Vom „Weiße(n) Rauschen im Kopfhörer / meiner Zeitmaschine“, ist im ersten Gesang seines berühmtesten epischen Gedichts Der Untergang der Titanic (1978) die Rede – ein treffendes Bild, das Hans Magnus Enzensberger entwirft, um die ganze Diffusität und Verirrung des 20. Jahrhunderts wiederzugeben. Am 11. November 1929 im allgäuischen Kaufbeuren geboren, avanciert der spätere Autor zu einem unbequemen Zeitdiagnostiker. Sowohl für die Linken als auch für die Konservativen. Mal wettert er wie zu Beginn der 60er Jahre gegen Restauration und Restriktion der Adenauer-Ära, mal gegen den aus seiner Sicht naiv revolutionären Tonfall jener, die sich gegen die Notstandsgesetze oder den Vietnamkrieg in Stellung bringen. Bis zu seinem ge

zu seinem gestrigen Tod im Alter von 93 Jahren galt Hans Magnus Enzensberger als der produktive Skeptiker der Bundesrepublik. Statt sich mit seiner kritischen Haltung in kulturpessimistische Askese zurückzuziehen, hat er sich selbst und seine Literatur immer wieder neu erfunden.Allen voran die Lyrik dient ihm als Experimentierfeld. Begonnen hat sein Aufstieg in den dichterischen Olymp in den 50er Jahren. Während sich nach dem Krieg manch ein Poet in wohlige Idyllenschreiberei und romantisches Epigonentum flüchtet, steckt Enzensberger bereits mit seinem Debütband verteidigung der wölfe (1957) tief den Finger in die Wunde. „Lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer“, ruft er in einem Gedicht all jenen sarkastisch entgegen, die noch immer an den unverbrüchlich reinen, für viele pathosverklebten Ton der Dichtung vor dem Dritten Reich festhalten.Gegen all die Gottfried Benns, Stefan Georges oder Rainer Maria Rilkes setzt er in seiner Lyrik das bewährte Mittel der Ironie. Und zwar bis zuletzt, wie noch sein 2019 veröffentlichter Band Louisiana Story beweist. Darin begegnet uns inmitten eines von Schwefelluft und Moskitos beherrschten Sumpfgebiet ein rauer Menschenschlag. In diesem statischen Gefilde aus Whisky und Rauch zeigt nur noch der Mississippi, dieser „tückische alte Bursche“, eine letzte, aber prägnante Bewegung: „Er wäscht Amerika langsam aus und schmeißt uns den gelben Dreck vor den Bug“. Solcherlei Sätze erweisen sich als so hochkonzentriert wie ein destillierter Zuckerrohrschnaps und transportieren das Bild einer so vielschichtigen und zugleich gebrochenen großnationalen Seele. Der american way of life – er scheitert an der Spaltung zwischen den Weißen und der „Mulattengesellschaft“, am Fortschritt, der ganze Regionen und Milieus zurücklässt: „Den Pflanzern“, muss der Erzähler erfahren, „geht es nicht mehr so glänzend (…). Wer kauft schon noch baumwollene Hemden? (…). Schluß mit der Zupferei auf den Feldern, ist doch antiquiert. Baumwolle, Reis und Zucker: das war einmal“.Hans Magnus Enzensberger kommentierte scharfzüngigObgleich sich der Trip in den titelgebenden Südstaat in den USA fast schon leise gibt, spürt man in den kritischen Sätzen doch auch die Verve, die dem Essayisten Enzensberger seit jeher innewohnt. Scharfzüngig kommentiert er beispielsweise in seiner Aufsatzsammlung Politische Brosamen (1985) die Verschlafenheit der Bonner Republik oder klagt (Adorno im Rücken) die Kulturindustrie aus Bild und Glotze an. Mithin gehört für ihn auch groteske Zuspitzung zum – oftmals im Magazin Der Spiegel – gebotenen Repertoire: Saddam Hussein bezeichnet er 1991 als Widergänger Hitlers, 1998 echauffiert er sich über die aus seiner Sicht blinde Gutmütigkeit der deutschen Steuerzahler, die für alles und jeden Abgaben zu entrichten bereit seien. Ebenso die EU gerät in den Fokus seiner Polemik, die, so Enzensberger einmal in einem Fernsehinterview, den Menschen vorschreibe, welches Obst sie noch zu sich nehmen dürften. Nur wenigen hätte man all diese Seitenhiebe verziehen. Enzensberger, der in der Gruppe 47 wirkt und 1965 das kritische Magazin Kursbuch gründet, genießt aber bis zuletzt Reputation als einer der letzten Universalgelehrten. Dies betrifft zum einen seine lange währende Allpräsenz in der deutschen Medienlandschaft, zum anderen sein ästhetisches Tausendsassatum. Jenseits der Lyrik und Essays brilliert er ebenso in der Dramatik und Prosa. Was seine Realisierungen auf diesen künstlerischen Gebieten charakterisiert, ist das souveräne Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion. Seinen Anfang nimmt es mit seinem ersten Theaterstück Das Verhör in Habana von 1970. Darin greift der Autor auf reale Verhöre von Söldnern zurück, die bei der legendären Schweinebuchtinvasion 1961 den schließlich gescheiterten Versuch unternahmen, eine Konterrevolution gegen Castro zu erreichen. Technisch gekonnt weiß uns der Autor an der Nase herum zu führen. Mal identifizieren wir uns dadurch mit den Agenten beziehungsweise Rebellen, mal drängt uns der Text wiederum zur Distanznahme. Geboten wird eine Frühform des dekonstruktivistischen Theaters, das uns durch seine permanenten Brüche wachrüttelt, uns für Ideologien und vermeintlich unhintergehbare Wahrheiten sensibilisiert.Das Interesse an der Kombination aus dokumentarischem und fiktionalem Schreiben hält bei Enzensberger sodann bis in die jüngere Gegenwart an. Besonders zum Ausdruck kommt es im 2008 veröffentlichten Prosa-Werk Hammerstein oder der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte. Setzt sich die „Biographie“ einerseits aus minutiös recherchiertem Archivmaterial zusammen, entfaltet Enzensberger andererseits ein raffiniertes Spiel mit Lücken. Welche Informationen sind authentisch? Welche nur erfunden? Diese Fragen muten höchst brisant an, zumal es sich bei dem Porträtierten um einen kaisertreuen General aus der Weimarer Republik handelt, der später in den Widerstand gegen Hitler geht. Dass er einem autoritätshörigen Milieu entstammt und sich trotzdem dem nationalsozialistischen Apparat entzieht, lässt ihn als ambivalente Figur in Erscheinung treten. Wie sie lässt sich auch ihr Autor bis zuletzt nicht einem Lager zurechnen. Enzensberger wirkte als ein Dazwischen-Denker, ein seiltänzelnder Vielschreiber, ein eigensinniger Schalk im Dienste der Aufklärung. Vor allem offenbarte er sich als einer, der sich selbst und seine Zunft mit Humor nehmen konnte. Warum Dichter lügen, fragt er nämlich in Der Untergang der Titanic. Die Antwort: „Weil es also ein anderer ist / immer ein anderer, / der da redet, / und weil der, / von dem da die Rede ist, / schweigt.“ Auch diesen großen Lyriker werden wir nicht mehr sprechen hören. Seine tausend Stimmen aus immer anderen Figuren werden aber ganz gewiss nicht verstummen.



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Von Veritatis

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