Es könnte ein okayes Feel-Good-Drama sein, für lifestylegrüne Eltern, aber durchaus auch für Normalos aus Irgendwo, nur dass deren Alltag normalerweise nicht so fancy ausgestattet ist wie der von Familie Küpers in Eine Million Minuten.

Wolf (Tom Schilling) macht Karriere bei der UN, ist Biodiversitätsexperte. Vera (Karoline Herfurth) hat Bauingenieurwesen mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit studiert. Sie leben – natürlich – in Berlin, dem Augenschein nach in einem der vielen gemeinschaftlichen Bauprojekte, wie sie in den letzten Jahren in dieser Stadt verwirklicht wurden, die allermeisten – natürlich – mithilfe von Papa und Mama finanziert, Christiane Rösinger singt in ihrem herrlich (selbst-)ironischen Song Eigentumswohnung davon.

Das Paar hat zwei Kinder, besonders Veras Nerven sind am Anschlag, da sie den Laden die meiste Zeit alleine schmeißt. Die fünfjährige Tochter Nina verhält sich entwicklungsverzögert, Wolf hofft, dass seine Tochter nur eine „blühende Fantasie“ hat. Der Kinderarzt, mit Godehard Giese ungeschickt überbesetzt, da man annimmt, dass sein Part noch wichtiger wird, empfiehlt den Eltern mehr gemeinsame Zeit mit Nina. Und als sich das Kind einmal Eine Million Minuten schöne Momente wünscht, rechnet Wolf aus, dass das ungefähr zwei Jahre sind. Es geht dann alles sehr schnell, dass man auswandert, erst nach Thailand, dann nach Island, aber vorher muss noch die Wohnung aufgegeben werden.

„Eine Million Minuten“ – das sind ungefähr zwei Jahre für Wolf (Tom Schilling)

Wieso fragt man sich hier, wird diese super tolle Wohnung nicht einfach möbliert untervermietet? Das wäre realistisch gewesen. Stattdessen haben „die Küpers“ kurzerhand einen Entrümplungsdienst geordert, der normalerweise die Wohnungen von Verstorbenen entrümpelt, also deren leider meist ja wirklich unverkäuflichen Kram. Vermutlich, denkt man, musste der Entrümpler kommen, damit es hier schon philosophisch werden kann, erstens, weil eine/r im Verlauf des Films wirklich stirbt und damit der Entrümpler so etwas sagen kann wie: Der ideelle Wert eurer Sachen steht in keinem Verhältnis zum eigentlichen Wert. Aber allein das Familiensofa hat doch bestimmt 4.000 Euro gekostet, schätzt man.

Noch so Kleinigkeiten, die sehr stören: Besonders in Island (wo es kalt ist) ist die Familie ständig gekleidet, als wären sie aus einem Prospekt für Outdoormode gefallen. Und schon ganz fixiert auf das Outfit der nächsten Szene, (weil selbst der Entrümpler einen nicht ganz billig anmutenden blauen Strickpulli trug), fragt man sich, ist Veras schöner, gelber Pulli heute aus Mohair?

Aber, zuerst nach Thailand. Hier arbeiten beide im Homeoffice mit Meerblick und im Wechsel, was sich ohne Kita erwartungsgemäß als bescheuerte Idee herausgestellt. In einer wichtigen Videokonferenz fällt das W-Lan bei Wolf aus, der Mann von der Bar sagt, (weil in fernen Ländern die Uhren natürlich chilliger ticken), etwas Tiefentspanntes wie: Vielleicht geht es morgen besser!

Was passiert noch: Pittoreske Bootsfahrten und ein denkwürdiger Ausflug in den Dschungel, gesellige Essen mit Einheimischen (in welcher Sprache?), also das wirklich wahre, echte Leben. Nur funktionieren tut es nicht. Was, fragt man sich, soll überhaupt toll daran sein, rund um die Uhr zusammenzuhängen? Der Film verbreitet ein Klischee von Familie, Partnerschaft, Emanzipation, das nur pseudomodern rüberkommt.

Angekommen in Island beschließt Wolf, seinen Job komplett an den Nagel zu hängen. Aber Vera ist herrgottnocheins immer noch nicht zufrieden. Vera will, dass man jetzt für immer bleibt. Endlich kann sie sich verwirklichen, das gemeinsame Haus (billiges Grundstück) will sie mit dem sehr gut aussehenden Nachbarn realisieren (gespielt vom Ex-Fußballer Rúrik Gíslason, was auch schon wieder ablenkt). Aber Wolf (Mann halt) kapiert natürlich wieder nichts und eifersüchtig ist er jetzt auch noch. Es kommen noch ein paar gefühlige Momente, sie sind weiß Gott nicht zu überhören, denn der Film ist durchweg mit unironischen Tönen unterlegt, die es dem Publikum (fast alle weiblich, die drei Männer wurden sicher verhaftet) leicht macht, den Szenen in Strickpullis zu folgen. Geigen und Klavier bis zur Karthasis, danach hat Tom „es“ endlich kapiert, worum es Vera geht. Die Handlung basiert auf einer wahren Geschichte. Neben dem Haus der Film-Küpers sind übrigens Ferienhäuser zu vermieten.

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Von Veritatis

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