Energiekrise Die Gaspreise sind hoch, ein Feuer ist gemütlich: Viele Menschen heizen jetzt mit Holz. Doch was klimaneutral wirkt, ist es nicht. Über einen gefährlichen Trend

Ein Feuer zuhause ist sehr gemütlich – und für die Umwelt vielseitig schädlich

Ein Feuer zuhause ist sehr gemütlich – und für die Umwelt vielseitig schädlich

In dem kleinen Dorf in Brandenburg geht ein windiger Herbsttag dem Ende zu. Oben ziehen die Kraniche am weitgrauen Himmel in den Süden, unten knackst und züngelt und wärmt das Feuer im Kamin. Romantisch. Gemütlich. Und günstig obendrein! Die Vermieterin der kleinen Ferienwohnung in Brandenburg hat ja noch gesagt: „Heizt einfach mit Holz, das Gas ist derzeit einfach zu teuer.“

Beim Spaziergang durchs Dorf riecht es nach Herbst und nach Feuer: Die meisten anderen Bewohner haben hier offenbar denselben Gedanken. Und ist das nicht sogar erwünscht, da wir doch zum Sparen beim Gas aufgerufen sind, um im Winter eine Mangellage zu vermeiden?

Es liegt nahe, dass in den nächsten Monaten der Verbrauch von Erdgas auch dadurch sinken wird, dass Menschen es d

