Eine Würdigung Der Dichter und Revolutionär Erich Mühsam wurde 1934 im KZ von den Nationalsozialisten ermordet. Getreu dem Motto „Sich fügen heißt lügen“ kämpfte er mit seiner Frau Zenzl für eine bessere Welt. Konstantin Wecker erinnert an das Liebespaar


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Ausgabe 27/2024

Zenzl und Erich Mühsam (1924)

Zenzl und Erich Mühsam (1924)

Foto: Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

„Angst packt mich an.

Denn ich ahne, es nahen Tage

Voll großer Klage.

Komm du, komm her zu mir! –

Wenn die Blätter im Herbst ersterben

Und sich die Flüsse trüber färben

Und sich die Wolken ineinander schieben –

Dann komm, du, komm!

Schütze mich –

stütze mich –

Faß meine Hand an.

Hilf mir lieben!“

Was für eine Kraft, was für eine Aktualität haben diese Verse! Wir leben wieder in stürmischen Zeiten. Zwischen Hoffnung und Vernichtung. Deshalb möchte ich erinnern an Menschen, die mich persönlich schon seit meiner Jugend begleiten, mir stets Mut gemacht und mich ermutigt haben, nicht zu verzweifeln: Zenzl und Erich Mühsam. Sein Gedicht Angst packt mich an erschien 1914 in seinem Gedichtband

