Deutscher Fernsehfunk Es sind mutmaßlich 400 bis 500 Zuschauer, die vor 70 Jahren DDR-weit den Start des Versuchsprogramms aus Berlin-Adlershof verfolgen können, das sich trotzdem „sehen“ lassen kann und will


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Margit Schaumäker, erste Ansagerin des Deutschen Fernsehfunks der DDR

Margit Schaumäker, erste Ansagerin des Deutschen Fernsehfunks der DDR

Foto: picture alliance/dpa

Am 21. Dezember 1952 hat die Menschheit eine „Stalinsche Perspektive“, schreibt das SED-Blatt Neues Deutschland, und es ist Weihnachtszeit. Der DEFA-Augenzeuge berichtet vom Lichtermarkt auf dem Ostberliner Marx-Engels-Platz und dem Weihnachtssingen vor dem bombenzerstörten Dom am Lustgarten.

Die DDR-Wochenschau mit ihrem Motto – „Sie sehen selbst, Sie hören selbst, urteilen Sie selbst!“ – findet ihre Zuschauer ab sofort nicht mehr nur als Kino-Vorprogramm. In Teilen oder komplett wird sie auch vom Deutschen Fernsehfunk (DFF) ausgestrahlt, der an diesem Tag mit einem Versuchsprogramm seine mediale Jungfernfahrt antritt. Einerseits ist das Debüt eine Verbeugung vor dem „Genius im Kreml“ (Neues Deutschland), der am 21. Dezember 1

