Neulich, ich will gerade einen wichtigen Anruf entgegennehmen, poppt mit schrillem Ton ein Virus auf dem Handy auf. Er tarnt sich als „WARNUNG“ vor „Extremer Gefahr“. Um herauszufinden, worin die extreme Gefahr besteht, soll ich auf einen Link klicken.

Also bitte: Für wie doof halten die mich? Ich klicke doch nicht auf Links, über denen „Extreme Gefahr“ steht! Aber wie komme ich sonst an meinen Anruf ran? Weg-xen wird nicht angeboten. „OK“ könnte ich klicken oder weiter unten künftige Viren- beziehungsweise Warnmeldungszustellungen abbestellen. Garantiert eine Falle. Ich klicke auf „OK“, das scheint mir der Button mit der geringsten Verbindlichkeit zu sein. „Hallo“, erlöse ich den Anrufer und: „Entschuldigung, ich glaube, ich habe einen Virus auf dem Handy!“

„Oh“, tönt es mir betroffen entgegen. – „Ach so, nein, der überträgt sich sicher nicht übers Telefon. Nur: Falls ich gleich weg bin und dann nicht mehr zu erreichen …“ – „Ah“, höre ich. Nun ja. Nach dem Ende des Telefonats geht mein Handy immer noch. Komisch. Ich google also nach dem Virus hinter „Extreme Gefahr“. Im Internet sind viele Dummies drauf reingefallen.

Die Warnung komme von der Berliner Feuerwehr, ein Brand in Lichterfelde, giftige Dämpfe, womöglich Blausäure in der Luft. Ganz schön ausgefeilte Backstory, denke ich. Mich interessiert aber: Was zum Geier richtet das Ding auf meinem Handy an? Dazu finde ich nichts. Nachdenklich schaue ich aus dem Fenster. Eine Gruppe Kinder zieht vorbei, alle haben ihre T-Shirts über die Nasen gezogen. Hm. Wie weit ist Lichterfelde von hier? Ich checke zur Sicherheit noch mal die News. Langsam dämmert mir, dass ich selbst der Dummie bin: Die Warnung scheint echt zu sein.

Andererseits: Heißt das, dass ich jetzt in extremer Gefahr bin? Helfen T-Shirts dagegen? Noch ist keines der Kinder da draußen umgefallen. Kann es sein, dass man bei extremer Gefahr nur noch eine Handymeldung bekommt? Ist das eine Sparmaßnahme? Müsste nicht wenigstens eine Sirene angehen, müssten nicht Leute in weißen Schutzanzügen Flatterbänder verhängen? Ohne Flatterbänder fällt es mir sehr schwer, an eine extreme Gefahr zu glauben. Im Internet sehe ich zudem, dass die gefährliche rote Wolke mich noch nicht erreicht hat. Ich beschließe also, die extreme Gefahr fürs Erste zu ignorieren. Natürlich werde ich das weiterverfolgen. Klar.

Wenn nun Sie, liebe Berliner Feuerwehr oder sonstige Zivilschutz-Organisationen, das zufällig lesen, kommen Sie bloß nicht auf die Idee, bei der nächsten Warnmeldung nachzuschärfen. Etwa: „ALARM! Klicken Sie auf den Link, sonst STERBEN SIE. Wir kommen nicht mit Flatterbändern vorbei! Wir sagen auch nicht, was für eine extreme Gefahr Ihnen droht, was Sie tun sollen oder wie Sie sterben werden. Nur dass Sie sterben werden, wenn Sie nicht in 5, 4, 3 … Sekunden auf den Link klicken.“ Das würde ich nämlich noch weniger glauben.

Falls wirklich mal eine extreme Gefahr droht: Beschwichtigen Sie bitte! Dann weiß ich, es ist ernst. Eine effektive Scam-geprüfte Gefahrenwarnung hört sich meiner Meinung nach so an: „Bleiben Sie ruhig! Brand in Lichterfelde. Alles unter Kontrolle. Es besteht derzeit keinerlei Gefahr, dass Blausäure-Dämpfe vor Ihrem Fenster vorbeiziehen. Ihre Feuerwehr.“ Eine derartige Meldung würde mich sogar ohne Flatterbänder davon überzeugen, dass ich einen Keller aufsuchen sollte.

Die Ratgeberin

Susanne Berkenheger war früher Netzliteratin (Zeit für die Bombe) und Satirikerin (SPAM bei Spiegel online). Für den Freitag schreibt sie sehr gerne ihre monatliche Kolumne „Die Ratgeberin“.



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert