Ballett als Vorbild für ein neues Schönheitsideal? Der Ballet Body steht für extreme Dünnheit und Disziplin. Doch hinter der Fassade verbirgt sich ein rechts-konservatives Ideal, das alte Geschlechterrollen reproduziert
Das ist der neue, ideale Körper
Foto: Imago / Pond5 Images
Nachdem Pilates jahrelang der It-Sport war und quasi zum Tiktok-Trend-Inventar gehörte, sind seit knapp einem Jahr immer Plätze in den Kursen frei. Dafür sind die Ballettkurse für Anfänger bis fortgeschrittene Anfänger meistens schon zehn Tage im Voraus ausgebucht. Regelmäßig verpasst man eine Freundin, weil sie keinen Platz mehr im Kurs bekommen hat. Die jungen Frauen, die sich in die Kurse drängen, wollen aber nicht nur Ballett lernen. Es geht um eine sich über die sozialen Medien verbreitende Ästhetik, „Ballet Core“, aber vor allem darum, „skinny“ zu werden.
Die Diagnose, dass das Schönheitsideal für Frauen zurück in den Magerwahn der 1990er und 00er geht, ist nicht neu. Dieses Mal heißt das Ideal „Ballet Body“. Schönheitschirurgen zufolge bedeutet das, ausbalancierte Proportionen, flache Kurven und allgemein schmaler als das sehr kurvige Ideal der 2010er‑Kardashian-Ära.
Wer immer noch glaubt, Schönheitsideale hätten nichts mit ihrem soziopolitischen Umfeld zu tun, muss den „Ballet Body“ nur mit dem „Heroine Chic“ der 1990er‑Jahre, als Frauen das letzte Mal sehr schnell sehr dünn wurden, vergleichen, um festzustellen: Der „Ballet Body“ wäre ohne rechts-konservativen Ruck nicht möglich.
„Heroine Chic“ wollte immer auch provozieren
Was „Heroine Chic“ und der „Ballet Body“ neben ihren hervorstehenden Knochen gemeinsam haben, ist, dass sie in Zeiten antifeministischer Backlashes entstanden sind. In den 90ern den Backlash gegen die rechtlich beinahe vollständig vollzogene Gleichstellung von Frauen, in den 2020ern gegen den intersektionalen Feminismus, der vor allem gegen sexualisierte Gewalt kämpft. In beiden Fällen ist die Vorherrschaft eines extrem dünnen Ideals Ausdruck eines Versuchs, die Kontrolle über Frauenkörper wiederzuerlangen. Wenn es rechtlich nicht geht, dann eben über Körperbilder.
Der „Heroine-Chic“ versuchte, diesen Zusammenhang noch zu verschleiern. Die Ästhetik, die die abgemagerten Körper schmückte, orientierte sich optisch an Punk und Rock. Ein Vorläufer war die Darstellung der Kinder vom Bahnhof Zoo von Christiane F. Es war eine wirklich problematische Idealisierung von Suchterkrankung und Selbstzerstörung. Der Look sollte so wirken, als wäre die Person genau das, was ständiges Hungern mit einem macht: ziemlich kaputt. Das Ziel war dabei immer auch, ein wenig zu provozieren.
Balletcore ist zart und passt sich an
Der „Ballet Body“ ist, vom Mager-Level einmal abgesehen, eigentlich das radikale Gegenteil dazu. Die Vorbilder sind nicht mehr einzelne Supermodels oder It-Girls, sondern die namenlosen Ballerinas, die im traditionellen Corps de ballet häufig gleich gekleidet so in Formation auftreten, dass die Individualität der Tänzerinnen im Kollektiv aufgeht. Anpassung statt Provokation.
Ganz entsprechend der Vorstellung, Ballett sei etwas sehr mädchenhaftes, hält sich die Ästhetik in dezenten Pastellfarben. Make-up und Haare tragen den Clean-Girl-Look weiter: kaum geschminkt, ein sleeker Bun. Im Vergleich zum Clean Girl sind die Anhängerinnen des „Ballet Core“ aber nochmal deutlich zarter und zierlicher.
