Lasst den Opa kurz vom Krieg erzählen, aber nur, weil es kein echter war: Da gab es einst ein Gerät, in das man ein zigarettenschachtelgroßes Plastikstück einführte, dann schmiss man mit einem Knopfdruck einen kleinen Motor an, der wiederum ein Band in Bewegung setzte. Aus der Bewegung entstand dann die Musik, die verstärkt und durchs Kabel in die Lautsprecher oder Kopfhörer kam. Aber: Wenn das Band nicht so lief, wie es sollte, gab es Salat, und dann half eventuell noch ein Bleistift, manchmal aber nichts mehr.

Ja, so hat es sich zugetragen mit der Compact Cassette, der MC oder schlicht: der Kassette, die während der 1970er, 1980er und noch bis in die frühen 1990er Jahre zu den am weitesten verbreiteten Medien für Musik gehörte. Würde man einem heutigen Jugendlichen die sagenhafte Art und Weise erklären, wie vor 40 Jahren „mobil“ Musik gehört wurde, würde dieser das aber sicher wunderlicher finden, als dass die Musik heute durch die Luft in den nicht verkabelten Kopfhörern landet.

Dabei hat die Musikkassette nichts Geringeres als die Welt verändert: „Boomboxen und tragbare Radios gab es schon eine Weile“, notierte das US-Technikportal The Verge 2019 anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Sony Walkmans, „aber der Walkman machte tragbare Musik privat“. Unterwegs woanders sein, durch Sound eine Welt im Kopf entstehen lassen, so gut wie überall und ungeteilt, diese heute übliche Kulturpraxis erwuchs aus dem Medium.

Anfang der 90er Jahre übernahmen die CDs und bald darauf die MP3-Dateien. Heute listet der Bundesverband Musikindustrie in seinem Bericht für das Jahr 2023 die Kassetten unter der Kategorie „Physisch Sonstiges“. Während sich Vinyl-Alben im vergangenen Jahr erneut mehr verkauften (6,3 Prozent vom Gesamtumsatz), machen Umsätze aus Single-CDs, DVD- sowie Blu-Ray-Audio-Tonträgern und eben MCs gerade einmal 0,3 Prozent aus. In Großbritannien meldet die Musikindustrie allerdings seit knapp zehn Jahren einen fortlaufenden Anstieg der Musikkassetten-Verkäufe, von gerade einmal 3.823 Exemplaren im Jahr 2012 zu mehr als 195.000 im Jahr 2022.

Schon länger fristet die MC ein Liebhaberdasein: Subkulturelle Genres wie Punk, Indie-Rock, Rap oder Metal werden aus ästhetischen und sicherlich ökonomischen Gründen schon länger wieder öfter auf die günstigen Magnetbänder gebannt, meist unter Zugabe eines Download-Codes. Dass die MC aber in den Mainstream vordringt, ist einigermaßen neuartig. So kündigte Billie Eilish Anfang April überraschend ihr neues Album an, und wie schon der Vorgänger Happier Than Ever soll Hit Me Hard and Soft auch auf Kassette erscheinen. Mit 14,99 Euro ist sie dabei das günstigste Format, die Standard-Vinyl-Ausgabe hingegen kostet 34,99 Euro.

Ums Abspielen geht es nicht, vielmehr haben solcherart Tonträger heute nostalgischen und vor allem Sammlerwert. Aber: Auch die Hi-Fi-Industrie scheint eine Nachfrage zu erkennen. Bereits vergangenes Jahr brachte das französische Start-up We Are Rewind einen Kassettenspieler im schicken Retro-Design auf den Markt. Kürzlich stellte auch der chinesische Hersteller FiiO, der eigentlich Abspielgeräte für eine audiophile Zielgruppe vertreibt, mit dem CP13 einen Kassettenspieler im erkennbar Walkman-inspirierten Design vor, ohne Bluetooth-Funktion, für den voll-analogen Musikgenuss, Bandsalatgefahr inklusive.

Es scheint also, als ob auch in Zukunft der ein oder andere Heut-noch-Jugendliche davon erzählen können wird, wie das so war, wenn sich zentimeterweise feinstes Magnetband vom Tonträger löst und mühsam wieder aufgespult werden muss. Manche Kriege kommen wieder, andere verschwinden nie – und warum nicht, solang es keine echten sind?

Konstantin Nowotny schreibt beim Freitag die Kolumne Musiktagebuch. Darüber hinaus schreibt er öfter über Themen rund um die Psyche und hin und wieder über Ostdeutschland



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Von Veritatis

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