ass Menschen es durch das Verbrennen von Holz ersetzen. Darauf deutet die sprunghaft angestiegene Nachfrage nach Brennholz seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 ebenso hin wie der dementsprechend gestiegene Preis. Auch die Nachfrage nach Holzöfen und Heizungen mit Holzpellets ist seit Februar in die Höhe geschnellt, genauso die Anträge auf Förderung von Pelletheizungen; der Preis für Pellets hat sich mehr als verdoppelt. Ob sich das Heizen mit Holz auch in Zukunft noch lohnt, wird an den Kapriolen des Gaspreises liegen. Die große Frage aber ist: Was macht der Holzboom mit dem Klima?Das Paradox beim Heizen mit Holz ist: Obwohl oben aus den Schornsteinen der Holzöfen ja offensichtlich CO₂ in die Atmosphäre geblasen wird, taucht dieses in den Gesamtemissionen, wie sie das Umweltbundesamt (UBA) auf seiner Webseite aufführt, erst mal nicht auf. Denn wenn das UBA jedes Jahr seinen mehr als Tausend Seiten dicken „Nationalen Inventarbericht“ über Deutschlands Treibhausgasemissionen veröffentlicht, in dem jede noch so kleine Emissionsquelle in der Industrie, dem Verkehr und der Landwirtschaft gezählt, geschätzt oder modelliert wird, dann gibt es dort zwar ein Unterkapitel „LULUCF-Aktivitäten“ (was für den Bereich „land use, land use change and forestry“ steht). Und dort wird auch aufgeführt, wie viel Holz jedes Jahr im Wald geschlagen wird, wie viel davon stofflich weiterlebt, etwa als Möbelstück oder Papier, und wie viel davon energetisch genutzt, sprich verbrannt wird. Aber die dabei modellierten Zahlen werden in der am häufigsten zitierten Gesamtrechnung, wie viele Treibhausgasemissionen Deutschland pro Jahr verursacht, ausgeklammert.Der Wald ist unser FreundWarum ist das so? Wie groß ist diese Lücke? Und welche anderen Folgen hat diese Art der Einstufung von Emissionen aus der Holzverbrennung?Der Grund, warum das Umweltbundesamt die Holzverbrennung in der Gesamtzahl der Treibhaugasemissionen Deutschlands zur Seite lässt, ist nicht etwa die Komplexität der Aufgabe. Die Expertinnen und Experten der zuständigen Abteilungen des Umweltbundesamts schaffen es ja auch in ganz anderen hoch komplizierten Bereichen, Emissionen zu zählen, zu errechnen oder zu modellieren: In dem Inventarbericht gibt es Tabellen zu „Kohlendioxid aus unbeabsichtigt in mobilen Nicht-Zweitaktmotoren mitverbrannten Schmierstoffen“ oder „Methan-Emissionen aus der Verdauung bei Gehegewild, Kaninchen und Pelztieren“.Und tatsächlich wird ja im Inventarbericht auch errechnet, wie viel Holz jedes Jahr aus Deutschlands Wäldern geschlagen wird, um es zu verbrennen: Rund 33 Millionen Tonnen waren das im Jahr 2020. Wenn man wissen will, wie viele Emissionen dadurch entstehen, dass in Deutschland Holz in Öfen, Kaminen und Heizkraftwerken verbrannt wird, dann muss man zu dieser Holzmenge aus dem Wald allerdings noch einmal so viel Holz addieren, das erst nach der stofflichen Nutzung als Restholz oder Abfall verbrannt wird. Rechnet man die CO₂-Emissionen aus beiden Mengen zusammen, kommt man grob geschätzt auf 110 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr.Placeholder image-1Placeholder image-2Das ist eine ganze Menge, bedenkt man, dass Deutschlands Gesamtemissionen – ohne Holz als Emissionsquelle und -senke – im Jahr 2021 rund 762 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente betrugen. Fast 15 Prozent müsste man also noch obendrauf schlagen, würde die Holzverbrennung addiert.Dass die CO₂-Emissionen aus der Verbrennung von Holz in der Emissionsstatistik aber gesondert betrachtet werden, liegt am Umstand, dass Holz bei der Verbrennung nur so viel Kohlenstoff freigibt, wie es als Baum beim Wachsen vorher der Atmosphäre entnommen hat. Den Emissionen aus der Holzverbrennung stehen also negative Emissionen aus dem anwachsenden Wald entgegen. Und diese Verrechnung ist in Deutschland auch jedes Jahr negativ: Es wird mehr Wald angepflanzt, als verfeuert wird. Der Wald funktioniert also als Emissionssenke, Schätzungen taxieren seine Netto-Senkenleistung auf rund 45,9 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente im Jahr 2020. Aber ist die Holzverbrennung deshalb kein Problem?Holz als Emissionsquelle und als -senke gesondert zu betrachten, geht auf eine politische Entscheidung zurück. So sollte ursprünglich dem Missbrauch vorgebeugt werden, dass Länder sich mithilfe von Wäldern ihre Emissionsbilanz schönrechnen: je mehr Wald, desto weniger CO₂. Nun könnte genau diese Entscheidung als Anreiz zur Verfeuerung von Holz und damit zu wachsenden CO₂-Emissionen führen. Das gilt etwa für Pläne, Kohlekraftwerke auf die Verfeuerung von Holzpellets umzustellen: Denn diese würden als emissionsfrei gelten, keinen CO₂-Preis bezahlen müssen und oberflächlich dabei helfen, die nationale Emissionsbilanz zu verbessern, obwohl durch den Schornstein große Mengen von Treibhausgasen in die Atmosphäre gelangen. Dass beim Heizen mit Holz übrigens auch jede Menge gesundheitsschädlicher Feinstaub entsteht, prangern Umweltaktivisten ebenso wie der Meteorologe Jörg Kachelmann schon seit Längerem an.Den guten Ruf von Holz kratzt beides bislang aber wenig an. Im