ner Jugend begleiten, mir stets Mut gemacht und mich ermutigt haben, nicht zu verzweifeln: Zenzl und Erich Mühsam. Sein Gedicht Angst packt mich an erschien 1914 in seinem Gedichtband Wüste – Krater – Wolken. Erinnern wir uns an jene, die uns vorausgegangen sind auf der utopischen Suche nach einer besseren Welt für alle Menschen.Der von mir über alles bewunderte Dichter, Revolutionär, Anarchist und Pazifist wurde vor 90 Jahren nach 16-monatiger KZ-Haft und Folter von der SS am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Dass sein Tod nicht wie der von vielen Revolutionären und Revolutionärinnen offiziell als „Selbstmord“ deklariert werden konnte und wir die wunderbaren Gedichte und Texte von Mühsam überhaupt lesen und lieben können, haben wir dem Mut seiner geliebten Frau und politischen Gefährtin Zenzl zu verdanken. Die wenigsten erinnern die ganze Zeile von Mühsams Gedicht: „Doch ob sie mich erschlügen: Sich fügen heißt lügen.“ Dieses Gedicht, Der Gefangene,und seinen Revoluzzer habe ich sehr gerne vertont und singe die Lieder in letzter Zeit wieder sehr oft.Wir müssen uns erinnern und verdammt aufpassen. Immer mehr Länder in Europa werden von Faschisten und Rassisten regiert, und Konservative kuscheln schon wieder mit Rechten und Nazis.Sie waren ein starkes Paar. Zenzl und Erich Mühsam. Tief verbunden in ihrer Liebe und in der Liebe zur Kunst. Aber auch in ihrem unbeugsamen Widerstandsgeist als Anarchist*innen und libertäre Kommunist*innen im gemeinsamen Einsatz für eine bessere Welt.Erich Mühsam wird als Kind jüdischer Eltern am 6. April 1878 in Berlin geboren und wächst mit zwei Schwestern und einem Bruder in Lübeck auf, wo sein Vater als Apotheker arbeitet. Früh entflieht Erich seinem reaktionären Elternhaus, hinaus in die Welt der Kunst und Politik – lernt in Berlin unter anderem Else Lasker-Schüler und Gustav Landauer, in Wien Roda Roda und Karl Kraus kennen. 1908 zieht er nach München, trifft auf Frank Wedekind, Franziska Gräfin zu Reventlow, Heinrich Mann, Joachim Ringelnatz und viele andere.Kreszentia Elfinger, wie Zenzl eigentlich heißt, wird als fünftes Kind der verarmten Gastwirte und Hopfenbauern Creszentia und Augustin Elfinger am 27. Juli 1884 in Haslach bei Au in der Hallertau geboren. Halbes Kind noch, wird sie nach München „in Stellung gegeben“. In der Regel bedeutete das für Zehntausende arme Mädchen vom Land nicht nur die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch die Reichen, sondern auch die völlige Rechtlosigkeit und ein Leben in sexualisierten Gewaltverhältnissen. Den Vater wird Zenzl nie mehr erwähnen. Am 15. September 1915 heiratet sie Erich Mühsam; in die Ehe bringt Zenzl ihren Sohn Siegfried, dessen Vater sie öffentlich nie preisgegeben hat. Erich wird mit sofortiger Wirkung von seinem Vater enterbt.Zenzl und die RäterepublikAm 7. November 1918 fordert eine riesige Menschenmenge auf der Münchner Theresienwiese die sofortige Beendigung des Krieges und protestiert gegen Monarchie und Militarismus. Die Rolle Erich Mühsams in dieser Revolutionsnacht ist zumindest in der Linken halbwegs bekannt, doch die Bedeutung von Zenzl muss erst noch in eine emanzipative Geschichtsschreibung Eingang finden. Aber lassen wir die Revolutionärin am besten selbst erzählen. Am 25. November 1918 berichtet Zenzl Mühsam in einem Brief an den dänischen Schriftsteller Martin Andersen Nexø und dessen Frau Grethe über die Nacht der Revolution:„So stiegen wir in die Linie 2, um zu sehen, ob an der Türkenkaserne nichts los ist. Da war ein Lastauto mit Soldaten, die die Kaserne stürmen wollten. Wie wir hinkamen, wurde gerade mit Gasgranaten geworfen. (…) Wir kamen gerade in diesem kritischen Moment, ich sprang auf das Verdeck des Autos, nahm die rote Fahne und schrie ,Hoch der Friede und die Revolution‘. (…) Die Soldaten kamen zurück und dann zogen wir Mühsam rauf, der eine wundervolle Rede an die Soldaten richtete.“Mühsam ist der Erste, der etwa gegen drei viertel sechs vor der Türkenkaserne ausruft: „In diesem Augenblick proklamieren wir Bayern zur Republik, geleitet von seinen Arbeiter- und Soldatenräten.