Was den „Ballet Body“ vom „Heroine Chic“ unterscheidet, sind aber nicht nur die Reinheit und Eleganz, die mit dem Sport verbunden werden, sondern vor allem die körperliche Disziplin und Kontrolle, die Tänzer:innen über jede Faser ihrer Muskeln entwickeln. Um Ballett wirklich tanzen zu können, ist extremes jahrelanges Training notwendig. Ballett ist immer eine herausragende körperliche Leistung, die die ungeheure Kraft, die für Spitzentanz oder Sprünge notwendig ist, so kontrolliert, dass dabei elegante, oft zerbrechlich wirkende Figuren herauskommen.
Die dünnen Körper, die dabei idealisiert werden, sind eben, ganz im Gegensatz zum „Heroine Chic“ Ausdruck eines gesunden und vor allem sportlichen Lebensstils. Der „Ballet Body“ ist nicht nur dünn, er ist trainiert, aber auf eine Weise, dass seine Muskeln niemals als Bedrohung der patriarchalen Ordnung wirken können.
Elitär, weiß und kompromisslos heteronormativ
In der allgemeinen Wahrnehmung ist Ballett auch etwas, das so traditionell und konservativ ist, dass es die bestehende gesellschaftliche Ordnung niemals infrage stellen würde. Im Gegenteil, sie reproduziert sie und treibt sie auf eine unerreichbare Spitze: elitär, kompromisslos heteronormativ, weiß, streng hierarchisch nach Leistung gegliedert.
Obwohl bekannt ist, dass sehr viele der Tänzer homosexuell sind, sind die Geschlechterrollen im klassischen Ballett nahezu ausnahmslos binär. Frauen tanzen Spitze. Männer nicht. Dafür springen Männer mehr und sind etwas athletischer. Und auch, wenn zumindest die normalen Ballettschuhe und Strumpfhosen inzwischen in einigen Schattierungen mehr kommen: An dem Bild, dass es vor allem eine weiße Kunstform ist, hat sich nicht viel geändert.
Mit Ballett und vor allem den Frauen, die es ausüben, lässt sich sehr einfach ein rechtskonservatives Ideal verbinden. Die helle Haut der Tänzerinnen wird hier als „ästhetisch überlegen“ zelebriert. Frauen haben klar festgeschriebene Rollen, die mit bestimmten Anforderungen einhergehen – gleiches gilt für Männer. Es herrschen strenge Hierarchie und Disziplin.
Und natürlich ist Ballett sehr exklusiv. Es zu betreiben, insbesondere bis hin zum professionellen Level, ist extrem kostspielig und nur sehr wenigen vorbehalten. Der idealisierte „Ballet Body“ ist damit als reine Ästhetik ohnehin nur sehr wenigen, bestimmten Personen vorbehalten. POC oder Menschen mit Behinderungen beispielsweise sind von vornherein ausgeschlossen.
Im Ballett selbst sieht es oft anders aus, als es die Ästhetik vermittelt
Hier zeigt sich auch, dass der vor allem für seine disziplinierte Dünnheit gefeierte „Ballet Body“ wenig mit echten Körpern im Ballett zu tun hat. Denn dort werden diese Thematiken spätestens seit Misty Copeland im American Ballet Theatre als erste Schwarze Frau Primaballerina wurde, sehr kontrovers diskutiert. Viele Ballettcompagnien stellen sich diverser auf und machen sehr moderne Formen von Ballett.
Zwar sind Schwarze Tänzerinnen immer noch krass unterrepräsentiert und nicht-binäre Tänzer:innen eine Ausnahme – aber ihre Perspektiven werden inzwischen häufiger als Vorteil statt als Bruch mit der Tradition gewertet. Die popkulturelle Vorstellung von Ballett hat das wenig beeindruckt.
In den sozialen Medien bleiben diejenigen, die diese Ästhetik bewerben, nahezu ausschließlich sehr dünne, sehr weiße Frauen, die Bilder von sehr dünnen und weißen Ballerinas teilen. Wobei diejenigen, die erzählen, wie schnell man mit Ballett dünn wird, sicherlich keine professionellen Tänzerinnen sind. Deren Ästhetik romantisiert zwar auch viel am Ballett (Tanzen mit komplett blutigen Füßen inklusive), aber den meisten von ihnen fehlt der Pastellfilter.
