Tenor Daniel Behle setzt bei seiner ersten, vollmundigen Musiktheater-Komposition auf hohe Gag- und Anspielungsdichte, ohne dass er sein großes Figuren-Panoptikum dabei lächerlich macht

Uraufführung.

Mit seinen Ausgrabungen hat das Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz schon öfter Furore gemacht. Mit der aktuellen Uraufführung setzt Intendant Moritz Gogg aber nochmal eins drauf. Dass die Operette als Gattung eigentlich tot ist, weil sie nichts Neues mehr hervorbringt gilt eigentlich als ausgemacht – doch Daniel Behle und das erzgebirgische Theater schicken mit “Hopfen und Malz” jetzt einen Gegenbeweis ins Rennen. Behle ist eigentlich als Tenor der Spitzenklasse bekannt, der unter anderem in Bayreuth bejubelt wird – mit seiner ersten Operette beweist er nun auch sein Talent zum Komponieren.

Zur (Über-)Fülle von Einfällen kommt das Handwerk. Generalmusikdirektor Jens Georg Bachmann hat das früh erkannt und lässt sich ebenso wie die Musiker der Erzgebirgischen Philharmonie Aue mit hörbarem Vergnügen auf den neuen Stoff ein. Behle kann zitieren, verfremden und erfinden. Dabei verleugnet er seine Liebe zur Opulenz eines Richard Strauss nicht, liefert Walzertakt und Humtata im wilden Wechsel und veranstaltet damit sozusagen seine wilde, verwegene Jagd nach dem nächsten Kalauer. Dabei schießt er lieber eine musikalische oder gesprochene Pointe mehr ab als eine zu wenig. Die Mikroports für die Protagonisten deuten darauf hin, dass das Ganze eigentlich für eine größere Orchester- und Chorstärke gemacht ist.

Dabei ist das flott gedichtete Libretto, das Behle zusammen mit dem Schweizer Literaten Alain Claude Sulzer erstellt hat, gar nicht so einfach: Im Personaltableau kann man schon mal den Faden verlieren. Ist aber keine Katastrophe. Auf einem Mittelding zwischen Düne und Deich hat Ausstatter Walter Schütze zwei Wegweiser platziert. Einer zeigt nach Meersum, der andere nach Ölsum. Die Brauer dieser beiden Küsten-Nester liegen in Dauerfehde um den besten Gerstensaft, doch Ölsum scheint seit Jahren auf den Sieg beim jährlichen Bierwettbewerb abonniert. Das will die Konkurrenz ändern! Statt Freikugeln zu gießen, wird hier bei Vollmond in der Wolfsbucht Freibier gebraut, was tatsächlich den Sieg vor einer internationalen Jury mit ahnungslosen Ausländern sichert.

Da eine Senta (verführerisch: Madlaiene Vogt) mitspielt, braucht es auch einen fahrenden Holländer. Und da der Bernd heißt (großartig: Jason-Nador Tomory), natürlich auf Senta scharf ist und seine Mutter vermisst, lamentiert er ariengroßformatig über die “Wunde von Bernd”. (Das “Wunder von Bern” hatten im Premierenpublikum offenbar alle gesehen!) Auch die Überschreibungen von “das Wandern ist des Müllers Lust” oder von “Junge, komm bald wieder” sind hinreißend, von nett und charmant operettig (Richard Glöckner als Klaus, ein Wanderer) bis zum parodistisch angehauchten großen Pathos-Ton, der über die Rampe geschmettert wird. Und alles passiert in schnellem Wechsel. Maria Rüssel hat als Letty “keine guten Nächte” (wie Klytämnestra). Leander de Marel macht aus dem Mönch Theophil eine Komödiantennummer mit antiklerikalem Biss. Der Chor in Quartettstärke macht als Deichschafherde oder Geisterbayerngruppe Eindruck.

Sahnehäubchen (oder besser: Schaumkrönchen auf dem Bier) ist dann noch der Auftritt der “Erscheinung” von Mama Cervisia, die am Ende zum “Maß halten” auffordert – was man so und so verstehen kann: Es ist Renate Behle, die berühmte Mutter des Komponisten. Regisseurin Jasmin Solfaghari hat die Figuren alle irgendwie komisch gesetzt – aber keine wird dabei lächerlich. Man kann den doppelten Boden sehen und hören, sich aber auch amüsieren, wenn das mal nicht ankommt. Die Inszenierung bietet Witz und Ironie, aber nur selten Klamauk. Das muss man erstmal hinbekommen. Ein Daueramüsement von mehr als zweieinhalb Stunden ist zwar auch etwas anstrengend. Aber es lohnt sich. Der geflügelte, fromme Wunsch “Hopfen und Malz – Gott erhalt’s!” gilt nun jedenfalls nicht nur für’s Bier, sondern auch für seine Operette!

Nächsten Aufführungen “Hopfen und Malz” ist am Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz wieder am 25. Januar sowie am 5. und 12. Februar oder am 24. März zu erleben.
www.winterstein-theater.de



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Von Veritatis

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