„Da war der kleine Tannenbaum sehr traurig, er wäre so gern aus dem Wald geholt worden. Mitten im Zimmer wollte er stehen, kräftig leuchten und sich über all die glücklichen Gesichter ringsherum freuen“, sagt die Off-Stimme eines Kindes anmutig und unbekümmert. Und wird überhört. Im Fernsehfilm Monolog für einen Taxifahrer, den das DDR-Fernsehen 1962 in seinem Weihnachtsprogramm ausstrahlen will, herrscht zwar an Weihnachtsbäumen kein Mangel, die in Berlin hastig übers Trottoir geschleppt werden oder Auslagen von Kaufhäusern dekorieren, aber mit glücklichen Gesichtern ist es nicht weit her. Trübsinnige und traurige, genervte, sehnsüchtige oder festlich aufgeräumte sind zu haben in diesem 40-Minuten-Streifen, aber sonst?

Alles beginnt mit einem Schokoladengeschäft, in das ein Taxifahrer gerufen wird. Da ballen sich aufgeregte Menschen. Geschwollene Stirnadern, blitzende Augen und aufgerissene Münder sind zu sehen, ein Maskenball zum Weihnachtsfest. Einer jungen Frau ist es schlecht geworden. Bekümmert und in sich versunken kauert sie auf einem Stuhl. Erst in einer Woche soll das Kind kommen, eventuell früher, aber so viel früher? Auf jeden Fall muss sie in die Klinik, ins Nordkrankenhaus, dort sei sie angemeldet, erfährt der um Hilfe und Hinfahrt gebetene Taxifahrer. Drehbuchautor Günter Kunert und Regisseur Günter Stahnke nennen ihn Klaus D. Warum? Ist es für die Gestalt besser, anonym zu bleiben? Verlangen Fabel und Botschaft, lasst uns mit dem Chauffeur den Durchschnittsbürger herauskehren, den Herrn Jedermann, den Herrn D. eben?

In der Notaufnahme der Hospitals passiert es. Die junge Frau wird schon von einer Schwester zur Station geführt, da dreht sie sich noch einmal um und ruft, Herr D. möge ihren Verlobten benachrichtigen, damit er ihr ein paar Sachen ins Krankenhaus bringe. Klaus Engler heiße der, man finde ihn in der Druckerei der Berliner Zeitung. Es wäre für sie eine Erleichterung, zu wissen, dass sich ihr Wohltäter darum kümmert, der kein Geld für die Fahrt zur Klinik wollte. Weshalb soll er ihr den Gefallen nicht tun und sich auf eine Odyssee einlassen, die so gar nicht passt zum Fest aus Andacht und Engelshaar?

Klaus D. fährt Klaus Engler stundenlang hinterher, ohne ihn je zu treffen. Die Suche wird zum Fluch. Es geht durch die halbe Stadt über glänzenden, vom Neuschnee nassen Asphalt, vorbei an großen Brachen, den nach dem Krieg abgeräumten, gespenstisch kahlen Trümmerflächen – die Leipziger Straße entlang, vorbei am Spittelmarkt und an der geflickten Brücke über den Spreekanal, wo eine Heilige Gertraude aus Bronze dem durstigen Wanderer ein Glas Wasser reicht. Damit er wieder Mut gewinnt, dem Ratten- und Mäusegezücht entrinnt. Was kann Herr D. mehr brauchen als das? Er kommt nicht voran.

In der kleinen Auguststraße mitten in Altberlin schleicht sein Taxi einem Pferdefuhrwerk hinterher. In der Frankfurter Allee winkt ein Verkehrspolizist eine Lkw-Kolonne durch, die kein Ende nimmt. Alles bremst ihn aus, den Herr D. – fingerfertig betrommelt er sein Lenkrad, lässt es in sich brodeln und kochen und ist nicht allein. Neben ihm sitzt jemand und spricht aus, was er denkt. Sein zweites Ich, ein maulendes, marodierendes Ich, auf Krawall gebürstet und nicht nur privat. „Was machst du hier, Taxifahrer, Normalverbraucher, Durchschnittsmensch, Durchschnittsniete, Durchschnittsversager. Warum kriechst du nicht unter deinen Weihnachtsbaum, an den warmen Ofen, ins tröstende Bett? Warum kümmerst du dich um die, die sich um dich nicht kümmern? Schluss jetzt mit der Einsicht in immer neue Notwendigkeiten, die keine sind – Rücksicht, Einsicht, Vorsicht, Nachsicht, alles Fesseln, Ketten, die süßer nie klingen, pressen einem das Leben aus dem Leib – Ketten wie Schlangen …“

