„B WIEBLAU STERBENDESBLAUDERHIMMEL (…).“ So beginnt B wie Blau, eine der Schreibmaschinengrafiken von Ruth Wolf-Rehfeldt aus dem Jahr 1973. Auf dem DIN-A4-Blatt erscheint von Weitem betrachtet erst mal nur die Form des Buchstabens B. Je näher man herantritt, desto deutlicher wird, dass das B selbst aus vielen weiteren Buchstaben zusammengesetzt ist, die sich als Gedicht lesen lassen: ein poetisch-visuelles Schriftbild.

Ruth Wolf-Rehfeldt, die seit mehr als 70 Jahren in Berlin lebt, ist eine der wenigen Künstlerinnen, die sich in der DDR der Schreibmaschinengrafik widmeten. Ihr Œuvre umfasst neben Gemälden und Zeichnungen über 800 solcher auch Typewritings genannten Werke, die sie von 1972 bis 1989/90 anfertigte. Vergangene Woche wurde der inzwischen 90-Jährigen für ihr Lebenswerk der Hannah-Höch-Preis verliehen, den der Berliner Senat in Erinnerung an die Dadaistin vergibt. Gekoppelt ist er an eine Ausstellung im Kupferstichkabinett, in deren Zentrum 120 Schreibmaschinengrafiken von Ruth Wolf-Rehfeldt stehen, die Kuratorin Jenny Graser unter anderem in einen Dialog mit Arbeiten von Hannah Höch, Maria Eichhorn, Joseph Kosuth und Robert Barry setzt.

Per Post vernetzt in alle Welt

Wie eine Spinne im Netz, so der Titel der Ausstellung, zeigt, wie konsequent sich Wolf-Rehfeldts Schreibmaschinengrafiken entwickelten: Bevor die Künstlerin Sprachgebilde wie B wie Blau oder A wie Arsen macht, welche die Nähe zur Konkreten Poesie suchen, setzt sie sich auf Basis von Wortsammlungen und Assoziationsketten mit der Funktionsweise und den Ordnungsprinzipien von Sprache auseinander. Ab Ende der 1970er Jahre entwickelt sie in sich geschlossene, abstrakte Zeichenstrukturen, die in den 1980er Jahren zunehmend dichter werden, wie die Kompositionen der Strukturblätter und der Serie PSI. Diese blockhaft angelegten Bilder beruhen auf der Wiederholung des immer gleichen Zeichens. Parallel beginnt Wolf-Rehfeldt Räumlichkeit suggerierende abstrakte Formen und architektonische Gebilde zu entwerfen. Die letzte Phase ihres Schaffens bilden die Collagen, die gemeinsam mit den dadaistischen Bildmontagen Hannah Höchs gezeigt werden. In ihnen erweiterte Wolf-Rehfeldt druckgrafische Reproduktionen ihrer Schreibmaschinengrafiken um Ausschnitte aus Zeitschriften, Fragmente anderer Typewritings oder Schwarz-Weiß-Kopien ihrer frühen Gemälde. So lässt sie in Figuration collagiert (Tower) aus den 1980er Jahren einen von ihr aus Zeichen auf Papier erbauten Turm durch ein aufgeklebtes rotes Tuch zu einem in Bewegung wirkenden Mischwesen werden.

Kollektives Schaffen und Vernetzung über Ländergrenzen hinweg praktiziert Wolf-Rehfeldt schon ab 1974. Sie ist Teil der internationalen Mail-Art-Szene. Per Post verschickt sie unter kritischer Beobachtung der staatlichen Kontrollsysteme ihre Schreibmaschinengrafiken in die Welt und bittet mitunter die Adressat*innen, diese künstlerisch zu erweitern. Dabei baut sie „wie eine Spinne im Netz“, wie sie selbst sagt, Strukturen auf, die über die für sie selbst geschlossenen Grenzen der DDR hinausreichen: in die Schweiz, die Niederlande, nach Polen, Jugoslawien, Bulgarien sowie in die USA, nach Mexiko, Venezuela und Brasilien.

Genauso entschlossen wie sich die Entwicklung ihres Werks in der Ausstellung zeigt, beendet Wolf-Rehfeldt 1990 ihr künstlerisches Schaffen mit der wenige Blätter umfassenden Serie Sprengung. Das einzige davon in der Ausstellung zu sehende Bild zeigt, wie diese „Selbstzerstörung“ vonstattengeht: Auf schwarzem Karton montiert die Künstlerin Fragmente ihrer zerrissenen Typewritings. Mit der Vereinigung Deutschlands und dem Wandel der Kommunikationsmedien beschließt Wolf-Rehfeldt, dass ihre Schreibmaschinengrafiken nicht mehr zeitgemäß sind und die Mail Art ihre Relevanz verliert: „Als nach der Wende auch diese elektronische E-Mail kam, war es ja schon vorbei. Und ich hatte eben keinen Drang, jetzt noch irgendetwas zu machen, was die Welt nicht braucht.“

Den Anspruch der künstlerischen Arbeit mit der Schreibmaschine hat Ruth Wolf-Rehfeldt auf zwei DIN-A4-Blättern unter dem Titel Signs Fiction in einer Art Manifest dargelegt. Der größte Vorzug liege für sie darin, dass dieses Handwerk weder eine künstlerische Tätigkeit noch eine Ausbildung voraussetze. Dabei gehe es ihr darum, unklare Sachverhalte zunächst bewusst zu machen und dann an einer Bewusstseinsveränderung zu arbeiten „(…) oder, wo angezeigt, einer Veränderung der Sachverhalte selbst“. Und je mehr Menschen mitmachten, desto besser. „Tippe deine eigene Kunst“ – so lautet ihre Aufforderung an ihre Mitmenschen.

Signs Fiction und zahlreiche weitere der ausgestellten Schreibmaschinengrafiken sind Leihgaben der Berliner Galerie ChertLüdde, die vor ungefähr acht Jahren über einen brasilianischen Mail-Art-Künstler auf Wolf-Rehfeldt gestoßen ist. Seit ihre Werke 2017 auf der Documenta in Kassel ausgestellt wurden, erhält die Künstlerin mehr Aufmerksamkeit. Das Albertinum in Dresden zeigte 2018 die Ausstellung Für Ruth, der Himmel in Los Angeles: Ruth Wolf-Rehfeldt und David Horvitz, die ab kommender Woche im The Wende Museum in Los Angeles zu sehen ist. Das MINSK in Potsdam wird ihr im Februar kommenden Jahres eine Retrospektive ausrichten.

Eine Schreibmaschine des Typs „Erika“, auf der Wolf-Rehfeldt ihre Grafiken produzierte, ist übrigens auch in der Berliner Ausstellung zu sehen. Der weibliche Vorname dieses Modells legt Zeugnis davon ab: Meist waren es während Ruth Wolf-Rehfeldts Schaffenszeit Frauen, die Berufe an der Schreibmaschine, wie Sekretärin oder Stenotypistin, ausübten. Die Ausstellung macht deutlich, wie Wolf-Rehfeldt die Schreibmaschine trotz – oder gerade aufgrund – ihrer formalen Grenzen in einer spielerischen, selbstbestimmten und befreienden Weise und zur Vernetzung über die ganze Welt nutzt.

Auch wenn Wolf-Rehfeldt selbst ihre Arbeit ab 1990 als obsolet erklärt, erweisen sich ihre Werke und ihr Schaffen als hochaktuell. Es geht um Meinungsäußerung, Veränderung, Sprache, Zensur, Kommunikation und Freiheit. Wenn Wolf-Rehfeldt mit der Schreibmaschine Wörter umschichtet, überlagert, verschiebt und ändert, dann klingt an, was sie selbst in Signs Fiction formuliert: Das Handwerk, Buchstaben und Zeichen mit der Schreibmaschine auf das Papier zu setzen, kann Sachverhalte zu Bewusstsein bringen und schließlich sogar zur Veränderung der Realität führen.

Ruth Wolf-Rehfeldt. Wie eine Spinne im Netz Hannah-Höch-Preis 2022, Kupferstichkabinett, Berlin, bis 5. Februar 2023