Gegenteil scheint die Holzeuphorie in diesem Herbst besonders groß, was sich auch an den Brennholzstapeln an den Eingängen der Supermärkte ablesen lässt. Wooddys, ein Anbieter von Kiefernholz in praktischen Fünf-Kubikdezimeter-Paketen, preist sein Nadelholz als „saubere Wärme aus unserer Natur“ an, es sei ein „nachwachsender Energierohstoff“, der „ökologisch CO₂-umweltneutral“ sei. Das Heizen mit Holz gilt demnach als „erneuerbare Energie“, weshalb der Einbau von Pelletheizungen gefördert wird.Placeholder image-3Nun denken viele Menschen bei „erneuerbaren Energien“ als Erstes an Windräder und Solaranlagen – dabei besteht fast die Hälfte der Energiebereitstellung der Erneuerbaren aus der Verbrennung von Biomasse, wozu Holz zählt. Und fast zwei Drittel der Wärmeerzeugung aus „erneuerbaren“ Energien bestehen daraus, dass Holz und Holzabfälle verbrannt werden (alle Daten aus dem Jahr 2021). Hier ist die Bezeichnung „erneuerbar“ zwar zutreffend, weil Holz ein relativ schnell nachwachsender Energieträger ist. Aber emissionsfrei ist die Sache eben nicht.Im Oktober 2022 hat das Umweltministerium dies ausgesprochen. Und dadurch ziemlichen Unmut auf sich gezogen. Das Ministerium hatte auf seiner Webseite geschrieben: „Heizen mit Holz ist entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht klimaneutral“. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände protestierte. Mit dem Argument, Holz setze doch nur CO₂ frei, das vorher der Atmosphäre entzogen worden sei.Doch das taugt nicht als Grund zum Heizen mit Holz, sagt Michaela Kruse, Expertin für Energie und Kohleausstieg beim Naturschutzbund (NABU): „Bei der Verbrennung entsteht CO₂, das jetzt, sofort, in der Atmosphäre ist. Dabei macht es keinen Unterschied, ob dieses CO₂ aus der Kohle- oder Holzverbrennung stammt, es ist erst mal einfach da. Nun wird gesagt: Aber weil wir neue Bäume pflanzen, wird das CO₂ der Atmosphäre über die nächsten Jahrzehnte wieder entzogen. Nur: Diese Zeit haben wir einfach nicht!“ Das sei so, als ob man ein CO₂-Darlehen auf eine ungewisse Zukunft aufnimmt, dessen Schuldner – der Wald – wegen steigender Temperaturen, Dürren, Schädlingen und Waldbränden sowieso schon unter Druck stehe.WWF und NABU warnenAuch die WWF-Programmleiterin für den Bereich Wald, Susanne Winter, macht klar: „Bisher gilt Brennholz als klimaneutral, also nicht als Emissionsquelle, weil es als Holzentnahme mit dem Wald als Kohlenstoffsenke gegengerechnet wird. Das aber ist aus der Sicht des WWF und anderer Umweltverbände eine Schönfärberei. Denn es ist klar: Beim Verbrennen von Brennholz entstehen CO₂-Emissionen und Feinstaub.“ Und, sagt Winter: „Wer sagt, dass das Abholzen eines Baumes oder Waldes und deren seine Verbrennung klimaneutral sei, müsste sich nur einmal überlegen, was mit dem Waldbaum passieren würde, wenn er stehen bliebe: Er könnte ja noch Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lang weiteren Kohlenstoff aufnehmen. Und er würde danach über einen langen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten verrotten, also zu Teilen Humus werden, zum Teil durch neue Vegetation gebunden werden und nur zu einem Teil als CO₂ wieder in die Atmosphäre entweichen. Das Verbrennen des Holzes findet hingegen innerhalb kürzester Zeit statt.“ Auch Susanne Winter konstatiert derzeit einen Holzboom. Der Druck auf die Brennholznutzung in Deutschland sei so stark wie schon lange nicht mehr.Dabei spricht gegen das Heizen mit Holz nicht nur, dass es zusätzliche Emissionen verursacht, sondern auch, dass Holz eine geringere Energiedichte als Kohle oder Gas und damit einen deutlich schlechteren Brennwert hat. Das heißt: Es entsteht bei der Verbrennung von Holz deutlich mehr CO₂ pro Kilowattstunde, als wenn man Gas, Heizöl oder sogar Kohle verfeuern würde.Deshalb warnt Michaela Kruse vom NABU auch davor, dass Kohlekraftwerksbetreiber in Deutschland erwägen, Kohle künftig durch Holz zu ersetzen. Weil sie dann keine CO₂-Zertifikate wie für Kohle kaufen müssten und als „erneuerbare Energie“ gelten könnten, obwohl aus ihrem Kraftwerksschlot genauso oder sogar noch mehr CO₂ herauskommt als früher.Vorbild für derartige Pläne ist das ehemalige Kohlekraftwerk Drax in England, wo 2,6 Gigawatt Leistung von Kohle auf Holzpellets umgerüstet worden sind. „Reiner Irrsinn“ für Michaela Kruse. In Deutschland gibt es so etwas erst im Planungsstadium: Zwei neue Holz-Heizkraftwerke sollen in einem Kraftwerk in Berlin-Moabit gebaut werden; ein Steinkohlekraftwerk in Wilhelmshaven und ein Heizkraftwerk in Hamburg erwägen, auf Holz umzustellen. Was allerdings jetzt schon passiert, ist das Mitverfeuern von Biomasse, oft Holz, zusammen mit Kohle.Die Gemütlichkeit der lodernden Holzscheite im Ofen hat also eine toxische Kehrseite. Denn Deutschland steuert so auf eine „erneuerbare“, „klimaneutrale“ Energieversorgung zu, die auf dem Papier Emissionen vermeidet, während sie zugleich die Konzentration von CO₂ in der Atmosphäre erhöht. Das aber kann nur ungemütlich enden.



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Von Veritatis

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