Der erstaunlichste Satz findet sich ganz zum Schluss: „Geschrieben im Zeitraum von 1983 bis 2021.“ Holdger Platta verfasste das erste Gedicht aus diesem Sammelband also noch während der Amtszeit von Bundeskanzler Helmut Kohl, das letzte schon in Corona-Zeiten. Dies ist umso erstaunlicher, als die Texte wie aus einem Guss wirken, sich sogar weitgehend in ein- und derselben Welt abspielen. Überwiegend in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Ein Lyriker also verwendete viel Zeit in den 1980er bis 2020er Jahren dazu, seine Kindheit in den 1950er Jahren zu beschwören.

Das Milieu ist ländlich und eher „Unterschicht“: der Ort Mühlheim an der Ruhr und Umgebung. Die Atmosphäre ist drückend unter der doppelten Schwere der Kriegserinnerungen und der Armut. Die gewählte Zeitepoche ist für mich — Jahrgang 1963 — insofern interessant, als damit auch ein blinder Fleck in meinem Geschichtsbild ausgeleuchtet wird. Ich habe die 1950er Jahre weder selbst erlebt, noch war diese Zeit auf solch katastrophale Weise prägnant, wie es die Epoche von 1933 bis 1945 gewesen ist, über die ich im Laufe der Jahre doch sehr viele Berichte, Bücher, Filme zur Kenntnis genommen habe.

Die Zeit und das Milieu sind mir also nah, weil sie die Erlebniswelt von Menschen beschreiben, die ich noch kannte und kenne; sie sind mir aber auch sehr fern. Vielleicht auch, weil es um eine Zeit geht, die sich nicht aufdrängt, die sich irgendwo zwischen den letzten Kriegstagen und dem Aufflammen der 68er-Revolte weggeduckt zu haben scheint, als schäme sie sich für ihre mangelnde Bedeutsamkeit oder für die vielen schwelenden Geheimnisse, die damals im Verborgenen schlummerten.

„Ruhmesblätter mit Linsengericht“ ist oberflächlich ein sehr privater lyrischer Erzählband. Nicht selten denkt man bei der Lektüre „Na und? Was genau ist daran relevant?“ Die vermeintliche Harmlosigkeit kleinbürgerlicher Lebensrituale erweist sich allerdings als tückisch. Denn man muss genauer lesen, um die Abgründe zu ahnen, die da zwischen Küchendunst und schwarzer Pädagogik klaffen. So im Gedicht „Berlin, bei den Großeltern zu Besuch“:

„Die anderen wurden von hier aus verfrachtet
in die Ewigkeit, aber

die zwölf Jahre waren heute in diesem Zimmer nur
eine Oma, die leckeren Kuchen zu backen versteht,

Streuselkuchen mit sehr viel Verschweigen darin.
Und sie aßen ihn gern ohne ein Wort über die Güterwaggons.“

Hier schwingt Auschwitz mit und der Massenmord. Das kindliche Erleben nimmt nur den angenehmen Streuselkuchen wahr, und doch ist „das andere“ unterschwellig stets gegenwärtig. Das Private ist eminent politisch, und sei es nur als Verdrängungsfluchtraum, der gerade im Vermeiden-Wollen auf das Vermiedene verweist.

„Das Land lag da in der beginnenden Nacht,
wie begraben in seinem erzwungenen Frieden, ganz so,
als hätte es niemals die Panzer gesehen oder den Tod.
Und es war, als hätte das Land niemals gebrüllt mit Uniformen
und Haß. Düster schwieg es stattdessen sich aus, novemberlang
im verschlafenen Land, über seine begrabene Wut.“

Erinnert fühlte ich mich dadurch auch an die Erinnerungen von Kriegskindern, wie sie derzeit auf dem Buchmarkt zum Glück reichlich zu finden sind. In Hannes Waders Autobiografie „Trotz alledem“ stehen zu ähnlichen Themen bezeichnende Schilderungen. Auf dem bekannten Liedermacher und seinen Altersgenossen laste „das Schweigen ihrer Väter über das, was sie im Krieg, in der Gefangenschaft erlebt haben. Ihre Gefühle in sich verkapselt, blieben viele dieser Kriegsheimkehrer emotional unzugänglich bis zur Dauerverstörtheit.“

Auf diese Weise ist Holdger Plattas Gedichtband zugleich ein Buch über die Ursachen und die Folgen der Nazi-Verbrechen. Über die Ursache deshalb, weil er die dumpfe Gewaltdrohung thematisiert, die in der kleinbürgerlichen Familie stets gegenwärtig war und die einen fruchtbaren Schoß darstellt, aus dem beizeiten durchaus wieder Furchtbares kriechen kann. Über die Folgen deshalb, weil Krieg und Faschismus die großen anwesend Abwesenden sind, die den Menschen beständig aufs Gemüt drücken.