tschland), der am 21. Dezember 1952 seinen 73. Geburtstag begeht, zum anderen dem sportlichen Ehrgeiz geschuldet, vor dem Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) und damit der Konkurrenz von drüben im Äther zu sein. Der NWDR wird am 25. Dezember wie eine Christkind-Bescherung starten. Die Fernsehanstalten in Ost und West verstehen sich von Anfang als Rivalen, auch wenn dem ideologischen Wettbewerb mangels Masse noch Grenzen gesetzt sind. Produziert wird das Ostfernsehen in einem wie es damals heißt – „Zentrallaboratorium des Rundfunks“ – in Adlershof, gelegen im Südosten Berlins an einer der Ausfallstraßen Richtung Schönefeld und Werder. Das Betriebsgelände macht als Barackensiedlung wenig von sich her, verfügt aber über ein erstes Studio für die Nachrichten und ein Fernsehtheater, in dem schon bald Lessings Nathan der Weise und Bertolt Brechts Die Gewehre der Frau Carrar inszeniert und live gesendet werden. Polnische Gänse und RIAS-Enten An jenem 21. Dezember 1952 vor 70 Jahren gibt es eine kurze Ansprache von Hermann Zilles, KPD-Mitglied seit 1930 und Häftling im KZ Buchenwald, der im Auftrag des Staatlichen Rundfunkkomitees das Adlershofer Fernsehen als Zweigstelle leitet. Danach folgt als Vorläufer der Aktuellen Kamera die Sendung Zeitgeschehen in Wort und Bild, die sich bei einer Ausgabe des DEFA-Augenzeugen bedient, die u.a. berichtet: „Die laufenden Lebensmittelimporte aus der Sowjetunion und den Volksdemokratien sind zu Weihnachten besonders willkommen. Und diese im Rostocker Hafen eintreffenden polnischen Gänse hinterlassen einen stärkeren Eindruck als alle RIAS-Enten zusammengenommen.“ Eine Anspielung auf das Programm des „Rundfunks im amerikanischen Sektor“, kurz RIAS, der es versteht, im sowjetischen Sektor, sprich: Ostberlin, Stimmungen zu erzeugen und Wirkung zu hinterlassen. Schließlich sind die mutmaßlich 400 bis 500 Zuschauer dieses DFF-Einstands zu einem Making-of in eigener Sache geladen, überschrieben mit Fernsehen aus der Nähe betrachtet. Margit Schaumäker, erste Nachrichtensprecherin und Programmansagerin des Senders (übrigens neben dem Schauspieler Herbert Köfer) führt durch das Nachrichtenstudio und erklärt: „Fangen wir also gleich hier an, das ist mein Reich, der Ansageraum, die Tonübertragung erfolgt bei uns nach dem gleichen Prinzip wie beim Rundfunk. Und hier, hinter diesem Vorhang, haben wir eine Tafel, an der wir Karten und Prospekte für Vorträge anbringen können. Und das ist eine Fernsehkamera. Ach, Sie glaubten, ich sei immer allein? Nein, unser Kollege Kameramann ist immer in meiner Nähe, während der Sendung zumindest …“ Anschließend läuft im DFF-Versuchsprogramm ein sowjetischer Dokumentarfilm über die Schlacht von Stalingrad, gedreht und vollendet 1943, sein Titel Entscheidung Stalingrad.Die Programmzeitschrift Unser Rundfunk befindet im Januar 1953, Adlershof habe „in kurzer Zeit Unerhörtes geleistet“. Was um so bemerkenswerter ist, als fehlende Reichweiten, Sendeausfälle und die quasi kaum vorhandene Ausstattung privater Haushalte mit Fernsehgeräten das Unternehmen Fernsehen kaum adeln. Wer das Versuchsprogramm sehen will, muss die nicht eben billige Fernsehtruhe Rembrandt erwerben oder ist zunächst auf Fernsehstuben angewiesen, wie es sie in Berlin schon während der Olympischen Sommerspiele im August 1936 gab, diesmal bevorzugt in Geschäften eingerichtet. 1989 nicht besetztDie Adlershofer Fernsehpioniere müssen anfangs ohne technisches Hinterland auskommen, da die gesamte elektronische Industrie Berlins in den Westsektoren liegt, eine eigene Produktion in Radeberg und Berlin-Oberschöneweide beginnt erst. Dennoch ist der DFF europaweit die fünfte Fernsehanstalt, die mit einem durchgehenden Programm aufwartet und mit Vorreitern wie der britischen BBC oder TF 1 in Frankreich gleichziehen kann .Als dann am 3. Oktober 1969 kurz vor dem 20. Jahrestag der DDR ein Zweites Programm des DFF ausgestrahlt wird, hält damit auch das Farbfernsehen (System SECAM) Einzug in die DDR-Medienwelt. Fortan ist durch das Fernsehen der DDR (DDR-F), wie der Deutsche Fernsehfunk seit 1972 heißt, eine flächendeckende mediale Versorgung der Republik gesichert, die von der weltanschaulichen Färbung her dem Wertekanon des Sozialismus verpflichtet ist. Nun lässt er sich nicht mehr unterschätzen und ist voll entbrannt: Der geistige und ideologische Wettbewerb mit dem „Westfernsehen“, mit der ARD-Senderkette und dem ZDF, die bis auf Sachsen und die Lausitz in der DDR empfangen werden können und auf Einfluss bedacht sind.Entsprechend müssen die beiden Adlershofer Kanäle mit Vollprogrammen stets ihr Leistungsvermögen ausschöpfen. Es gibt über den Tag verteilte News-Achsen, publizistische Magazine, ein Unterhaltungs- und Bildungsprogramm, eine eigene Fernsehdramatik, ambitionierte Literaturverfilmungen (in Co-Produktion mit der DEFA) und einem respektablen Filmstock. Das besondere Augenmerk der Intendanz, genannt „Staatliches Komitee für Fernsehen“ und als solches ein Institut des DDR-Ministerrates, gilt der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera wie dem Kinder- und Jugendfernsehen. Viel Sendezeit beanspruchen der Sport sowie ein Strang populärer Ratgeber-Sendungen bis hin zum Verkehrsmagazin.Pro Woche wird Mitte der 1970er Jahre ein Sendevolumen von 180 bis 190 Stunden abgeliefert. Niemand könnte das ersetzen, sollte es plötzlich entfallen. Auch keine Wendezeit, was wohl ein Grund dafür ist, dass mit den Umbrüchen im Herbst 1989 das Fernsehgelände in Adlershof weder gestürmt noch besetzt wird. Eher sind jene, denen der Schutz des Betriebsgeländes obliegt, drauf und dran dies zu tun: Die Soldaten des Wachregiments „Felix Dzierżyński“ wollen Anfang Dezember 1989 einen Auftritt im DDR-Fernsehen erzwingen, um nicht länger der willkommene Sündenbock selbsternannter Wenderichter zu sein und über das Fernsehen verkünden zu können: „Auch wir sind das Volk!“Entschärft wie die nicht ganz ungefährliche Situation, als am 5. Dezember 1989 ein Team der Jugendsendung elf99, so etwas wie das Flaggschiff der Medienwende, in die Kaserne nebenan zieht, eine Vollversammlung des Regiments dreht und sich für die Ausstrahlung im DFF verbürgt. Die DDR überlebtAm 31. Dezember 1991 ist alles vorbei. Artikel 36 des Einigungsvertrags dekretiert, dass der Deutsche Fernsehfunk wie der ehemalige DDR- Hörfunk in der Ostberliner Nalepastraße abgewickelt und liquidiert werden. Mediengeschichtlich ein für Europa absolut einmaliger Vorgang, dass zum Zweck der politischen Flurbereinigung Derartiges geschieht.So hat es genau 39 Jahre und zehn Tage Fernsehen aus Adlershof gegeben, diese Anstalt stirbt jünger, als die DDR alt geworden ist, und hat den versunkenen Staat doch um ganze 15 Monate überlebt (um für die „Grundversorgung“ im Osten aufzukommen, solange es 1990/91 noch keine neuen Anstalten wie den MDR oder den ORB gab). Überlebt hat ein beeindruckendes Archiv, aus dem sich inzwischen alle Dritten Programme der ARD und etliche DVD-Produzenten ohne ideologische Berührungsangst und Scham bedienen.Übriggeblieben sind für ein paar Jahre das Fernsehballett und bis heute „das Sandmännchen“. Wie wenig souverän die Erben MDR und RBB mit dieser Überlieferung einer Kultfigur für Kinder umgehen, zeigt das „Sandmannlied“. Die zweite Strophe – „Sandmann, lieber Sandmann, hab nur nicht solche Eil, dem Abendgruß vom Fernsehfunk lauscht jeden Abend Alt und Jung, sei unser Gast dabei!“– wird nicht mehr gesungen. Gestrichen, weil der Name „Fernsehfunk“ auftaucht.



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Von Veritatis

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