Im April 1927 hält der Philosoph Max Scheler in Darmstadt einen Vortrag auf der Tagung „Mensch und Erde“ und stellt eine grundlegende Orientierungslosigkeit fest: „Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist, in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zugleich auch weiß, dass er es nicht weiß.“ Scheler befasst sich bereits seit 1915 intensiv mit den Schlüsselfragen des Menschseins. Der Durchbruch zu einer Neubestimmung der Conditio humana erfolgt ein Jahr nach seinem viel beachteten Vortrag. 1928 wird zum Schlüsseljahr für die moderne Philosophische Anthropologie. In Köln erscheint kurz vor dessen Tod Schelers Schri

hrift Die Stellung des Menschen im Kosmos. Scheler war in der Domstadt 1919 mit Unterstützung des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer zum Ordinarius für Philosophie und Soziologie berufen worden.Zeitgleich publiziert der 20 Jahre jüngere Helmuth Plessner sein Hauptwerk Die Stufen des Organischen und der Mensch. Plessner ist bereits seit 1920 Privatdozent für Philosophie an der Universität Köln und befindet sich mit Scheler quasi in einem Wettstreit. Während Schelers Anthropologie stärker in der Tradition der Metaphysik und der Husserl’schen Phänomenologie verhaftet ist, die den Ursprung der Erkenntnis in den unmittelbar gegebenen Erscheinungen sieht, wendet sich Plessner schon früh neueren zoologischen Erkenntnissen zu. Sein Postulat gilt der „Exzentrischen Positionalität“ des Menschen. Seine These: Das zentrisch positionierte Tier lebe nur aus seiner leiblichen Mitte heraus, der Homo sapiens dagegen erlebe die Welt. Er transzendiere seine reine Physiologie – er ist sein Leib und hat zugleich einen Körper.Mit der Doppelpublikation ist ideengeschichtlich der Grundstein für ein einflussreiches und zugleich auch typisch deutsches Paradigma gelegt. Die Philosophische Anthropologie versucht die Leib-Seele-Differenz systematisch aufzuheben. Der in der Philosophiegeschichte bis dahin so wirkstarke cartesianische Dualismus soll einer ganzheitlichen Bestimmung mit der Verschränkung von Äußerlichkeit und Innerlichkeit nicht mehr im Wege stehen. Dabei helfen auch die entstehenden empirischen Wissenschaften.So konnte der niederländische Anatom Louis Bolk 1926 das Retardationsprinzip bei der Menschwerdung nachweisen. Das sollte heißen, wenn seine körperlichen Merkmale ausreifen, ist der Mensch angehalten bzw. stark verzögert. In seiner Anatomie haben sich gewissermaßen die Zustände des Fötus phylogenetisch verfestigt. Die Ergebnisse von Bolk greift der Biologe Adolf Portmann auf und charakterisiert den Menschen als „physiologische Frühgeburt“. Der Mensch komme unfertig und völlig schutzlos zur Welt. Er sei als Nesthocker auf die Versorgung in einer post-natalen sozialen Umwelt angewiesen, von der die Funktion des mütterlichen Uterus übernommen wird. Die ungewöhnlich frühe Geburt ist für Portmann die eigentliche Initialzündung auf dem Wege zum Menschsein. Sie birgt die Chance in sich, die den Menschen erst zum Menschen macht.Paul Alsberg liefert in seinem Menschheitsrätsel von 1922 einen weiteren wichtigen Denkanstoß für die Philosophische Anthropologie. Im Gegensatz zum Tier, das einem Körperanpassungsprinzip folge, bediene sich der Mensch eines Körperausschaltungsprinzips. Künstliche Werkzeuge würden an die Stelle der Körperfunktionen treten. Das ermögliche dem Menschen eine außerordentliche Variabilität des Verhaltens und eine weitreichende Unabhängigkeit von spezifischen Umweltbedingungen.Die Entstehung der modernen Philosophischen Anthropologie ist eng an die fragilen Verhältnisse der Weimarer Republik gebunden. Sie spiegelt in gewisser Weise auch die gesellschaftliche Orientierungslosigkeit jener Zeit. Scheler und Plessner, beide liberal-demokratisch eingestellt, sind überzeugte Befürworter der Weimarer Ordnung. Das zeigt sich unter anderem in Plessners Schrift Grenzen der Gemeinschaft von 1924. Darin wird gegen Heilsversprechen