Die Gedichte sind als Ganzes doppelbödig. Es gibt praktisch kein „unschuldiges“, also nicht mit Nebenbedeutungen aufgeladenes Wort darin, was durchaus zu vergnüglicher Interpretationsarbeit anregen kann. Auch Landschaft und Wetter werden zu Chiffren, die einerseits — wie aus „romantischen“ Gedichten bekannt — Gemütszustände spiegeln, andererseits auch die durch politische Hintergrundströmungen erzeugte kollektivpsychische Gesamtatmosphäre. So heißt es im Gedicht „Das Jucken“ zunächst ganz harmlos:

„Der Garten an diesem Tag abgesoffen
im Nebel…“

Dann, im letzten Vers, kehrt der Nebel wieder, aber als Zustand in den Köpfen der Protagonisten:

„Krieg, haben sie immer gesagt, auch
in gestochener Schrift, ist von oben gekommen,
wie das Fingerschnipsen, rosiges Freizeitvergnügen
eines Amokpropheten, oder der Haß,
wenn es Herbst wird und jeder Fettsack am Tisch,
ganz neblig im Kopf, einen Untergang will,
egal, welchen, Hauptsache, er juckt.“

Hier ist kein Wort zufällig gesetzt, selbst die „gestochene Schrift“ transportiert noch eine Gewaltdrohung. Man kann bei diesem Verfahren durchaus an den großen Liedermacher Franz Josef Degenhardt denken, den Platta, wie ich weiß, sehr schätzt. In diesem Beispiel aus dem Chanson „Deutscher Sonntag“ ist es etwa die aggressiv aufgeladene Wortwahl, die einer harmlosen Sache wie dem Sonntagsbraten geradezu faschistoide Züge zu verleihen scheint.

„Da hockt die ganze Stadt und mampft
Dass Bratenschweiß aus Fenstern dampft!
Durch die fette Stille dringen
Gaumenschnalzen, Schüsselklingen
Messer, die auf Knochen stoßen
Und das Blubbern dicker Soßen
Hat nicht irgendwas geschrien?
Jetzt nicht aus dem Fenster seh’n.“

Wie schon gesagt: Nichts ist da zufällig, nichts harmlos. Wie im folgenden Gedichtabschnitt Plattas, der auf das Weiterwirken fremdenfeindlicher Diskriminierung in der Nachkriegszeit verweist, also einer Epoche, die aus den furchtbaren Folgen des Judenhasses hätte gelernt haben sollen:

„Der Junge legt sein Ohr an die Wand
und hört die Stimmen dahinter.
Polackenbrut. Ausländerpack.
Mutter schlitzt Schoten auf
und holt grüne Kugeln hervor.“

„Aufschlitzen“ und „Kugeln“ sind dabei Begriffe, die einem kriegerischen Wortfeld entnommen wurden. Der Autor thematisiert hier das Schicksal von Ostflüchtlingen, die im Westen auch von Angehörigen der eigenen „Volksgemeinschaft“ nicht immer mit offenen Armen aufgenommen wurden. In einer solchen Atmosphäre ist psychisch gesundes oder gar unbeschwertes Aufwachsen unmöglich.

Die Eltern haben ihrem Nachwuchs eine zentnerschwere Traumalast mit auf den Weg gegeben, und sie sind nicht gewillt, ihm diese durch Klarheit schaffenden Gespräche zu erleichtern. Im Gegenteil, das Schweigen und Verleugnen schafft einen Überdruck im Dampfkessel.

