Eine gelungenere Verkörperung von Gegenwartsmüdigkeit als die, die Schauspieler Eric Bogosian in den Eingangsszenen von Interview mit einem Vampir hinlegt, ist kaum vorstellbar. Mit dunkel umrandeten Augen und abgeklärter Miene schleicht er als Daniel Molloy im Jahr 2022 durch seine geräumige Wohnung. Lustlos zappt er sich durch die Fernsehnachrichten, die sowohl vom Niedergang der Welt als auch von dem des Metiers künden, dem er sich als Investigativjournalist einst leidenschaftlich verschrieben hat. Der an Parkinson erkrankte Mann in seinen 70ern führt notgedrungen ein zurückgezogenes Leben, auch pandemiebedingt. Dies ändert sich, als ihn ein unerwartetes Päckchen erreicht. Die darin befindlichen Tonbandaufnahmen stammen von einem Interview, das er 1973 in San Francisco geführt hat – mit einem Mann, der von sich behauptete, ein Vampir zu sein.

Showrunner Rolin Jones, der als Drehbuchautor unter anderem an Weeds und Boardwalk Empire mitgewirkt hat, beginnt mit dieser Prämisse die Serienadaption eines wohlbekannten Stoffs: 1976 veröffentlichte die bis dato unbekannte amerikanische Fantasy-Autorin Anne Rice (1941 – 2021) ihr Debüt Gespräch mit einem Vampir. Was Rice darin erzählte, war insofern neu, als es den bis dahin auf Angst und Schrecken fokussierten Vampirmythos um eine humanisierte, empfindsame Version des Blutsaugers ergänzte. Louis, ein wohlhabender Plantagenbesitzer aus Louisiana, wird 1791 vom rätselhaften Lestat de Lioncourt in einen Vampir verwandelt. Fortan ringt der melancholische Louis mit seiner übernatürlichen Existenz. Er bleibt ein Getriebener auf der Suche nach einem Weggefährten, der – anders als der kaltblütig agierende Lestat – seine moralische Verzweiflung spiegelt. Dies alles vertraut er einem jungen Journalisten an.

Eingebetteter Medieninhalt

Gespräch mit einem Vampir war Anne Rice’ schriftstellerischer Durchbruch. Neil Jordans Verfilmung von 1994 wurde mit Brad Pitt, Tom Cruise und Kirsten Dunst in den Hauptrollen zum Kinohit. Und all die nachkommenden, zu Liebe und Leid befähigten Vampirfiguren aus der Twilight-Reihe, der HBO-Serie True Blood oder der Teenie-Drama-Serie Vampire Diaries wären ohne die imaginative Vorarbeit von Rice kaum denkbar.

Wie bei vielen literarischen und filmisch bereits abgehandelten Stoffen lässt sich auch bei Interview mit einem Vampir daran zweifeln, ob es die Serie überhaupt noch gebraucht hätte. Doch anders als etwa die jüngst erschienene und leider misslungene Serienadaption von Gefährliche Liebschaften geht Interview mit einem Vampir diesen Zweifel beherzt an: So fragt Daniel kurz nach seinem Eintreffen in Dubai, wo Louis (Jacob Anderson) in einem weitläufigen, minimalistisch ausgestatteten Loft residiert, weshalb dieser das vor 49 Jahren abgebrochene Interview wiederaufnehmen wolle, was habe sich denn geändert? „Die Welt. Die Umstände. Ich“, entgegnet Louis.

Fakten statt Andeutungen

Tatsächlich ist dieser Louis ein anderer als der in Rice’ Roman und der letzten Verfilmung. Als 1878 in New Orleans geborener, schwarzer Nachfahre eines Plantagenbesitzers lebt er 1910 mit Mutter und zwei Geschwistern ein von seiner rassistischen Umgebung leidlich toleriertes Leben im Wohlstand. Dieser stammt aktuell vornehmlich aus den von Louis im Vergnügungsviertel Storyville betriebenen Bordellen – ein Fakt, den seine Familie am liebsten ebenso unter den Teppich kehren würde wie seine Homosexualität. Und auch Louis selbst gesteht sich seine wahre sexuelle Identität kaum ein, bis er auf den frisch nach New Orleans gezogenen Lestat de Lioncourt (Sam Reid) trifft.

