Scheingrenze Wenn sonst nichts hilft, zieht man einen Zaun hoch. Arme, Kaninchen, Atomgegner, Nachbarn sollen draußen bleiben. In Berlin wird diesen Sommer der Görlitzer Park umzäunt und auch Freibäder werden „gesichert“


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Ausgabe 18/2024

A

wie Axt

„Wer einen Zaun errichtet, der soll die Äste der Bäume nach seinem eigenen Hof kehren“, heißt es im mittelalterlichen Rechtsbuch Sachsenspiegel von 1230. Auf Blatt 8r ist dargestellt, was der Nachbar darf: Mit der Axt die übern Zaun ragenden Äste abhacken. Der anhaltinische Edelmann Eike von Repgow schrieb das vor gut 800 Jahren auf. Im Prinzip gilt dieses Zaunrecht heute noch, jeder Grundeigentümer kann sich auf seiner Scholle abschotten. Das erste erfolgreiche Alternativprojekt in der Moderne waren die jüdischen Kibbuzim. Martin Buber schwärmte 1950: Das „hebräische Genossenschaftsdorf in Palästina“ dürfe als gelungen „im sozialistischen Sinn“ angesehen werden. Die schattenspendenden Bä

Die schattenspendenden Bäume konnten hier wachsen, ohne sich an Zäunen ausrichten oder die Axt fürchten zu müssen. Moshe Zuckermann nennt es 1998 eine Illusion, der Kibbuz könne sich im „allumfassenden kapitalistischen System“ des Staates Israel „als sozialistische Insel behaupten“. Die Zäune sind wieder da. Michael SuckowBwie Bauzaun1986 wurde der Wackersdorfer Bauzaun zum Fanal der Proteste gegen den Bau der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage. Der 4,8 Kilometer lange „Sicherungszaun“ aus polizeigrünem Stahl war drei Meter hoch mit NATO-→ Stacheldraht-Krone obendrauf. Hinterm Zaun fuhr Polizei mit gepanzerten Fahrzeugen auf und ab, es öffneten sich kleine Tore und prügelnde Hundertschaften fluteten den Raum vor dem Zaun, der zur Kampfarena der Proteste wurde. Militante AKW-Gegner rannten aus dem angrenzenden Wald mit Planen bewaffnet, um den Wasserwerferstrahl abzuhalten, während andere am Zaun sägten. Auf Flugblättern tauchten vermummte Anti-AKW-Sonnen mit Sägen auf. Während der Pfingstschlacht 1986 frästen Autonome ein mehrere Meter großes Loch in den Zaun. Gestürmt wurde der Bauplatz aber nie, der Bauzaun hielt. Florian SchmidDwie DingoUm ihre Schafe zu schützen, betreiben die Australier gigantischen Aufwand. Sie erneuern seit dem 19. Jahrhundert regelmäßig den über 5.000 Kilometer langen Dingo-Zaun. Die Dingos, einst verwilderte Haushunde, mögen nämlich die Schafe zum Fressen gern. Dieser Maschendrahtzaun ist das längste Bauwerk der Welt und im Gegensatz zu anderen Tierbarrieren erfolgreich. So gab man nach wenigen Jahren Down Under das Vorhaben des „Rabbit Proof Fence“ auf. Zwei Dutzend freigelassene Kaninchen vermehrten sich in ihrer neuen Heimat so fix, dass sie zur Plage wurden. Doch es gelang den Bauern nicht, ihre Ernte vor den Langohren mit Zäunen zu schützen. Im Kampf gegen die Schweinepest errichtete Dänemark vor einigen Jahren einen Wildschweinzaun an der deutsch-dänischen Grenze – mit geringer Wirkung. Denn die Tiere schwimmen durch die Flensburger Bucht. Nur reine Symbolik? Die brusthohen Gitter materialisieren die durchlässige Grenze neu und sollen Sicherheit suggerieren. Tobias Prüwer Ewie EinfriedungLaut Definition ist eine Einfriedung eine Anlage auf einer Grundstücksgrenze, die dazu bestimmt ist, dieses zu umschließen und nach außen