Strategiewechsel Die Letzte Generation will sich nicht mehr auf der Straße festkleben. Ein Problem ist das nur für ihre Gegner


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Ausgabe 06/2024

Fürs Museum: Handabdruck der Letzten Generation auf der Landebahn des Flughafens Hamburg

Fürs Museum: Handabdruck der Letzten Generation auf der Landebahn des Flughafens Hamburg

Foto: Sibylle Fendt & Paula Winkler/Ostkreuz

Erschöpfung. Die beiden, Vater und Sohn, groß, hager, stehen auf der Demonstration in Berlin, besser keine Namen, dann redet es sich freier. Menschenmassen drücken sich am Spreebogen vorbei, stehen eng um Reichstag und Kanzleramt, verbreiten ein Gefühl, das einen wohlig anfassen kann. Ernsthaftigkeit im kühlen Nieselregen: Es geht gegen Rechtsextremismus, gegen die AfD, gegen Verächter von Demokratie und Pluralismus, über 150.000 Menschen zählte die Polizei.

Eine gute Gelegenheit, Aktivisten der Letzten Generation zu treffen, über die „Strategie für 2024“ zu sprechen, die die Organisation gerade veröffentlichte. Sie hat ihre Aktionsformen überdacht. Kurz gefasst wollen sie bei Straßenblockaden in diesem Jahr darauf