wurde der inzwischen 90-Jährigen für ihr Lebenswerk der Hannah-Höch-Preis verliehen, den der Berliner Senat in Erinnerung an die Dadaistin vergibt. Gekoppelt ist er an eine Ausstellung im Kupferstichkabinett, in deren Zentrum 120 Schreibmaschinengrafiken von Ruth Wolf-Rehfeldt stehen, die Kuratorin Jenny Graser unter anderem in einen Dialog mit Arbeiten von Hannah Höch, Maria Eichhorn, Joseph Kosuth und Robert Barry setzt.Per Post vernetzt in alle WeltWie eine Spinne im Netz, so der Titel der Ausstellung, zeigt, wie konsequent sich Wolf-Rehfeldts Schreibmaschinengrafiken entwickelten: Bevor die Künstlerin Sprachgebilde wie B wie Blau oder A wie Arsen macht, welche die Nähe zur Konkreten Poesie suchen, setzt sie sich auf Basis von Wortsammlungen und Assoziationsketten mit der Funktionsweise und den Ordnungsprinzipien von Sprache auseinander. Ab Ende der 1970er Jahre entwickelt sie in sich geschlossene, abstrakte Zeichenstrukturen, die in den 1980er Jahren zunehmend dichter werden, wie die Kompositionen der Strukturblätter und der Serie PSI. Diese blockhaft angelegten Bilder beruhen auf der Wiederholung des immer gleichen Zeichens. Parallel beginnt Wolf-Rehfeldt Räumlichkeit suggerierende abstrakte Formen und architektonische Gebilde zu entwerfen. Die letzte Phase ihres Schaffens bilden die Collagen, die gemeinsam mit den dadaistischen Bildmontagen Hannah Höchs gezeigt werden. In ihnen erweiterte Wolf-Rehfeldt druckgrafische Reproduktionen ihrer Schreibmaschinengrafiken um Ausschnitte aus Zeitschriften, Fragmente anderer Typewritings oder Schwarz-Weiß-Kopien ihrer frühen Gemälde. So lässt sie in Figuration collagiert (Tower) aus den 1980er Jahren einen von ihr aus Zeichen auf Papier erbauten Turm durch ein aufgeklebtes rotes Tuch zu einem in Bewegung wirkenden Mischwesen werden. Kollektives Schaffen und Vernetzung über Ländergrenzen hinweg praktiziert Wolf-Rehfeldt schon ab 1974. Sie ist Teil der internationalen Mail-Art-Szene. Per Post verschickt sie unter kritischer Beobachtung der staatlichen Kontrollsysteme ihre Schreibmaschinengrafiken in die Welt und bittet mitunter die Adressat*innen, diese künstlerisch zu erweitern. Dabei baut sie „wie eine Spinne im Netz“, wie sie selbst sagt, Strukturen auf, die über die für sie selbst geschlossenen Grenzen der DDR hinausreichen: in die Schweiz, die Niederlande, nach Polen, Jugoslawien, Bulgarien sowie in die USA, nach Mexiko, Venezuela und Brasilien.Genauso entschlossen wie sich die Entwicklung ihres Werks in der Ausstellung zeigt, beendet Wolf-Rehfeldt 1990 ihr künstlerisches Schaffen mit der wenige Blätter umfassenden Serie Sprengung. Das einzige davon in der Ausstellung zu sehende Bild zeigt, wie diese „Selbstzerstörung“ vonstattengeht: Auf schwarzem Karton montiert die Künstlerin Fragmente ihrer zerrissenen Typewritings. Mit der Vereinigung Deutschlands und dem Wandel der Kommunikationsmedien beschließt Wolf-Rehfeldt, dass ihre Schreibmaschinengrafiken nicht mehr zeitgemäß sind und die Mail Art ihre Relevanz verliert: „Als nach der Wende auch diese elektronische E-Mail kam, war es ja schon vorbei. Und ich hatte eben keinen Drang, jetzt noch irgendetwas zu machen, was die Welt nicht braucht.“ Den Anspruch der künstlerischen Arbeit mit der Schreibmaschine hat Ruth Wolf-Rehfeldt auf zwei DIN-A4-Blättern unter dem Titel Signs Fiction in einer Art Manifest dargelegt. Der größte Vorzug liege für sie darin, dass dieses Handwerk weder eine künstlerische Tätigkeit noch eine Ausbildung voraussetze. Dabei gehe es ihr darum, unklare Sachverhalte zunächst bewusst zu machen und dann an einer Bewusstseinsveränderung zu arbeiten „(…) oder, wo angezeigt, einer Veränderung der Sachverhalte selbst“. Und je mehr Menschen mitmachten, desto besser. „Tippe deine eigene Kunst“ – so lautet ihre Aufforderung an ihre Mitmenschen. Signs Fiction und zahlreiche weitere der ausgestellten Schreibmaschinengrafiken sind Leihgaben der Berliner Galerie ChertLüdde, die vor ungefähr acht Jahren über einen brasilianischen Mail-Art-Künstler auf Wolf-Rehfeldt gestoßen ist. Seit ihre Werke 2017 auf der Documenta in Kassel ausgestellt wurden, erhält die Künstlerin mehr Aufmerksamkeit. Das Albertinum in Dresden zeigte 2018 die Ausstellung Für Ruth, der Himmel in Los Angeles: Ruth Wolf-Rehfeldt und David Horvitz, die ab kommender Woche im The Wende Museum in Los Angeles zu sehen ist. Das MINSK in Potsdam wird ihr im Februar kommenden Jahres eine Retrospektive ausrichten.Eine Schreibmaschine des Typs „Erika“, auf der Wolf-Rehfeldt ihre Grafiken produzierte, ist übrigens auch in der Berliner Ausstellung zu sehen. Der weibliche Vorname dieses Modells legt Zeugnis davon ab: Meist waren es während Ruth Wolf-Rehfeldts Schaffenszeit Frauen, die Berufe an der Schreibmaschine, wie Sekretärin oder Stenotypistin, ausübten. Die Ausstellung macht deutlich, wie Wolf-Rehfeldt die Schreibmaschine trotz – oder gerade aufgrund – ihrer formalen Grenzen in einer spielerischen, selbstbestimmten und befreienden Weise und zur Vernetzung über die ganze Welt nutzt.Auch wenn Wolf-Rehfeldt selbst ihre Arbeit ab 1990 als obsolet erklärt, erweisen sich ihre Werke und ihr Schaffen als hochaktuell. Es geht um Meinungsäußerung, Veränderung, Sprache, Zensur, Kommunikation und Freiheit. Wenn Wolf-Rehfeldt mit der Schreibmaschine Wörter umschichtet, überlagert, verschiebt und ändert, dann klingt an, was sie selbst in Signs Fiction formuliert: Das Handwerk, Buchstaben und Zeichen mit der Schreibmaschine auf das Papier zu setzen, kann Sachverhalte zu Bewusstsein bringen und schließlich sogar zur Veränderung der Realität führen.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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