Projektion Fußball ist heute ein technisches Wunderwerk, vermessen mit einer Präzision, die sich von unserer Wahrnehmung völlig abkoppelt. Über die Faszination und das Glück, wenn ein Tor fällt


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Im Fußball wird jetzt jeder Millimeter vermessen

Im Fußball wird jetzt jeder Millimeter vermessen

Foto: Alex Grimm/Getty Images

Ereignisse sind das, worum es im Leben geht. Dazu gehört der für die „eigene“ Mannschaft erfolgreiche Torschuss. Oder wenn man sich verliebt und es erwidert wird. Oder man kommt auf einen neuen Gedanken. Löst ein auch praktisch wichtiges Problem. Eine Gruppe von Menschen, die lange vergeblich an einem politischen Umschwung gearbeitet hat, erreicht ihn plötzlich. Oder eine Niederlage ereignet sich: bei einem Fußballspiel, beim Versuch, ein Wahlamt zu erringen. Aber diese Ereignisse gehören in zwei verschiedene Klassen. Fußballereignisse sind ein Beispiel dafür, dass sich etwas an einer bestimmten „Raum-Zeit-Stelle k“ ereignet und genau so auch erlebt wird. Ob in der 1., 37. oder 79. Minute, kann man vorher nicht wissen und hint

