene Maß an Freiheit in diesem Land nicht der Verteidigung wert?

Zuzustimmen ist dem Autor, dass spätmoderne Gesellschaften zunehmend schwierig politisch zu steuern sind, zumal immer mehr gesellschaftliche Gruppen und Minderheiten um Beteiligungsrechte kämpfen und in der medialen Öffentlichkeit einen so prominenten Platz bekommen, dass die offiziell verfasste Politik nur noch reaktiv agieren kann. Eine Überforderung und Überlastung gäbe es auch auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger, von denen sich viele in erster Linie wünschen, in einem geregelten Umfeld ruhig zu leben.

Wobei mich bei der Lektüre der Gedanke fesselte, wie gerade jene, die eine solche autokratische Wende am wenigsten wollen, dieser durch Übertreibung ihres Aktivismus zuarbeiten. Da bin ich dem Autor für den Begriff „Hyperpolitisierung“ [14] dankbar, bezüglich sozialer Bewegungen, die wohl ihre Ideale haben, aber denjenigen auf die Nerven gehen, denen an privater „Normalität“ gelegen ist. Die autoritären Transformationen kommen ja, wie Ulrich Beck schon Mitte der Achtzigerjahre formulierte, „auf den leisen Sohlen der Normalität“ daher. [15]

Zitat Andreas Reckwitz: „Die offensive Haltung des Fortschritts wird … abgelöst von einer defensiveren Orientierung an Prävention, Resilienz und Verlustminimierung.“ [16] Dagegen sei die Idee der Identifikation mit der kosmopolitischen Gemeinschaft viel zu anspruchsvoll, abstrakt und überfordernd gewesen, resümiert Blühdorn. Zudem seien diese Initiativen an ihrer eigenen Widersprüchlichkeit gescheitert. Einerseits der Anspruch auf Individualismus und demokratische Selbstbestimmung und andererseits die Forderung nach Unterordnung „unter nicht verhandelbare ökologische Notwendigkeiten“ haben sich eben schwer vereinbaren lassen. [17]

Künstlerkritik“, die nie mit Sozialkritik zu verwechseln war

Zudem stimmt die Diagnose im Buch, dass die sogenannte ökologisch-emanzipatorische Bewegung von vergleichsweise privilegierten Teilen der Gesellschaft getragen wird – solchen, die über Bildung, soziale Netzwerke, Artikulationsstärke, kulturelles und ökonomisches Kapital verfügen und ein entsprechend großes Interesse an Freiräumen haben, um sich selbst verwirklichen zu können. Es ist eher eine auf „individuelle Besonderheit und Unterscheidbarkeit zielende ‚Künstlerkritik‘ an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen, die mit einer auf Gleichheit und Teilhabe zielenden ‚Sozialkritik‘ nicht zu verwechseln war. [18]

„Bessergestellte unter sich“, schreibt Sahra Wagenknecht in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“. Damit meint sie die „Lifestyle-Linke“, die längst schon in der „Filterblase des eigenen Milieus“ gefangen ist. [19] Ohne sie zu nennen, stimmt Blühdorn ihr zu. Längst schon war „Emanzipation“ ein weitgehend individualisiertes Projekt, das nicht so sehr auf eine radikal andere Gesellschaft als auf Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung innerhalb der bestehenden Ordnung zielte.

Dass sich eine Mehrheit „nach entlastender Einfachheit, Orientierung, Führung und Autorität“ sehnt, hat man bei den Wahlen gesehen. Aber fraglich bleibt für mich doch, ob dies wirklich ein Votum für eine „Agenda der Schließung, Kontrolle, Ungleichheit, Polarisierung und Exklusion“ [20] war. Besteht nicht auch ein Bedürfnis nach wirklicher demokratischer Teilhabe, nach Gemeinsinn und Miteinander, das in einer vernünftigen, sozial gerechteren Politik eine Basis haben könnte? Da steht unser Land wohl an einem Scheideweg.

Ohne dass er ihnen beipflichten würde, spricht Blühdorn von einer emanzipatorischen Katastrophe für diejenigen, die für den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft gekämpft und ungewollt dazu beigetragen haben, „dass sich die Gesellschaft der Nicht-Nachhaltigkeit verfestigt hat“. Sich auf Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ beziehend, sei politischen Aktivisten der Gedanke auf den Weg gegeben, „wie eine emanzipatorische, progressive Agenda ungewollt und unbemerkt in ihr Gegenteil umschlagen kann“. [21]

Ingolfur Blühdorn: Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Edition Suhrkamp 2024, 384 S., br., 20 €.

Titelbild: Wirestock Collection / Shutterstock



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Von Veritatis

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