Hand aufs Herz: Haben Sie es nicht auch satt, ständig negative Nachrichten zu lesen? Bei denen man denkt, es seien „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“? Was sie aber leider nicht sind – denn es sind reale Neuigkeiten aus Deutschland. Zum Jahresanfang möchte ich Ihnen ein Kontrastprogramm bieten, aus meiner Zeit in Russland. Zum Entspannen und Schmunzeln. Voilà – eine Geschichte von 2008:

„Unbedingt mit“, antwortete die junge Dame, und mir schien es fast, als sei sie ein wenig errötet angesichts des heiklen Themas. Ich tat wie befohlen und behielt meine Badehose an beim Gang in die Schwitzkammer.

Und so staunte ich nicht schlecht, als nach ein paar Minuten die ersten anderen Sauna-Liebhaber eintraten – splitternackt. Prompt musterten sie mich verwundert – wie ein Relikt aus vergangenen, spießigen Zeiten. Da ich mit meiner ebenso sittlich gekleideten Begleiterin Russisch sprach, fühlten sich die Neu-Hinzugekommenen offenbar sprachlich unbehelligt – hier, mitten in Spanien. Und so tauschten sie sich arglos auf Deutsch aus: „Sieh Dir das an – vielleicht sollten wir uns beim nächsten Mal auch verhüllen in der Sauna.“

„Das wäre nicht schlecht, denn in fremden Ländern sollte man sich auch an deren Sitten halten“, hätte ich am liebsten auf Deutsch geantwortet, doch ich wollte den nichts ahnenden Landsleuten nicht noch mehr Schweiß auf die Stirn jagen als es der Saunaofen schon tat.

‘Nackt mit fremden Männern in einem Raum!’

Anpassungsfähigkeit ist Trumpf im Zeitalter der Globalisierung, redete ich meiner russischen Begleiterin ein; es war ein harter Kampf, doch nach einer halben Stunde hatte ich sie zum inneren Aufstand gegen ihre Gewohnheit, Erziehung und Tradition überredet – sie betrat die Sauna ebenso wie ich textilfrei, wenn auch leicht zitternd. Nicht ohne mit sich und mir zu hadern: „Wenn ich das meinen Freundinnen zuhause in Russland oder meiner Mutter erzähle, werden sie entweder glauben, ich lüge wie Münchhausen, oder ich sei verrückt – nackt mit fremden Männern in einem Raum! Aber wenn Du sagst, es gehört sich so…“

Doch das Schicksal ist tückisch – und so war es nun ich, der rot wurde, zumindest genauso rot wie meine Begleiterin schon war: Denn die nächsten Gäste waren Spanier – allesamt züchtig bekleidet, die nun wiederum uns in unserer Hüllenlosigkeit wie Sittenstrolche launisch beäugten. „Und Ihr sprecht von einem einigen Europa, wenn Ihr Euch nicht einmal einigen könnt, wo man Unterhosen anziehen soll und wo nicht“, spottete meine Begleiterin, nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte.

Vielreisende müssen ständig auf der Hut sein angesichts des Kulturkampfes, der durch Europas Saunen tobt: Wie der Weißwurst-Äquator Deutschland in zwei Hälften teilt, muss es eine Nacktheit-Grenze geben zwischen den Schwitzräumen des Kontinents – nur der Grenzverlauf scheint unklar. Traditionelles Nacktschwitz-Gebiet ist Deutschland und Österreich. Der Gedanke, dass der Schweiß statt aufs Handtuch auf synthetische Badewäsche tropft, gilt hier als unhygienischer Frevel (der dennoch auf dem Vormarsch ist, zumindest in den Hotel-Saunas).

In Italien nie Badehose vergessen

Laut Deutschem Sauna-Bund gehören auch die Niederlande zur (textil)freien Hälfte Europas; eine Information, die mir in Amsterdam schiefe Blicke einbrachte – und mich schnell aus der Sauna zurück in die Umkleide trieb, Richtung Badehose.

Dass nicht einmal einfachste Grundregeln Bestand haben, musste ich in Brüssel erfahren: Bislang war ich überzeugt, dass – wie in Russland und im Sauna-Stammland Finnland – Männlein und Weiblein zumindest dann hüllenfrei schwitzen dürfen, wenn die Saunas nach Geschlechtern getrennt sind. Pustekuchen. Nach vielen peinlich berührenden Blicken blieb mir nur der Griff zur Badehose. Den sollte man nie vergessen, wenn man in Nordamerika, Großbritannien, Spanien, Frankreich, Italien und allen islamischen Ländern eine Sauna betritt: Dort herrscht laut Deutschem Sauna-Bund striktes Textil-Gebot.

Das Thema wirft natürlich weiterführende Fragen auf. Aber es wäre wohl nicht schicklich, sich zu erkundigen, wie es „Saunafreunde“ wie etwa Helmut Kohl und Boris Jelzin mit der Kleiderordnung hielten. Spätestens seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist, wäre jede Frage zum Thema Sauna-Freundschaft zwischen deutschen und russischen Spitzenpolitikern unanständig.

Wenn Russinnen kichern…

Fragt sich, warum bei allem Regelungswahn in unserer modernen Welt das delikate Sauna-Problem nicht zu regeln ist. Beispielhaft wäre ein Aufdruck in Form eines Verkehrsschildes, wie er an der Tür zu einer Münchner Hotel-Sauna zu finden ist: Da ist eine Badehose im roten Kreis zu sehen – und durchgestrichen. Eindeutig. Sollte man meinen. Doch auch das hilft nicht. Kaum eingetreten – schildgetreu hüllenlos, versteht sich – erntete ich erschrockene Blicke. Zwei Russinnen saßen da – züchtig bekleidet. Sie begannen zu kichern. Und glaubten, in ihrer Muttersprache unverstanden zu sein: „Sieh Dir das an!“ Wie auch immer das gemeint war.

Ich sehe nur noch einen Ausweg aus dem Dilemma: Künftig unterwegs ganz auf meine geliebten Saunas zu verzichten. Das muss gar kein großer Verlust sein: Denn allein das Nachdenken, welche Kleiderordnung gilt und welche Fettnäpfchen lauern, bringt einen schon gehörig ins Schwitzen.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Bilder: Boris Reitschuster

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Von Veritatis

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