interher nicht erklären. Auch wenn der Spielaufbau gerade einmal gut war, ging der Schuss, und sei’s von Mbappé, doch haarscharf vorbei. Vorbei an jenem genau bestimmten Raum des Torgehäuses, in den er hätte eintreten sollen.Das ist ganz anders, wenn man ein gedankliches Problem, mit dem man lange gerungen hat, plötzlich löst. Auch das geschieht zwar in der physikalischen Raumzeit, aber diese trägt zur Problemlösung gar nichts bei. Das tut sie zwar auch nicht dafür, dass der Torschuss gelingt, ist aber dennoch beim Fußball das Faszinierende: Kommt er noch innerhalb der 90 Minuten? Die letzten Sekunden laufen! Und wird der Ball in jenen Raum passen? Beim Problemlösen erlebt man die Zeit anders, wenn wir einmal davon absehen, dass es für viele Arten von Problemen standardisierte Problemlösungsverfahren gibt. Wiederum gibt es die auch im Fußball, die „Standardsituationen“ wie Eckball oder Freistoß. Doch Fußball wäre nicht faszinierend, hieße Standard hier, dass solche Situationen immer erfolgreich enden. Nein, gerade darin, dass sie es nicht tun, ähneln sie den Situationen außerhalb des Spielfelds: So wie ein Tor „nicht fallen will“, gelingt es mir nicht, die Liebe dieser Frau zu erringen – she doesn’t fall in love – oder kommt keine Versöhnung zustande, nachdem wir uns zerstritten hatten, oder ich überwinde mich nicht, dafür den ersten Schritt zu tun.Ist es nicht so, dass ich glücklich bin über Ereignisse der letztgenannten Art und deshalb auch, sekundär, über fallende Tore? Oder glaubt jemand, es sei umgekehrt? Wobei diese sekundäre Möglichkeit wunderbar ist, nicht nur als Fußball, sondern überhaupt in der Kunst, auch in anderer Kunst. Zum Beispiel das Lied „Michelle“ von den Beatles: Es zu hören, war in meiner Jugend ein Ereignis. Oder „Monday Monday“ von den Mamas und Papas. In beiden Liedern geht es um Liebe. Da singt einer, am Montagmorgen sei die Liebeswelt noch in Ordnung gewesen, aber jetzt am Abend … Das Schlimme war natürlich nicht, dass physikalische Zeit vergangen war. Der Ablauf, der zur Trennung führte, hatte seine eigene Logik und niemand würde auf die Idee kommen, wie beim Fußball, den Sekundenverlauf mitzuzählen. Oder auf nichts erregter zu achten als darauf, an welcher Stelle der einen oder anderen Wohnung die Frau steht, wenn sie sagt, sie gehe jetzt und komme nicht wieder.Eine Welt, in der das einzig mögliche Glück im Spielsieg von Fußballern bestünde, kann ich mir nicht vorstellen. Warum macht Fußball glücklich oder traurig, wenn nicht, weil er eine Projektionsfläche ist? Und umgekehrt gehört das zum Leben, dass wir auch Projektionsflächen brauchen. Sogar die Liebe wäre viel weniger Glück, wenn sie nicht auf etwas ausstrahlte, zum Beispiel auf die blühende Natur, die sie zurückzuspiegeln scheint.In dieser Zeitung wurde vor knapp einem Jahr ein Text von Lea Ypi veröffentlicht, der albanisch-britischen Philosophin, die bei den diesjährigen Berliner Benjamin Lectures auftrat; darin die Sätze: „Verkörperte Aniushka wirklich das Glück, oder ist es das Wesen des Glücks, dass sich unsere Vorstellung von ihm auf Dinge konzentriert, die von Natur aus unerreichbar sind?“ Aniushka war eine Puppe, von weitem geschaut. „Johann Wolfgang von Goethe dachte so. Das Glück, sagte er, ist ein Ball, dem wir hinterherlaufen, wohin er auch rollt, und wenn er liegen bleibt, stoßen wir ihn mit dem Fuß an. Ob Ball oder Puppe, mir leuchtet das ein.“ Das soll Goethe gesagt haben? Kann er denn schon das Fußballspiel gekannt haben? Aber auch wenn nicht, was wir worauf projizieren, ist klar.Entfaltung der OberflächeIndessen ist Fußball eine Projektionsfläche besonderer Art: Ereignisse, ersehnt oder gefürchtet, gefügt in nackteste Physik! Das genau ausgemessene Spielfeld, die gnadenlos verrinnende Zeit von genau 90 Minuten. Was sich noch immer mehr zuspitzt: Der Ball, den Goethe naiv anstieß, wenn es denn stimmt, was Ypi erzählt, ist jetzt ein technisches Wunderwerk. Ein Messinstrument, eine Künstliche Intelligenz. Seine inneren Sensoren und die perfektionierte Außenhaut vermessen die fußballerische Raumzeit mit einer Präzision, die sich von unserer Wahrnehmung völlig abkoppelt. Zum Beispiel, dass jemand zwei Zentimeter im Abseits war. Wie kann uns denn so eine Technik-Physik faszinieren, die wir nicht einmal wahrnehmen? Aber dass uns fasziniert, was wir wahrnehmen, ist schon erstaunlich genug. Wir zittern der laufenden Uhr nach, den Sekunden, als würden wir verdursten, entdeckten wir nicht ganz zuletzt den Wüstenquell, wie in der „Bürgschaft“ von Schiller.Stellen Sie sich vor, in