Da ist sich einer fremd und doch so nah, wenn die innere Stimme ihn bei seiner Stimmung nimmt. Ein Passant, dem Herr D. das Einsteigen verwehrt, weil er erst seinen Auftrag erledigen will, regt sich mächtig auf, schaut nach der Autonummer und droht: „Das werde ich melden!“ Darauf hat die innere Stimme nur gewartet: „Melde, Mensch, immer melde. Ein Volk von verhinderten und nicht verhinderten Polizisten, das sind wir, und sind wir schon immer gewesen. Heil uns!“ Mit Klartexten wie diesen nehmen Autor und Regisseur beim Wort, was seit dem 13. August 1961, seit die Grenze zu Westberlin geschlossen ist, Literatur, Film und Theater von der DDR-Kulturpolitik in Aussicht gestellt ist. Von äußerer Störung befreit, dürfe man sich mehr als zuvor den inneren Konflikten der eigenen Gesellschaft widmen. Freizügiger, kritischer, ungezwungener könne geschrieben und inszeniert werden. Es geht um die Ankunft im Alltag, der erscheinen soll, wie er ist, ohne idealisierendes Blendwerk.

Der Taxi-Film gerät zur Probe aufs Exempel, nicht nur der rumorenden, politisch heiklen „Monologe“ wegen, auch die Erzählweise bricht mit dem Üblichen. Regie und Kamera halten es nicht mit den bei DEFA und Fernsehen gebräuchlichen Mustern. Die Szenen lassen sich eine existenzialistische Grundstimmung gefallen, Anleihen beim Stil der Nouvelle Vague des französischen Kinos jener Zeit sind unverkennbar. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik, der Rückgriff auf grobkörniges Filmmaterial, eine in die Abend- und Nachtstunden verlegte Story, das authentische Timbre der Innenräume – vieles erinnert an den 1957 gedrehten Debütfilm Fahrstuhl zum Schafott des Regisseurs Louis Malle. So wie ein Taxifahrer durch Berlin driftet, sah man Jeanne Moreau als Florence Carala auf der vergeblichen Suche nach ihrem Geliebten durch Pariser Bars und über die Champs Élysées irren, bedauert und bemitleidet vom Jazz eines Miles Davis. Erst träumt sein Sound elegisch vor sich hin, dann wird er nervös und fiebrig, wenn Schlagzeug und Trompete Florence verraten, dass sie verloren ist. Dass sie verloren hat. Dass sie ihn nie mehr finden wird.

Beim Monolog für einen Taxifahrer sorgt das Quintett 61, später als Klaus-Lenz-Sextett eine der führenden Jazzbands der DDR, für einen von der musikalischen Aura her ähnlichen Duktus. Gespielt wird eine kompakt swingende Serenada Mysterioso, der man jede Wiederholung gern abnimmt, weil sie wiedererkannt sein, zum Fleiß und Schweiß des Sisyphos im Taxi passen will. Denn wohin Herr D. auch fährt – in die Druckerei, zur Wohnung und zu den Eltern von Klaus Engler –, überall wird er als lästiger Störenfried empfunden und abgewiesen. Eine tragische oder tragikomische Figur ist er deshalb nicht. Im Gegenteil. Herr D. teilt als cholerischer Misanthrop gehörig aus, als er kurz zu Hause vorbeischaut, um seiner Frau mitzuteilen, er werde etwas länger unterwegs sein. Umgehend schwirren Bosheiten durch den Heiligen Abend und beschämen das herrlichste aller herrlichen Feste. Frau D. wirft ihrem Mann an den Kopf, ein Versager zu sein, der es nur zum Taxifahrer gebracht habe. Was den hemmungslos zurückschlagen lässt: „Deine Mutter hat dich doch beim Treppenscheuern eingefangen.“ Die innere Stimme will sich gleichfalls nicht lumpen lassen. „Ich hasse sie. Soll sie allein unter ihrem lächerlichen Weihnachtsbäumchen hocken. Ich werde hingehen, wo man Vergessen kauft, flaschenweise.“ Lasst Alkohol aufflammen und all das Weihnachtsgestammel verbrennen. Wie sehr raut ein missglücktes Leben – oder was dafür gehalten wird – die Seele auf.

Zum Schluss stellt sich heraus, dass Herr D. überall aufgelaufen ist, weil zwei Kollegen vor ihm an den gleichen Orten nach dem verschollenen Engler Ausschau hielten. Auch sie wollten helfen. Retten kann der Epilog den Film nicht mehr. Kurt Hager, Kultursekretär im SED-Politbüro, bescheinigt dem Werk „übermäßigen Skeptizismus“. Der Taxifahrer erscheine als „ein Mensch an sich“ ohne Wärme und Größe. Er bediene einen der sozialistischen Gesellschaft „fremden Kult des Einzelgängertums“. Der Verriss hinterlässt Wirkung. Der Sendetermin verschiebt sich vom 23. Dezember 1962 auf den 26. April 1990.

inuten-Streifen, aber sonst? Alles beginnt mit einem Schokoladengeschäft, in das ein Taxifahrer gerufen wird. Da ballen sich aufgeregte Menschen. Geschwollene Stirnadern, blitzende Augen und aufgerissene Münder sind zu sehen, ein Maskenball zum Weihnachtsfest. Einer jungen Frau ist es schlecht geworden. Bekümmert und in sich versunken kauert sie auf einem Stuhl. Erst in einer Woche soll das Kind kommen, eventuell früher, aber so viel früher? Auf jeden Fall muss sie in die Klinik, ins Nordkrankenhaus, dort sei sie angemeldet, erfährt der um Hilfe und Hinfahrt gebetene Taxifahrer. Drehbuchautor Günter Kunert und Regisseur Günter Stahnke nennen ihn Klaus D. Warum? Ist es für die Gestalt besser, anonym zu bleiben? Verlangen Fabel und Botschaft, lasst uns mit dem Chauffeur den Durchschnittsbürger herauskehren, den Herrn Jedermann, den Herrn D. eben? In der Notaufnahme der Hospitals passiert es. Die junge Frau wird schon von einer Schwester zur Station geführt, da dreht sie sich noch einmal um und ruft, Herr D. möge ihren Verlobten benachrichtigen, damit er ihr ein paar Sachen ins Krankenhaus bringe. Klaus Engler heiße der, man finde ihn in der Druckerei der Berliner Zeitung. Es wäre für sie eine Erleichterung, zu wissen, dass sich ihr Wohltäter darum kümmert, der kein Geld für die Fahrt zur Klinik wollte. Weshalb soll er ihr den Gefallen nicht tun und sich auf eine Odyssee einlassen, die so gar nicht passt zum Fest aus Andacht und Engelshaar?Klaus D. fährt Klaus Engler stundenlang hinterher, ohne ihn je zu treffen. Die Suche wird zum Fluch. Es geht durch die halbe Stadt über glänzenden, vom Neuschnee nassen Asphalt, vorbei an großen Brachen, den nach dem Krieg abgeräumten, gespenstisch kahlen Trümmerflächen – die Leipziger Straße entlang, vorbei am Spittelmarkt und an der geflickten Brücke über den Spreekanal, wo eine Heilige Gertraude aus Bronze dem durstigen Wanderer ein Glas Wasser reicht. Damit er wieder Mut gewinnt, dem Ratten- und Mäusegezücht entrinnt. Was kann Herr D. mehr brauchen als das? Er kommt nicht voran.In der kleinen Auguststraße mitten in Altberlin schleicht sein Taxi einem Pferdefuhrwerk hinterher. In der Frankfurter Allee winkt ein Verkehrspolizist eine Lkw-Kolonne durch, die kein Ende nimmt. Alles bremst ihn aus, den Herr D. – fingerfertig betrommelt er sein Lenkrad, lässt es in sich brodeln und kochen und ist nicht allein. Neben ihm sitzt jemand und spricht aus, was er denkt. Sein zweites Ich, ein maulendes, marodierendes Ich, auf Krawall gebürstet und nicht nur privat. „Was machst du hier, Taxifahrer, Normalverbraucher, Durchschnittsmensch, Durchschnittsniete, Durchschnittsversager. Warum kriechst du nicht unter deinen Weihnachtsbaum, an den warmen Ofen, ins tröstende Bett? Warum kümmerst du dich um die, die sich um dich nicht kümmern? Schluss jetzt mit der Einsicht in immer neue Notwendigkeiten, die keine sind – Rücksicht, Einsicht, Vorsicht, Nachsicht, alles Fesseln, Ketten, die süßer nie klingen, pressen einem das Leben aus dem Leib – Ketten wie Schlangen …“ Da ist sich einer fremd und doch so nah, wenn die innere Stimme ihn bei seiner Stimmung nimmt. Ein Passant, dem Herr D. das Einsteigen verwehrt, weil er erst seinen Auftrag erledigen will, regt sich mächtig auf, schaut nach der Autonummer und droht: „Das werde ich melden!