abzuschirmen. So soll niemand unbefugt ein Grundstück betreten oder verlassen können. Mit Einfriedungen sind Zäune, aber auch Hecken und Mauern gemeint. Daher erstaunt es umso mehr, dass der Zaun etymologisch gesehen mal ein adäquates Mittel zur Friedensschaffung gewesen sein soll. Sollte nicht eher die Abwesenheit von Zäunen und Mauern ein Zeichen für Frieden sein (→ Axt)? Sind Zäune nicht der Inbegriff für Spießertum und passiv-aggressives Deutschsein? Und werden sie in Europa nicht als Abschottunggegen unerwünschte Geflüchtete benutzt, die hier nur Frieden suchen? Wie fragil kann Frieden eigentlich sein, wenn man einem Zaun zutraut, diesen für uns zu sichern. Ji-Hun Kim Gwie Görlitzer Park„Görlitzer Park, Görlitzer Park, BZ-Schlagzeil’n, was hab’n wir gelacht!“, rappt Nico von der Rapcrew K.I.Z. Der Park in Kreuzberg gilt als Kriminalitäts-Hotspot Deutschlands, ist Dauerbrenner in den Lokalnachrichten – und Lieblingsmetapher von Rechtspopulisten. Um den „Görli“ ranken sich Mythen. Und bald auch ein Zaun. 300 Meter Gitterstäbe und 19 Drehtüren an den Eingängen, um den Park nachts abzuschließen – so schwebte es zumindest der ehemaligen Umweltsenatorin Manja Schreiner (CDU) vor – und auch Bürgermeister Kai Wegner. Ab Sommer soll der Zaun stehen. Anwohner:innen protestieren, weil sie fürchten, der Crack-Konsum könne die anliegenden Straßen noch mehr belasten. Drogenkonsum, Gewalt und Obdachlosigkeit, alles weg durch einen Zaun? 3,5 Millionen Euro kostet das Vorhaben. Der Görli ist nicht das einzige Zaun-Projekt des CDU-Senats im kommenden Sommer. Auch in vier Freibädern sollen sie höher gezogen werden, damit sie nicht mehr so leicht überwunden werden können. Und am Eingang gilt weiter Ausweispflicht. Jerrit SchlosserLwie LöcherDie Hamburger Band Kettcar ist seit ihrem Debüt Du und wie viel von Deinen Freunden damit befasst, Indierock mitunter als große Popmusik mit enormem Identifikationspotenzial zu spielen. Ihr Thema, schon immer, ist das „Ich“ und das „Wir“. Und so hat die Band um Sänger und Gitarrist Marcus Wiebusch 2017 mit Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) wieder mal einen großartigen Song geschrieben, der an dieses Wir appelliert. Das Lied handelt von einem jungen Hamburger Fluchthelfer, der im Sommer 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, mithilfe eines Bolzenschneiders DDR-Bürgern zur Flucht über die ungarische Grenze verhilft. Er habe den Song geschrieben, sagt er, um „alle Menschen in diesem Land 2017 daran zu erinnern, dass das Helfen durch Zäune ein zutiefst menschlicher Akt ist“, kommentiert der Frontmann. Marc Peschke Swie StacheldrahtBlut war im Schuh meiner Großmutter. Sie hatte sich an einem Stacheldrahtzaun eine Arterie am Sprunggelenk aufgerissen. Ich war sechs und zu Tode erschrocken. Der Stacheldraht verschwand dann aus meiner ländlichen Kinderwelt. Er wich den Elektrozäunen. „Stacheldraht, Elektrozaun / etwas Sich’res gibt es kaum / etwas Bess’res hat die Welt doch wohl niemals hergestellt“, singt Wenzel, der Liedermacher, auf seinem Album Widersteh – solang du’s kannst (2013). Und reimt sarkastisch weiter: „schützt vorm Außen alles innen / kleine Spitzen, scharfe Zinnen (…) schützt vorm Untergang von Ländern / schützt die Mitte vor den Rändern / (…) schützt Picasso, Rubens, Dürer / schützt das Leben uns’rer Führer / wenn sie uns die Zukunft bau’n.