Kürzlich ist es tatsächlich passiert: Eine Freundin erzählte mir, sie werde eine bekannte Band sehen – und zwar wo? „In der Uber Eats Music Hall.“ Sie sagte das so beiläufig, als wäre es nicht dystopisch, dass mit der Nennung eines Veranstaltungsortes auch ein Markenname genannt werden muss.

Vor gut einem Jahr schrieb ich über die Auswüchse des sogenannten „venue sponsoring“: die zunehmende Praxis von Veranstaltungshäusern, ihre Namensrechte an Unternehmen zu verkaufen. Seit diesem Jahr heißt die einstige O2- und spätere Mercedes-Benz-Arena an der Warschauer Straße in Berlin „Uber Arena“. Weil es aber nicht reicht, dass ein Fahrdienstvermittler mit fragwürdigem Geschäftskonzept eine Halle als materialisierte Werbefläche nutzen darf, nennt sich nun noch die daneben liegende, kleinere Veranstaltungshalle „Uber Eats Music Hall“ und der Platz, auf dem beide gebaut sind: „Uber Platz“.

Es wäre jetzt Zeit für eine Schimpftirade auf die Unsitte, öffentliche Räume und Gebäude nicht nach historischen Begebenheiten und Persönlichkeiten, sondern nach dem höchstbietenden Ausbeuter zu benennen. Fragen ließe sich zudem, warum die Stadt zulässt, dass ganze Areale von Konzernen symbolisch besetzt werden können – und das auf historischem Gebiet: Immerhin erinnern die Überreste der Mauer direkt nebenan an einen schwer bewachten Grenzübergang, einen Todesstreifen der DDR. Und was hätte Tamara Danz, die verstorbene Silly-Sängerin, dazu gesagt, dass die nach ihr benannte Straße nun an den „Uber Platz“ anschließt? Aber bleiben wir konstruktiv.

Chilly Gonzales will Richard-Wagner-Straße in Köln umbenennen

So wie der Sänger und Jazzpianist Chilly Gonzales, der aktuell mit einer Petition erreichen möchte, dass die Kölner Richard-Wagner-Straße in Tina-Turner-Straße umbenannt wird. Die Sängerin habe immerhin in den 1990ern in Köln gelebt und Popmusikgeschichte geschrieben. Wagner hingegen sei zwar ein bedeutender Künstler gewesen, aber auch Antisemit. „Wir fordern nicht, die Aufführung von Wagners Opern zu stoppen. Aber wenn eine Straße in der Kölner Innenstadt den Namen eines Antisemiten trägt, der nicht einmal eine enge Beziehung zu Köln hatte, ehren wir damit meines Erachtens einen unwürdigen Mann“, heißt es in der Petition. Über 13.000 Unterschriften verzeichnete sie bei Redaktionsschluss.

Nun wird es nicht gelingen, gegen den Kauf von Namensrechten nichtöffentlicher Gebäude mit einer Petition vorzugehen. Aber: Kann die Anschutz Entertainment Group, die den Ausbau des Stadtquartiers in Berlin-Friedrichshain vorantrieb, uns wirklich vorschreiben, wie wir ein Gebäude nennen?

Es ist noch nicht so lange her, da machte sich TV-Satiriker Oliver Welke einen Witz daraus, einen deutschen Faschisten „Bernd“ statt „Björn“ zu nennen. Am Ende wussten einige Medien nicht mehr so genau, wie der Mann wirklich heißt. Wenn es der heute-show gelingt, so etwas festzusetzen, kann es ja nicht so schwer sein. Nur: Was wäre besser? Will man an die Mauertoten erinnern, die in der Nähe des Platzes beim Fluchtversuch ums Leben kamen? Nein, Gedenken und Unterhaltung sollten nicht vermengt werden. Will man Metallica ehren, die 2008 als Erste in der neu gebauten Halle spielten? Schon reizvoller, aber ein wenig ahistorisch.

Wie wäre es mit: Bernstein-Arena? Leonard Bernstein, der weltberühmte Komponist, Dirigent und Pianist, gab am 23. und 25. Dezember 1989 als einer der ersten Künstler überhaupt im frisch entmauerten Berlin ein Konzert. Zudem trat Bernstein am 9. Mai 1948, kurz nach Ende des NS-Regimes, im kaum entnazifizierten Deutschland auf, was viele seiner ebenfalls jüdischen Kolleg*innen in den USA vermieden.

Bernstein stand für Freiheit und Verständigung, und für die Kraft der Musik. Welche Marke könnte so etwas jemals leisten?



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Von Veritatis

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