Im Gespräch mit Pepe Escobar auf der Sendung „Judging Freedom“ von Andrew Napolitano zeichnet sich ein bemerkenswertes Bild der globalen Machtverschiebung ab. Während Donald Trump in Peking auf einen diplomatisch kühlen Empfang stößt, spricht Escobar von einem historischen Wendepunkt: China, Russland und Iran koordinieren ihre Strategien längst auf höchster Ebene – während Washington laut ihm weiterhin in alten Machtmustern denkt. Das Interview entwickelt sich zu einer schonungslosen Analyse des Niedergangs westlicher Dominanz, der Neuordnung Eurasiens und eines Weißen Hauses, das in Peking offenbar ohne echte Karten auftrat.
Bereits die ersten Minuten von Donald Trumps Ankunft in Peking seien laut Escobar eine symbolische Machtdemonstration Chinas gewesen. Nicht Präsident Xi Jinping empfing Trump am Flughafen, sondern lediglich ein Funktionär. Für China sei das kein Zufall gewesen, sondern ein bewusst gesetztes Signal. Escobar beschreibt die chinesische Diplomatie als Meister der Symbolik und Protokolle – und genau dort habe Peking dem amerikanischen Präsidenten seine neue Stellung in der Weltordnung demonstriert.
Besonders auffällig sei laut Escobar der direkte Vergleich zu früheren Staatsgästen gewesen. Als etwa Kim Jong-un China besuchte, wurde er persönlich von Xi Jinping empfangen und in einer großen Kolonne durch Peking eskortiert. Selbst Vladimir Putin erhielt einen Empfang auf höchstem Niveau. Trump hingegen stand sichtbar irritiert auf dem Rollfeld – ein Bild, das laut Escobar in China sofort verstanden wurde.
Später habe Xi zwar große Höflichkeit gezeigt, insbesondere beim Staatsbankett in der Großen Halle des Volkes. Doch auch das interpretiert Escobar nicht als Zeichen von Unterordnung, sondern als Ausdruck jahrtausendealter chinesischer Diplomatie: höflich, kontrolliert, aber vollkommen dominant. Die amerikanische Delegation sei davon regelrecht „mesmerisiert“ gewesen.
Besonders brisant waren laut Escobar die Aussagen Xi Jinpings während der Gespräche. Xi sprach von einer „Transformation, wie sie seit einem Jahrhundert nicht gesehen wurde“, die sich weltweit beschleunige. Für Escobar war dies nichts anderes als eine offene Beschreibung des Endes der westlich dominierten Weltordnung.
Xi habe außerdem erklärt, die internationale Lage sei „fließend und turbulent“. Escobar deutet dies als diplomatisch elegante Kritik an den Kriegen und der chaotischen Außenpolitik Washingtons – insbesondere am Krieg gegen Iran. Während China strategisch denke, handle das amerikanische Imperium laut ihm nur noch taktisch und kurzfristig.
Von besonderer Bedeutung sei Xi Jinpings neuer Begriff für die zukünftigen Beziehungen zwischen China und den USA gewesen: „konstruktive strategische Stabilität“. Escobar bezeichnet diese Formulierung als den eigentlichen Kern des Gipfels. China wolle Konkurrenz mit den USA – aber innerhalb klarer Grenzen und auf Basis gegenseitiger Stabilität. Doch genau dazu sei Washington nach Escobars Ansicht strukturell gar nicht mehr fähig.
Er beschreibt die Vereinigten Staaten als „Imperium des Chaos“: destruktiv statt konstruktiv, taktisch statt strategisch, destabilierend statt stabilisierend. Genau deshalb zweifle Peking daran, dass die Trump-Regierung diese chinesische Vision überhaupt verstehen könne.
Laut Escobar sei Trump nicht primär wegen Handel oder Diplomatie nach China gereist. Das eigentliche Ziel sei gewesen, Xi Jinping dazu zu bewegen, Druck auf Iran auszuüben. Washington habe gehofft, China könne Teheran dazu drängen, amerikanische Forderungen zu akzeptieren – Forderungen, die Escobar offen als „Kapitulation“ bezeichnet.
Doch genau hier habe Washington laut Escobar die geopolitische Realität nicht verstanden. Die Beziehungen zwischen China, Russland und Iran seien längst zu einer hochkomplexen strategischen Achse geworden. Er verweist auf zahlreiche Treffen zwischen iranischen, russischen und chinesischen Spitzenpolitikern. Außenminister Abbas Araghchi habe kurz zuvor sowohl Moskau als auch Peking besucht, wo Gespräche mit Wang Yi und Sergey Lavrov stattfanden.
Escobar beschreibt dies als ineinandergreifende strategische Partnerschaften, die auf die Integration Eurasiens und den Aufbau einer neuen internationalen Ordnung abzielen – genau das Gegenteil dessen, was Washington anstrebe.
Eine der überraschendsten Aussagen Escobars betrifft Taiwan. Zwar habe Xi Jinping Trump unmissverständlich klargemacht, dass Taiwan eine innere Angelegenheit Chinas sei und eine absolute rote Linie darstelle. Doch laut Escobar sei Taiwan selbst in Peking längst nicht die größte Sorge.
In Gesprächen mit dem chinesischen Medienmanager Li Bo von der unabhängigen Analyseplattform Guancha habe er erfahren, dass China vor allem die Wiederbewaffnung Japans alarmiere. Während westliche Medien fast ausschließlich über Taiwan sprechen, beobachte Peking laut Escobar mit größter Sorge die militärische Entwicklung Tokios.