aufgrund einer Gemeinschaft des Blutes argumentiert, aber auch gegen die marxistische Utopie von einer Gemeinschaft der Sache. Plessner und auch Scheler fokussieren dezidiert Möglichkeiten für die Spielräume des Menschen. Erst die Gesellschaft, so Plessner, biete dem Menschen den nötigen Raum und Abstand zu anderen und sich selbst, von wo aus er sich immer wieder neu erfinden und ausprobieren könne. Die „marxistische“ Gemeinschaft aber führe dieses Grundbedürfnis des Menschen ad absurdum, indem sie ihn auf eine einzige, starre Idee festlegen wolle.Anthropologische Sicht von Arnold Gehlen Einen ganz anderen Blick auf die Dinge hat der dritte Protagonist der Philosophischen Anthropologie – Arnold Gehlen. Er studiert zunächst in Leipzig von 1923 bis 1927 Philosophie, Deutsch und Kunstgeschichte. Im Wintersemester 1925/26 unterbricht er sein Studium, um Max Scheler an der Universität Köln zu hören, muss aber wegen eines Urlaubssemesters von Scheler mit Helmuth Plessner vorliebnehmen. Gehlen entwirft also seine anthropologische Sicht durchaus in genauer Kenntnis der Arbeiten Plessners und Schelers. Nach der Promotion 1927 habilitiert er sich 1930 im Fach Philosophie und übernimmt für das Sommersemester 1933 den Lehrstuhl von Paul Tillich in Frankfurt, der von den Nazis aus dem Amt gedrängt wird. Kurz darauf löst Gehlen seinen Lehrer Hans Driesch als Ordinarius für Philosophie an der Universität Leipzig ab, der ebenfalls relegiert wurde. Gehlen tritt 1933 der NSDAP bei und demonstriert dem NS-Regime fortan seine Ergebenheit. Nach dem Engagement als Dozenten-Bundführer in Leipzig und einer Tätigkeit für das Amt des NS-Ideologen Alfred Rosenberg wechselt Gehlen 1938 auf den Kant-Lehrstuhl nach Königsberg und 1940 nach Wien. Hier erscheint sein Hauptwerk Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Darin sieht er den Menschen als instinktreduziertes Mängelwesen, das auf Institutionen angewiesen sei, übersetzt in NS-Jargon heißt das: Er braucht Zucht und Ordnung. Das bietet die Volksgemeinschaft. Persönliche Entfaltung kann hier nur stören.Auch Helmuth Plessner wird 1933 von den neuen Machthabern aus seinem Amt entlassen. Er flieht im Anschluss über die Zwischenstation Türkei in die Niederlande. Dort lehrt er an der Universität Groningen mit Unterbrechungen Soziologie und Philosophie. Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik wird er schließlich ab 1952 bis zu seiner Emeritierung Professor für Soziologie an der Universität Göttingen. Arnold Gehlen wird 1945 des Amtes enthoben, allerdings später als nicht schuldig eingestuft und 1947 an die Hochschule für Verwaltungswissenschaften nach Speyer berufen. 1962 nimmt er das Angebot aus Aachen an, einen neu errichteten Lehrstuhl für Soziologie zu übernehmen.Plessner und Gehlen, beide gleichsam in Konkurrenz zueinander, wechseln im Nachkriegsdeutschland von der Philosophie zur Soziologie. Die Philosophische Anthropologie dient spätestens jetzt als Fundament für die theoretische Arbeit von Soziologen. Originär bleibt die Auffassung, dass der Mensch weder nur als Naturwesen noch nur als Kulturwesen verstanden werden kann. Seine Sonderstellung im Reich des Lebendigen sei allein in der Dialektik von körperlichen und geistigen Merkmalen zu sehen.In der frühen Bundesrepublik entfaltet die moderne Philosophische Anthropologie in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine außerordentliche Wirkung. Autoren wie Jürgen Habermas, Niklas Luhmann, Helmut Schelsky, Peter Berger und Thomas Luckmann, Dieter Claessens sowie Erich Rothacker nehmen Bezug darauf oder arbeiten sich zumindest an der Philosophischen Anthropologie ab. Wie bei Plessner und Gehlen sichtbar, bleibt sie als relativ nüchterner und in den politischen Schlussfolgerungen äußerst dehnbarer Denkansatz immer eine recht streitbare Referenz.



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Von Veritatis

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