Nach und nach werden Künstler der DDR neu betrachtet und gewürdigt, so auch der Maler Otto Nagel – mit neuen Erkenntnissen zur Biografie.

Kunst.

Er galt als einer der Vorzeigekünstler der jungen DDR: Otto Nagel, von der offiziellen Kulturpolitik des Landes als “Maler der Unterdrückten” gefeiert, als Vertreter eines “proletarischen Realismus”, so der Kunstwissenschaftler Kurt Winkler, der sich gut gegen “formalistische Tendenzen” verwenden ließ. Doch so einfach sind Leben und Werk des Berliner Malers nicht einzuordnen, wie eine kleine Ausstellung im Museum Eberswalde und ein dazu erschienener Katalog jetzt deutlich machen.

Ein Leben in unterschiedlichen Systemen

Geboren 1894 in eine sozialdemokratische Familie, lernte Otto Nagel Mosaik- und Glasmaler, arbeitete in verschiedenen Berufen. 1912 tritt er selbst in die SPD ein. Er wird zum Militär eingezogen, verweigert aber den Kriegsdienst, kommt in ein Strafbataillon und wird interniert. 1918 tritt er dem Soldatenrat bei, kehrt nach Berlin zurück und wird Mitglied der gerade gegründeten KPD. Er malt als Autodidakt, 1921 hat er seine erste Einzelausstellung. 1924 wird er – wie Otto Dix, George Grosz, John Heartfield – Mitglied des kommunistischen Künstlerbunds Rote Gruppe, organisiert Kunstausstellungen in der Sowjetunion, ist eng mit Käthe Kollwitz und Heinrich Zille befreundet. Über sein Leben während der Nazi-Diktatur äußerte sich weder Otto Nagel noch seine zweite Frau Walentina Nikitina besonders detailliert, ohne dass deshalb Zweifel an der Aufrichtigkeit des Künstlers entstehen müssen. Nachweisen können die Autoren des Katalogs einige Tage Haft im KZ Sachsenhausen, einige Gemälde, die der Nazi-Aktion “Entartete Kunst” zum Opfer fallen, vermutlich Kontakt zu einer linken Widerstandsgruppe. Dennoch ist Nagel, in der DDR offiziell als “Verfolgter des Nazi-Regimes” anerkannt, auch in mehreren Ausstellungen zwischen 1933 und 1943 vertreten.

Debatten um das Wesen der Kunst

Nach dem Krieg wird Otto Nagel im Zuge der Zwangsvereinigung von KPD und SPD Mitglied der SED und avanciert schnell zum angesehenen Kulturfunktionär. Er engagiert sich – wie auch Karl Schmidt-Rottluff – im “Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands”, hat leitende Funktionen im Verband Bildender Künstler Deutschlands und der Deutschen Akademie der Künste inne. Doch obwohl ihn die DDR mit Ehrungen überhäuft, passt sich Otto Nagel deren politischen Vorgaben nicht vollständig an. Einerseits wagt er Kritik an den Formalismus-Vorwürfen gegen einige Künstler, tritt für eine unideologische, wahrhaftige Kunst ein, andererseits wird er, so Kunsthistoriker Eckhart Gillen, zu einem “sozialistischen Realisten wider Willen”, wehrt sich jedoch auch gegen den, so Gillen, “aus der Sowjetunion importierten Sozialistischen Realismus, der … keinesfalls das erwartete Korrektiv zur Nazi-Kunst bietet”, die sich ebenfalls naturalistisch inszeniert hatte. Als Akademie-Präsident bemüht sich Nagel um Kontakte zu Künstlern in Westdeutschland wie Otto Dix und Karl Schmidt-Rottluff, fördert junge Künstler – nicht zur Freude der SED-Kulturpolitiker, was schließlich zu seinem Rücktritt und weiteren Querelen führt.

Ausstellungen in Westberlin

Glücklicher dürften Otto Nagel kurz vor seinem Tod zwei Ausstellungen 1966 in Westberlin gemacht haben, die in der westdeutschen Presse ein positives Echo fanden. Otto Nagel starb am 12. Juli 1967 in Berlin, der Stadt, die er bis in die dunkelsten Winkel hinein in seinen Bildern erforscht hatte. Er war der Maler der “kleinen Leute”, des Elends der Zwischenkriegszeit, verwandt mit den Künstlern der Neuen Sachlichkeit. Deshalb war er auch 2019 im Chemnitzer Museum Gunzenhauser in einer Ausstellung vertreten. Wie gut er die Menschen kannte, hat er auch in dem Roman “Die weiße Taube oder Das nasse Dreieck”, bekannter als Film “Es geht einer vor die Hunde”, bewiesen. Darin wird ein Arbeitsloser zum Dieb, wird angeklagt und verurteilt. Otto Nagel lässt den Richter sagen: “Die Arbeitslosigkeit und die Not des Angeklagten kann nicht als Milderungsgrund gewertet werden. Der Angeklagte kann sich nicht auf eine besondere Notlage berufen, sondern teilt nur das Schicksal von zwei Millionen Deutschen … Deshalb: bei aller Würdigung der Tragödie der Arbeitslosigkeit muss doch gegen Straftaten, die aus ihr entsprungen sind, mit fühlbaren Strafen eingeschritten werden”, und der Autor kommentiert, der Angeklagte solle also nun “durch Verbüßung seiner Strafe sühnen, was die Gesellschaft an ungeheurem Unrecht ihm zugefügt hatte!!!” Besser könnte man es auch heute nicht schreiben.

Die Ausstellung “Otto Nagel: Menschensucher und Sozialist” ist bis 2. April im Museum Eberswalde zu sehen. Der Katalog von Eckhart Gillen mit 114 Seiten hat viele Abbildungen. » museum-eberswalde.de



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Von Veritatis

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