Ende vergangener Woche die Nachricht von einer Freundin: „Stemann und Blomberg nicht in Zürich verlängert!“ Für Beobachter des Schauspielhauses Zürich gingen damit Monate des Fragens, wie es da wohl weitergehen würde – ausgelöst von einer Debatte um angeblich zu „wokes“ Theater –, enttäuschend zu Ende. Die Intendanten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg werden 2024 nach fünf Jahren einfach an die Luft gesetzt.
Eine kleine Vorgeschichte zum vermeintlichen „Haus of Wokeness“: Stemann und von Blomberg waren 2019 mit dem städtischen Auftrag angetreten, das Theater internationaler und diverser aufzustellen. Es ging recht beschwingt los, mit einem achtköpfigen Team von Regisseur*innen, die viel Neues und Experimentelles auf die Bühne brachten. Ein Bekannter erzählte mir, in einer Inszenierung sei einfach nur ein IKEA-Regal auf- und wieder abgebaut worden (ich weiß aber nicht, ob das wirklich stimmt).
Im deutschsprachigen Raum wurden diese Anfänge mit viel Wohlwollen aufgenommen, es gab Einladungen zum Theatertreffen, alles schien gut. Dann kam Corona, und wie überall brachen die Zuschauerzahlen ein, wovon sich das Haus, wie viele andere, nur schwer erholte. Ein Phänomen, das mit der Vokabel „Publikumsschwund“ vergangenes Jahr auf einen Angstbegriff gebracht wurde. Doch nun geschah das eigentlich Seltsame: Während die Wissenschaft noch rätselte, wo das Publikum blieb, präsentierte das deutschsprachige Feuilleton eine „Wokeness-Debatte“ als Deus ex Machina – Schuld seien die Theater also selbst. Beim schrillen Tonfall dieser Debatte konnten einem höflichen Menschen nur die Ohren schlackern.
Es geht mir nicht darum, festzustellen, was Stemann und von Blomberg falsch oder richtig gemacht haben. Ich habe zu wenig Arbeiten am Haus gesehen, um das einschätzen zu können. Ich interessiere mich eher dafür, was denn gemeint ist, wenn nun scheinbar neutrale Formulierungen wie „stehen seit Monaten in der Kritik“ oder „gab eine Debatte um“ kursieren. Wer kritisiert und debattiert da überhaupt?
Aggressionslust und unverständliche Häme
Auffällig war die ausgesprochene Übellaunigkeit und Aggressionslust, mit der eine mir unverständliche Häme über den Theatern ausgegossen wurde, die sich angeblich dem „Wokeness-Wahn“ verschrieben hatten. Das Schauspielhaus Zürich traf diese Kampagne in besonderer Weise, insbesondere die NZZ schoss immer wieder gegen es. Konsequenterweise kommentierte man dort den Abgang mit den Worten, was bleibe, sei die Erinnerung an „ideologisch verbohrtes Theater“. Ich frage mich daher, ob diese Stimmungsmache zum großen Teil mitverantwortlich dafür ist, dass die politischen Träger dem Projekt den Stecker gezogen haben.
Ich glaube, dass der Prozess, die Theater anschlussfähiger an eine diverse Stadtgesellschaft zu machen, von großen Teilen der Theaterkritik schlecht begleitet wurde und wird. Mich schaudert es, wenn ich im überregionalen Feuilleton vom „ewigen Belehrungsgewitter“ lese, das da „nur noch“ von der Bühne komme, oder von „öden Diskursveranstaltungen“ und „ideologischem Dauerfeuer“. Gegenwartstheater sei, so hieß es allen Ernstes in der FAZ, „narzisstisch-selbstbezüglich; politisch anmaßend; ästhetisch beliebig und in vielen Fällen einfach nur schlecht“. Außerdem sei es zu einem verlängerten Arm der Politik verkommen.
