Erschwinglich, gastfreundlich, aufregend – so die Botschaft hinter dem Versuch, Syrien wieder als Urlaubsziel anzupreisen. Er gilt einem Land, das von einem Bürgerkrieg heimgesucht wurde, der 13 Millionen Menschen aus ihren Heimatorten vertrieben hat. Zugleich lebt die Erinnerung, dass es in Syrien einst eine blühende Tourismusbranche gab, die es verdient, wiederbelebt zu werden. So betreibt die Regierung eine Kampagne, die Investoren davon überzeugen soll, dass man ausländischen Besuchern viel und zusehends wieder mehr zu bieten hat. Anfang Oktober brachte das zuständige Ministerium auf einer Geberkonferenz in Damaskus 25 Tourismusprojekte auf den Weg, verbunden mit der Ankündigung eines von Russland unterstützten 60-Millionen-Dollar-Deals zum Bau eines Hotelkomplexes an der Küste Latakias. Ob Touristen das annehmen und in einem Land Urlaub machen wollen, in dem Zehntausende ums Leben kamen und das Risiko regionaler Gewalt weiter hoch ist, bleibt abzuwarten.

Eine Reihe bekannter Influencer jedenfalls lässt sich nicht beirren. Online widmen sie für Millionen Follower ihre Reiseerfahrungen „dem Syrien, das die Medien Ihnen nicht zeigen werden“. Nach der Lockerung der Pandemie-Beschränkungen im März begannen Blogger, Videos von Touren durch Syrien zu posten. Andere organisierten Reisen dorthin, wie der spanische Travel-Blogger Joan Torres, der Syrien 2018 erstmals besuchen und allein reisen durfte (inzwischen verlangen die Behörden, dass Touristen von einem Führer begleitet werden).

Torres’ erster Trip löste bei emigrierten Syrern Empörung aus. Bevorzugt moniert wurde seine Beschreibung der Großstadt Aleppo, die von der Armee Baschar al-Assads nicht „befreit“, sondern zerstört worden sei. Er würde sich heute wohl nicht mehr so ausdrücken, sagt Torres im Rückblick und räumt ein, beim Thema Krieg nicht offen über Syrien zu sprechen. Genauso halte er sich in seinem Urteil zurück, wenn er nach Saudi-Arabien fahre. „Ich sage nichts Schlechtes über eine Regierung, weil ich sonst riskieren würde, verhaftet zu werden. In welchem Land, das man oft besucht und in dem es keine Meinungsfreiheit gibt, würde man Negatives über die Regierung sagen?“ Torres ist nicht allein.

Auch Youtuber wie Drew Binsky oder Thomas Brag generieren Millionen von Views, wenn sie Reisen durch Syrien reflektieren. „Diese Video-Blogger gehen dorthin, da man etwas Besonderes tun muss, um sich abzuheben“, meint die Desinformationsexpertin Sophie Fullerton. „Bei einem Vlogger stieg die Zahl seiner Follower nach einer Syrien-Exkursion von 700 auf 50.000.“ Laut Fullerton nutzten regierungsfreundliche syrische Medien den Besuch von Touristen dazu, um ein Syrien-Bild zu zeichnen, von dem wieder Normalität ausgehe. Die Nachrichtenagentur Sana veröffentlichte Berichte über Gruppen, die historische Stätten besuchten.

Der im nordwestlichen Idlib, dem letzten Rebellenrefugium, arbeitende Journalist Fared al-Mahlool ärgert sich über die Diskrepanz zwischen dem, was von den Influencern gezeigt wird, und seiner Realität. „Solange Assad die Macht hat, ist Syrien kein sicherer Ort. Es gibt Armut und Arbeitslosigkeit. Wer auch immer sagt, Syrien sei sicher, ist ein Lügner.“ Für al-Mahlool ist klar, dass die syrische Regierung nach einem Jahrzehnt des Krieges um ihr Image bemüht ist. Da seien Besuche von Influencern wie von Musikern hilfreich. So habe der Tourismusminister gerade den ägyptischen Sänger Hany Shaker eingeladen.

Nach Angaben von Agenturen, die Reisen nach Syrien organisieren, dürfen Touristen nur per Gruppe ins Land und müssen Wochen zuvor einen Sicherheitscheck durchlaufen, aber diese Art von Kooperation nehme man in Kauf. Schließlich gehe es auch darum, etwas gegen die Armut zu tun, die derzeit Millionen Syrer quält.

Kaamil Ahmed ist Guardian-Korrespondent für den Mittleren Osten



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Von Veritatis

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