“Ob ich es noch erleben werde, dass Kinder erfahren, dass es Anarchist*innen, Künstler*innen und Sozialist*innen waren, die Bayern zum Freistaat gemacht haben? Es war weder die CSU noch Söder & Co. Wir sollten uns aber auch daran erinnern, dass fast alle sozialen und politischen Rechte, die wir heute wieder verteidigen müssen, damals in der Rätezeit von Menschen wie Mühsam erkämpft worden sind: die Abschaffung der Zensur, die Einführung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, der Achtstundentag, das Streik- und Koalitionsrecht, Abschaffung von Sonntagsarbeit, die Einrichtung von Betriebsräten …Nach der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterevolution Anfang Mai 1919 wird Erich Mühsam zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, sein Freund und Genosse Gustav Landauer von den präfaschistischen Freikorps sofort nach der Festnahme in Stadelheim fast zu Tode geprügelt, von Schüssen niedergestreckt und, als er immer noch atmet, in den Tod gestiefelt, wie es Faschisten bis heute machen.Zenzl organisiert Hilfsaktionen in der „Frauenhilfe für politische Gefangene“. Sie sammelt Gelder, um Rechtsanwälte zu bezahlen, schickt Lebensmittelpakete und unterstützt die mittellosen Angehörigen der von den „Weißen Truppen“ Getöteten.In fast allen bürgerlichen Zeitungen ergießt sich eine Flut an Schmähungen, Verleumdungen und antisemitischem Hass über die Räterepublikaner. Die Hetze ist maßlos. Zenzl figuriert in der Presse als „Flintenweib“ und als „Spartakistenhure“. Trotzdem reist sie durch Deutschland, um bei Versammlungen der „Roten Hilfe“ überall Freiheit für die politischen Gefangenen zu fordern.Nach seiner vorzeitigen Freilassung bleiben Zenzl und Erich Mühsam nur noch acht gemeinsame Jahre. Voll des Engagements gegen den immer stärker werdenden Faschismus. In der Nacht nach dem Reichstagsbrand wird Erich verhaftet. Die Fahrkarten für die gemeinsame Flucht hatte er am Abend zuvor endlich besorgen können. Dass es so lange gedauert hat, lag nicht nur am fehlenden Geld.Im Morgengrauen des 28. Februar 1933 holen die Nazis ihn und 20.000 weitere Antifaschist*innen ab. Die umfangreichen Adressenlisten stammen aus den Akten der Politischen Polizei der Weimarer Republik. Auch daran sollten wir uns heute erinnern, in Zeiten, wo sich Rassisten und Faschisten wieder in Behörden und Parlamenten breitmachen.Am 10. Juli 1934 wird Erich Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg bei Berlin zu Tode gefoltert. Er ist 56 Jahre alt. Es ist Zenzls Mut zu verdanken, dass Erich obduziert wird und die Propaganda, Mühsam habe sich erhängt, widerlegt werden kann. Die beiden sind auch eine Herausforderung für mich, für uns alle: Hätten wir den Mut, so konsequent und standhaft zu bleiben?Von der US-amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson erhält Zenzl die Nachricht, dass sie unmittelbar nach der Beerdigung ihres Mannes von der Gestapo verhaftet werden soll. Sie kann ihren Geliebten wie so viele Revolutionär*innen weltweit noch nicht einmal in Würde zu Grabe tragen. Zenzl flieht nach Prag – ohne Pass und nur mit einem kleinen Rucksack. Erichs Werk lässt sie auf geheimen Wegen aus Deutschland schmuggeln. Dann muss sie weiter fliehen. Eine Einladung führt sie in die Sowjetunion.Fast 20 Jahre verbringt sie in stalinistischen Gefängnissen, Lagern und unter Hausarrest in der Verbannung. Keiner der früheren Genossen von der Roten Hilfe hilft ihr. Erst im Juni 1955 kann Zenzl in die DDR ausreisen und erkämpft, von der Stasi überwacht, die Veröffentlichung der Werke Erich Mühsams. Am Internationalen Frauentag, dem 8. März, 1962 stirbt Zenzl Mühsam im Alter von 77 Jahren in Ostberlin. Sie erhält ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Heute liegt sie neben Erich Mühsam auf dem Dahlemer Waldfriedhof.Erich Mühsams Gedichte begleiten mich bereits seit fast 70 Jahren auf meiner Suche nach Utopia, auf meiner aufregenden Reise in eine herrschaftsfreie Welt voller Sehnsüchte und Träume von einem besseren Leben. Mühsam hat mich ermutigt, gegen die alten Faschisten, die ich noch als Lehrer erleiden musste, zu rebellieren. Und Mühsam hat mich in den 1970er Jahren dazu ermutigt, meinen künstlerischen Weg als Anarchist zu gehen – und mich nicht von marxistisch-leninistischen, maoistischen oder trotzkistischen Kadern der vielen Parteisekten als Hofsänger missbrauchen zu lassen. Die Kunst muss frei sein und autonom. Und Lieder sollten niemals die Kopie verblendeter Parteiprogramme sein.Alles, was menschengemacht ist, lässt sich von Menschen verändern, wenn wir es nur wollen. Und in vielen Momenten ist Utopia schon längst da, lasst es uns spüren und hören. Doch jene Kräfte, die all das zerstören wollen, trauen sich wieder selbstbewusst in die Öffentlichkeit, auch in meinem Sehnsuchtsort Italien, wo mich ein Porträt von Erich Mühsam und die Aktualität seiner Verse stets begleiten. Wie diese visionären Zeilen aus seinem Gedicht Töff töff – Hurra!:„Holla, holla, Polizei! Halte Platz und Straßen frei, dass das Auto nicht mehr weichen oder stolpern über Leichenbraucht, denn das gab erst Geschreiund ’ne Straßenschweinerei.“Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis

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