“ Darauf hat die innere Stimme nur gewartet: „Melde, Mensch, immer melde. Ein Volk von verhinderten und nicht verhinderten Polizisten, das sind wir, und sind wir schon immer gewesen. Heil uns!“ Mit Klartexten wie diesen nehmen Autor und Regisseur beim Wort, was seit dem 13. August 1961, seit die Grenze zu Westberlin geschlossen ist, Literatur, Film und Theater von der DDR-Kulturpolitik in Aussicht gestellt ist. Von äußerer Störung befreit, dürfe man sich mehr als zuvor den inneren Konflikten der eigenen Gesellschaft widmen. Freizügiger, kritischer, ungezwungener könne geschrieben und inszeniert werden. Es geht um die Ankunft im Alltag, der erscheinen soll, wie er ist, ohne idealisierendes Blendwerk. Der Taxi-Film gerät zur Probe aufs Exempel, nicht nur der rumorenden, politisch heiklen „Monologe“ wegen, auch die Erzählweise bricht mit dem Üblichen. Regie und Kamera halten es nicht mit den bei DEFA und Fernsehen gebräuchlichen Mustern. Die Szenen lassen sich eine existenzialistische Grundstimmung gefallen, Anleihen beim Stil der Nouvelle Vague des französischen Kinos jener Zeit sind unverkennbar. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik, der Rückgriff auf grobkörniges Filmmaterial, eine in die Abend- und Nachtstunden verlegte Story, das authentische Timbre der Innenräume – vieles erinnert an den 1957 gedrehten Debütfilm Fahrstuhl zum Schafott des Regisseurs Louis Malle. So wie ein Taxifahrer durch Berlin driftet, sah man Jeanne Moreau als Florence Carala auf der vergeblichen Suche nach ihrem Geliebten durch Pariser Bars und über die Champs Élysées irren, bedauert und bemitleidet vom Jazz eines Miles Davis. Erst träumt sein Sound elegisch vor sich hin, dann wird er nervös und fiebrig, wenn Schlagzeug und Trompete Florence verraten, dass sie verloren ist. Dass sie verloren hat. Dass sie ihn nie mehr finden wird.Beim Monolog für einen Taxifahrer sorgt das Quintett 61, später als Klaus-Lenz-Sextett eine der führenden Jazzbands der DDR, für einen von der musikalischen Aura her ähnlichen Duktus. Gespielt wird eine kompakt swingende Serenada Mysterioso, der man jede Wiederholung gern abnimmt, weil sie wiedererkannt sein, zum Fleiß und Schweiß des Sisyphos im Taxi passen will. Denn wohin Herr D. auch fährt – in die Druckerei, zur Wohnung und zu den Eltern von Klaus Engler –, überall wird er als lästiger Störenfried empfunden und abgewiesen. Eine tragische oder tragikomische Figur ist er deshalb nicht. Im Gegenteil. Herr D. teilt als cholerischer Misanthrop gehörig aus, als er kurz zu Hause vorbeischaut, um seiner Frau mitzuteilen, er werde etwas länger unterwegs sein. Umgehend schwirren Bosheiten durch den Heiligen Abend und beschämen das herrlichste aller herrlichen Feste. Frau D. wirft ihrem Mann an den Kopf, ein Versager zu sein, der es nur zum Taxifahrer gebracht habe. Was den hemmungslos zurückschlagen lässt: „Deine Mutter hat dich doch beim Treppenscheuern eingefangen.“ Die innere Stimme will sich gleichfalls nicht lumpen lassen. „Ich hasse sie. Soll sie allein unter ihrem lächerlichen Weihnachtsbäumchen hocken. Ich werde hingehen, wo man Vergessen kauft, flaschenweise.“ Lasst Alkohol aufflammen und all das Weihnachtsgestammel verbrennen. Wie sehr raut ein missglücktes Leben – oder was dafür gehalten wird – die Seele auf. Zum Schluss stellt sich heraus, dass Herr D. überall aufgelaufen ist, weil zwei Kollegen vor ihm an den gleichen Orten nach dem verschollenen Engler Ausschau hielten. Auch sie wollten helfen. Retten kann der Epilog den Film nicht mehr. Kurt Hager, Kultursekretär im SED-Politbüro, bescheinigt dem Werk „übermäßigen Skeptizismus“. Der Taxifahrer erscheine als „ein Mensch an sich“ ohne Wärme und Größe. Er bediene einen der sozialistischen Gesellschaft „fremden Kult des Einzelgängertums“. Der Verriss hinterlässt Wirkung. Der Sendetermin verschiebt sich vom 23. Dezember 1962 auf den 26. April 1990.



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Von Veritatis

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