Der einzige Vorteil, den dieser Trend scheinbar mit sich bringt, ist, dass Ballett als Kunst und Sport wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt, insbesondere die Tänzer:innen. Die mit Abstand popkulturell einflussreichste Ballerina, zumindest nach Follower:innenzahl, bleibt allerdings Hannah Neeleman. Ihre Ballettkarriere hat sie früh an den Nagel gehängt. Heute bewirbt sie als „Ballerinafarm“ auf Tiktok das Leben einer Tradwife, die ihre Karriere dankbar aufgegeben hat, um ganz Hausfrau und Mutter in einer streng religiösen mormonischen Familie zu werden. Es passt ins „Ballet Core“-Bild.
ßt das Ideal „Ballet Body“. Schönheitschirurgen zufolge bedeutet das, ausbalancierte Proportionen, flache Kurven und allgemein schmaler als das sehr kurvige Ideal der 2010er‑Kardashian-Ära. Wer immer noch glaubt, Schönheitsideale hätten nichts mit ihrem soziopolitischen Umfeld zu tun, muss den „Ballet Body“ nur mit dem „Heroine Chic“ der 1990er‑Jahre, als Frauen das letzte Mal sehr schnell sehr dünn wurden, vergleichen, um festzustellen: Der „Ballet Body“ wäre ohne rechts-konservativen Ruck nicht möglich.„Heroine Chic“ wollte immer auch provozierenWas „Heroine Chic“ und der „Ballet Body“ neben ihren hervorstehenden Knochen gemeinsam haben, ist, dass sie in Zeiten antifeministischer Backlashes entstanden sind. In den 90ern den Backlash gegen die rechtlich beinahe vollständig vollzogene Gleichstellung von Frauen, in den 2020ern gegen den intersektionalen Feminismus, der vor allem gegen sexualisierte Gewalt kämpft. In beiden Fällen ist die Vorherrschaft eines extrem dünnen Ideals Ausdruck eines Versuchs, die Kontrolle über Frauenkörper wiederzuerlangen. Wenn es rechtlich nicht geht, dann eben über Körperbilder.Der „Heroine-Chic“ versuchte, diesen Zusammenhang noch zu verschleiern. Die Ästhetik, die die abgemagerten Körper schmückte, orientierte sich optisch an Punk und Rock. Ein Vorläufer war die Darstellung der Kinder vom Bahnhof Zoo von Christiane F. Es war eine wirklich problematische Idealisierung von Suchterkrankung und Selbstzerstörung. Der Look sollte so wirken, als wäre die Person genau das, was ständiges Hungern mit einem macht: ziemlich kaputt. Das Ziel war dabei immer auch, ein wenig zu provozieren.Balletcore ist zart und passt sich anDer „Ballet Body“ ist, vom Mager-Level einmal abgesehen, eigentlich das radikale Gegenteil dazu. Die Vorbilder sind nicht mehr einzelne Supermodels oder It-Girls, sondern die namenlosen Ballerinas, die im traditionellen Corps de ballet häufig gleich gekleidet so in Formation auftreten, dass die Individualität der Tänzerinnen im Kollektiv aufgeht. Anpassung statt Provokation.Ganz entsprechend der Vorstellung, Ballett sei etwas sehr mädchenhaftes, hält sich die Ästhetik in dezenten Pastellfarben. Make-up und Haare tragen den Clean-Girl-Look weiter: kaum geschminkt, ein sleeker Bun. Im Vergleich zum Clean Girl sind die Anhängerinnen des „Ballet Core“ aber nochmal deutlich zarter und zierlicher. Was den „Ballet Body“ vom „Heroine Chic“ unterscheidet, sind aber nicht nur die Reinheit und Eleganz, die mit dem Sport verbunden werden, sondern vor allem die körperliche Disziplin und Kontrolle, die Tänzer:innen über jede Faser ihrer Muskeln entwickeln. Um Ballett wirklich tanzen zu können, ist extremes jahrelanges Training notwendig. Ballett ist immer eine herausragende körperliche Leistung, die die ungeheure Kraft, die für Spitzentanz oder Sprünge notwendig ist, so kontrolliert, dass dabei elegante, oft zerbrechlich wirkende Figuren herauskommen.Die dünnen Körper, die dabei idealisiert werden, sind eben, ganz im Gegensatz zum „Heroine Chic“ Ausdruck eines gesunden und vor allem sportlichen Lebensstils. Der „Ballet Body“ ist nicht nur dünn, er ist trainiert, aber auf eine Weise, dass seine Muskeln niemals als Bedrohung der patriarchalen Ordnung wirken können.Elitär, weiß und kompromisslos heteronormativIn der allgemeinen Wahrnehmung ist Ballett auch etwas, das so traditionell und konservativ ist, dass es die bestehende gesellschaftliche Ordnung niemals infrage stellen würde. Im Gegenteil, sie reproduziert sie und treibt sie auf eine unerreichbare Spitze: elitär, kompromisslos heteronormativ, weiß, streng hierarchisch nach Leistung gegliedert.Obwohl bekannt ist, dass sehr viele der Tänzer homosexuell sind, sind die Geschlechterrollen im klassischen Ballett nahezu ausnahmslos binär. Frauen tanzen Spitze. Männer nicht. Dafür springen Männer mehr und sind etwas athletischer. Und auch, wenn zumindest die normalen Ballettschuhe und Strumpfhosen inzwischen in einigen Schattierungen mehr kommen: An dem Bild, dass es vor allem eine weiße Kunstform ist, hat sich nicht viel geändert.Mit Ballett und vor allem den Frauen, die es ausüben, lässt sich sehr einfach ein rechtskonservatives Ideal verbinden. Die helle Haut der Tänzerinnen wird hier als „ästhetisch überlegen“ zelebriert. Frauen haben klar festgeschriebene Rollen, die mit bestimmten Anforderungen einhergehen – gleiches gilt für Männer. Es herrschen strenge Hierarchie und Disziplin.Und natürlich ist Ballett sehr exklusiv. Es zu betreiben, insbesondere bis hin zum professionellen Level, ist extrem kostspielig und nur sehr wenigen vorbehalten. Der idealisierte „Ballet Body“ ist damit als reine Ästhetik ohnehin nur sehr wenigen, bestimmten Personen vorbehalten. POC oder Menschen mit Behinderungen beispielsweise sind von vornherein ausgeschlossen.Im Ballett selbst sieht es oft anders aus, als es die Ästhetik vermitteltHier zeigt sich auch, dass der vor allem für seine disziplinierte Dünnheit gefeierte „Ballet Body“ wenig mit echten Körpern im Ballett zu tun hat. Denn dort werden diese Thematiken spätestens seit Misty Copeland im American Ballet Theatre als erste Schwarze Frau Primaballerina wurde, sehr kontrovers diskutiert. Viele Ballettcompagnien stellen sich diverser auf und machen sehr moderne Formen von Ballett.Zwar sind Schwarze Tänzerinnen immer noch krass unterrepräsentiert und nicht-binäre Tänzer:innen eine Ausnahme – aber ihre Perspektiven werden inzwischen häufiger als Vorteil statt als Bruch mit der Tradition gewertet. Die popkulturelle Vorstellung von Ballett hat das wenig beeindruckt.In den sozialen Medien bleiben diejenigen, die diese Ästhetik bewerben, nahezu ausschließlich sehr dünne, sehr weiße Frauen, die Bilder von sehr dünnen und weißen Ballerinas teilen. Wobei diejenigen, die erzählen, wie schnell man mit Ballett dünn wird, sicherlich keine professionellen Tänzerinnen sind. Deren Ästhetik romantisiert zwar auch viel am Ballett (Tanzen mit komplett blutigen Füßen inklusive), aber den meisten von ihnen fehlt der Pastellfilter.Der einzige Vorteil, den dieser Trend scheinbar mit sich bringt, ist, dass Ballett als Kunst und Sport wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt, insbesondere die Tänzer:innen. Die mit Abstand popkulturell einflussreichste Ballerina, zumindest nach Follower:innenzahl, bleibt allerdings Hannah Neeleman. Ihre Ballettkarriere hat sie früh an den Nagel gehängt. Heute bewirbt sie als „Ballerinafarm“ auf Tiktok das Leben einer Tradwife, die ihre Karriere dankbar aufgegeben hat, um ganz Hausfrau und Mutter in einer streng religiösen mormonischen Familie zu werden. Es passt ins „Ballet Core“-Bild.