Die historische Erinnerung an die japanische Besatzung Chinas und Südostasiens sitze tief. Laut Escobar betrachten chinesische Eliten Japans aktuelle Militarisierung als potenziell weit gefährlicher als amerikanische Waffenlieferungen an Taiwan. Selbst ein mögliches US-Waffenpaket über elf Milliarden Dollar für Taiwan werde in Peking vergleichsweise gelassen betrachtet.
Besonders deutlich äußert sich Escobar zur militärischen Lage Irans. China und Russland hätten zwar kein Interesse an einem nuklear bewaffneten Iran, doch gleichzeitig verstehe man in Peking die iranische Position vollkommen.
Iran habe laut Escobar bereits bewiesen, dass moderne Kriege heute anders entschieden werden: durch Drohnen, ballistische Raketen und asymmetrische Fähigkeiten. Genau deshalb brauche Teheran keine Atomwaffen.
Gleichzeitig warnt Escobar jedoch: Sollten amerikanisch-israelische Angriffe weitergehen, könnte sich die iranische Haltung ändern. Innerhalb des iranischen Systems gebe es Kräfte, die eine Neubewertung der Nuklearstrategie fordern könnten.
Einer der schärfsten Momente des Interviews betrifft die Wirtschaftsdelegation Trumps. Laut Escobar begleiteten sechzehn CEOs den Präsidenten nach China – Konzerne mit einer gemeinsamen Marktkapitalisierung von über zehn Billionen Dollar. Darunter Namen wie Elon Musk, Tim Cook und Jensen Huang.
Escobar zieht dabei einen historischen Vergleich: Früher seien Delegationen nach China gereist, um dem Kaiser Tribut zu zollen. Heute kämen die mächtigsten westlichen Technologiekonzerne nach Peking, weil sie auf chinesische Märkte, chinesische Produktionsketten und vor allem chinesische Seltene Erden angewiesen seien.
China sitze laut Escobar inzwischen am längeren Hebel. Ohne chinesische Rohstoffe und industrielle Kapazitäten könnten große Teile der westlichen Hightech-Wirtschaft nicht funktionieren. Genau deshalb seien auch hinter verschlossenen Türen Gespräche über Sanktionen und Seltene Erden geführt worden.
Trotz aller geopolitischen Stärke beschreibt Escobar die BRICS-Allianz überraschend kritisch. Zeitgleich zum Trump-Xi-Gipfel fand ein Treffen der BRICS-Außenminister in Neu-Delhi statt. Doch laut Escobar seien die inneren Widersprüche inzwischen enorm.
Iran und Indien stünden wegen der indisch-israelischen Beziehungen unter Spannung. Die Vereinigten Arabischen Emirate seien faktisch gegen Iran positioniert. Escobar spricht sogar davon, BRICS liege derzeit „im tiefen Koma“.
Trotzdem bleibe Russland der entscheidende Vermittler innerhalb dieses Blocks. Vor allem Sergej Lawrow müsse nun versuchen, die inneren Konflikte wieder zusammenzuführen.
Während der Westen obsessiv auf Trump schaue, sei China laut Escobar bereits mit ganz anderen Dingen beschäftigt. In Shanghai hätten Geschäftsleute Trumps Besuch kaum beachtet. Viel wichtiger sei der neue chinesische Fünfjahresplan.
Besonders bemerkenswert: China wolle seine Wirtschaft bis 2030 zu rund 70 Prozent direkt mit künstlicher Intelligenz verknüpfen. Doch anders als im Westen setze China laut Escobar auf ein offenes, breitenwirksames KI-Modell, das der gesamten Gesellschaft zugutekommen solle.
Parallel dazu bleibe die Belt-and-Road-Initiative – die Neue Seidenstraße – das zentrale außenpolitische Projekt Pekings. China denke langfristig, global und infrastrukturell, während Washington laut Escobar weiterhin in Kriegen und Sanktionen feststecke.
Zum Ende des Gesprächs geht Escobar auf einen Artikel des bekannten Neokonservativen Robert Kagan ein, der offen von einer strategischen Niederlage der USA und Israels gegen Iran spricht. Für Escobar ist dies hochbedeutend.
Wenn selbst Architekten der amerikanischen Interventionspolitik eingestehen, dass Washington die Kontrolle über die Folgen seines eigenen Krieges verloren habe, dann zeige das, wie tief der geopolitische Wandel bereits gehe. Allerdings warnt Escobar zugleich: Hinter solchen Artikeln könne auch der Versuch stehen, Netanyahu und Trump zu einer neuen Eskalation zu treiben.
Iran selbst gehe laut Escobar heute gestärkter aus dem Konflikt hervor als noch zu Beginn des Krieges. Die innere Geschlossenheit sei gewachsen, die militärische Führung habe aus Fehlern gelernt, und die strategische Abstimmung mit Russland und China sei enger denn je.
Pepe Escobars Analyse zeichnet das Bild einer Welt im Übergang: China präsentiert sich als geduldige, strategisch denkende Supermacht mit jahrtausendealter diplomatischer Tradition. Russland und Iran bilden gemeinsam mit Peking ein immer enger abgestimmtes geopolitisches Dreieck. Die USA hingegen erscheinen in dieser Darstellung zunehmend isoliert, taktisch und von kurzfristigen Interessen getrieben.
Der eigentliche Schock des Peking-Besuchs sei laut Escobar deshalb nicht das diplomatische Protokoll gewesen, sondern die Erkenntnis, dass Washington möglicherweise nicht mehr bestimmt, wie die globale Ordnung aussieht – sondern nur noch darauf reagiert.