Da kann ich nur sagen: Das wäre ja schön, wenn die Theater wirklich Sprachrohr und Ausdruck einer politischen Agenda wären. Das würde doch bedeuten, die Politik wäre – sagen wir mal – klimaneutral und diskriminierungskritisch. Aber das wäre an mir vorbeigegangen. Ein Theaterdiskurs, der dem Theater „Wokeness“ vorwirft, betreibt Diskriminierung im Gewand des ästhetischen Nörgelns. Er sagt: Sie interessiert uns nicht, die Gegenwart, die Welt, in der wir leben.
, die viel Neues und Experimentelles auf die Bühne brachten. Ein Bekannter erzählte mir, in einer Inszenierung sei einfach nur ein IKEA-Regal auf- und wieder abgebaut worden (ich weiß aber nicht, ob das wirklich stimmt).Im deutschsprachigen Raum wurden diese Anfänge mit viel Wohlwollen aufgenommen, es gab Einladungen zum Theatertreffen, alles schien gut. Dann kam Corona, und wie überall brachen die Zuschauerzahlen ein, wovon sich das Haus, wie viele andere, nur schwer erholte. Ein Phänomen, das mit der Vokabel „Publikumsschwund“ vergangenes Jahr auf einen Angstbegriff gebracht wurde. Doch nun geschah das eigentlich Seltsame: Während die Wissenschaft noch rätselte, wo das Publikum blieb, präsentierte das deutschsprachige Feuilleton eine „Wokeness-Debatte“ als Deus ex Machina – Schuld seien die Theater also selbst. Beim schrillen Tonfall dieser Debatte konnten einem höflichen Menschen nur die Ohren schlackern.Es geht mir nicht darum, festzustellen, was Stemann und von Blomberg falsch oder richtig gemacht haben. Ich habe zu wenig Arbeiten am Haus gesehen, um das einschätzen zu können. Ich interessiere mich eher dafür, was denn gemeint ist, wenn nun scheinbar neutrale Formulierungen wie „stehen seit Monaten in der Kritik“ oder „gab eine Debatte um“ kursieren. Wer kritisiert und debattiert da überhaupt?Aggressionslust und unverständliche HämeAuffällig war die ausgesprochene Übellaunigkeit und Aggressionslust, mit der eine mir unverständliche Häme über den Theatern ausgegossen wurde, die sich angeblich dem „Wokeness-Wahn“ verschrieben hatten. Das Schauspielhaus Zürich traf diese Kampagne in besonderer Weise, insbesondere die NZZ schoss immer wieder gegen es. Konsequenterweise kommentierte man dort den Abgang mit den Worten, was bleibe, sei die Erinnerung an „ideologisch verbohrtes Theater“. Ich frage mich daher, ob diese Stimmungsmache zum großen Teil mitverantwortlich dafür ist, dass die politischen Träger dem Projekt den Stecker gezogen haben.Ich glaube, dass der Prozess, die Theater anschlussfähiger an eine diverse Stadtgesellschaft zu machen, von großen Teilen der Theaterkritik schlecht begleitet wurde und wird. Mich schaudert es, wenn ich im überregionalen Feuilleton vom „ewigen Belehrungsgewitter“ lese, das da „nur noch“ von der Bühne komme, oder von „öden Diskursveranstaltungen“ und „ideologischem Dauerfeuer“. Gegenwartstheater sei, so hieß es allen Ernstes in der FAZ, „narzisstisch-selbstbezüglich; politisch anmaßend; ästhetisch beliebig und in vielen Fällen einfach nur schlecht“. Außerdem sei es zu einem verlängerten Arm der Politik verkommen.Da kann ich nur sagen: Das wäre ja schön, wenn die Theater wirklich Sprachrohr und Ausdruck einer politischen Agenda wären. Das würde doch bedeuten, die Politik wäre – sagen wir mal – klimaneutral und diskriminierungskritisch. Aber das wäre an mir vorbeigegangen. Ein Theaterdiskurs, der dem Theater „Wokeness“ vorwirft, betreibt Diskriminierung im Gewand des ästhetischen Nörgelns. Er sagt: Sie interessiert uns nicht, die Gegenwart, die Welt, in der wir leben.