Die Idee des „authentischen Pop“ kommt einem heute erschreckend normal vor, dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Künstler*innen in der Regel Interpret*innen waren. Text und Musik wurden woanders geschrieben.

Die Komposition lief durch unzählige Ohren, Augen und Hände, wurde gedreht, gewendet und beurteilt – um dann aufgeführt zu werden. Megastars wie Taylor Swift wollen heute wieder nahbar sein, vielleicht sogar nachvollziehbar, kaschieren also, dass sie – selbst, wenn sie wie Swift jeden Song selbst schreiben – letztlich ein Ende des langen Arms der Musikindustrie sind, die sie auf Welttournee schickt und zu Millionär*innen macht.

Was heißt dann noch „authentisch“, wenn man, wie die US-Künstlerin Billie Eilish, mit 22 Jahren eine geradezu groteske Menge an Preisen und Rekorden vorweisen kann, schon jetzt als eine der erfolgreichsten Künstler*innen der vergangenen Dekade gilt? Zwei Oscars gewann die Sängerin allein für ihre Filmsongs No Time To Die (2020) für den gleichnamigen Teil der James-Bond-Reihe und What Was I Made For? (2024) für Barbie. Letzterer nahm das Dilemma der Echtheit auf, katapultierte es aus dem Barbie-Universum in das Leben einer jungen Frau, der nicht mehr klar sein kann, was wirklich zu ihr gehört – und was nur Interpretationen mimt, die eine Weltöffentlichkeit an ihr vornimmt.

Billie Eilish: Ich bin noch die Alte

„Echt“ ist in so einer Welt nicht viel, und deswegen ist es schon fast zum zwanghaften Ritual geworden, dass Künstler*innen mit jedem neuen Album auch einen Imagewechsel ihres „authentischen Selbst“ verkünden, um bloß nicht wie eine weitere Instanz ihrer Verwertung zu wirken.

Nicht so Billie Eilish: „The old me is still me and maybe the real me“, das alte Ich ist das Gleiche und noch immer wahre, heißt es in Skinny, dem ersten Song ihres neuen, dritten Albums Hit Me Hard and Soft. Nicht nur da spielt Billie Eilish nicht mit: Während andere teils über Monate vorab Singles ihrer Neuveröffentlichung auskoppeln, um den Durst der Algorithmen nach permanenter Neuheit zu stillen, erschien hier im Vorfeld so gut wie kein Ton. Die Künstlerin wollte, so schrieb sie, ihren Fans „alles auf einmal“ und nichts „außerhalb des Kontexts“ geben. So darf das Intro Skinny fließend in Lunch übergehen, das mit seinem funkigen Beat, dem leichten Uptempo und der klaren Struktur am ehesten hätte eine Single sein können.

Eingebetteter Medieninhalt

Aber nein, so ganz „ohne Kontext“ wird das nicht geschehen sein, dass die Sängerin Wochen zuvor in einem Interview über ihre sexuelle Zuneigung zu Frauen sprach, den Song mit der Zeile „I could eat that girl for lunch“ als einen bezeichnete, der ihr „geholfen hat, echt zu sein“.

Wenngleich viele Medien ihre Äußerung zum queeren Coming-Out hochjazzten, führt Lunch die Einordnung an der Nase herum, weil es Kategorien unangetastet lässt, vielmehr elegant ein latentes, spektrumartiges Begehren zum Ausdruck bringt. Darin dürfen sich die Hörer*innen ganz unkategorial wiederfinden: „It’s a craving, not a crush“ – Verlangen, nicht gleich Verliebtheit. Einmal mehr drückt sich insbesondere hier, aber auch auf vielen weiteren Songs des Albums das Produktionstalent von Billie Eilishs Bruder Finneas aus, mit dem sie seit jeher fast immer nur zu zweit arbeitet. Gelegentlich taucht ihre nunmehr sehr dynamische Stimme ab, um dann wieder in voller Klarheit hinter einer Wand aus Filtern hervorzustrahlen.

Regeln sind da, um gebrochen zu werden

Noch so eine gebrochene Regel: Kein Feature, keine einzige Gaststimme gibt es auf Hit Me Hard and Soft, dafür laufend neue, echte und falsche Versionen der Sängerin selbst. Am stärksten zeigt das L’Amour de La Vie, das sich in fünf Minuten mehrfach grundlegend wandelt und die emotionale Vielschichtigkeit einer enttäuschten Liebe simuliert: sanfte und kräftige Wut, Schmerz, Momente plötzlichen Zweifels wie Klarheit. Wenn der Song dann gegen Ende in einen veritablen Clubtrack entgleitet, wird deutlich, dass Eilishs Ankündigung, das Album so zu schreiben, als würde es niemals jemand zu hören bekommen, keine pseudoauthentische Phrase gewesen sein könnte. Die Art, Songs zuweilen mittig kaputtgehen zu lassen, um sie als etwas Anderes wiederzubeleben, verwandelt einige der besten Momente auf Hit Me Hard and Soft auf angenehme Art und Weise in fürs Radio untaugliche. Ob inszeniert oder nicht, Songs wie das leichtfüßige, leicht schräge Bittersuite klingen gelegentlich so, als hätte man Eilish und ihren Bruder tatsächlich bei der gemeinsamen Improvisation gestört. Am Ende entpuppt sich jede gefühlte Beiläufigkeit aber immer als kristallklar polierte Perle.

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Spätestens an dieser Stelle erübrigen sich Vergleiche mit Anderen „in ihrer Liga“, also der popmusikalisch höchsten. Hit Me Hard and Soft führt seine Hörer*innen durch dutzende kleine Schichten wie das Messer durch eine große, bunte Torte: harte und sanfte, wie der Titel es verspricht, aber auch verkopfte und verspielte, verletzliche, verteidigende und verrückte. Nie verliert das Album aber über knapp 43 Minuten Spiellänge seine ganz eindeutige, leicht dunkle Farbe, vor allem durch sein überragendes, übergreifendes Sounddesign.

Was nun echt ist und was gestellt, was wie gestellt wirken soll und was wie real, damit haben die Fans von Billie Eilish nun wieder eine Weile zu tun. Der Popstar selbst darf es sich mit Hit Me Hard and Soft weiterhin auf dem Thron gemütlich machen – mit Blick auf die Liga der Anderen in weiter Ferne.

Hit Me Hard And Soft Billie Eilish Darkroom/ Interscope 2024



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Von Veritatis

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