Mit diabolischem Charme schleicht sich der von Reid grandios gespielte Lestat in Louis’ Leben und wird zu dessen Liebhaber, bevor er sich als Vampir offenbart und Louis im Moment größter Verwundbarkeit zu einer ebensolchen Existenz verdammt. In der Gegenwart schildert Louis diese Verwandlung, die ihn fortan von seiner Familie isolieren wird, als Beginn einer sehr intensiven Liebesbeziehung zwischen zwei äußerst gegensätzlichen Charakteren.

Eine Deutung, die der skeptisch nachfragende Daniel für unzutreffend hält: Wiederholt weist er auf das Machtgefälle im Verhältnis zwischen dem sensiblen Louis und dem in Bezug auf übernatürliche Fähigkeiten, Skrupellosigkeit und gesellschaftlichen Status überlegenen Lestat hin. Louis akzeptiert die Einwände nur zähneknirschend, das Interview entwickelt sich damit zur interessanten Reflexion über beschönigende Erinnerungen, bittere Wahrheiten und späte Einsichten. Das Ausmaß der problematischen Aspekte in der Beziehung zwischen Louis und Lestat offenbart sich vollends, nachdem sie 1917 die 14-jährige Waise Claudia (Bailey Bass) „adoptieren“ und in eine Vampirin verwandeln.

Die Veränderung der Erzählerfigur Louis in einen schwulen Afroamerikaner könnte vermuten lassen, dass Rolin Jones Rice’ Roman zurechtbiegt, damit die Serienadaption einem auf Diversität beharrenden gegenwärtigen Publikum entgegenkommt. Tatsächlich stellt sich heraus, dass Jones hier auf vortreffliche Weise weiterentwickelt, was in Rice’ Erzählung bereits andeutungsweise enthalten war.

Das vormals homoerotische Verhältnis zwischen Lestat und Louis wird zur offen dargestellten homosexuellen Beziehung, und Rice’ Motiv eines ewigen Außenseitertums wird mit den Aspekten Hautfarbe und sexuelle Orientierung verdeutlicht. Interview mit einem Vampir gelingt damit, woran viele aktuelle Wiederverwertungen bekannter Stoffe scheitern: Die Serie lädt den Originaltext mit Gegenwartsbewusstsein auf, ohne ihn zu unterwandern, und präsentiert mit einer sehr sehenswerten ersten Staffel den Beginn einer lustvollen Erkundung der Vieldeutigkeit von Rice’ Umgang mit dem Vampirmythos.

Interview mit einem Vampir Rolin Jones Staffel 1, USA 2022, 7 Folgen, Sky und WOW

