Müll „Geisternetze“ der Fischerei-Industrie machen ein Fünftel des Plastiks in den Meeren aus. Oftmals enden sie als Müllteppiche im Meer. Tiere verenden elendig darin. Ein internationales Abkommen könnte das Problem lösen


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Ausgabe 50/2022

Geht die Ausrüstung über Bord, weil es stürmt zum Beispiel, dann wird das teuer für die Fischer

Geht die Ausrüstung über Bord, weil es stürmt zum Beispiel, dann wird das teuer für die Fischer

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Eine Reise in den abgelegenen Nordpazifikwirbel, einen Meeresdriftstrom im Pazifischen Ozean zwischen Passat- und Westwindzone, führt uns eines deutlich vor Augen: das Ausmaß der Plastikmüllkrise auf unserem Planeten. Laurent Lebreton kann ein Lied davon singen: „Du segelst seit fünf Tagen mit zehn Knoten und bist allein. Du siehst keine anderen Boote. Plötzlich findest du Zahnbürsten und Feuerzeuge, die um dich herumschwimmen.“

Lebreton ist Forschungsleiter bei Ocean Cleanup, einer gemeinnützigen NGO in Rotterdam. Deren Ziel: Mithilfe von selbst entwickelter Technologie das viele Plastik aus dem Wasser herausholen, das sich über die Jahre im Meer angesammelt hat. „Es ist einfach sehr surreal“, meint Lebreton. Am meisten beeind