gerade veröffentlichte. Sie hat ihre Aktionsformen überdacht. Kurz gefasst wollen sie bei Straßenblockaden in diesem Jahr darauf verzichten, sich festzukleben. Die kleinen Trupps, die sich mit Warnwesten an neuralgischen Punkten des Frühverkehrs niederließen, sollen durch „Massenbesetzungen“, sogenannte ungehorsamen Versammlungen, ersetzt werden. Sie wollen als größere Gruppe auftreten, ausgewählter vorgehen. Klingt alles mehr nach Taktik, aber zumindest heiter.Dann stehen da Vater und Sohn, erzählen, dass die Überlegungen auch mit Erschöpfung zu tun haben könnten. Wochenlang hatten sie im vergangenen Winter Straßen besetzt, hockten auf eiskaltem Asphalt vor Lieferwagen und SUVs, ließen die Beleidigungen von Handwerkern über sich ergehen, das Geschrei von Müttern. Ein Tremolo der Ängste, wenn sie auf Fußgängerüberwegen Warnwesten herauszogen: Hoffentlich schlägt der Mann da nicht zu, hoffentlich fährt der BMW nicht los, hoffentlich bespucken einen heute weniger Passanten. Im Frühjahr nahmen sie sich eine längere Auszeit.85 Prozent gingen Aktionen der Letzten Generation zu weitDie neue Strategie bedeutet die Abkehr von einem Zeichen. Hände auf der Straße festkleben hieß, den daran angeschlossenen Körper wehrlos und frontal gegen das Automobil zu stellen. Und das ist in Deutschland oft noch Statusmerkmal oder das bequemste Vehikel für den Alltag, um Kinder zur Schule, Eltern ins Büro, Werkzeug durch die Stadt zu bringen. Mit dem Auto verbinden viele ein vermeintliches Ideal von Freiheit, es ist ein Kulturproduzent der Fossilindustrie. Den Verkehrsfluss mit einer Nötigung zu stören, musste Ärger machen, das greift nach unserem Lebensstil.Mit der Aktionsform verschwindet aber hoffentlich das hässliche Wort „Klimakleber“. An dem konnten sich Springerpresse, rechte Parteien und der Hass in sozialen Medien genüsslich wärmen. Alle, denen das „Geh mal arbeiten“ locker saß, schütteten es über dem „Klimakleber“ aus. In ihm kulminierte auch einseitige Wahrnehmung: Im April brachte die CDU-Fraktion einen Antrag zur Verschärfung des Strafmaßes gegen „Straßenblockierer“ in den Bundestag ein. Zu eskalierenden Bauern äußert sie sich kaum.„Wir haben Gesetze und Verfassungsgerichtsurteil auf unserer Seite“, sagt der Vater, seine Stimme klingt wie der graue Nieselregen, „aber die Politik hält sich nicht daran. Wir wurden bepöbelt, obwohl wir das einzig Logische taten: den Leuten zu sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Das zehrt. Irgendwann bist du bis auf die Knochen erschöpft.“ Er habe sich Fragen nach dem Sinn gestellt. Der Sohn nickt.Die Erschöpfung reicht über die Organisation hinaus: Die Organisation More in Common gab im vergangenen Frühsommer eine Umfrage in Auftrag, schon 2021 hatte sie für ihre Studie „Klimaschutz und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland“ Daten erhoben. Nun fragte sie, wie beliebt die Klimabewegung sei, ob sie Menschen zum Mitmachen motiviere, eine klare Sprache spreche. Ergebnis: „Die allgemeine Unterstützungsbereitschaft gegenüber Klimaschützerinnen und -schützern hat sich de facto seit 2021 halbiert, von 68 auf 34 Prozent.“Man kann dafür nicht die Letzte Generation verhaften, aber es gibt eine Koinzidenz: Die Unterstützung stürzte im gleichen Zeitraum ab, in dem sie ihre Aktionen hochfuhr. Ihre Protestaktionen gingen im vergangenen Jahr 85 Prozent der Befragten zu weit. Nur noch 25 Prozent aller Befragten hatten den Eindruck, dass die Umweltbewegung (gemeint ist hier mehr als die Letzte Generation) das Wohl der Gesellschaft im Blick habe. Zwei Jahre davor waren es 60 Prozent. Ein weiterer Beleg dafür, dass eine deutlichere Ahnung von der herannahenden Katastrophe nicht bedeutet, dass Menschen politischen Akteure unterstützen, die den Ernst der Lage erkennen. Zumindest nicht, wenn sie Suppe auf Gemälde werfen. Viele, fassen die Autor*innen von More in Common zusammen, „die die Klimabewegung vor zwei Jahren noch für einen gesamtgesellschaftlich förderlichen Akteur hielten, tun dies derzeit offenbar nicht mehr.“Politische Kommunikation: Informieren, Erklären, ÜberzeugenHat sich die Letzte Generation also in ihrer politischen Kommunikation erschöpft, ist sie da gescheitert? Das kann man Juri Maier fragen. Er ist Geschäftsführer von Wegewerk, einer Agentur für politische Kommunikation. Er hat die Grünen beraten, Gewerkschaften, Stiftungen, Fachverbände, eher liberale Organisationen, manche links.Politik müsse in ihrer Kommunikation idealerweise erreichen, was er Dreiklang nennt: Informieren, Erklären, Überzeugen. Kleiner Seitenhieb auf die Bundesregierung – der gelinge schon der zweite Punkt nicht mehr. Aufgabe der politischen Kommunikation ist es, sagt Maier, so viele Menschen wie möglich mitzunehmen. Das ist eine Voraussetzung dafür, gesellschaftliche Umbrüche gemeinschaftlich hinzubekommen. Auch um politisches Handeln abzusichern – würde eine nächste Regierung sofort alles wieder über den Haufen werfen, könnte Politik langfristige Probleme kaum mehr bearbeiten. Einen idealen politischen Kommunikationsprozess umreißt Juri Maier so: verstehen, wo die Leute kognitiv stehen, ihnen etwas so vermitteln, dass sie ihre Einstellung und ihr Handeln ändern. Gelte in minderem Maß auch für Organisationen wie die Letzte Generation.Die hat er auf einem Klimakongress getroffen. Übrig blieb bei Maier die Überraschung darüber, wie stark die Letzte Generation auf die Währung Aufmerksamkeit für ihre Aktionen abfährt. Vielleicht ein zentrales Problem: Aufmerksamkeit, sagt Maier, kann nur Mittel zum Zweck sein. Wenn am Ende niemand überzeugt wird, ist sie sinnlos. Dann kann sie auch den gegenteiligen Effekt haben, negativ auf die Organisation zurückfallen. Dann ist Aufmerksamkeit kontraproduktiv.Sich auf Straßen zu kleben, ist eine fast ziellose Nötigung, die eine persönliche Ebene trifft, den Alltag. Also nah am „Optimiere deinen Carbon Footprint“ siedelt, während die Politik verspricht, unseren Lebensstil mit Elektroautos und Flüssiggaslieferungen abzusichern. So, sagt Juri Maier, funktioniert das nicht.Etwas anderes funktioniert auch nicht und spielt da hinein: Sozialdemokratische und linke Organisationen richteten in den vergangenen Jahrzehnten wenig dagegen aus, Arbeitern und Mittelschicht ihre Abstiegsängste zu nehmen. Bei Forderungen nach Einschränkungen und einem geänderten Lebensstil werden sie dann schnell gnatzig – das Gegenbild des Veganers, der Radfahrerin, einer frugalen Welt mit hochnäsiger Moral, ist schnell zusammengezimmert. Der Soziologe und Klimaaktivist Sven Hillenkamp hat das bei Zeit Online so formuliert: „Was nicht funktioniert: die kulturellen und moralischen Ansprüche anzuheben und zugleich die sozialen Dividenden zu streichen.“Alles nur leerer Gestus also?In alldem wirken die politischen Forderungen der Letzten Generation zahm: Die Störung der öffentlichen Ordnung sollte Politiker dazu drängen, Bürgerräte einzuführen – wie sie auch in Frankreich nach den Gelbwesten-Protesten etabliert wurden. (Deren Ideen wurden von der Politik ignoriert, der Verdruss ist immens.) Alles nur leerer Gestus also? Sie haben ja auch Flughäfen blockiert, sagt Juri Maier, Privatjets mit Farbe besprüht. Fand er sinnvoller: Da geht es gegen Mächtige, gegen Eliten, sagt er, die es sich leisten können, ihre Reisen auf Kosten der Allgemeinheit zu optimieren. Denen es egal ist, dass sie dabei ein Vielfaches an Emissionen ausstoßen.Auf der Demonstration in Berlin werden Vater und Sohn unruhig, sie wollen weiter. Flughäfen zu stürmen, Privatjets zu besprühen, ist eine andere Kategorie, zumindest was das Strafmaß für diese Aktionen angeht. Aber es träfe die Richtigen, sagt der Vater. Da mitzumachen, könnten sie sich vorstellen.Die festgeklebten Hände im Straßenverkehr werden denen fehlen, die sie so gern gegen die Letzte Generation verwendeten. Mal mit Profis reden heißt: das früher zu merken.



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Von Veritatis

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