“ Schon 1990 malten Wenzel & Mensching in einem Lied ätzend eine Dystopie aus, die den Stacheldraht als Lösung erscheinen lässt, der die Verlorenen dieser Welt nicht aufhalten kann: „Sie werden kommen (…) Den Stuhl, für sie vor die Türe gestellt / Den werden sie grinsend zerschlagen. / Sie holen sich endlich das Brot für die Welt / Ohne zu bitten, zu fragen.“ Michael SuckowTwie Tool TimeDie Sitcom Hör mal, wer da hämmert (RTL, 1996) handelt vom Alltag Tim Taylors, Moderator der Heimwerkersendung Tool Time, und dessen Familie sowie seinem Nachbarn Wilson, der Tim mit allerlei Tipps und Weisheiten versorgte, dabei jedoch nie sein ganzes Gesicht zeigte. Meist durch einen hohen Zaun oder auch andere Hindernisse verborgen, gewährte erst die allerletzte Folge einen kurzen Blick auf Wilson, der das weltmännisch und philosophisch gebildete Gegenstück (→ Zitat) zu dem manchmal etwas begriffsstutzigen Heimwerker-König gab. Diese dramaturgische Idee beruhte auf einem Kindheitserlebnis von Tim Allen, dem Erfinder und Hauptdarsteller der Serie: Als Kind habe auch er das Gesicht eines seiner früheren Nachbarn nie vollständig sehen können, weil er noch zu klein war, um über den Zaun blicken zu können. Elke Allenstein Wwie Wohnanlagen„Swiss Life Residence“ – wer sich dort ein Domizil leisten kann, braucht die vielen Obdachlosen in São Paulo nicht zu sehen. Aber da dringen zwei junge Leute nachts in die sonst streng bewachte luxuriöse Wohnanlage ein, weil sie von einer leer stehenden Villa erfahren haben. Wenn sie mit anderen Armen dort einziehen könnten … Auf eindringliche Weise führt die brasilianische Autorin Patrícia Melo in Die Stadt der Anderen (2024) die Spaltung zwischen der Welt der Superreichen und der Armen vor Augen, die es natürlich überall auf der Welt gibt. Die Wohlhabenden schützen sich vor dem „Gesindel“, wie es im Roman heißt. Der Preis ist, dass sie sich mit Zäunen, Mauern und Wachpersonal selber ein Gefängnis schaffen. Das Haus eines kirgisischen Oligarchen, der mich einmal einlud, glich einer mittelalterlichen Festung. Weniger krass gibt es das Bedürfnis nach Abschottung indes auch hierzulande. Und wenn es nur eine Schranke ist, wie vor einer eigentlich tristen Neubau-Wohnanlage in Berlin-Marzahn, damit man „unter sich“ ist und „nicht jeder“ durchfahren kann. Irmtraud Gutschke Zwie Zitat„Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab (…) war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.“ Er musste nur genug dumme Menschen finden, die ihm glaubten, dass es sein Land war. Das Zitat von Jean-Jacques Rousseau über die Geburt des Privateigentums ist berühmt. Für den Aufklärungsphilosophen überschritt die Menschheit mit dem ersten Raumteiler, der Land absteckte, die Schwelle zur Kultur, aber auch zu den mit Anspruch auf Eigentum verbundenen Delikten wie Raub, bis hin zum Krieg. Solche Grenzen signalisieren „bis hierher und nicht weiter“. Interessanterweise errichtet Robinson auf einsamer Insel erst mal einen Zaun. Und schon das babylonische Gilgamesch-Epos beginnt mit dem Bau einer Umfriedung (→ Einfriedung). Das Bedürfnis nach Abgrenzung scheint anthropologisch, nicht nur bürgerlich. Tobias Prüwer



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Von Veritatis

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