Wolfgang Richter war als Oberst bei Bundeswehr wie NATO tätig und hat die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland früh kritisiert. Aber ist Trumps Tomahawk-Absage nicht eine Einladung zum Angriff an Russland? Ein Interview
Tomahawk-Marschflugkörper im Einsatz – hier am 21. März 2026 im Rahmen der Iran-Bombardierung durch die USA mit ihrer Operation „Epic Fury“
Foto: Picture Alliance/SIPA/US NAVY
„Fähigkeit zum ersten Schuss? Deutschland braucht keine neuen Mittelstreckenraketen“: So war Wolfgang Richters Beitrag im Freitag Ende 2024 überschrieben. Kanzler Olaf Scholz (SPD) und US-Präsident Joe Biden hatten im Sommer am Rande des NATO-Gipfels in Washington mal eben vereinbart, dass die USA Marschflugkörper in Deutschland aufstellen – eine Debatte über diese hochbrisante Entscheidung in Parlament und Öffentlichkeit war nicht vorgesehen. Wolfgang Richter, heute Oberst außer Dienst, war neben Rolf Mützenich einer der wenigen Kritiker des Stationierungsplans, die sich Gehör verschaffen konnten.
Jetzt ist der Plan dahin – Donald Trump hat die Tomahawk-Stationierung in Deutschland vorerst abgesagt. Was sagt Wolfgang Richter heute – da sich die Bundesregierung mit der Anschaffung und Aufstellung eigener weitreichender Waffen vor einer mutmaßlichen Bedrohung durch Russland zu schützen gedenkt? Richter hat in leitenden Funktionen für die Bundeswehr gearbeitet, unter anderem auch im NATO-Hauptquartier bei Brüssel und als Leiter des militärischen Anteils erstens der deutschen Delegation für die globale Rüstungskontrolle bei denVereinten Nationen und zweitens der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei derOrganisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Er hat immer wieder zur Sicherheitspolitik geforscht und veröffentlicht.
der Freitag: Herr Richter, die USA haben ihre Entscheidung, Tomahawk-Raketen in Deutschland zu stationieren, zurückgenommen. Welche Militärstrategie steckt dahinter?
Wolfgang Richter: Erstens haben die USA unter Präsident Trump ihre strategischen Prioritäten geändert. Dies geht auch aus der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie hervor, die im November 2025 veröffentlicht wurde. Zum Erstaunen der Europäer gilt nun der Schutz der westlichen Hemisphäre als erste Priorität. Dazu zählen die USA auch Grönland, was man in Europa am Anfang des Jahres schmerzlich erfahren musste. Zweitens wollen sich die USA stärker auf China als den eigentlichen geopolitischen Herausforderer konzentrieren, um dessen wachsende ökonomische und militärische Macht in Schach zu halten. Der sogenannte Schwenk nach Asien – „Pivot to Asia“ – wurde bereits von Präsident Obama auf den Weg gebracht und wird von der Trump-Regierung mit größerer Konsequenz fortgeführt.
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Die USA wollen das chinesische Raketenpotenzial an der Taiwanstraße eindämmen, das im Konfliktfall eine US-Intervention in der Region gefährden könnte. Dafür wollte Trump schon 2018 China dazu bewegen, dem INF-Vertrag beizutreten. Das ist gescheitert. Parallel dazu hat Washington Gegenoptionen aufgebaut, unter anderem fünf Multidomain Task Forces (MDTF), zu denen landgestützte ballistische Mittelstreckenraketen Dark Eagle und Marschflugkörper Tomahawk mit Reichweiten von 1.700 bis 3.000 Kilometern gehören. Drei der MDTFs sind für den asiatisch-pazifischen Raum vorgesehen, eine für Europa. Unter Präsident Joe Biden wurde 2021 die 2. MDTF in Wiesbaden stationiert. Auch sie verfügt über Tomahawks und Dark-Eagle-Hyperschallraketen, die aber derzeit noch im US-Bundesstaat New York stationiert sind. Sie werden nun offenbar nicht nach Deutschland verlegt.
Mit dem Ziel, einen strategischen Ausgleich mit Russland zu erreichen, ist die direkte Waffenhilfe der USA für die Ukraine nicht mehr vereinbar
Trump sucht im Gegensatz zu Biden Gespräche mit Wladimir Putin. Will die US-Regierung auf die Stationierung der Tomahawks in Deutschland verzichten, um bessere Verhandlungsgrundlagen mit Russland zu haben?
Das ist zu vermuten. Seit 15 Monaten versucht Trump, mit Russland bessere Beziehungen aufzubauen und einen strategischen Ausgleich zu finden, um sich auf die wichtigere geopolitische Herausforderung China konzentrieren zu können. Da stört der Ukrainekrieg; Trump will ihn beenden. Zugleich hält er die europäischen Bedrohungsvorstellungen gegenüber Russland für überzogen. Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA stellt fest, dass Europa konventionell den Russen deutlich überlegen sei. Sie widmet Russland nicht mal mehr ein eigenes Kapitel, sondern erwähnt es nur implizit im Kapitel „Europa“ als eine Bedrohungsperzeption der Europäer.
Zugleich fordert sie die Europäer auf, selbst mehr für ihre Verteidigung zu tun und sich vom Gedanken zu lösen, dass sich die NATO ständig erweitern werde. Mit dem Ziel, einen strategischen Ausgleich mit Russland zu erreichen, ist die direkte Waffenhilfe der USA für die Ukraine nicht mehr vereinbar. Es bleibt den Europäern überlassen, Waffen in den USA zu kaufen, sofern der Eigenbedarf der USA angesichts des Irankrieges dem nicht entgegensteht. Angesichts dieses Gesamtkontextes würde aus Sicht der USA die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland Russland unnötig provozieren.
Die USA haben zahlreiche Abrüstungsabkommen, darunter den INF-Vertrag und New Start, gekündigt. Sehen Sie Ansätze in der US-Regierung, dass es zu neuen Abrüstungskontrollen kommen könnte?
Die USA wollen nicht nur Russland, sondern auch China in die strategisch-nukleare Rüstungskontrolle einbinden. Ungelöst bleibt vorläufig, wie man ein Gleichgewicht zu dritt herstellt, in dem China nach dem Umfang seines Nuklearpotenzials der ungleich kleinere Partner wäre. Dazu ist China nicht bereit. Auch Moskau wird nicht in diesem Sinne auf China einwirken. Es verlangt aber für den Fall einer Teilnahme Chinas auch die Teilnahme Großbritanniens und Frankreichs. Denn zusammengenommen verfügen Paris und London über etwa so viele Nuklearwaffen wie Peking. Es dürfte also ein schwieriges Unterfangen werden, fünf Nuklearmächte an einen Tisch zu bekommen. Vor dem Hintergrund, dass Russland und die USA zusammen noch immer über etwa 90 Prozent aller Nuklearwaffen dieser Erde verfügen, erscheint mir die Annahme realistischer, dass am Ende die USA doch bilaterale Verhandlungen mit Russland starten werden. Dass sie dabei höhere Obergrenzen verlangen werden, um China in Schach zu halten, könnte sich zum Stolperstein entwickeln.
Die Raketen können von Deutschland aus strategische Ziele im gesamten europäischen Teil Russlands bis zum Ural ausschalten, bis hin zu den Stützpunkten der russischen Nuklear-U-Boot-Flotte in Murmansk
Die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland würde den USA einen Vorteil in der nuklearen Abschreckung gegenüber Russland verschaffen. Für Europa würden aber die Risiken erheblich steigen, Kriegsschauplatz zu werden. Warum beharrt die Bundesregierung auf den Mittelstreckenraketen?
Die Bundesregierung argumentiert, dass ein Gegengewicht gegen russische Mittelstreckensysteme aufgebaut werden müsse; außerdem habe die Stationierung konventioneller Raketen keinen Einfluss auf das nukleare Gleichgewicht. Dieses Argument teile ich nicht. Es ignoriert das Risikokalkül Russlands und seine Bewertung der Folgen für die strategische Stabilität. Denn infolge der großen Reichweiten und Eindringfähigkeiten von Marschflugkörpern und Hyperschallraketen, und vor allem wegen ihrer hohen Präzision, können solche Waffen eine strategische Wirkung erzielen.
Mit bis zu 3.000 Kilometer Reichweite können sie von Deutschland aus strategische Ziele im gesamten europäischen Teil Russlands bis zum Ural ausschalten, also auch Raketenstellungen, strategische Bomberbasen, nukleare Radarführungssysteme, Atomwaffenlager und die Stützpunkte der russischen Nuklear-U-Boot-Flotte in Murmansk. Sie ist eine wichtige Komponente für die Aufrechterhaltung des strategischen Gleichgewichts mit den USA und damit implizit ein Gegenstand der Verhandlungen über strategische Stabilität. Im Fall einer zugespitzten Krise könnte Moskau präemptive Schläge gegen Mittelstreckenraketen in Deutschland erwägen, um einer strategischen Gefährdung zuvorzukommen. Die Erklärung aus dem Bundesministerium der Verteidigung, wir müssten in der Lage sein, als Erste zu schießen, verschärft diese Lagebewertung.
In der Logik der Abschreckung könnte sich Russland darauf vorbereiten, in einer Krisensituation präemptiv diejenigen Waffen zuerst auszuschalten, von denen die größte Gefährdung ausgeht. Dies würde allein Deutschland treffen
Das stellt eine unmittelbare Bedrohung Russlands dar. Warum dieses Risiko eingehen?
Moskau hat selbst Mittelstreckenraketen stationiert, seit 2024 auch die landgestützte Hyperschallrakete „Oreschnik“. Dem will die Bundesregierung begegnen. Doch zeigen diese Zusammenhänge zweierlei: Die Aufstellung von Raketen allein bietet noch keinen wirksamen Schutz vor präemptiven oder reaktiven Raketenschlägen des potenziellen Gegners; zweitens wird deutlich, wie eng die europäische Sicherheit mit dem bilateralen strategischen Gleichgewicht zwischen den USA und Russland verknüpft ist. Dieses Sicherheitsdilemma, mit dem wir schon im Kalten Krieg konfrontiert waren, lässt sich nicht durch instabile Rüstungsspiralen lösen, sondern nur durch Verhandlungen mit dem Ziel der kooperativen Rüstungssteuerung.
Mir ist es aber auch wichtig, an das alte NATO-Prinzip der Lasten- und Risikoteilung im Bündnis zu erinnern. Es leuchtet nicht ein, dass US-Mittelstreckenraketen ausschließlich in Deutschland stationiert werden sollten und dass offenbar andere Staaten sich daran nicht beteiligen. In der Logik der Abschreckung könnte sich Russland darauf vorbereiten, in einer Krisensituation präemptiv diejenigen Waffen zuerst auszuschalten, von denen die größte Gefährdung ausgeht. Dies würde allein Deutschland treffen, aber nicht die USA jenseits des Atlantiks.
Die Bundesregierung argumentiert, es bestehe eine sogenannte Fähigkeitslücke, wenn die US-Mittelstreckenraketen nicht kommen. Braucht Deutschland diese Systeme zum Schutz vor Russland?
Da habe ich meine Zweifel, denn die Raketen gehören ja weiterhin zur 2. MDTF in Wiesbaden und die NATO verfügt in Europa bereits über eine große Menge an weitreichenden Waffensystemen, die entweder see- oder luftgestützt sind: Fünf amerikanische Aegis-Zerstörer, die ihren Stützpunkt in Rota in Spanien haben, sind mit Tomahawk-Marschflugkörpern ausgestattet. Auch fünf britische U-Boote haben die Fähigkeit, Tomahawks zu verschießen. Neun französische Schiffe und U-Boote sind mit einer vergleichbaren Rakete ausgerüstet, der Missile de Croisière Naval. Die Niederlande haben mittlerweile ebenfalls Tomahawks beschafft, und selbst die deutsche Marine wäre technisch in der Lage, solche Waffen in kürzerer Zeit einzusetzen. Allerdings stößt das deutsche Kaufinteresse derzeit auf Lieferengpässe in den USA, vor allem infolge des Irankrieges. Zudem gehören weitreichende luftgestützte Marschflugkörper zum Arsenal von neun europäischen Staaten, vom deutschen Taurus, über den britisch-französischen Storm Shadow/Scalp bis hin zu JASSM-ER. Auch die „Frontstaaten“ Polen und Finnland verfügen über solche weitreichenden Raketen. Die NATO hat also schon eine große Palette an Optionen, weit ins russische Hinterland hineinzuwirken, zumal unsere See- und Luftstreitkräfte denjenigen Russlands deutlich überlegen sind.
Auf der NATO-Seite haben wir allerdings eine Vielzahl von Systemen, die jeden Winkel Kaliningrads in kürzester Zeit erreichen können
Die Bundesregierung will mit den Raketen eine Abschreckung gegenüber den russischen Raketen in Kaliningrad erreichen. Ist der Schritt gerechtfertigt?
Russland hat Iskander-Raketen schon seit 2018 dauerhaft in Kaliningrad stationiert und dies mit dem Aufbau der US-amerikanischenAegis-ashore-Stellungen in Polen und Rumänien begründet. Mit einer Reichweite von etwa 500 Kilometern zählen sie nicht zu den Mittelstreckenraketen; daher fielen sie nicht unter die Begrenzungen des INF-Vertrags. Es geht hier um zwölf Doppel-Launcher, die von Kaliningrad aus NATO-Gebiet bedrohen können, vor allem Polen und Litauen. Die NATO befürchtet, sie könnten Anmarschwege eigener Verstärkungstruppen nach Polen und in das Baltikum blockieren. Auf der NATO-Seite haben wir allerdings eine Vielzahl von Systemen, die jeden Winkel Kaliningrads in kürzester Zeit erreichen können. Denn hier handelt es sich um ein relativ kleines Gebiet von etwa 190 Kilometern Ost-West- und 90 Kilometern Nord-Süd-Ausdehnung, umzingelt von NATO-Staaten. Nicht nur Marschflugkörper, sondern auch Mehrfach-Raketenwerfer der Verbündeten können das Gebiet vollständig abdecken. Dafür sind keine landgestützten Mittelstreckenraketen erforderlich. Nach dem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens ist die Ostsee zudem ein NATO-Meer geworden. Dies hat der NATO zusätzliche Optionen nicht nur im Hohen Norden verschafft, sondern auch im Baltikum und gegen Kaliningrad. Dadurch sind die Risiken Russlands für den Fall eines Krieges erheblich gestiegen. Wenn wir Bedrohungsperzeptionen erörtern, dann sollten wir schon das ganze Bild im Auge behalten. Dann relativiert sich doch so manches.
Deutschland will ein landgestütztes Waffensystem errichten. Ist es aus rein militärischer Logik ein Vorteil gegenüber den bisherigen zahlreichen Mittelstreckenraketen, die von See oder aus der Luft abgefeuert werden können?
Aus operativer Sicht kann man den einen oder anderen Vorteil für landgestützte Systeme durchaus erkennen, zum Beispiel die verdeckte Bereitstellung in Wäldern und die schnellere Reaktionsfähigkeit. Aber man muss das Argument gegen die strategischen Risiken abwägen, die daraus entstehen. Wichtig wäre es, die Frage zu beantworten, ob solche Optionen noch Teil eines gemeinsamen strategischen Dispositivs mit den USA sind und daher das nukleare Gleichgewicht beeinflussen können. Vor allem aber gibt es auch die Option, einen Stationierungswettlauf bei landgestützten Systemen durch Verhandlungen zu verhindern. Dazu muss man aber erst einmal Verhandlungen führen. Bisher sehe ich noch keine deutsche oder europäische Initiative. Derzeit gibt es überhaupt keinen offiziellen Verhandlungsstrang zwischen Europa und Russland.
Wir haben eine sehr asymmetrische Situation. Die Trump-Administration spricht regelmäßig mit der russischen Regierung und wir als Europäer bemühen uns, auf Trump Einfluss zu nehmen, aber sprechen nicht direkt mit Moskau. Trump wird keine europäischen Interessen vertreten, er hat überhaupt keine Vision von einer europäischen Sicherheitsordnung. Das müssen wir schon im wohlverstandenen Sicherheitsinteresse Europas selbst in die Hand nehmen. Insofern haben wir hier tatsächlich eine Lücke, nämlich eine diplomatische Lücke.
Ich könnte mir allenfalls ein Moratorium vorstellen, einen politisch vereinbarten Verzicht auf die Stationierung von landgestützten Mittelstreckenraketen in Europa. Dies würde allerdings voraussetzen, dass der Ukrainekrieg und die Konfrontation Europas und Russlands beendet werden
Langjährige Abrüstungsverträge zwischen den USA und Russland wurden aufgekündigt. Sollten Abkommen, wie der INF-Vertrag wieder neu aufgesetzt werden, oder wie könnte eine wirksame Rüstungskontrolle aussehen?
Ich befürchte, dass Amerikaner und Russen angesichts der Konflikte in Europa, Ostasien und im Nahen Osten nicht bereit sind, den bilateralen INF-Vertrag noch einmal aufzumachen oder zu kopieren. Dafür hat sich die globale geopolitische Lage zu sehr verändert; die USA werden ihr MDTF-Konzept gerade mit Blick auf China, aber auch den Nahen Osten weiter umsetzen. Ich könnte mir allenfalls ein Moratorium vorstellen, wie es auch schon nach dem Ende des INF-Vertrags im Gespräch war, also einen politisch vereinbarten Verzicht auf die Stationierung von landgestützten Mittelstreckenraketen in Europa. Dies würde allerdings voraussetzen, dass der Ukrainekrieg und die Konfrontation Europas und Russlands beendet werden. Außerdem wäre eine solche Vereinbarung nur dann wirksam, wenn die notwendige militärische Transparenz hergestellt und intrusive Verifikation zugelassen werden. Diese Hürden müssen übersprungen werden, wenn ein Stationierungsmoratorium Aussicht auf Erfolg haben soll.
Gleichwohl ist dies ein lohnenswertes Ziel, auf das die Europäer hinsteuern sollten, wenn sie die Sicherheitslage in Europa stabilisieren und sich tatsächlich strategisch unabhängiger von den USA aufstellen wollen. Eine „strategische Autonomie“ gilt ja nicht nur für Waffensysteme, sondern auch für die Diplomatie. Daher ist es nötig, den Sicherheitsdialog mit Russland wieder zu eröffnen und auch über Rüstungskontrolle zu verhandeln.
Wolfgang Richter (geb. 1949 in Bremen), Oberst a. D. der Bundeswehr, war Leitender Militärberater in den deutschen UN- und OSZE-Vertretungen. Heute ist er Associate Fellow beim Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP).
en Rolf Mützenich einer der wenigen Kritiker des Stationierungsplans, die sich Gehör verschaffen konnten.Jetzt ist der Plan dahin – Donald Trump hat die Tomahawk-Stationierung in Deutschland vorerst abgesagt. Was sagt Wolfgang Richter heute – da sich die Bundesregierung mit der Anschaffung und Aufstellung eigener weitreichender Waffen vor einer mutmaßlichen Bedrohung durch Russland zu schützen gedenkt? Richter hat in leitenden Funktionen für die Bundeswehr gearbeitet, unter anderem auch im NATO-Hauptquartier bei Brüssel und als Leiter des militärischen Anteils erstens der deutschen Delegation für die globale Rüstungskontrolle bei denVereinten Nationen und zweitens der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei derOrganisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Er hat immer wieder zur Sicherheitspolitik geforscht und veröffentlicht.der Freitag: Herr Richter, die USA haben ihre Entscheidung, Tomahawk-Raketen in Deutschland zu stationieren, zurückgenommen. Welche Militärstrategie steckt dahinter? Wolfgang Richter: Erstens haben die USA unter Präsident Trump ihre strategischen Prioritäten geändert. Dies geht auch aus der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie hervor, die im November 2025 veröffentlicht wurde. Zum Erstaunen der Europäer gilt nun der Schutz der westlichen Hemisphäre als erste Priorität. Dazu zählen die USA auch Grönland, was man in Europa am Anfang des Jahres schmerzlich erfahren musste. Zweitens wollen sich die USA stärker auf China als den eigentlichen geopolitischen Herausforderer konzentrieren, um dessen wachsende ökonomische und militärische Macht in Schach zu halten. Der sogenannte Schwenk nach Asien – „Pivot to Asia“ – wurde bereits von Präsident Obama auf den Weg gebracht und wird von der Trump-Regierung mit größerer Konsequenz fortgeführt.Placeholder image-1Die USA wollen das chinesische Raketenpotenzial an der Taiwanstraße eindämmen, das im Konfliktfall eine US-Intervention in der Region gefährden könnte. Dafür wollte Trump schon 2018 China dazu bewegen, dem INF-Vertrag beizutreten. Das ist gescheitert. Parallel dazu hat Washington Gegenoptionen aufgebaut, unter anderem fünf Multidomain Task Forces (MDTF), zu denen landgestützte ballistische Mittelstreckenraketen Dark Eagle und Marschflugkörper Tomahawk mit Reichweiten von 1.700 bis 3.000 Kilometern gehören. Drei der MDTFs sind für den asiatisch-pazifischen Raum vorgesehen, eine für Europa. Unter Präsident Joe Biden wurde 2021 die 2. MDTF in Wiesbaden stationiert. Auch sie verfügt über Tomahawks und Dark-Eagle-Hyperschallraketen, die aber derzeit noch im US-Bundesstaat New York stationiert sind. Sie werden nun offenbar nicht nach Deutschland verlegt.Mit dem Ziel, einen strategischen Ausgleich mit Russland zu erreichen, ist die direkte Waffenhilfe der USA für die Ukraine nicht mehr vereinbarTrump sucht im Gegensatz zu Biden Gespräche mit Wladimir Putin. Will die US-Regierung auf die Stationierung der Tomahawks in Deutschland verzichten, um bessere Verhandlungsgrundlagen mit Russland zu haben?Das ist zu vermuten. Seit 15 Monaten versucht Trump, mit Russland bessere Beziehungen aufzubauen und einen strategischen Ausgleich zu finden, um sich auf die wichtigere geopolitische Herausforderung China konzentrieren zu können. Da stört der Ukrainekrieg; Trump will ihn beenden. Zugleich hält er die europäischen Bedrohungsvorstellungen gegenüber Russland für überzogen. Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA stellt fest, dass Europa konventionell den Russen deutlich überlegen sei. Sie widmet Russland nicht mal mehr ein eigenes Kapitel, sondern erwähnt es nur implizit im Kapitel „Europa“ als eine Bedrohungsperzeption der Europäer.Zugleich fordert sie die Europäer auf, selbst mehr für ihre Verteidigung zu tun und sich vom Gedanken zu lösen, dass sich die NATO ständig erweitern werde. Mit dem Ziel, einen strategischen Ausgleich mit Russland zu erreichen, ist die direkte Waffenhilfe der USA für die Ukraine nicht mehr vereinbar. Es bleibt den Europäern überlassen, Waffen in den USA zu kaufen, sofern der Eigenbedarf der USA angesichts des Irankrieges dem nicht entgegensteht. Angesichts dieses Gesamtkontextes würde aus Sicht der USA die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland Russland unnötig provozieren.Die USA haben zahlreiche Abrüstungsabkommen, darunter den INF-Vertrag und New Start, gekündigt. Sehen Sie Ansätze in der US-Regierung, dass es zu neuen Abrüstungskontrollen kommen könnte?Die USA wollen nicht nur Russland, sondern auch China in die strategisch-nukleare Rüstungskontrolle einbinden. Ungelöst bleibt vorläufig, wie man ein Gleichgewicht zu dritt herstellt, in dem China nach dem Umfang seines Nuklearpotenzials der ungleich kleinere Partner wäre. Dazu ist China nicht bereit. Auch Moskau wird nicht in diesem Sinne auf China einwirken. Es verlangt aber für den Fall einer Teilnahme Chinas auch die Teilnahme Großbritanniens und Frankreichs. Denn zusammengenommen verfügen Paris und London über etwa so viele Nuklearwaffen wie Peking. Es dürfte also ein schwieriges Unterfangen werden, fünf Nuklearmächte an einen Tisch zu bekommen. Vor dem Hintergrund, dass Russland und die USA zusammen noch immer über etwa 90 Prozent aller Nuklearwaffen dieser Erde verfügen, erscheint mir die Annahme realistischer, dass am Ende die USA doch bilaterale Verhandlungen mit Russland starten werden. Dass sie dabei höhere Obergrenzen verlangen werden, um China in Schach zu halten, könnte sich zum Stolperstein entwickeln.Die Raketen können von Deutschland aus strategische Ziele im gesamten europäischen Teil Russlands bis zum Ural ausschalten, bis hin zu den Stützpunkten der russischen Nuklear-U-Boot-Flotte in MurmanskDie Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland würde den USA einen Vorteil in der nuklearen Abschreckung gegenüber Russland verschaffen. Für Europa würden aber die Risiken erheblich steigen, Kriegsschauplatz zu werden. Warum beharrt die Bundesregierung auf den Mittelstreckenraketen?Die Bundesregierung argumentiert, dass ein Gegengewicht gegen russische Mittelstreckensysteme aufgebaut werden müsse; außerdem habe die Stationierung konventioneller Raketen keinen Einfluss auf das nukleare Gleichgewicht. Dieses Argument teile ich nicht. Es ignoriert das Risikokalkül Russlands und seine Bewertung der Folgen für die strategische Stabilität. Denn infolge der großen Reichweiten und Eindringfähigkeiten von Marschflugkörpern und Hyperschallraketen, und vor allem wegen ihrer hohen Präzision, können solche Waffen eine strategische Wirkung erzielen.Mit bis zu 3.000 Kilometer Reichweite können sie von Deutschland aus strategische Ziele im gesamten europäischen Teil Russlands bis zum Ural ausschalten, also auch Raketenstellungen, strategische Bomberbasen, nukleare Radarführungssysteme, Atomwaffenlager und die Stützpunkte der russischen Nuklear-U-Boot-Flotte in Murmansk. Sie ist eine wichtige Komponente für die Aufrechterhaltung des strategischen Gleichgewichts mit den USA und damit implizit ein Gegenstand der Verhandlungen über strategische Stabilität. Im Fall einer zugespitzten Krise könnte Moskau präemptive Schläge gegen Mittelstreckenraketen in Deutschland erwägen, um einer strategischen Gefährdung zuvorzukommen. Die Erklärung aus dem Bundesministerium der Verteidigung, wir müssten in der Lage sein, als Erste zu schießen, verschärft diese Lagebewertung.In der Logik der Abschreckung könnte sich Russland darauf vorbereiten, in einer Krisensituation präemptiv diejenigen Waffen zuerst auszuschalten, von denen die größte Gefährdung ausgeht. Dies würde allein Deutschland treffenDas stellt eine unmittelbare Bedrohung Russlands dar. Warum dieses Risiko eingehen?Moskau hat selbst Mittelstreckenraketen stationiert, seit 2024 auch die landgestützte Hyperschallrakete „Oreschnik“. Dem will die Bundesregierung begegnen. Doch zeigen diese Zusammenhänge zweierlei: Die Aufstellung von Raketen allein bietet noch keinen wirksamen Schutz vor präemptiven oder reaktiven Raketenschlägen des potenziellen Gegners; zweitens wird deutlich, wie eng die europäische Sicherheit mit dem bilateralen strategischen Gleichgewicht zwischen den USA und Russland verknüpft ist. Dieses Sicherheitsdilemma, mit dem wir schon im Kalten Krieg konfrontiert waren, lässt sich nicht durch instabile Rüstungsspiralen lösen, sondern nur durch Verhandlungen mit dem Ziel der kooperativen Rüstungssteuerung.Mir ist es aber auch wichtig, an das alte NATO-Prinzip der Lasten- und Risikoteilung im Bündnis zu erinnern. Es leuchtet nicht ein, dass US-Mittelstreckenraketen ausschließlich in Deutschland stationiert werden sollten und dass offenbar andere Staaten sich daran nicht beteiligen. In der Logik der Abschreckung könnte sich Russland darauf vorbereiten, in einer Krisensituation präemptiv diejenigen Waffen zuerst auszuschalten, von denen die größte Gefährdung ausgeht. Dies würde allein Deutschland treffen, aber nicht die USA jenseits des Atlantiks.Die Bundesregierung argumentiert, es bestehe eine sogenannte Fähigkeitslücke, wenn die US-Mittelstreckenraketen nicht kommen. Braucht Deutschland diese Systeme zum Schutz vor Russland?Da habe ich meine Zweifel, denn die Raketen gehören ja weiterhin zur 2. MDTF in Wiesbaden und die NATO verfügt in Europa bereits über eine große Menge an weitreichenden Waffensystemen, die entweder see- oder luftgestützt sind: Fünf amerikanische Aegis-Zerstörer, die ihren Stützpunkt in Rota in Spanien haben, sind mit Tomahawk-Marschflugkörpern ausgestattet. Auch fünf britische U-Boote haben die Fähigkeit, Tomahawks zu verschießen. Neun französische Schiffe und U-Boote sind mit einer vergleichbaren Rakete ausgerüstet, der Missile de Croisière Naval. Die Niederlande haben mittlerweile ebenfalls Tomahawks beschafft, und selbst die deutsche Marine wäre technisch in der Lage, solche Waffen in kürzerer Zeit einzusetzen. Allerdings stößt das deutsche Kaufinteresse derzeit auf Lieferengpässe in den USA, vor allem infolge des Irankrieges. Zudem gehören weitreichende luftgestützte Marschflugkörper zum Arsenal von neun europäischen Staaten, vom deutschen Taurus, über den britisch-französischen Storm Shadow/Scalp bis hin zu JASSM-ER. Auch die „Frontstaaten“ Polen und Finnland verfügen über solche weitreichenden Raketen. Die NATO hat also schon eine große Palette an Optionen, weit ins russische Hinterland hineinzuwirken, zumal unsere See- und Luftstreitkräfte denjenigen Russlands deutlich überlegen sind.Auf der NATO-Seite haben wir allerdings eine Vielzahl von Systemen, die jeden Winkel Kaliningrads in kürzester Zeit erreichen könnenDie Bundesregierung will mit den Raketen eine Abschreckung gegenüber den russischen Raketen in Kaliningrad erreichen. Ist der Schritt gerechtfertigt?Russland hat Iskander-Raketen schon seit 2018 dauerhaft in Kaliningrad stationiert und dies mit dem Aufbau der US-amerikanischenAegis-ashore-Stellungen in Polen und Rumänien begründet. Mit einer Reichweite von etwa 500 Kilometern zählen sie nicht zu den Mittelstreckenraketen; daher fielen sie nicht unter die Begrenzungen des INF-Vertrags. Es geht hier um zwölf Doppel-Launcher, die von Kaliningrad aus NATO-Gebiet bedrohen können, vor allem Polen und Litauen. Die NATO befürchtet, sie könnten Anmarschwege eigener Verstärkungstruppen nach Polen und in das Baltikum blockieren. Auf der NATO-Seite haben wir allerdings eine Vielzahl von Systemen, die jeden Winkel Kaliningrads in kürzester Zeit erreichen können. Denn hier handelt es sich um ein relativ kleines Gebiet von etwa 190 Kilometern Ost-West- und 90 Kilometern Nord-Süd-Ausdehnung, umzingelt von NATO-Staaten. Nicht nur