Interview, das er 1973 in San Francisco geführt hat – mit einem Mann, der von sich behauptete, ein Vampir zu sein.Showrunner Rolin Jones, der als Drehbuchautor unter anderem an Weeds und Boardwalk Empire mitgewirkt hat, beginnt mit dieser Prämisse die Serienadaption eines wohlbekannten Stoffs: 1976 veröffentlichte die bis dato unbekannte amerikanische Fantasy-Autorin Anne Rice (1941 – 2021) ihr Debüt Gespräch mit einem Vampir. Was Rice darin erzählte, war insofern neu, als es den bis dahin auf Angst und Schrecken fokussierten Vampirmythos um eine humanisierte, empfindsame Version des Blutsaugers ergänzte. Louis, ein wohlhabender Plantagenbesitzer aus Louisiana, wird 1791 vom rätselhaften Lestat de Lioncourt in einen Vampir verwandelt. Fortan ringt der melancholische Louis mit seiner übernatürlichen Existenz. Er bleibt ein Getriebener auf der Suche nach einem Weggefährten, der – anders als der kaltblütig agierende Lestat – seine moralische Verzweiflung spiegelt. Dies alles vertraut er einem jungen Journalisten an.Eingebetteter MedieninhaltGespräch mit einem Vampir war Anne Rice’ schriftstellerischer Durchbruch. Neil Jordans Verfilmung von 1994 wurde mit Brad Pitt, Tom Cruise und Kirsten Dunst in den Hauptrollen zum Kinohit. Und all die nachkommenden, zu Liebe und Leid befähigten Vampirfiguren aus der Twilight-Reihe, der HBO-Serie True Blood oder der Teenie-Drama-Serie Vampire Diaries wären ohne die imaginative Vorarbeit von Rice kaum denkbar.Wie bei vielen literarischen und filmisch bereits abgehandelten Stoffen lässt sich auch bei Interview mit einem Vampir daran zweifeln, ob es die Serie überhaupt noch gebraucht hätte. Doch anders als etwa die jüngst erschienene und leider misslungene Serienadaption von Gefährliche Liebschaften geht Interview mit einem Vampir diesen Zweifel beherzt an: So fragt Daniel kurz nach seinem Eintreffen in Dubai, wo Louis (Jacob Anderson) in einem weitläufigen, minimalistisch ausgestatteten Loft residiert, weshalb dieser das vor 49 Jahren abgebrochene Interview wiederaufnehmen wolle, was habe sich denn geändert? „Die Welt. Die Umstände. Ich“, entgegnet Louis.Fakten statt AndeutungenTatsächlich ist dieser Louis ein anderer als der in Rice’ Roman und der letzten Verfilmung. Als 1878 in New Orleans geborener, schwarzer Nachfahre eines Plantagenbesitzers lebt er 1910 mit Mutter und zwei Geschwistern ein von seiner rassistischen Umgebung leidlich toleriertes Leben im Wohlstand. Dieser stammt aktuell vornehmlich aus den von Louis im Vergnügungsviertel Storyville betriebenen Bordellen – ein Fakt, den seine Familie am liebsten ebenso unter den Teppich kehren würde wie seine Homosexualität. Und auch Louis selbst gesteht sich seine wahre sexuelle Identität kaum ein, bis er auf den frisch nach New Orleans gezogenen Lestat de Lioncourt (Sam Reid) trifft.Mit diabolischem Charme schleicht sich der von Reid grandios gespielte Lestat in Louis’ Leben und wird zu dessen Liebhaber, bevor er sich als Vampir offenbart und Louis im Moment größter Verwundbarkeit zu einer ebensolchen Existenz verdammt. In der Gegenwart schildert Louis diese Verwandlung, die ihn fortan von seiner Familie isolieren wird, als Beginn einer sehr intensiven Liebesbeziehung zwischen zwei äußerst gegensätzlichen Charakteren.Eine Deutung, die der skeptisch nachfragende Daniel für unzutreffend hält: Wiederholt weist er auf das Machtgefälle im Verhältnis zwischen dem sensiblen Louis und dem in Bezug auf übernatürliche Fähigkeiten, Skrupellosigkeit und gesellschaftlichen Status überlegenen Lestat hin. Louis akzeptiert die Einwände nur zähneknirschend, das Interview entwickelt sich damit zur interessanten Reflexion über beschönigende Erinnerungen, bittere Wahrheiten und späte Einsichten. Das Ausmaß der problematischen Aspekte in der Beziehung zwischen Louis und Lestat offenbart sich vollends, nachdem sie 1917 die 14-jährige Waise Claudia (Bailey Bass) „adoptieren“ und in eine Vampirin verwandeln.Die Veränderung der Erzählerfigur Louis in einen schwulen Afroamerikaner könnte vermuten lassen, dass Rolin Jones Rice’ Roman zurechtbiegt, damit die Serienadaption einem auf Diversität beharrenden gegenwärtigen Publikum entgegenkommt. Tatsächlich stellt sich heraus, dass Jones hier auf vortreffliche Weise weiterentwickelt, was in Rice’ Erzählung bereits andeutungsweise enthalten war.Das vormals homoerotische Verhältnis zwischen Lestat und Louis wird zur offen dargestellten homosexuellen Beziehung, und Rice’ Motiv eines ewigen Außenseitertums wird mit den Aspekten Hautfarbe und sexuelle Orientierung verdeutlicht. Interview mit einem Vampir gelingt damit, woran viele aktuelle Wiederverwertungen bekannter Stoffe scheitern: Die Serie lädt den Originaltext mit Gegenwartsbewusstsein auf, ohne ihn zu unterwandern, und präsentiert mit einer sehr sehenswerten ersten Staffel den Beginn einer lustvollen Erkundung der Vieldeutigkeit von Rice’ Umgang mit dem Vampirmythos.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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