„Und von der Küche her
die leisen Gespräche der Eltern. Da hausen die Sorgen
in jedem Satz, weiß der Junge, und er ist eine Sorge
unter den Sorgen der Eltern. Und der Junge ahnt,
deren Angst ist das Elternpaar seiner Angst.“

Auch körperliche Gewalt ist als Drohung stets gegenwärtig:

„Der Junge sitzt da und ißt, die Angst
ein leises Zittern in seinem Körper.
Das Zimmer schweigt, als ob eine Peitsche
hinter dem kalten Vorhangstoff steckt.“

Die angedrohte oder tatsächlich ausgeübte Gewalt entlädt sich beim jugendlichen Protagonisten von Holdger Platta Gedichten in Gewaltfantasien, wobei literarische Helden diese stellvertretend ausagieren. In einer Zeit, in der man Winnetou noch mögen durfte, mochte ihn „der Junge“ fast zu sehr, speziell seine Fähigkeit, Gegner körperlich zu überwältigen.

„Oder der Junge reitet davon. Das Reiten hat er von Winnetou
gelernt und Old Shatterhand. Dessen Faustschlag, auch
so ein Wunschtraum! Er reitet dann mit beiden über die Prärie
und jagt Murdock bis weit in den Duisburger Wald hinein.“

Hier zeigt sich als literarische Technik auch eine Vermischung von Realität und Fantasie, äußerer und innerer Welt. Wer sich an seine eigene Jugend erinnert, weiß, dass dies durchaus typisch ist für draußen umherstreifende, mit „blühender“ Vorstellungskraft begabte Kinder. Trotz des humorvoll wirkenden Ansatzes sind solche Stellen aber auch eine Warnung vor sich fortpflanzender Gewaltneigung in den weiteren Generationen. So träumt der Junge schon mal von Rache an seinem gewalttätigen Lehrer. „‚Manche Menschen sind nicht zu erschießen‘, dachte der Junge, ‚sie überleben jede Fantasie.‘“

So wie im Hauptsatz einer klassischen Symphonie einem rhythmisch-schroffen Motiv ein lyrisches und sanftes an die Seite gestellt wird, verlässt auch der Protagonist Holdger Plattas gelegentlich die düstere Welt der „versteinerten Väter“ und der mechanisch und wie erloschen vor sich hin werkelnden Nachkriegshausfrauen, jene Welt erfahrener und drohender Gewalt. Der Junge erlebt — aufleuchtend — seine erste Liebe. Und das ist durchaus anrührend beschrieben.

„Sie waren im Glück, was sollten sie Lerchen hinzu-
erfinden, er entdeckte alles an ihr, und ihre Hand entdeckte alles
an ihm, es war schön, das erste Mal, es war Glück, weil jeder
des anderen Glück sah. Hatte er jemals ein schöneres Gesicht gesehen?
Eine Fröhlichkeit nun ganz tief in den beiden.“

Das Glück aber macht die Liebenden zu Außenseitern in einer Welt voller Erstarrter, die mit ihrem permanenten Niedergedrückt-Sein alle anstecken und jeden Freudefunken zu ersticken drohen.

„Nur draußen noch immer diese staubige Welt voller Küchen und voll
mit versteinerten Vätern. So teilten sie gemeinsam, mit den Birken hell
über den Köpfen, das Fremdsein in dieser Welt.“

Wie so viele besondere Menschen, die durch Geburt in ein eher dumpfes Umfeld geworfen wurden, dem sie — als Kinder — ziemlich hilflos ausgeliefert sind, beschreibt auch Holger Platta hier eine Art „Wrong Planet Syndrom“, das Gefühl irgendwie nicht hierher zu gehören.

Dabei bleibt es eher eine Ahnung, dass „irgendetwas nicht stimmt“. Das Ausmaß des Grauens, das da verdrängt wurde, konnte sich der Junge noch nicht bewusst machen. Dieses scheint erst in dem großartigen Gedicht „Von nichts gewußt“ in seiner vollen Schärfe auf, das durchaus geeignet wäre, als beredte Mahnung die Lesebücher heranwachsender Schüler zu zieren.

„Man trieb sie
an den Leichenbergen vorbei,
in Buchenwald, und sie schrien,
sie hätten von nichts gewußt.

Im Frühling
durften sie nicht mehr
auf den Parkbänken sitzen,
gelbe Flecken
auf ihren Kleidern.

Schritte im Treppenhaus
während vieler Herztöne der Angst
und dann wieder eine Wohnung,
die leer stand.“

Ein Gedicht, das auf geschickte Art ganz aus der Alltagsperspektive derer geschrieben ist, die nichts Genaues wussten, jedoch aufgrund klarer Indizien durchaus hätten rekonstruieren können, was geschah. Doch das wäre gefährlich gewesen, hätte man doch dann entweder unter Lebensgefahr Widerstand leisten oder sich seiner ruhmlosen Mitläufer-Rolle vollständig bewusst werden müssen. Viele waren jedoch selbst für das vollständige Eingeständnis ihrer eigenen Feigheit nicht mutig genug.