Marschflugkörper, sondern auch Mehrfach-Raketenwerfer der Verbündeten können das Gebiet vollständig abdecken. Dafür sind keine landgestützten Mittelstreckenraketen erforderlich. Nach dem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens ist die Ostsee zudem ein NATO-Meer geworden. Dies hat der NATO zusätzliche Optionen nicht nur im Hohen Norden verschafft, sondern auch im Baltikum und gegen Kaliningrad. Dadurch sind die Risiken Russlands für den Fall eines Krieges erheblich gestiegen. Wenn wir Bedrohungsperzeptionen erörtern, dann sollten wir schon das ganze Bild im Auge behalten. Dann relativiert sich doch so manches.Deutschland will ein landgestütztes Waffensystem errichten. Ist es aus rein militärischer Logik ein Vorteil gegenüber den bisherigen zahlreichen Mittelstreckenraketen, die von See oder aus der Luft abgefeuert werden können?Aus operativer Sicht kann man den einen oder anderen Vorteil für landgestützte Systeme durchaus erkennen, zum Beispiel die verdeckte Bereitstellung in Wäldern und die schnellere Reaktionsfähigkeit. Aber man muss das Argument gegen die strategischen Risiken abwägen, die daraus entstehen. Wichtig wäre es, die Frage zu beantworten, ob solche Optionen noch Teil eines gemeinsamen strategischen Dispositivs mit den USA sind und daher das nukleare Gleichgewicht beeinflussen können. Vor allem aber gibt es auch die Option, einen Stationierungswettlauf bei landgestützten Systemen durch Verhandlungen zu verhindern. Dazu muss man aber erst einmal Verhandlungen führen. Bisher sehe ich noch keine deutsche oder europäische Initiative. Derzeit gibt es überhaupt keinen offiziellen Verhandlungsstrang zwischen Europa und Russland.Wir haben eine sehr asymmetrische Situation. Die Trump-Administration spricht regelmäßig mit der russischen Regierung und wir als Europäer bemühen uns, auf Trump Einfluss zu nehmen, aber sprechen nicht direkt mit Moskau. Trump wird keine europäischen Interessen vertreten, er hat überhaupt keine Vision von einer europäischen Sicherheitsordnung. Das müssen wir schon im wohlverstandenen Sicherheitsinteresse Europas selbst in die Hand nehmen. Insofern haben wir hier tatsächlich eine Lücke, nämlich eine diplomatische Lücke.Ich könnte mir allenfalls ein Moratorium vorstellen, einen politisch vereinbarten Verzicht auf die Stationierung von landgestützten Mittelstreckenraketen in Europa. Dies würde allerdings voraussetzen, dass der Ukrainekrieg und die Konfrontation Europas und Russlands beendet werdenLangjährige Abrüstungsverträge zwischen den USA und Russland wurden aufgekündigt. Sollten Abkommen, wie der INF-Vertrag wieder neu aufgesetzt werden, oder wie könnte eine wirksame Rüstungskontrolle aussehen? Ich befürchte, dass Amerikaner und Russen angesichts der Konflikte in Europa, Ostasien und im Nahen Osten nicht bereit sind, den bilateralen INF-Vertrag noch einmal aufzumachen oder zu kopieren. Dafür hat sich die globale geopolitische Lage zu sehr verändert; die USA werden ihr MDTF-Konzept gerade mit Blick auf China, aber auch den Nahen Osten weiter umsetzen. Ich könnte mir allenfalls ein Moratorium vorstellen, wie es auch schon nach dem Ende des INF-Vertrags im Gespräch war, also einen politisch vereinbarten Verzicht auf die Stationierung von landgestützten Mittelstreckenraketen in Europa. Dies würde allerdings voraussetzen, dass der Ukrainekrieg und die Konfrontation Europas und Russlands beendet werden. Außerdem wäre eine solche Vereinbarung nur dann wirksam, wenn die notwendige militärische Transparenz hergestellt und intrusive Verifikation zugelassen werden. Diese Hürden müssen übersprungen werden, wenn ein Stationierungsmoratorium Aussicht auf Erfolg haben soll.Gleichwohl ist dies ein lohnenswertes Ziel, auf das die Europäer hinsteuern sollten, wenn sie die Sicherheitslage in Europa stabilisieren und sich tatsächlich strategisch unabhängiger von den USA aufstellen wollen. Eine „strategische Autonomie“ gilt ja nicht nur für Waffensysteme, sondern auch für die Diplomatie. Daher ist es nötig, den Sicherheitsdialog mit Russland wieder zu eröffnen und auch über Rüstungskontrolle zu verhandeln.