Ihrem Arbeitsbüro stünde immer auch einer, der Ihnen zuguckt und darauf wartet, wann Sie denn nun endlich den erteilten Auftrag gemeistert haben, und Sie beide schauen dabei immerzu auf eine große an der Wand hängende Uhr, genauer gesagt auf deren Sekundenzeiger. Das kommt auch wirklich vor und macht die Sache nicht besser! Die Bürowelt immerhin hat sich von diesem Muster schon weit entfernt. Nicht so die Fußballwelt. Sie war seit je der Industriearbeit näher. Aber wir alle, die einem Match gern zugucken, nehmen diesen Zwang, auf den Sekundenzeiger gucken zu müssen, mit Begeisterung hin.Ebenso der begrenzte Raum. In der FAZ wurde kürzlich argumentiert, er müsse ja begrenzt sein, weil er eine besondere Welt von der üblichen unterscheide. Aber das klärt die Sache nicht. Das Golfspiel zum Beispiel, oder Boccia/Boule, seine volkstümliche Variante, sind auch eine eigene Welt, auch ohne dem Grenzzwang zu unterliegen. Näher schon würde der Vergleich mit einem heiligen Bezirk liegen. Und tatsächlich gab es Mannschaftsballspiele schon bei den vorstaatlichen Völkern. Sie waren religiös konnotiert. Aber diese Völker hatten vom Raum, begrenzt oder nicht, eine andere Vorstellung als wir. Unser Fußballfeld ist ja nicht nur nach außen begrenzt, sondern auch im Innern durchgerastert. Denken Sie an die Torlinie, den weiteren und engeren Torraum, an den Anstoßkreis, der immer einen Radius von 9,15 Metern hat, aber auch an die gegenläufige Rasenmähung, die es dem Fernsehpublikum erlaubt, den Ball im Gesamtraum immer genau zu verorten.Kurzum, das ist ein quantifizierter Raum, wie auch eine quantifizierte Zeit. Mit Heiligkeit, wie sie gedacht wurde, hat das nichts mehr zu tun. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht trotzdem eine sein könnte. Immerhin gilt seit Cusanus, dem ersten neuzeitlichen Theologen und Philosophen, dass Gott der Unendliche sei, und Cusanus dachte Unendlichkeit quantitativ, war der Erste, der sie in einer Art Grenzwertrechnung veranschaulichte. Aber wir wollen diese Spur nicht weiter verfolgen.Die genau begrenzten Räume und Zeiten kennen wir aus der Arbeitswelt. Für manche spielt da das Glück, durchaus aber nicht für alle. Trotzdem sind wir gerade vom Fußballspiel fasziniert, das dem gar nicht immer glücklichen Arbeitserlebnis viel mehr ähnelt als der Liebe oder glücklichem Denken. Das ist nicht schwer zu erklären. Nichts prägt uns eben mehr als die Arbeit. Und wenn sie heute in vielen Berufen, als Heimarbeit etwa, viel weniger stechuhr- und schulklassenraummäßig geworden ist, führt das nicht gleich zu einer generellen Umorientierung unserer Wahrnehmung. Vor allem deshalb nicht, weil dieses Physikalisch-Quantitative ein Grundzug unserer neuzeitlichen Kultur überhaupt ist. Das wird immer bleiben, solange diese Kultur bleibt. Ob das gut ist? Darüber nachzudenken, wäre wohl gut. All dem, schrieben Horkheimer/Adorno in den 1940er Jahren in der Dialektik der Aufklärung, was sich uns als „Tatsachen“ andient, sollten wir „nicht bloß ihre abstrakten raumzeitlichen Beziehungen abmerken, bei denen man sie dann packen kann, sondern sie im Gegenteil als die Oberfläche, als vermittelte Begriffsmomente denken, die sich erst in der Entfaltung ihres gesellschaftlichen, historischen, menschlichen Sinnes erfüllen“.Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als sei der Fußball das schlimmste Beispiel für Oberflächlichkeit in diesem Sinn und erziehe sein Publikum zu ihr. Aber ich glaube, das Gegenteil ist wahr. Das Publikum fokussiert sich auf die Raumzeit des Spiels, gerade weil es sieht – unbewusst, fasziniert eben -, dass das Fußballfeld und die Fußballuhr weiter nichts sind als eine Oberfläche, die so tut, als sei hinter ihr nichts, und weil es sich dagegen auflehnt. Genauer lehnen sich die Fußballspieler auf und das ist es, weshalb wir ihnen gern zusehen. Welch ein Glück, wenn ein Tor in allerletzter Sekunde fällt, wie jüngst im Spiel England gegen die Slowakei! Und wie oft ist es vorgekommen! Immer wieder auch in der letzten Bundesliga-Saison. Viele Kommentatoren haben es registriert und ganz rätselhaft gefunden. In so viele Zeitpunkte hätte das Tor gepasst, dem Raumzeitraster wäre es doch gleichgültig gewesen. Oder war da ein Widerstand des Rasters? Wer weiß. Das Tor fällt jedenfalls erst, wenn das Raster am Ende ist. Jetzt ist Schluss mit dir, du bloße Technik-Physik! Das sagt sich der Torschütze zwar nicht, aber es ist wahr.



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Von Veritatis

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