Nun könnte man annehmen, nach dem Machtwechsel 1945, als Distanzierung von den Nazis seitens der Besatzungsmächte nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht gewesen war, sei es zu einer Springflut eifriger Aufarbeitungsbemühungen der Nachkriegsdeutschen gekommen. Doch nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Noch immer wurden dumpfe Rituale der Idealisierung alles Militärischen zelebriert — etwa in Form der „Ruhmesblätter“, die dem Gedichtband den Titel gaben: Zigarettenbilder martialischen Inhalts, die man sammeln und in ein Album kleben konnte. „‘Sieh mal, der Alte Fritz im Siebenjährigen Krieg!‘“ Holdger Plattas Buch charakterisiert die miefige Atmosphäre der Schuldleugnung treffend. Sie wurde zur kollektivpsychologischen Basis weiterer Schuldverstrickung.

Und hier kommen wir zu der interessanten Frage: Warum wurde dieser Band gerade jetzt veröffentlicht? Was hat er uns — über die „Aufarbeitung“ der 50er Jahre hinaus — noch zu sagen? Offensichtlich handelt es sich um kein Buch, das „eigentlich“ von Corona handelt, selbst in den spät entstandenen Gedichten der Sammlung könnte man aktuelle Bezüge dieser Art nur mit sehr viel Fantasie hineindeuten. Dennoch hatten die Gedichte auf mich eine aufregende, ja aufwühlende Wirkung.

Zunächst liegt es vielleicht daran, dass sowohl das Thema „Armut“ als auch der Krieg wieder näher an uns herangerückt sind. Die Einschläge kommen näher, und die satte Biedermeieridylle der alten Bundesrepublik, deren Geburtswehen Plattas Gedichte skizzieren — sie befindet sich in einem rapiden Verfallsprozess. Wir werden Zeugen einer Rückabwicklung erreichter zivilisatorischer Fortschritte — von Thomas Mann auch als die „Trauer über den Abfall der Epoche vom Humanen“ bezeichnet.

Armuts-Kindheiten wie jene des bedauernswerten „Jungen“ aus „Ruhmesblätter mit Linsengericht“ werden wieder häufiger durchlebt werden — angereichert nur durch Medienverwahrlosung, wobei Netflix-Helden und die namenlosen Protagonisten von Online-Ballerspielen den Platz von Old Shatterhand oder Huckleberry Finn einnehmen. Wieder — wie es auch Plattas „Junge“ erlebt hat — erscheint die Realität heute ohne gedankliche Fluchtbewegungen kaum aushaltbar zu sein. Wieder wachsen Kinder auf, deren Eltern am Abendtisch über den zu besiegenden Feind — heute meist „den Russen“ — schwadronieren und das Grauen, das mit einem solchen Selbstbehauptungswillen verbunden ist, konsequent leugnen. Wieder steht alles Militärische gesellschaftlich in hohen Ehren.

Wieder wird das eigene passive Verhalten in einer Zeit schwerwiegender Rechtsverletzungen geleugnet und beschönigt. Und auch wenn Holdger Platta der Letzte wäre, der jede aktuelle Verfehlung der Politik mit Nazi-Diktatur und Holocaust gleichsetzen würde — jene dumpfe, eigenblinde und gewaltaffine Volksmentalität, die zum Beschweigen der kleinen Verbrechen fähig ist, qualifiziert die Betreffenden am Ende auch zur Mittäterschaft bei den großen.

So kann es sein, dass sich Holdger Plattas inspirierte Arbeit am Ende in einem umfassenderen Sinn gelohnt hat, als es dem Autor selbst zum Zeitpunkt der Niederschrift bewusst war. Wie bei vielen jener älteren Autoren, die sich mit hohem Verantwortungsbewusstsein beharrlich und tapfer am Dunklen abgearbeitet haben, zielt auch Holdger Plattas Schaffen vor allem auf eines ab: eine menschlichere Welt für die Lebenden und die noch Ungeborenen.

„Es war schon immer so daß wir geschrieben haben,
um dereinst nicht mehr schreiben zu müssen.“


Holdger Platta: „Ruhmesblatt mit Linsengericht. Erzählgedichte



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Von Veritatis

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