Das hundertjährige Verwesen eines Schriftstellers mit Konferenzen, Feuilletonartikeln, einer hochkarätigen TV-Serie oder der erneuten Lektüre von Romanen zu feiern, könnte selbst Bestandteil einer kafkaesken Erzählung sein. „Alles restlos und ausnahmslos verbrennen“, das war die letzte Bitte Franz Kafkas an seinen Freund und Verleger Max Brod. Einhundert Jahre später feiert man Brods Weigerung, Kafkas Bücher zu verbrennen, damit, dass man sich erneut gegen den letzten Willen des Schriftstellers versündigt.

Jeder Lektüre von Kafkas Texten haftet deswegen ein Hauch des Sich-schuldig-Machens an. Als hätte der Prager Schriftsteller das vorhergesehen, rächen sich seine Texte bis heute an uns durch ihren Rätselcharakter. „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden“, vermerkt Theodor W. Adorno dazu und macht damit auf ein nicht enden wollendes Problem aufmerksam. Das Verlangen, Kafkas Sprache zu durchdringen, ist ein Drang, der sich aus dem Text selbst ergibt. Etwas ist in diesen Sätzen lebendig, das uns in ihren Mahlstrom zieht, ohne uns mit Antworten auf unsere Fragen befriedigt zurückzulassen.

Seit nun einhundert Jahren werden über Kafka Bücher geschrieben, und alle scheitern an einer konzisen Deutung. Jeder erklärende Satz vollbringt es kaum, den Schleier der hermetisch verschlossenen Sätze zu lüften, und mit jedem Jahr wiederholt sich der einzige sichere Befund: dass es vielleicht dieses Unbehagen im Missverstehen ist, das Kafka so fesselnd macht. Schlägt man etwa den Prozess-Roman auf und liest nur den ersten Satz, so scheint es, als würden wir in einen Kriminalroman geworfen. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Die Eindeutigkeit des Satzes verrätselt sich, wenn man sich fragt, was denn dieses „hätte“ in solch einem wichtigen ersten Satz zu suchen habe. Hat unser Protagonist sich nicht versündigt, oder hätte er es nicht? Auch nach der letzten Seite, in der Josef K. „wie ein Hund“ stirbt, erfahren wir nichts über dieses „vorher“. Der erste Satz verweist auf eine Tat, von der wir nichts herausfinden werden, denn Geschichte, geschweige denn Fortschritt gibt es in Kafkas Welt nicht. Und auch der Gang durch die Institutionen und die Gespräche mit Juristen und anderen Figuren auf Dachböden und in Mietskasernen erhellen das Rätsel nicht. Auch die Versuche des Landvermessers K., zum Schloss zu gelangen, das ihn angeblich in den Dienst gerufen hat, lüften den Nebel um die „scheinbare Leere“ auf dem Schlossberg nicht.

Sie sind schlechte Schüler

Die Probleme, mit denen Kafkas Figuren umzugehen haben, sind uns verdächtig bekannt. Die Sätze und Begegnungen in den kafkaschen Sätzen wirken buchstäblich und gleichzeitig, als würden sie auf etwas hinauswollen, das uns bis zuletzt verborgen bleibt. Es ist, als wäre der Schlüssel gestohlen, mit dem man die Tür zu seinen Welten öffnen könnte. Wie seine Figuren rennen auch die Leser gegen das Rätsel an, das darauf insistiert, verschlossen zu bleiben. Nichts lässt uns den Türhüter den Weg frei machen. Stattdessen werden wir konfrontiert mit Versuchen, eine Welt zu verstehen, die in ihren Gründen nicht zu verstehen ist. Dabei wirkt alles so bekannt, als wäre man selbst schon einmal dort gewesen und hätte sich dieselben Fragen gestellt. Kafkas Welten sind permanente Déjà-vus, ohne sich jedoch an das erinnern zu können, was denn da erinnert werden will.

Es wäre deshalb nicht übertrieben, die Romane Kafkas als Bildungsromane zu lesen. Wie etwa im 19. Jahrhundert bei Goethe oder Gottfried Keller junge Menschen in die Welt hinausziehen, um sie zu verstehen und eine Persönlichkeit herauszubilden, so versuchen Kafkas Figuren dasselbe. Der große Unterschied besteht im Einfall der Moderne. Die verwaltete Welt ist dem Verstehen gegenüber verschlossen und eine Herausbildung von Identität unmöglich geworden. Die Werkzeuge, mit denen die Welt erschließbar schien, funktionieren nicht mehr. Deshalb gleicht jedes Gespräch – Kafkas Romane sind zu einem großen Anteil Gesprächssituationen – einer gescheiterten Unterrichtsstunde.

Der Bankangestellte Josef K. und der Landvermesser K. begegnen immer wieder Menschen, die wesentlich mehr über diese Institutionen wissen müssten als sie selbst. Unvergessen die erste Untersuchung im Prozess-Roman, in welcher Josef K. vor dem Untersuchungsrichter den Besserwisser spielt. Statt sich zu fragen, wieso ein fremdes Publikum seiner ersten Gerichtssitzung beiwohnt, auf ihn reagiert und gleichzeitig in einer Ecke des Saals kopuliert wird, gefällt er sich in seiner Weise zu sehr, um darin etwas zu erkennen. Statt die Richtigkeit seiner Handlungen zu überdenken oder wenigstens zu verstehen versuchen, gibt er den allwissenden Schüler.

Darin zeigt sich ein grundlegendes Moment der kafkaschen Welt. Seine Figuren weigern sich, von der fremd gewordenen Welt und den sie bewohnenden Wesen zu lernen. Schlechte Schüler sind sie deshalb, weil sie eher auf ihrem gewohnten Denken beharren, als die Nichtidentität von Weltanschauung und Wirklichkeit zu überdenken. Dass sie es aber nicht können, hat einen guten Grund. Man kann Kafkas Tierparabeln zu forschenden Hunden und singenden Mäusen über lange Strecken lesen, ohne den Eindruck zu bekommen, dass er tatsächlich über Tiere spricht. Umgekehrtes gilt für seine Romane. Niemand auf den Dachböden des Gerichts oder in den Wirtsstuben des Schlossdorfes ist tatsächlich menschlich, auch nicht diejenigen, die gegen die Ordnung aufbegehren.

Kafka zeigt darin, was in der Moderne mit Menschen passiert, die nach Identität suchen: An ihnen zeigt sich die biologische Rückbildung des Ichs zum Tier. Austauschbarer als die Gehilfen des Gerichts und die Beamten des Schlosses sind nur die Protagonisten, die Kafka zu Dingen reduziert, weil die Moderne sie verdinglicht hat. Ihr letztes Aufbegehren folgt einem Denkfehler: Sinn zu vermuten in einer modernen, verwalteten Welt, die in sich so geschlossen logisch und funktional ist, dass sie jeglichen Sinns entbehrt. Kein Fortschritt ist in dieser Welt und keine zwischenmenschliche Interaktion, die Erfüllung und Identität herzustellen wüsste.

Kafkas stillgestellte Ordnungen, Wiederholungen des immer gleichen Augenblicks, sind aber dennoch erkennbar. Die Weigerung, die Irrationalität erkennen zu wollen, hat mit Gewohnheit zu tun, die Bankangestellte und Landvermesser daran hindert sich in die Logik dieses Wahns hineinzubegeben. Die Kombination aus Notwendigkeit und Zufall ist das Gesetz dieser Welt, und das zu erkennen, bedarf eines Blicks, den Kafkas Beamte und vor allem die Frauen in seinen Romanen immer wieder als Deutungsperspektive unterbreiten. Man müsste ihnen nur zuhören. Darin aber scheitern die Schüler, die den Namen K. teilen.

Niemand will sich darauf einlassen, der falschen Auffassung von Welt den Rücken zu kehren. „Lass die Deutungen!“, fordert K. im Schloss-Roman Olga auf, die ihm mitzuteilen versucht, dass ironisches und ernstes Sprechen sich in der Welt des Grafen West-West nicht unbedingt ausschließen müssen. Josef K. fragt sich auf dem letzten Gang zur Hinrichtung noch: „Soll ich nun zeigen, dass nicht einmal der einjährige Prozess mich belehren konnte? Soll ich als ein begriffsstutziger Mensch abgehen?“ Und der Gefängniskaplan, der die Türhüter-Parabel erzählt, fragt nicht ohne Grund: „Siehst du denn nicht zwei Schritte weit?“

Das sagt etwas über das Verstehen aus. Denn Verstehen ist Arbeit, der keine instrumentelle Logik entspricht. Verstehen auf die Beherrschung und Durchdringung der Welt zu reduzieren, scheitert. Kafkas Figuren arbeiten keine Sekunde als Landvermesser oder Bankangestellte, übertragen aber die instrumentelle Logik der Moderne in das Verstehen. Beides will nicht funktionieren, und so oszillieren Kafkas Sätze zwischen buchstäblicher und einer darüber hinausweisenden Sprache, deren Spannung sich in der Logik der instrumentellen Vernunft nicht fassen lässt. Jede Deutung durchkreuzt sich in dem Moment, in dem sie sich setzt, und jede menschliche Geste der Figuren sät Zweifel über das gebrochen gesprochene Wort.

Das aber ist der Reiz eines einhundert Jahre währenden Rätsels. Kafkas Worte verweigern sich der Vereinnahmung und sind so im besten Sinne in einer Zeit ökonomischer Zweckrationalität fast nutzlos. Darin liegt ihr emanzipatorischer Gehalt: Nutzlos in einer Welt zu sein, die notwendig zufällig dem zweckrationalen Wahn folgt, deutet schon fast auf einen menschlichen Zustand hin, in dem der Mensch kein Mittel zum Zweck mehr wäre.

Ioannis Dimopulos (Jahrgang 1997) ist Doktorand am Department of German Studies der Brown University in Providence, Rhode Island. Dort arbeitet er zu Fragen der Literaturtheorie und der Philosophie Theodor W. Adornos



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Von Veritatis

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