ten beeindruckt ist er von der Situation im „Großen Pazifischen Müllteppich“ zwischen Hawaii und Kalifornien. Weil dort besonders viel Müll aus der Kunststoffproduktion herumschippert. Darunter: die Überbleibsel der globalen Fischerei-Industrie. Meterlange Netze, Taue und Leinen, leuchtend orangefarbene Bojen, Krabbenkutter und Fischreusen findet man im Nordpazifikwirbel. Anhand von Proben, die von Ocean Cleanup dort genommen wurden, hat Lebreton wichtige Hinweise auf die Herkunft der Plastikabfälle gefunden: Die meisten stammen aus den fünf Industrienationen USA, Japan, Südkorea, China und Taiwan.Die Schuld für die Plastikverschmutzung der Meere wird gerne auf die sich schnell entwickelnden Volkswirtschaften in Südostasien (und anderswo) geschoben. Lebretons neue Entdeckungen machen aber deutlich, dass auch die Industrieländer zu diesem Problem beitragen. Eine große Menge dieses Plastikmülls stammt aus der Fischerei: Man schätzt, dass jährlich zwischen 500.000 und einer Million Tonnen Geisternetze im Meer landen. Mit schlimmen Folgen für die Meeresbewohner.Unsichtbarerer KillerEine im Oktober durchgeführte Umfrage unter 450 Fischern aus sieben großen Fischereinationen ergab, dass zwei Prozent der weltweit verwendeten Fanggeräte im Meer landen. Dieser Anteil mag gering erscheinen. Aber die Folgen sind enorm: Schätzungsweise 3.000 Quadratmeter Kiemennetze und 740.000 Kilometer Langleinen schippern im Wasser herum. Forscher haben ausgerechnet: Wenn man die derzeitige Menge an verlorenem Fischerereigerät als Ausgangspunkt nimmt und in die Zukunft überträgt, wird das Material in 65 Jahren ausreichen, um die Oberfläche des gesamten Planeten zu bedecken. Stellt sich die Frage: Was wird getan, um diesen Trend zu stoppen?„Geisternetze“, so werden die herrenlosen Fischernetze im Meer inoffiziell bezeichnet. Ganz einfach weil sie im Wasser herumgeistern und die Tiere heimsuchen.Im Englischen spricht man von „Ghost Gear“. Es gibt auch eine „Global Ghost Gear Initiative“ der US-Umweltschutzorganisation Ocean Conservancy, die das Problem lösen will. Dafür bringt sie Fischer, Naturschutzorganisationen, Industrieunternehmen und Regierungen an einen Tisch. „Leider gehen überall dort, wo Fischfang betrieben wird, Netze verloren“, sagt die Direktorin Ingrid Giskes. Geisternetze machen etwa 20 Prozent des Plastiks im Meer aus. Der Rest stammt vom Land. Doch unter Wasser sind die Auswirkungen des Angel-Schrotts besonders schlimm: „Da wirken die Netze weiterhin als Fanggerät für Meerestiere“, sagt Christina Dixon, Leiterin der Environmental Investigation Agency. „Es ist ein unsichtbarer Killer.“Der World Wide Fund for Nature bezeichnet Abfälle der Fischerei-Industrie als „die tödlichste Form von Plastik im Meer“ und stellte fest, dass sich 66 Prozent der Meerestiere in Geisternetzen verfangen haben: darunter alle Meeresschildkrötenarten und 50 Prozent der Seevögel. Gefangene Tiere sterben oft durch Ersticken, Ertrinken und Verhungern. Oder weil sie nicht in der Lage sind, weiterzuziehen und sich fortzupflanzen. „Jeder kennt das Video von der Schildkröte mit dem Strohhalm in der Nase“, sagt Ingrid Giskes, „aber kilometerlange Kiemennetze sind noch viel tödlicher!“Das ist keine Absicht!Geisternetze und anderer Schrott der Fischerei-Industrie können sich zu riesigen Haufen auftürmen: wie das 9.000 Kilo schwere Knäuel aus Seilen, Netzen und Leinen, das Ocean Conservancy 2019 Fischern vor der Küste von Maine in den USA vom Meeresboden heraufzuholen half. „Es trieb unter der Oberfläche, außer Sichtweite“, sagt Giskes. Auf der einen Seite könnten diese Abfallschichten eine Gefahr für die Schifffahrt darstellen. Aber auch Ökosysteme wie Korallenriffe und Seegraswiesen stehen vor der Zerstörung, wenn der Müll das Meeresleben erstickt. Um das Problem in den Griff zu kriegen, braucht es Geld. Und internationale Kooperation.Die Beseitigung von Geisternetzen kostet Millionen. Vor allem kleine Inselstaaten seien davon betroffen, sagt Christina Dixon. Sie seien oft umgeben von treibendem Fanggerät, das in ihre Riffe und an ihre Strände gespült werde.Es gibt viele Gründe für diese Hinterlassenschaften im Meer: von stürmischem Wetter über schlechte Lagerung bis hin zu Fanggeräten, die sich schon während der Benutzung auf dem Meeresboden festsetzen und dort hängen bleiben. Fischer, die mit schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zu kämpfen haben, gehen möglicherweise auch mehr Risiken ein, um Fische zu fangen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Fanggeräte beschädigt werden oder verloren gehen.Die besonders riskanten Bedingungen in der illegalen Fischerei dürften dazu führen, dass diese noch mehr zu den Abfällen beiträgt als der Rest der Industrie. „Aber die meisten Verluste entstehen nicht, weil die Fischer ihre Ausrüstung über Bord werfen“, sagt Ingrid Giskes, „es ist unbeabsichtigt.“Die Ausrüstung ist oft teuer zu ersetzen. Warren Unkert, ein kommerzieller Krabbenfischer in New Jersey, sagt, er verliere jährlich etwa 30 Krabbenreusen im Meer. Bei 40 Dollar pro Reuse plus verlorenem Fang summieren sich die Kosten.Woher genau die Geisternetze kommen? Das ist noch wenig erforscht. Lebretons Studie verfolgte die nationalen Ursprünge der Fischereiabfälle im „Großen Pazifischen Müllteppich“. Logischerweise wurde dadurch deutlich, welche fünf Länder die größte Fischereipräsenz im Nordpazifikwirbel haben. Aber die Ergebnisse sagen uns nicht viel über andere Regionen.Um diese Wissenslücken zu schließen, führt die Global Ghost Gear Initiative Daten von Regierungen und von Fischern zusammen, um einen Datensatz zu erstellen, von dem Giskes erwartet, dass er der größte globale Datensatz über Geisternetze sein wird. Man hofft, in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein umfassendes Bild des Problems zu erhalten. Auf kürzere Sicht gibt es Innovationen, die darauf abzielen, Geisternetze zu bekämpfen.Zum Beispiel haben Entwickler biologisch abbaubare Fanggeräte und Bojen mit Satellitenortung entwickelt, die es den Fischern ermöglichen, verlorene Fallen aufzuspüren und wiederzufinden.Darüber hinaus ist in mehreren Häfen das Recycling von Fanggeräten inzwischen gang und gäbe. Einige dieser Häfen bieten Rückkaufprogramme für alte oder beschädigte Fanggeräte an. In den USA finanziert das „Marine Debris Program“ der National Oceanic and Atmospheric Administration Dutzende von Präventions- und Bergungsprojekten. Eines davon ist eine Partnerschaft mit der Stockton University in New Jersey, die mit Fischern wie Warren Unkert versunkene Krabbenkörbe mithilfe von Sonargeräten vor der Küste des Bundesstaates identifiziert. „In den vergangenen zehn Jahren haben wir in einer kleinen Bucht mindestens 5.000 oder 6.000 Krabbenkörbe vom Grund geholt“, sagt Unkert.Kanada hat eine andere Lösung: Das Land hat eine Meldepflicht für den Verlust von Fanggeräten sowie eine Kennzeichnungspflicht für bestimmte Fanggeräte eingeführt. Diese ermöglicht es, verloren gegangene Fanggeräte zu einzelnen Schiffen und Nationen zurückzuverfolgen. Das soll das Verantwortungsgefühl stärken.Auch aufseiten der Industrie ist eine gewisse Dynamik festzustellen: Thai Union, eines der größten Fischereiunternehmen der Welt, verlangt von seinen Thunfischlieferanten, die biologisch nicht abbaubaren Teile ihrer Fischsammelvorrichtungen ordentlich zu kennzeichnen. Doch die Bemühungen zur Bekämpfung von Geisterfanggeräten waren bisher Stückwerk und hauptsächlich freiwillig. Das jedoch werde dem enormen Ausmaß und dem grenzüberschreitenden Charakter des Abfallproblems nicht gerecht, sagt Christina Dixon.Ändern könnte sich dies mit dem globalen Abkommen gegen Plastikverschmutzung, welches bis 2024 unter dem Dach der UN ausgearbeitet werden soll. Die jetzt beginnenden Verhandlungen bieten die Möglichkeit, Maßnahmen zur Bekämpfung von Geisternetzen für alle Länder verbindlich zu machen: etwa die Kennzeichnung von Fanggeräten, Rückkaufprogramme und die Entwicklung recycelbarer Fanggeräte. „Die meisten Lösungen sind nur dann wirksam, wenn sie von allen angewandt werden“, sagt Dixon. Auch Ingrid Giskes von der Global Ghost Gear Initiative glaubt, dass es einen Ausweg aus dem Wirrwarr mit Geisternetzen gibt: Wenn die Regierungen zusammenarbeiten. „Dieses Problem scheint lösbar.“Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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