Am 12. April 1961 betrat erstmals ein Mensch die „unendlichen Weiten“ des Weltalls. Das liegt über sechzig Jahre zurück. Aber selbst nach so langer Zeit verbinden sich noch Gedanken und Emotionen mit diesem Ereignis – und vor allem mit Juri Gagarin.

von Dagmar Henn

Am 12. April 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum. Es war ein nach heutigen Maßstäben kurzer Flug, der einmal die Erde umrundete. Als er landete, wurde der Sohn eines Zimmermanns und einer Melkerin der strahlende Held eines neuen Zeitalters. Ein sowjetischer Held, etwas, was der Westen nie verziehen hat, weshalb die nach ihm benannten Straßen und Plätze nach der Annektion der DDR auch eiligst umbenannt wurden.

Sein US-amerikanisches Gegenstück, Alan Shepard, der einen Monat später um die Erde flog – die USA hatten nach dem Sputnik-Schock nach Kräften versucht, die Sowjetunion zu überholen, scheiterten aber – hat nie Gagarins Ruhm erreichen können. Er war, nicht untypisch für US-Kampfpiloten, Angehöriger der besseren Gesellschaft, der Sohn eines Bankmanagers in einer Bank, die seinem Großvater gehörte. Seine Arroganz soll legendär gewesen sein.

Wenn man Bilder Gagarins betrachtet, bemerkt man zuerst dieses unglaubliche Lachen. Breit, offen, ohne Bosheit, eine Mischung aus Unschuld und Kühnheit. Ein Lachen, das man nicht vergisst. Das so sehr Symbol für sein Land wurde, dass sein tödlicher Flugunfall im März 1968 ein schwerer Schlag war und sogar Staatstrauer ausgerufen wurde. Die Absturzursache bleibt nach wie vor unklar; vielfach wird Fahrlässigkeit genannt, oder mangelnde Wartung des Flugzeugs. Und sicher wäre auch Tollkühnheit nicht überraschend, beim ersten Menschen im All, aber es bleibt das ungute Gefühl, dass dieser Unfall dem Gegner jenseits des Atlantik äußerst gelegen kam.

Denn dieses Lachen fing so viel mehr ein als nur das erfolgreiche Umrunden der Erde. Dahinter stand eine Kindheit, in die für zwei Jahre die Besetzung des Heimatorts durch die Nazi-Wehrmacht einbrach, mitsamt der Verschleppung von zwei seiner drei Geschwister als Zwangsarbeiter nach Deutschland. Heute heißt die nächstgelegene Kleinstadt Gagarin. Im April 1943, als diese Gegend befreit wurde, fand sie sich am Anfang der endlosen Strecke der Verwüstung, die die Wehrmacht beim Rückzug hinterließ. Hätte der damals Neunjährige gedacht, dass er einmal ins All fliegen würde?

Gießer, Gießereitechniker, dann Militärpilot und am Ende Kosmonaut, das ist eine sehr sowjetische Karriere, die zeigt, dass da viel eigene Leistung gebracht wurde. Ja, dieses Lachen zeigt sicher auch, dass er stolz auf das war, was er erreicht hatte. Aber diese unglaubliche Unschuld ist nur möglich, wenn das Erreichte mit Anderen und nicht gegen sie erreicht wurde; es zeigt keinen Wunsch und keine Notwendigkeit, irgend jemanden zu erniedrigen. Das erste Wort, das einem angesichts dieses Lachens in den Sinn kommt, ist: Freiheit.

Genau darum war Gagarin gefährlich. Man muss ihn nur einmal mit den aktuellen Helden des Westens vergleichen – es sind eigentlich keine übrig geblieben, außer den “Philanthropen”, oder dann eben Gestalten wie Selenskij. Keiner davon strahlt diese Zufriedenheit aus, und diese einfache, direkte Menschlichkeit. Gagarin war das, was sein zu können man allen Menschen wünschen würde. Und ein lebendes, atmendes Widerwort gegen das finstere Bild, das man im Westen stets von der Sowjetunion zeichnete.

Das Rennen um die Eroberung des Weltalls war ein sehr ungleiches – die Vereinigten Staaten hatten vom Krieg vor allem profitiert, hatten das Erbe des britischen Weltreichs angetreten, machten sich daran, große Teile des Globus zu plündern; die Sowjetunion musste nach dem verlustreichen Sieg über den Hitlerfaschismus erst einmal ganze Landstriche und Industriebereiche wieder aufbauen. Und dennoch war es dieses Land, das zuerst Raketen mit Raumkapseln in den Himmel schickte.

Der Schwung dieser Wiedergeburt ist auch Teil von Gagarins Lachen. Das Wissen, diese Erweiterung der menschlichen Grenzen einer gemeinsamen Anstrengung zu verdanken, und diese Umrundung unseres Planeten nicht als Individuum, sondern als Vertreter der ganzen Menschheit vollbracht zu haben.

Gagarins Lachen bringt zum Nachdenken. Darüber, was im Leben eigentlich wichtig und erstrebenswert ist. Dass Glück darin liegt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, nicht für Geld oder Ruhm; dass die Menschheit dann ihre wahre Größe findet, wenn sie die Zwänge hinter sich lässt, die eine in Klassen geteilte Gesellschaft ihr auferlegt.

Es ist diese selbstverständliche Zuversicht, die überwältigt, wenn man aus einer Gesellschaft kommt, in der Zukunft nur noch mit Leid und Verzicht verbunden wird. Der Westen hatte schon damals nicht die Kraft, eine Gestalt wie Gagarin hervorzubringen; heute wäre das absolut unvorstellbar. Nicht nur, weil er an den technologischen Voraussetzungen mittlerweile scheitern würde, siehe Boeing, sondern auch, weil allein die erforderlichen Fernsehverträge mit Zweitverwertungsrechten, der ganze Zirkus, über den aus der Person und ihrer Geschichte Geld gemacht würde, ein solches Lachen schnell ersticken würde, selbst wenn es jemandem, dessen Großvater keine Bank besitzt, gelänge, auf eine derartige Position zu geraten.

Verglichen mit heute waren die westlichen Gesellschaften der 1950er geradezu egalitär, und man hat sich an eine Arroganz der oberen Schichten gewöhnt, die jener der alten Aristokratie in Nichts nachsteht. Man kann dem Anblick nicht entrinnen, selbst wenn man es wollte. Es genügt, die Nachrichten einzuschalten. Aber was für Zwerge sind das alles, wirft man einen Blick auf Gagarins Lachen.

Es ist nicht der Flug in den Kosmos, der die heutigen Gagarins hervorbringt. Aber vielleicht ist es das Ringen um das Ende des Kolonialismus, vielleicht ist es die endgültige Befreiung Afrikas, die wieder einen Menschen hervorbringt, dessen einzigartiges Lachen Zuversicht und Zukunft einzufangen vermag. Dieses Lachen wird wieder nicht dem Westen gehören. Aber es wird Tausenden, Millionen Flügel verleihen. Wo immer du jetzt sein magst, zum Tag der Kosmonauten einen guten Flug, Juri Alexejewitsch Gagarin!

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