Hermeneutik nennt man die Kunst des Auslegens. Sie kommt nicht zu kurz in dieser fünfteiligen Dokumentation von Tim Evers, die zu Angela Merkels 70. Geburtstag am 17. Juli erscheint. Dass so viel Deutungsarbeit geleistet werden muss, erstaunt im ersten Moment, denn unter all den Vorgängern im Kanzleramt (nicht ihres Nachfolgers!) ist Angela Merkel diejenige, deren Machtausübung man sofort als alles andere als geheimnisvoll bezeichnen würde. So sagt sie einmal über ihr Politikverständnis: „Die Bürger erwarten von den Politikern eine Art Dienstleistung. Und die Dienstleistung besteht darin, die Probleme zu lösen.“ Unter denen, die Angela Merkel in dieser Doku zu erklären versuchen, ist sie selbst nicht die Ungenauste. Sie kennt sich eb

eben. Aber nicht nur das. „Sie kennen mich“: Dieser Spruch aus dem erfolgreichen Wahlkampf 2013 ist, worauf Samira El Ouassil hinweist, nur quasi wahr. Wohl signalisiert er eine Vertrautheit zwischen Merkel und den Wählern, die keiner großen Worte bedarf, verweist auf das Pragmatische an ihrer Machtausübung, das von vielen Auslegern betont wird. Aber es gilt im übertragenden Sinn auch ein Wort von Walter Benjamin: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner blickt es zurück.“Was das Volk in Gestalt eines Taxifahrers sagtDie Doku geht so nahe ran, wie es die Archive zulassen, und es gibt viel überraschendes Material aus den frühen Jahren. Wer erinnert schon, dass sie Pressesprecherin des Deutschen Aufbruchs (DA) war? Als Pfarrerstochter in der DDR ist sie unter „besonderen Verhältnissen groß geworden“, sagt ihr Mentor beim DA, Rainer Eppelmann. Um Physik studieren zu können und nicht Theologie zu müssen, geht sie in die SED. Dieser Mix aus Anpassung und Konventionsbruch begleitet ihren Aufstieg in der CDU; immerhin musste sie sich gegen den Knochen Roland Koch durchsetzen. Um an die Macht zu kommen, so der Tenor, hat sie sich doppelt unsichtbar gemacht: als Frau und als Ostdeutsche. Letzteres wurde auch im Osten oft so wahrgenommen: Als sie 2000 die Therme in Templin eröffnet, will das Volk (in der notorischen Gestalt eines Taxifahrers) eine Verräterin an ihrer Herkunft erkennen.In den 16 Jahren der Kanzlerschaft versah sich dieses „Sie kennen mich“ für viele zunehmend mit negativen Vorzeichen: Klimaziele verfehlt, Appeasement-Politik mit Russland, schließlich die Öffnung der Grenzen für die syrischen Flüchtlinge 2015 und das folgende „Wir schaffen das“, das viele zur Weißglut trieb. Andererseits war da die Kritik an einer Kanzlerin, die auf die Bürger wie ein Sedativum wirkte.Merkel, die „angelernte Bundesdeutsche“?Ihre Sprache, die manchmal anmutet, als hätten die Worte zu lange auf der Wäscheleine gelegen, ist oft beschrieben worden. Trotzdem hinterlässt sie zwei bemerkenswerte Dokumente. Das eine ist ihr FAZ-Beitrag, in dem sie den Bruch mit ihrem Ziehvater Helmut Kohl vollzog, das zweite ihre Rede zum 3. Oktober 2021. Dort wurde sie überraschend emotional. Verurteilte, dass sie 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch als „angelernte Bundesdeutsche und angelernte Europäerin“ bezeichnet wird. Später, in einer Talkshow bei Giovanni di Lorenzo, wird sie sagen, dass solche Sätze in „Abgründe“ von Teilen der Republik blicken lassen.Sie ist da auf dem Abschied von der Macht, die Rede macht kein großes Aufsehen, aber sie trifft in die heutigen Debatten. Zum Zapfenstreich hat sie sich Du hast den Farbfilm vergessen von Nina Hagen gewünscht. „Sie kennen mich“: Insofern als in ihrer Gestalt die ungelösten Fragen deutscher Identität nach 1989 aufscheinen.



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Von Veritatis

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